Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 30 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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€eäe 2. ein -unumschränktes Lob erteilen können, so liegt' das nicht so sehr an dem, was Philippsohn vollbracht Mt, als an dem,' was er nicht vollbracht hat. jEs klingt vielleicht paradox, aber es ist so: Ms Wichtigste und Segensreichste, was in der Ämtsperiode PWippsons im D. I, G. V. geschehen ist, besteht in der Verminderung der Kwei Projekte Philippsons, die seine bedeutendstenw a r en: der völligen Ab lehn u n g d'esjEntwnrfs'einer Zwangsorganisation der preuß. Judenheit ans der einen, der durch die Opposition erreichten Umgestaltung der Statutenänderung auf der and'eren Seite. Wenn man will, kann man beide Projekte als eines ansehen: denn trotz alles Sträubend und Bestreitens seitens der offiziellen Leitung des D. gvi®. B. steht es für jeden Einsichtigen fest, daß die Statutenänderung vor allem nur Mittel sein sollte Kur Erreichung des letzten Zielest der Schaffung der Lwangsorganffation. Darin, daß Phllippson sich Kam Führer dieser die Zwongsorganisation fordernden Mwegung gemacht hat, ruht der schwerste Fehlgriff, den er begangen Mt, und - den ihm die Geschichte auch bei wohlwollendster Beurteilung nicht wird vergasen können. Und' wenn die Amtsperiode Philippsons dennoch im großen und ganzen günstig mb' fruchtbar für den D. F. G. B. erscheint und erscheinen wird, so ruht Ms Hauptverdienst daran, bei denen, die Ms Projekt Philippsons abgelehnt haben. Wäre der Opposition die Verhinderung desselben nicht gelungen, all die einzelnen guten Leistungen, die in dieser Zeit vollbracht worden sind, wären verdunkelt durch diese eine, unheilvolle Tat. Doch uns will es' schier dünken, als ob dieses glücklicherweise gescheiterte Projekt nicht uneigenstes Eigentum Phllippsons war und ist, daß er sich Ker mehr hat treiben lassen, als daß er selbst getrieben Mt, —undwenn er selbst sich auch dagegen wehren wird, wir möchten in seiner Äkzeptierungder Fdeed'erZwangsorganisation mehr denEinflußdes Milieus, in dem er sich bewegt, sehen als sein 'eigenes Werk. . Es geht Iüartin Philippson vielleichjt in dieser Hüfficht wie seinem großen Vater Ludwig; wir Haben bei der Würdigung desselben anläßlich der 100 jährigen Wiederkehr seines Geburtstages sestgestÄlt, daß die guten Zeiten seiner Wirksamkeit a!nf die Rechnung seiner eigenen Persönlichkeit, die schlechten Zeiten mehr auf Konto seiner Zeit und seines Milieus zu setzen sind. Auch bei Martin Philippson möchten wir — wie gesagt. — den pndemokratischen Zug seiner Tätigkeit auf Konto seiner Zeit setzen, dagegen all die warme Liebe zum Judentum, all das Interesse für jalles Indische, d'as in seiner Tätigkeit zum Ausdruck gekommen ist> als Ausfluß seiner ureigenen Kersönllchkeit ansehen; ein Standpunkt, für den auch hie „Neuere Geschichte des jüd. Volkes" Philippsons bei all ihren großen Mängeln gleichfalls spricht. Die gute Tradition seines großen Vaters: die reine Liebe zu allem jüdischen und den p o s itrven Willen zum Judentum Mt der Sohn mit ererbt. Schade NM, Mß er sie durch den ungünstigen Einfluß der offiziellen bestehenden Kreise Ms Mutigen deutschen JudenMms hat trWen lassen. Wenn er darum jetzt von seinem Posten scheidet, und' Mmit seine öffentliche politische Wirksamkeit im großen und ganzen abschließt, so Muß ihm Ms Maische Judentum Hier bei aller Kritik ihm Mnnoch warmen Dank für seine uneigennützige Arbeit aussprechen, eine Mbeitdie gewiß stets von Mn edelsten Msichtem nmr» besten Motiven, von der wärmstenLiebezäm JMentum und zum jüd. Wolle getragen war. llnd unser Wunsch für die Zukunft kann nur der sein, daß Martin Philippson irr langen Kchreu noch vieles für das'Judentum leisten und et Mbdi sich MMhlich von den ungünstigen Einflüssen befreien und ganz und gar im positiven, erhallenden demokratischen Sinne arbeiten and' wirken möge. S.Ei« erfrenliches Symptom. Wir Mben in der vorigen Nummer eine Erklärung vewffenüicht, die von 50 jungen