Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 29 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Frankfurter UrwelitischrS FamAieMatk. Nr 29. Persomriten «. Sletue MitteUuuge«. BreSla«. Repräfen'avt David Schlesinger spendete anläßlich seines 70. Geburtstages 5000 M. dem ,Merbarü> zur Erziehung hilfsbedürftiger israel. Kinder" ,md 1500 Ms. für die Ferienkolonien der Lessing-Loge. Leipzig Gene^allomut Genrg Schreiber. T-l(- HÄber des Bankhauses H. C. Plaut und Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde, ist verschieden. WtttUch iRhewland). U»iere Geme nge erlitt durch das Hiuscheiden ihres Präsidenten, Isaak Frank, einen schweren Verlust. Erlange«. Kaufmann Eduard Goldstein bat bei der philosophischen und außerdem bei der juristischen FakuÜät der Universität auf Grund größerer staatswissenschaftlichen und juristischen Arbeiten den Doktorgrad erworben. Dr. Goldstein hat sich» neben einer anstrengenden und erfolgreichen Berufstätigkeit, selbst auf das Ghmnasialabiturium vorbereitet und dann Jurisprudenz und Staatswissenschaft studiert Thor«. Amtsgerrchtsrat Blau erhieft den Titel Geheimer Justizrat Neustadt (Reg °»<ez Cassel). Am 25. Juli steht unsere Synagoge 25 Jahre, und .jm September feiert unser Lehrer Markus sein 50jähriges Amtsjwbiläum. Wie». Kultusvertreter und Gemeinderat Max Frank, bis vor drei Jahren Teilhaber der Firma Josef Jeru- " salem, ist —. erst 49 Jahre alt — verschieden. — In Mährisch-Weitzkirchen verschied — 76 Jahre alt — der Bürgermeister und Ehrenbürger der politischen Jsraelitengemeinde und Obmann des Ortsschulrates Salomon Schlesinger. Wie«. Rabbiner Dr. Grünwald, Wien XV, MariaHilferstr. 167, gedenkt Anfang Oktober in kleinerer G^Älschast, auf einer vierwöchentlichen Reise nach Palästina die wichtigeren dortigen Stätten historischen und modern-jüdischen Interesses zu besuchen. Er sieht Anmeldungen zur Beteiligung an dieser Reise entgegen. Budapest. Hier starb im Alter von 104 Jahren Frau Fanny Traub güb. Kohn. Budapest, «us Pösthen wird gemeldet: Der Kapellmeister der Budapester Volksoper Markus Großkopf, der während der Saison das hiesige philharmonische Bade-Orchester dirigiert, focht heute ein Sä b.elduell mit dem Berliner Professor Meyer aus, der an der Stirne verletzt wurde. Großkopf blieb unversehrt. Großkops ist ein Sohn des Frankfurter Oberkantors. —. <Ju Morvsiklye ist der 1848er Veteran Aron Stern im Wer von 110 Jahren gestorben. Paris. Proeffor Metschnikoff verdankt, wie er einem Interviewer sagte, sein neues Serum gegen das typhös« Fieber, hauptsächlich seinem Mitarbeiter Dr. Besredka, der als Jude in seinem Vaterland /(Rußland) nicht studieren durfte. Dr. Besredka ist übrigens gleich/ feinem Vater ein ausgezeichneter Hchräer. Ikopenhage«. Henri Nathansens jüdisches Schauspiel hinter Mauern", das im hiesigen Hoftheater so großen Erfolg erzielte, ist von mehreren ersten deutschen Bühnen erworben worden. Load»», David El. HeuriqueS, Direktor der Kolonialbank und - der Londonbank von Australien, ist nach schwerem Leiden —■ 61 Jahre alt — verschieden. Henrigues, der seine Arbeit mehreren gemeinnützigen Institutionen der hiesigen jüdischen Gemeinschaft widmete, erfreute sich allgemein der größten Wertschätzung. Lonvo«. Baron Alfons v. Rothschild hat sich mit Miß Clarice Sebag-Montefivre, der einzigen Dichter des Herrn Ed. Sebag-Montefiore, Chef des hiesigen Bankhauses