Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 30 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wo ist dos Land, das nicht vom Chauvinismus angekränkelt ist? Sind nicht mit Ausnahme Unserer unverwüstlichen Kosm'opolitenfast alle Nationen, alle Manschen mehr oder minder chauvinistisch? .Doch Hier soll nur von zwei Ländern die Rede sein, von Ländern, die ihre Regierungen durch! extrem chauvinistische Maßnahmen schier an den Rand des Abgrundes gebracht haben, von Ländern, in denen das Schicksal des Gros der Judenheit geschmiedet wird'. Wir meinen Rußland und die Türkei. lleber den Sturz der jungtürkischen Regierung ist in den politischen Zeitungen des Tages genügend gesagt worden. Unbestreitbar war die Hauptursache der Katastrophe der extreme Chauvinismus, der nichts von einer Dezentralisation, auch nichts von einer teil weisen Dezentralisation wissen wollte. Es ist klar, daß ein solches System in einem Lande der gemischten Nationalitäten für die Dauer unhaltbar ist, und so mußte der Sturz der chauvinistischen Jungtürken nach vierjähriger Gewaltherrschaft kommen. Auch in Rußland, dem Land der vielfältigen Nationalitäten, herrscht der Chauvinismus unumschränkt, und zwar führt er eine Gewalt- und Schreckensherrschaft wie zur Zeit Iwan des Grausamen. DieJungtürken sind bei all ihrem Chauvinismus und all ihren Unterdrückungsmaximen doch noch immer Männer von Toleranz, Rechtsgefühl und Freiheit. Der Haß gegen alle Unterdrückung und Knechtschaft einerseits und die unverfälschte Liebe zum Vaterland anderseits hat sie geboren und zur Revolution getrieben. Ihr Chauvinismus ist also echt, und nur Kurzsichtigkeit, Irrtum ist der Schlüssel für all die begangenen Fehler. Anders aber die russischen chauvinistischen Gewalthaber, sie sind Knechte schlimmster Sorte, Kreaturen der Reaktion. Der Chauvinismus der Regierenden Rußlands ist erheuchelt, und die moderne Krankheit des Chauvinismus dient den korrupten russischen Machthabern nur als Maske für ihre Habsucht- Das goldene Zeitalter, da die Beamten des Zaren unumschränkt nach Herzenslust stehlen konnten, hat die Revolution in die Versenkung gebracht; das Land hat Kontrolle über die RiesensUmmen, die ihm von der Regierung erpreßt werden, gefordert. Was war da zu tun? Man brachte unter dem Drucke des willfährigen nnd rücksichtslosen Regierungsapparates ebenso willfährige Kreaturen in die Reichsduma, die die Revolution den korrupten Machthabern abgerungen hat, — und diese skrupellosen Helfershelfer der Regierung bilden in dem russischen sogenannten Parlament eine kompakte Mehrheit unter der Flagge des Schein-Nationalismus, und sagen zu ollen' Wünschen und Maßnahmen der Regierung „Ja" und „Amen". Für diese Dienste werden die Mitglieder dieser Mehrheit natürlich reichlich belohnt: sei es, daß man ihnen von den gestohlenen Regierungsgeldern einfach abgibt, oder, da'ß man ihnen einträgliche Gouverneurs Posten verschachert. Das heilige Vaterland gedeiht.dabei so, daß 95 Prozent des Volkes Analphabeten sind, und sich die Cholera in Permanenz erhält. Und wenn die „Revolutionäre des Landes" es noch wagen, zu all dem „Segen", den die „patriotische" Regierung dem „glühend geliebten" Vaterlande beschert hat, den Kopf zu schütteln, dann werden sie ohne weiteres zu Zwangsarbeit verurteilt und nach Sibirien deportiert oder gehenkt. So der russische Chauvinismus! Daß diese Wage nicht nur eine rein russische, sondern eine Plage für die ganze aufgeklärte und gesittete,Welt ist, wer wollte das bezweifeln? Allein uns Juden gehen in erster Linie die Inden Rußlands an, die am meisten von dieser entsetzlichen Wage zu leiden, haben; denn der größte Druck des ruffischen Nationalismus lastet auf der schwächsten Nation Rußlands, auf Lew Juden. In Judenverfolgungen haben die Regierenden Rußlands eine Praxis von Jahthünderten, und' dazu kommt noch, der Umstand hinzu, daß die Juden das aufgeklärteste Element Rußlands sind und die regierenden Klique instinktiv spürt, Laß auch! der dümmste und schlechteste Jude noch immer so viel Verstand und so viel Gewissen besitzt, ihre verlogenen und korrupten Pläne zu durchschauen. Und noch eins: Auch die andern Nationalitäten Rußlands, die gleichfalls — wenn auch in geringerem Mäße — verfolgt werden, wenden sich aus angeborener Abneigung, die Gemeingut der weit überwiegenden Mehrheit der Christenheit ist, gegen die Juden. So haben denn die Verfolgungen gegen unsere Brüder Dimensionen angenommen, die zu beschreiben die beste Feder nicht imstande ist. Die Schikanen laufen auf eine systematische Vernichtungspolitik, auf eine Ausrottung und Austreibung der Juden aus dem Lande hinaus. Dies ist klar und einsichtig für jeden halbwegs Sehenden, nur nicht für eine Anzahl unserer westeuropäischen Führer, die in ihrem grenzenlosen Optimismus die russischen Juden unter allen Umständen in Rußland behalten wollen . ., damit . . . doch die jüdische Ehre, die Ehre des jüdischen Volkes erheischt es, daß man sich darüber ausschweigt ... Doch wir wenden uns von den russischen Juden ab, die noch leider lange von den Klauen des mächtigen russ. Nationalismus-Banditentums zu leiden haben werden und wenden uns wieder den türkischen Juden zu. Was bedeutet der Sturz der chauvinistischen Jungtürken für die dortigen Juden? