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Neue jüdische Presse · 1912-08-02 · Heft 30 (2.8.1912) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 30 (2.8.1912)
Date
1912-08-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30. dann kann es Ihnen nicht fehlen, bann wird" — der Bürgermeister machte eine Pause der Ueberlegung und sagte halblaut für sich: Es muß ja nicht gerade Abraham, Isaak und Jakob sein —, und fuhr dann laut fort, „dann wirb Ihnen auch. Scchus Olvaus bcistchen." Als Herr Goldbaum den Bürgermeister von Abraham, Isaak und Jakob murmeln und von Sechus Olvaus laut reden hörte, lief er wütend hinaus und eilte zuni Parues. „Der hiesige Bürgermeister ist. ein unverschämter Beamter!" ries er voller Wut, als er beim Vorsteher der jüdischen Gemeinde cintrat. „Bitte, unser. Bürgermeister ist ein grundbravcr Mann." „Er. ist ein Rosche!" (Fortsetzung folgt.) .. UmBFibaniscliB Fits - u PinceiiBZ Sf“- Grosse Auswahl in amerik. und deutscher Optik. |J. W. Albert, Ecke Nene Mainzerstr. II. Weissfraaeestr. 11. Schlafzimmer-Hinrichtungen Bettenfabrikation, Bett-Wäsche. (rPnro* - iiiiPnilt MJiplif ßleidenstrassc 10. Mordechais Liebe! Eine galizischc Skizze von L. Zucker. Schwarz und regenfeucht lag die schwüle Sommernacht über der kleinen westgalizischcn Stadt. Die Sonne hatte lange ihre heißen, versengenden Strahlen auf sie herabgescnkt, und die Menschen hatten geseufzt und gestöhnt unter der Last ihrer Gluten, und sehnend nach dein Horizont hinausgespäht, ob nicht regenschtvangere Wolken heraufgczogen kämen. Endlich hatte sich ihr Sehnen erfüllt. Und nun ging es tote ein befreites Aufatmen durch die müde Welt. In langsamen Stößen strich jetzt der Wind von den Feldern herüber. Ein Gewitter war niedergegangen und hatte allen Schweiß und allen Staub fortgewaschc». - Das frisch gemähte Heu von den Wiesen sandte ebenfalls seine starken, tvohligcn Gerüchte herüber, und iu den Gärten dufteten die Rosen; ihren Kelchen entströmte ein Hauch von Sehnsucht, der um den süßen Tang der Vögel zu tverben schien. Der aber schwieg, lind nur ein feiner, unsichtbarer Regen troff hernieder. Und ein stilles Singen klang durch die Nacht; ein Murmeln der Brunnen, ein Rauschen der Wasser und ein Flüstern der Bäume im Walde. Das alles sah nnd^ hörte Mordechai zum ersten Male; denn bisher hatte er solchen Vorgängen gar keine Beachtung geschenkt. Heute aber! Heute sah und hörte^er alles. Alles! Selbst das laute, heiße Pochen seines Herzens. Er saß auf der alten, tvohlbekannten Bank im Bcth-hamidrasch. Aber nicht wie sonst klang seine Stinime durch die feierliche Stille des Raumes. Nicht wie sonst sprach er iit der gewohnten Melodie „Unier abai". Kein Genosse lag auf dem Tisch. Keine flackernde Kerze ■ erhellte das einsame, friedliche Gotteshaus. Nur der fahle, gespenstische Schein des von Wolken umhüllten Mondes spendete sein spärliches Licht und tauchte den langen Raum in graue, verfließende Dämmerung. Abschiednchmend tasteten Mordechais Blicke umher und glitten wie liebkosend über die heiligen Gegenstände des Raumes. Während dreier Jahre hatte er hier bei Tage und bis spät in die Nacht gesessen und sich an der Thora Weisheit und Glück vollgesogen. Kein Schatten hatte die Sonne seines tiefen Glaubens und die Reinheit seiner Seele getrübt. Bis 'gestern noch, bis zu diesem letzten, unglückseligen Schabbosabend, war er vom Gift der Sünde unberührt geblieben. I Wie allwöchentlich, hatte er auch gestern bei Reb »Schukinl, dem Reichsten der Stadt, seinem Gönner, I Schabbos gegessen. Er lernte ja in der Jeschiwah, war »arm und hatte keine Eltern, sodaß er von der Frei- »gebigkeit guter, frommer jüdischer Häuser leben mußte, i Aber welcher Mensch, der so gut lernen konnte, wie I Mordechai, kümmerte sich um Reichtum oder Eltern oder sonst ettvas! Er wird' ja ein Godaul b'Jsroel, ein Goaun werden! Was will