Josef Sebag u. Cie., verlobt Baron Alfons Rothschild ist der zweitgeborene Sohn des vor Jahresftist verstorbenen Freiherrn Albert v. Rothschild-Wien, aus dessen Ehe mit der jhm im Tode vorausgegangenen Baronin Bettina v. Rothschild. Baron Alfons steht gegenwärtig im 35. Lebensjahre. Alfons ' wurde der Erbe seines Oheims -Nathaniel Rothschild. Don seinem Vater Albert erhielt Baron Alfons nur einen Pflichtteil, während sein jüngerer Bruder Louis testamentarisch zum -Chef des Wiener Hauses ernannt wurde. Die Braut des Barons Alftns Rothschild ist eine Enkelin des bekannten großen Philanthropen Montefiore. Sewakiopol (Rußland). Auf Beiehl des Polizeimeisters wurden die getauften Juden in den Wahllisten bei den Inden und nicht bei den Christen eingetragen. Salouique Tü-kei). E. Steiner. Generatinsvektor der orientalischen Eisenbahn, ist im Alter von 69 Jahren verschieden. Aus der Lehrerwett. Essen. Auf der Hauptversammlung deS B er eins ifraelit. Lehrer der Rheinprovinz und - Westfalens referierten Lehrer Abraham-Essen > (.Mas war und ist uns unsere Pensionskasse") und Realschuldircktor Dr. Adler'-Frankfurt („Der jüdische Lehrer der Gegenwart"). Die Einnahmen des Vereins in seinem letzten Berichtsjahre beliefen sich auf 12900 Ms, wovon 7409 M. als Pensionen an 66 Empfänger zur Auszahlung ge« langten. Z Regeusbnrg. Zu der Wohl Rabbine's Dr. Wohlgamuth in Kifsingen wird der hiesigen „Deutsch. ' Jfr. Ztg." geschrieben: „Da nur knapp ein DrittÄ der Wahlberechtigten sich an der Wahl betefligt hat, während die Vorschrift die Beteiligung von mindestens zwei Dritteln der Stimmberechtigten verlangt, so dürfte die Regierung diese Wohl kaum bestätigen nnd dem Bezirk ein nachmaliges Wählen kaum erspart bleiben. Bnuldeuburg, -Rabbiner Dr. Ackermann ist —- 45 Jahre alt— verschieden. Rabb. Dr. Ackermann stand aus traditionellem Boden. Er hat verschiedene wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. JNel. Rabbiner Dr. Emil Cohn ist nach Essen berufen worden. Br-Slan. Lehrer Moops, der sich um die hiesigen Ferienkurse für jüdische Lehrer so große Verdienste erworben hat, feiert am 8. August sein 25jähriges Amtsjubiläum. Odessa. Das hiesige Palästinakomitee der Chowewe» Sion hat in seiner .letzten Sitzung beschlossen, Mitte ktober die erste Klasse eines vierstufigen Lehreriunenseminars in Jaffa zu eröffnen. In die neue Anstalt werden Absolventinnen der höheren hebräischen Mädchenschule (Beth-Sepher Lebanvth) in Jaffa sowie entsprechend vorgebildete Mädchen aus anderen Schulanstalten ausgenommen werden. Das Palästinawmitee bewllligte fiir den Bau der der Anstalt 20000 Frcs., für Möbel und Lehrmittel der ersten Klasse 1850 Frcs., für Lehrergehälter, Anstellung eines Sekretärs, Einrichtung einer Schulbücherei usw. 10000 Frcs. Lodz (Rußland). Eine Deputation der hiesigen Judenheit hat den Radomer Raw, Rabbi E lies er Leib Treistmann, ausgesucht und ihn ersucht, daß er hier der Nachfolger Rabbi Meisel's s. A. werde. Der Radomer Raw hat für den Fall zugesagt, daß sich keine Gegenströmung bei seiner Wahl zeigt. Jaffa. Eine Anzahl von Lehrern der hebräischen Ahmnäsien in Jaffa und Jerusalem, des jüdischen Lehrer¬ und Rabbinerseminars sowie der höheren Handelsschule in Jerusalem hat einen Aufruf zur Gründung einer Fachorganisation der jüdischen Mittelschullehrer erlassen. Die neue Organisation soll einen den Bedürfnissen der verschiedenen