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. In beiden Lagern — in dem der Jungwie der Älttürken — befinden sich Judenfreunde wie Judenfeinde. Der jüdischen Einwanderung legen beide Richtungen —die zentralistische, wie die der Dezentralisation — Steine in den Weg. Denroten Zettel wollten auch die Jungtürken nicht abschaffen. Zwar liegt es in der Tendenz einer dezentralistischen Regierung, mehr Rücksicht aus die Wünsche der Nationalitäten zu nehmen, und mithin wäre zu erwarten, daß die neuen alten Männer den Juden mehr Entgegenkommen zeigen werden. Allein bis heute. fehlt den ottomanischcn Juden noch jegliche Organisation; einstweilen ist ihr einziges Organ der Chacham Baschi, und der vertritt leider die assimilatorisch auflösende Politik Reinachs und nicht die aufbauende Sammelpolitik der dortigen Nationaljuden. Auch darf nicht vergessen werden, daß bei einem dezentralistischen Regime auch die christlichen Völker stark zur ^Geltung kommen, und diese letzteren sind stark antisemitisch und werden sich mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mittel einer jüdischen Einwanderung widersetzen. Wie dem auch sei, die türkischen Juden müssen, sofern das neue Regime keine Rückkehr zur Reaktion bedeutet, den Lauf der Ereignisse in Ruhe abwarten. Doch eins steht schon jetzt fest, daß die beste Politik der türkischen Juden, die ist, sich neutral zu verhalten und weder für den einen noch für den anderen Partei zu ergreifen. Aus den Ereignisse« des Tages. 1. Zum Rücktritt Marti» Philippsons. Am 16. Mai tagte der 13. Gemeindetag des Deutsch - Israelitischen Gemeindebundes, der nach einem sehr stürmischen Verlauf bekanntlich mit der einstimmigen Annahme eines Kompromiss antrages endete. Am 17. Mai erllärte der langjährige Leiter des D. I. G. B. Prof. Martin Philippson in einem Schreiben an den Ausschuß desselben seinen Rücktritt von dem Amt des Vorsitzenden. Man darf mit gutem Grund vermuten, daß Prof. Philippson diesen Beschluß, den er schon seit längerer Zeit gefaßt hatte, erst nach dem Gemeindetag hat ausführen wollen, damit es nicht den Anschein hätte, als ob er durch die Angriffe der Opposition zum Rücktritt gezwungen worden sei, und wer einiges politische Verständnis hat, wird es Herrn Prof. Philippson nicht übelnehmen, daß er mit seinem Rücktritt bis nach dem Gemeindetag gewartet hat. Die Nächstliegende Frage, die bei der Nachricht vom Rücktritt Philippsons sich naturgemäß erhebt, ist die nach den Gründenseines Rücktritts. Man ist es heutzutage, in den Zeiten entwickeltster Politik, nicht gewohnt, daß ein Führer einer Organisation ohne besondere Gründe einfach aus Alters- und Gesundheitsrücksichten zurücktritt und ist geneigt, in der Angabe solcher Gründe nur Schein zu sehen. Allein in diesem Falle glauben wir das Recht zu haben, eine Ausnahme von der Regel machen zu dürfen und das natürliche Ruhebedürfnis als den vornehmsten Grund der Demission . zu erachten, zumal wenn man bedenkt, daß Martin Philippson ja eigentlich nicht Politiker, sondern Gelehrter ist und als solcher ein besonders starkes Bedürfnis nach Ruhe und Muße besitzt. Es erscheint uns zu natürlich, daß jetzt, wo das große Werk der Satzungsänderung endgültig beendet ist und der D. I. G. 33. nach so vielen und heftigen Kämpfen zu" einer Ruhepause angelangt ist, Martin Philippson den Moment als geeignet zum Rücktritt erachtet, als daß wir nach besonderen politischen Gründen suchen sollten. Mit dem Rücktritt Martin Philippsons schließt gewissermaßen eine Epoche der Geschichte des ®.~ I. G. 33., und es wäre daher der Moment für einen Rück- und Ausblick gegeben. Allein dazu wird sich ja noch reichlich Zeit und Gelegenheit bieten. Was uns jetzt wichtiger und angebrachter dünkt, ist, kurz die Tätigkeit und Gestalt Martin Philippsons zu betrachten und zu beleuchten. Die Mitteilungen des D. I. G. B., die die Nachricht vom Rücktritt Philippsons bringen, begleiten diese mit einer Aufzählung all der einzelnen Leistungen desselben und einer — wie es bei solchen offiziellen Artikeln selbstverständlich ist — in den höchsten Tönen reinen Lobes sich ergehenden Verherrlichung. Wirst man all das Flitterwerk der Phrasen beiseite und betrachtet das Ganze, mit nüchternen Blicken, so wird auch der kühlste, objektivste Beurteiler angesichts ' der zahlreichen segensreichen Leistungen Philippsons nicht umhin können, seine Tätigkeit im allgemeinen als sruchtb a r anzuerkennen. Und wenn wir dennoch: der Tätigkeit des Vorsitzenden des. D. I. G: B. nicht'