man mehr! Und Mordcchai wollte auch gar nichts anderes. Er lernte und | lernte, vertiefte sich immer mehr und inniger in sich ' selbst und vergaß alle Welt um sich herum. f^aMnrker NrckelitischüS FamAienblaÜ. Seite 5. . Aber Mordechai war 21 Jahre alt, nnd in seinem . Innern wohnten dunkle, gewaltige Mächte. Sie waren bloß gefesselt und schlummerten. Wenn sie ' aber einst erwachtcir! . . . Man hatte bei Tisch gesessen wie immer. Nichts Ucberflüssigcs und Profanes wurde gesprochen. uni nicht den heftigen Ernst des Schabbos zu stören. In seiner gewohnten rabbonischen Art hatte Reb Schulim „Schulim aleichim" gesungen. Bei „Jom Häschischi" erhob mau sich von den Sitzen, und die Stimme des Singenden tönte mächtig hinaus in die warme Sommernacht. Sie schien sich mit den übrigen Gesängen ans jüdischen Häusern zu vereinigen, um alle zusammen in einem einzigen, großen Jubelchore auszuklingcn. Nach Tisch hatte sich Reb Schulim zur Ruhe erhoben. Mordechai, die Frau und die Tochter des Hauses, Lia, tvaren noch sitzen geblieben. Sie unterhielten sich mit einander. Die Mutter war bald am Tische leicht eingeschlummert. Mordechai hatte dann die Gemore geöffnet und sang mit gedämpfter Stimme die alte, geheiligte Melodie seiner geliebten Gemore. Im Zimnier war es so still! Durch das offene Fenster drang dos volle Mondlicht herein und vermischte sich mit dem gelben Schein der Kerzen. Ein frischer^ herber Hauch, voll satten Duftes, kam von den Wiesen her. Und ein leises Surren verklang irgendwo weit in der Ferne. Plötzlich hielt Mordechai in seinem Gesänge inne. Wie unter dem Zwange einer fremden, unsichtbaren Gewalt mußte er den Kopf heben. Und er sah Lias Gesicht, mit den dunklen, brennenden Augen, auf sich ruhen, mit einem Ausdruck . . . .. Ah! Was war denn das? Er fühlte seinen ganzen Körper hefttg erschauern. Ein Zittern durchlief ihn. Eine weiße, glühende Hand tag in der seinen. Und stammelnde, heiße Worte flössen von Menschenlippen. War das sein Mund, der sprach? Er wußte es "nicht! Er hörte ein fremdes Wcnschenherz an dem eigenen schlagen. Weiche Arme lagen auf seinen Schultern. Ein warmer, fliegender Mein überrieselte seinen ganzen Körper, und lange, dunkle Haare gruben sich in sein Gesicht. Seine Ohren vernahmen Worte: „Ich liebe Dich, ich liebe Dich!" Da verstand er! Das war also die Liebe! Ja, das' mußte sie sein! Wie süß und unselig! Und sündhaft! O Gott! Er schrie auf, daß Liä erschreckt' ausfuhr und bcschänlt in die Ecke des Zimmers eilte.. Trunken und irr suchten ihre Augen im Zimmer umher. Aber niemand war da. Wie aufgepeitscht rann ihr das Blut durch den .Leib. Und heiße, große Tränen lösten sich langsam nnd schwer aus chren Äugen. Qualmend verlöschten die Kerzen, und ihr zitternder Schein glich dem brechenden Blick eines Sterbenden. Indessen schritt Mordechai durch die schlafenden, engen Gassen seinem Hanse zu. Heißes Schluchzen rang sich schwer aus seiner beladenen Brust. Ein Weib hatte ihm seine Reinheit geraubt. Er hatte sie geküßt . . Durfte er das? Wie sollte er jetzt Gott dienen? Wie durfte er sich jetzt dem Rabbi und seinen Lehrkollegen nähern? Er! Der einzig Unreine unter den Reinen, den Gottcsfürchtigen. Würden sie ihm nicht von der Stirne ablesen,, was er getan? Stand cs nicht dort mft flammenden Zeichen geschrieben? Rot wie Feuer brannten die Sünde und die Schande auf ihm! Jeder konnte sie sehen. Nein! Hier gab es kein Bleiben mehr für chn! Er mußte fort, weit fort von hier . . . Mit diesem Entschluß war Mordechai am andern Morgen nach unruhiger, schlafloser Nacht aufgestanden. Aber es war Schabbos. Heute konnte er nicht. Also morgen! Wie immer war er auch heute ins Beth-hamidrasch zum Beten gegangen. Aus tiefstem Herzen, wie noch nie zuvor, hatte er zu Gott um Vergebung seiner Sünde gefleht. — Ilber die beruhigende Gewißheit einer Vergebung wollte nicht über ihn kommen. Denn