Mittelschulthpen angepaßten allgemeinen Lehrplan entwerfen, die fachliche Weiterbildung der Mittelschullehrer durch Veranstaltung von Ferienkursen, Lehrertagen und Diskussionsabenden fördern, geeignete Lehrmittel schaffen u|W. FemHeilm. Der Bürgermeister als Rabbi. Von S. Lutz-Mannheim. Obgleich es schon Mitte Elul war, hatte die Sonne den ganzen Tag heiß vom Himmel herabgebrannt, und auch jetzt, als der alte Machoel mtt seiner langen Pfeife in den Garten zum weißen Roß ging, war es noch schwül, wie an einem recht heißen Sommerabend. Der alte Machoel setzte sich, La der Wirtsgarten noch leer war, an einen Tisch in der Mitte des Gartens und klopfte mtt der Spitze der Pfeife auf die Wirtstafel. Sogleich stellte der Wirt', ohne nach dem Begehr seines Gastes zu fragen, ein Glas Bier vor ihn hin. „Hier, Machoel, ist Dein Bier, oder hast Du vielleicht eine Flasche Champagner bestellen wollen?" Den Wirt verdroß es, daß Machoel jeden Abend nur ein Glas trank, während alle anderen Gäste ihre Seidel wiederholt füllen ließen. „Wenn 'Du in Deiner Kneipe einmal Champagner führst, kannst Du mir's ja sagen, ehe Du Bier einschenkst," antwortete Machoel. „Vielleicht bestelle ich dann auch Champagner. — Wer einstweilen hast Du einmal hier Deine zehn Pfennige für das Bier." „Das hätte so keine Elle gehabt, Du hast auf eine Stunde für zehn Pfennige Kredit bei mir." »Länger wirst Du wahrscheinlich auch die 10 Pfennig nicht entbehren können." Die beiden nahmen sich ihre Witze nicht übel und lachten auch nicht darüber, denn sie machten sie seit Jahren jeden Abend genau mtt denselben Worten, sowohl wenn sie, wie heute, allein waren, als' wenn alle Tische des Gartens oder der Stube mit Gästen dicht besetzt waren. Kaum hatte Machoel von seinem Bier genippt, als der Bürgermeister Kurzmann in den Garten kam und sich sofort an den Tisch setzte, wo Machoel Platz genommen hatte. „Guten Abend, Herr Machoel, Sie erlauben doch, daß idji mich zu Ihnen setze?" „Sch' Dich nur her, Bürgermeister, Du weißt, ich mache mir eine Ehre daraus', mit Dir zusanlmen zu sitzen." Der alte Machoel duzte jeden, auch den Bürgermeister, der ungefähr 50 Jahre zählen mochte. Hatte er ihn doch schon als kleinen Jungen gekannt und später viele Geschäfte, mü ihm gemacht! Der Bürgermeister war der größte Bauer im Städtchen, nnd auch sein Vater war schon Bürgermeister gewesen. „Herr Machoel, nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich offen mü Ihnen rede; ich tu', es nur, weil ich bisher einen großen Respekt vor Ihnen gehabt Habe." „Warum bisher, Bürgermeister? Hast Du auf einj mal feinen Respekt mehr vor mir?" ,/Offen gesagt, Herr Machoel, ich! bin schwankend geworden, und möchte doch vor einem unserer Mitbürger, der allgemein geachtet wttd, den Respekt bewahren, den ich schon von meiner Fugend an für ihn gehabt habe." „Na, Bürgermeister, lassen wir die Vorreden; sag' mir offen, was Du . gegen mich'hast." „Sehen Sie, Herr Machoel, die Geschäftsleute machen manchmal Redensarten, die man nicht auf die Goldwage legen darf, und namentlich mit der Steuer sind auch andere Leute nicht immer bis auf den letzten Pfennig ehrlich, — aber ‘ Sie habe ich immer für durchaus rechtschaffen, auch in Bezug auf die Steuer für ehrlich gehalten." „Na, nur heraus, Bürgermeister, Warum hältst Du mich auf einmal nicht mehr für ehrlich?" „Sie sind reicher, als Sie sich in die Steuer eingeschätzt