Leuten aus allen Lägern Hess jüdischen thoratretren Gem ei n de l ebe n s in unserer Stadtausgeht, und in der scharfer Protest gegen Frankfurter JsraÄiÜscheÄ WmWcMlütk. die beschämenden Uneinigkeiten und persönlichen Zänkereien erMben wird, Hie von gewissen orthodoxen -Kreisen ausgehen und Mn Bestand der „Agudäß-Jisroel" in Gefahr setzen. Diese Erklärung, von deren Unterzeichnern niemand natürlich eine leitende.Rolle in der „Agudäß-Jisroel" spielt u-nd spielen kann, kann, was ihren praktischen, tatsächlichen Wert anbetrifst, naturgemäß nur wenig Bedeutung haben. Und wenn wir sie dennoch Aüm Abdruck brachten und sie auch einer besonderen Würdigung für wert erachten, so geschieht es darum, well wir ihr eine beträchtliche symptomatische Bedeutung zuerkennen müssen. Wenn man einmal bedenkt, daß unter diesen 50 Unterzeichnern, mit denen gewiß sich viele noch solidarisch erllären werden, eine Anzahl der in jüdischer Hinsicht regsten jungen Mitglieder des hiesigen thorattenen Gemeindelebens sich befindet und sodann die Sehnsucht mich positivem Schaffen und und den starken Wunsch nach Einheit wahrnimmk, der aus ihrer Erklärung spricht, so wird man nicht umhin können, in ihm ein äußerst erfreuliches Zeichen der Zeit zu erblicken, ein Zeichen von der innerhalb der Orthodoxie rapid wachsenden Einsicht von der Notwendigkeit positiven Schaffens auifder Grundlage einer Einigung.der gesamten Orthodoxie. Und die Tatsache, däß dieses warme Bekenntnis zum Prinzip von „Klall-Jisroel" aus Frankfurt kommt, verleiht dem Ganzen'nicht nur seinen besonderen Reiz, sondern auch seinen besonderen Wert. Man schpue nicht wegwerfend darüber hinweg und glaube es mit ironischem Lächssln als Mn Ausfluß. jugendlichen Temperamentes äbtun zu können, dem keine besondere Bedeutung zukomMe. Vergesse man doch nicht, daß diese temperamentvolle Jugend es ist, auf der die Zukunft sowohl ganz Israels wie auch der Orthodoxie beruht, und däß die Geschichte stets den Grundsatz bestätigt hat: Wer die Jugend für sich Mt, Mat die Zukunft und Mn Sieg für sich. Wer heute aus dem Lager Mr Separation zum Prinzip der Einheit sich durchzringen will, kann es nur durch Begeisterung für die gemeinsamen großen Aufgaben und Ideale. Was ist darum natürlicher, als daß die am leichtesten begeisterungsfähige Jugend sich zuerst zu diesem Prinzip bekennen wird. Hier wie bei so vielen Erscheinungen ist die Jugend nicht zum geduldigen Warten und Nachläufen, sondern zum begeisterten Vorrausschreiten bestimmt. In dem großen Zuge der geeinten Orthodoxie — das ist sicher — wird es hie Jugend sein, die mit fliegenden Fahnen vorausschreiten wird. Sehen wir darum, wie sich diese Jugend so rasch 'und so offen und unumwunden zum Prinzip der Einheit bekennt, so sind wir sicher, daß sie dieses wagen wird. Und angesichts einer solchen Begeisterung der Jugend für die Sache Mr Einheit dürfen wir ruhigen Herzens und leichten Sinnes Wer die nie versiegenden Befürchtungen und kleinlichien Nörglereien. unversöhnlicher Trennungsmänner ruhig hiilwegsehen. Die große rperkbildende Kraft der Begeisterung unserer thoratreuen Jugend wird diese Gegner des „Scholanm" rauh beiseite schieben und der großen Sache der Einheit den baldigen Sieg erringen. __ Misrachi-Kortsereuz. Berlin, 29. Juli 1912. Gestern und heute tagte hier im Burg-Hotel das Zentralkomitee der zionistischen Förderation Misrachi, zu der auch Herren aus dem Auslande — unter ihnen Rabbiner Reines — erschienen waren. Zuerst erstattete das Büro Bericht und dann schilderte Hermann Struck seine Amerikareise. Nach seiner Meinung darf der Misrachi in Amerika noch viel erwarten; wenn auch mehr in materieller als in ideeller Hinsicht (besonders Geld für misrachistische Gründungen). Die Versammlung beschloß die Gründung einer landwirtschaftlichen Misrachi- Kolonie bei Jerusalem, für welche Kvlonie schon gegen 50,000 Frcs. gezeichnet sind, sowie .Errichtung eines Generalsekretariats in Berlin für Agitation. Auch wurde ein neues Organisatjvnsstatut angenommen. Bezüglich der „Agudah" wurde der Beschluß gefaßt, daß der „Misrachi" mit der „AguMh" erst dann gemeinsam arbeiten kann, wenn das provi- " ' Nr. 3 0 . sorische Komitee sein Nichtcinverständnis mit den grundlosen und verleumderischen Schmähungen gegen Zionismus und Misrachi des Herrn Rabbiner Tr. Breuer — gegen welche die Konferenz energisch protestiert — erklären wird. M. 8. Zur Lage der Juden in Armen. Tie Juden Jemens haben zu allen Zeiten seitens der mohammedanischen Bevölkerung., viel erdulden müssen, aber ihre jetzige Lage ist unhaltbar denn je. Eine der Bedingungen des zwischen Jzzet Pascha, dem Befehlshaber der vttomänischen Truppen im Jemen, und dem Imam J ach j a geschlossenen Friedens lautete dahin, daß das Gerichtswesen reformiert werde müsse. und unparteiische Richter an die Spitze der Gerichtshöfe zu berusen seien. Ties ist aber nur scheinbar geschehen. Viele Juden, Männer und Frauen, wurden in letzter Zeit verhaftet und in ganz ungerechtfertigter Weise eingekerkert.! Um die Willkür zu kennzeichnen, mit der man bei der Festnahme per Juden verfährt, sei folgender Fall angeführt: Ein jüdischer Drechsler wurde auf Befehl des Gerichtes von Cheri unter der Anklage verhaftet, er gebe sich mit Zauberkünsten und mit Umtrieben gegen die mohammedanische Religion ab. Das Gericht verurteilte ihn zu einer langen Freiheitsstrafe. Man legte ihm Hände und Füße in Ketten und unterzog ihn im Gefängnis allen möglichen Foltern. Und niemand ist da, der für diesen Unschuldigen Gerechtigkeit fordert. Vor Zeiten gab es jm Jemen einen seltsamen Brauch, wonach kein Jude zur Rechten eines Arabers gehen durste. Dieser mittelalterliche Brauch ist jetzt wieder eingeführt worden, und wehe dem Juden, der an der Seite eines Arabers bettoffen wird. Er wird in der grausamsten Weise mißhandelt. Außerdem wird den Juden streng st e n s v e r - boten, einen Turban, Strümpfe und überhaupt saub ere Kleidung zu kragen. Auch müssen sie zwangsweise die Straßen und Abtritte der Araber säubern, und die jüdische Gemeinde hat obendrein die Kosten dieser Säuberung zu bezahlen. Gegenwärtig wird von den Juden eine außerordentliche Steuer von 1000 Reals pro Jahr erhoben. Tiefe Steuer soll ihnen aber nicht.nur für jetzt, sondern auch für die letztverflossenen vierzig Jahre auferlegt werden. Am Vorabend des Passafestes drangen die Leute des Imam Jach ja in das Judenviertel zu Sanaa ein, verhafteten alle angesehenen Männer und warfen sie ins 'Gefängnis. Tabei drohten sie ihnen mit dauernder Haft, wenn sie die besagte Steuer für 40 Jahre nicht entrichten würden. Eine Abordnung der Gemeinde begab sich nun zu Jzzet Pascha und ersuchte ihn, zugunsten der Juden zu intervenieren. Ter General veranlaßte darauf den. Imam I ach j a, ihnen die Freiheit wiederzugeben — wenigstens für die Dauer des Festes. Dies' geschah denn auch. Tie grausamen Verfolgungen werden aber jetzt fortgesetzt. Ml diese Vorfälle vermögen nur einen schwächen Begriff von den Leiden unserer armen Brüder im Jemen zu geben und machen es erklärlich, da§ nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung von Nordj.emen sich zur Auswanderung nach Pal ästima anschickt, wo bereits mehrere hundert Familien in den jüdischen Kolonien als Landarbeiter-Beschäftigung gefunden haben. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Breslau. Ueber die Hauptversammlung des Verbandes der Synagogengemeinden des Regierungsbezirkes Areslau-Liegnitz hatten wir kurz berichtet; doch sei heute noch der folgende ausführliche Bericht gegeben: . In der Hauptsache wurde durch den Berhandlnngsleiter die Frage der Subventionierung des Religionsunterrichtes besprochen und hierbei die rechtlichen Ansprüche .der Gemeinden an den s. Zt. bewilligten 40000 Mark-Fonds betont. Aron Kober- Breslau machte besonders darauf aufmerksam, daß nur der ein genügendes hebräisches Pensum answeisende Reli' gionsunterricht einen erziehlichen Wert' besitze. Bei dem Punkte Subventionierung von Gemein den regte Justizrat Fried man n-Glogau noch! mals. die Bildung von Bezirksgemeinden iw