sein Herz war nicht rein. Vor seinen Augen stand' Lias Gestalt, und die brennenden Augen ruhten auf ihm mit einem 'Ausdruck wehen Verlangens. Seine Gebete tvaren vergiftet. Seine Seele war angeftessen von einem unheiligen, irdischen Feuer. Die Reinheit seiner Gedanken war dahin. Gott toollte ihn nicht' mehr hören. Er war von ihm verstoßen, verleugnet! Er ging nach Hause und blieb da den ganzen Tag sitzen. Erst als es tiefe Nacht wurde, schlich er sich fort. Nur noch einmal wollte er ins Beth-hamidrasch gehen, um die heiligen Wände zu küssen. Und nun saß er da. Heiße Tränen rollten seine bleichen Wangen hinab. Seine Lippen sprachen flehende Worte zu Gott. Aber Gott erhörte ihn nicht'. Er wollte das Bild der Sünde aus seinem Heiden nicht verscheuchen. Und er selbst konnte es nicht. Er war so schwach! Und Lia lächelte so süß. Ihre Augen leuchteten, und chre roten Lippen bewegten sich und sprachen Worte, weich und kosend. Und sein Herz schlug ihr entgegen in jungem, stürmischem, ungestümem Liebesdrang. Rein! Dieser hellige Ort war nicht für ihn. Er entweihte chn nur durch seine sündige Begier. Den Hut tief in die Augen gedrückt, schritt er aus dem Gotteshaus. Wie unter dem Einfluß eines fremden Willens nahm er den Weg in die Richttmg nach Lias Hause. Zerrissene Wolkenmassen schoben sich träge über die Dächer der Staat. Der blaßgelbe Vollmond stieg aus ihnen heraus und goß seine bleichen, gespenstischen Strahlen auf die Erde. Die Bäume des nahen Waldes rauschten lief auf. Ein geheimnisvolles Raunen und Klingen zog wie ersterbende Geisterlaute durch die Nacht. Mordechai hielt den Schritt an. Bor ihm stand Lia. Sie hatte ihn von chrem Fenster aus gesehen und kam ihm cntgegengeeilt;. . . Kein Wort kam aus chren Lippen. Stumm und unbeweglich standen sie sich beide gegenüber. Nur ihre Herzen schlugen hörbar, nnd ihr Atmen vermischte sich mit den anderen Sttmmen der Nacht. Dann beugte sich Mordechai zu ihr hinab, küßte ihre Lippe» und flüsterte: ,Lebe wohl, Lia, ich muß fort, muß Dich fliehen, die Liebe, die Sünde, mich selber!" Gewaltsam befreite er sich von ihrer Umarmung, lief hastigen Schrittes dem Waldweg zu und verschwand im Dunkel der Nacht. Up Xo{tnauosXole[Jalk. llUlUlllllbJ, Einziges rituelles Hotel aut Hans I. Banges, den Nordseeinseln. 80 Zimmer. Massige Pensionspreise. Kaiser Friedrich Quelle -.. Offeinbach a. X. — ... Gegen Gicht nnd Bheamatümms bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Frledrloh Stahl, Frankfurt a. M., Güniherabarg-AUee 37. Tel.259 n. 714. Wochen-Kalender. (Zeitangaben nach dem Luacb.) Samstag, den 3. August (= 20. Aw): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 30 Min. Sabbat-AuSgang in Frankfurt a. M. 3 Uhr — Min. in Berlin 8 Uhr 45 Min. Wochenabschnitt: Ekew. — Gott verheißt Segen im Haus, im Feld und Hände-Erwerb für die Treue gegen sein Gesetz. Wiederholt wird eingeschärst, die heidnischen Greuel im gelobten Land nicht fortbestehen zu lassen, furchtlos zu sein gegenüber den Ureinwohnern. Es wird erinnert an den Zug durch die Wüste, an die wunderbare Versorgung des Volkes mit Nahrung, Kleidung und schützender Wohnung. Aufzählung der 7 Früchte,. die Kanaans Stolz nnd Ruhm Hilden. (Dabei der Satz: Und du wirst essen nnd satt werden, dann sollst du loben den Ewigen nsw., woraus bekanntlich die Pflicht, das Tischgebet zu verrichten, abgeleitet wird.) Einen großen Teil des Wochenabschnilles bildet die Geschichte des goldenen Kalbes. Sie ist hier zum zweiten Male erzählt. Moses inbrünstige Bitte für Israel. Gott verzeiht nnd gibt nochmals zwei steinerne Tafeln. Die Auserwähkung Israels; Zweck dieser Auserwählung. Im - Schlußteil wird die zweite Parscho von „Schema." angeführt. Wochengottesdienste in Frankstrtt: Morgens: 6 Uhr (Hauptsynagoge 7 Uhr, Synagoge König- ■ steinerstraße 7 Uhr 30 Min.). 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