haben." „So? Dann müßte ich! gewonnen oder geerbt' haben, ohne daß ich etwas davon weiß." „Herr Machoel, lassen Sie Ihre Späße, es ist mir ernst. Sie haben heute, als des armen Salme Kitzingers Sachen versteigert worden sind, alles gekauft und haben nachher einen Lechvertrag mit ihm auf dem Ortsgericht vor mir gemacht, sodaß der Salme jetzt pfandlos ist." „Ist das eüvas Unehrliches?" „Nein! Aber es gibt da nur zwei Wege: entweder hat Ihnen der Schuldner das 'Geld zum Ersteigern gegeben, oder Sie kauften von Ihrem Gelde. Ich kann mir das nicht gut erklären. Der Salme war Ihr Konkurrent und ist durch Ausleihen an schlechte Kunden um sein Vermögen gekommen, da werden Sie doch nicht Ihrem Konkurrenten dadurch aufhelfen, Laß Sie von chm geheim beiseite geschafftes Geld genommen haben, um seine Sachen zu steigern. Zur Mtthllfe bei einem solchen Betrug halte ich! Sie nicht fähig! Also müssen Sie sehr reich sein, wenn Sie fast 400 Mark für einen guten Zweck opfern können, denn die Lechzinsen sind noch in solchen Fällen gewöhnlich fingiert und werden weder bezahlt noch'verlangt." „Recht hast Du, Bürgermeister, ich werde die Leihzinsen nie kriegen und nie verlangen." „Also, Herr Machoel-" „Sei ruhig, Bürgermeister," sagte Michael Gold-. schmcht, den man im Städtchen immer nur kurz den alten Machoel nannte, lächelnd, holle aus der Brusttasche seines Rockes einen Bogen Papier heraus und hielt ihn dem Bürgermeister hin. „Da, guck' her, Bürgermeister, es gcht noch einen dritten Weg! Da sieh die Liste an! Ich stehe mtt 10 Mark obenan, soviel muß der Mensch übrig' haben fiir einen Mann, wenn er auch 'ein Konkurrent ist. Und hier, siehst Du, der Joseph hat auch 10 Mark gegeben, und der 5 und der 3 ustv. In der hiesigen Gemeinde sind wir nicht reich, aber wir haben beinahe 100 Mark zusammengelegt. Und was noch fehlt an de» 400', die bekomme ich auch ivieder. Ich gehe nämlich morgen in die Stadt an die Börse und zu ein paar guten Bekannten, da gibt mir der oder jener einen Taler oder ein Goldstück, bis ichss zusammen habe; und wenn ich ein paar Mark mehr bekomme, ist es auch kein Unglück, dann gebe ich sie dem Salme, damit er i wieder einen frischen Anfang hat, und dann wird er gescheiter sein und vorwärtskommen." -«Ich freue mich, Herr Machoel, daß ich meinen Respekt vor Ihnen unverändert beibehallen kann. Jm Gegentett, es hebt sogar meine Achtung vor Ihnen, daß Sie einem Konkurrenten helfen, wenn auch nur mit 10 Mark und der Mühe, die Sie sich für ihn geben." „Red' Loch keinen Stuß, Bürgermeister, ich bin froh, daß mein Konkurrent nicht für mich sammeln muß," „Na ja, das gebe ich ja zu. Aber das ist das Glück der Juden, daß sie so brüderlich Zusammenhalten, sonst wären sie längstzerdrückt und aüsgerieben. Für uns wäre es auch besser, wenn wir den Sinkenden gleich stützen Würden, ehe er auf die Landstraße muß; aber ich würde hier, obgleich wir doch mehr als dreihundertmäl so viel sind als ihr, keine 100 Mark für einen Armen zusammen bekommen in einem Tag. Keine zehn Pfennig täte mir so ein Bauer geben! Laß' ihn schaffen, den Faulenzer! tät er sagen!" „Ja, Bürgermeister, schaffen muß der Salme auch dann, wenn ich ihm vielleicht ein paar Mark als Ucberschuß in die Hand' drücken kann, davon kann er noch nicht von den Zinsen leben, unsere Leute sind nicht immer so freigebig, jetzt gerade vor unserem Neujahr sind sie ein bischen leichter zugänglich!."