Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 29 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 3 Nr. 2.9 kümmerten Golusthpus vorsteklen, die meisten Frauen mehr kräftige Rasse zeigen. Ich habe umsonst nach einem Berliner gespäht. Vergeblich. Endlich bemerke ich im Mittelschiff, zwei Reihen vor mir einen Mann, der mir unverdächtig schien. Es war ein älterer, wohlgenährter Herr, dessen ganze Erscheinung sich durch den ruhigen, unbewegten Ausdruck und den gepflegten Bart von der Umgebung hervorhob. Endlich ein Berliner! Da antwortete er noch den Kaddisch: Umein .. . Es ist öfters die Frage gestellt worden, was unsere Philanthropen getan, hätten, wenn es keine notleidenden Glaubensgenossen gegeben hätte. Diese Frage hat mir mit besonderer Dringlichkeit in der großen, lialbleeren Synagoge vorgeschwebt. Wie wäre es, wenn das wandernde Israel .eine andere Route eingeschlagen hätte, wie wäre dann die große Synagoge mit einem Minjan am Tischo-bo-Aw versorgt? ' „Eine prächtige Synagoge", sagte beim Ansgang ein Älterer Herr zu seinem jüngeren Begleiter, „aber keine Atenschen. Man muß ihnen Menschen von der Minsker hölzernen Schul' schicken, da wird es dort etwas geräumiger. ..." Ans aller WeLt. Deutsches Reich. Berlin. Es ist köstlich, wie die Leiter des Deutschnationalen Handlungsgehilfe »verband es es manchmal anfangen> nur sich gegen den Vorwurf antisemitischer Bestrebungen zu wehren. Bringt da das Verbandsorgan, die „Deutsche Handelswacht" (5. 7.) folgende Briefkastennotiz: R. S. lieber Mitualmorde und ähnliche Dinge können wir in der „Handels-Wacht" keine Aussprache zulassen. Den Bericht über den angeblichen Ritualmord in Kiew finden Sie im „Hammer" vom 15. Juni. Die betreffende Nummer kann sich ja jeder Interessent vom .Hammerverlag, Leipzig, Königstr. 27, beziehen. Also: Der Verband und sein Organ sind selbstverständlich parteilos. Aber als geeignete Lektüre zur Aufklärung über den Rittialinord wird der erzantisemitische „Hammer" (!) empfohlen. Berlin. Die vom 13. (außerordentlichen) Deutsch- Israelitischen Gemeindetage am 16. Mai angciwnnnene Nene Grund Verfassung für den Deutsch- Israelitischen G e m e i n d e b n n d hat unter dem 12. .Juli die Genehmigung des Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg erhalten." München. Die Abgeordnetenkammer hat in ihrer Sitzung von: 19. ds. Mts. folgenden ' Antrag des Wirtschaftsausschusses a n g e n o m m e n: . Es sei die Königl. Staatsregierung Hu ersuche», I. im Bundesrat eine Abänderung der Reichsgewerbeordnung dahin zu beantragen, daß 1. Wanderlager und Wanderauktionen gänzlich verboten werden, 2. es den Einzelstaaten überlassen iverdc, nach Lage ihrer Verhältnisse das Aufsuchen und Entgegennchmen von Bestellungen von Privatkuiiden (Detailreisen) sowie die Erteilung eines Wandergewerbcscheines (Hausierhandel) vom Nachweis eines Bedürfnisses abhängig zu mache», 3. das Halten von Hilfspersonal beim Gewerbebetrieb im Umherziehen verboten werde; die Bnndesratsverordnung von 1896, soweit sie den Weinhandel betrifft, bleibt unberührt; ’ II. außerdem auf 'tunlichste Beseitigung der Auswüchse des Hausierhandels in der Richtung hinzuwirkcn, daß 1. Wandergewerbeschcine nur an dentsche Staatsangehörige zum Vertrieb einheimischer Erzeugnisse abgegeben, 2. in Gefängnissen hergestellte Waren vom Vertrieb durch die Hmisierhandel ausgeschlossen werden; > III. die Absatzmöglichkeiten für die Produkte der sog. Hausiergemeinden*) durch Förderung der genossenschaftlichen Selbsthilfe in denselben in steigendem Maße zu verbessern. Die Verwirklichung dieser Anträge würde sür hunderte jüdische Geschäftsleute, besonders aber für solche, die den Sabbath beobachten, den Ruin bedeuten. Die Regierung erklärte sich durch Ministerialdirektor v. Meine! für die Bcdürfnisfrage; für die weiter-, gehenden Anträge sei jedoch im Reichstag und im Bnndesrat keine Aussicht zur Annahme. Emden. Mit dem Zwecke: „Gegenseitiger Austausch voll Erfahrungeil in der Gemeindeverwaltung, Förderung und Vertretung der Genieindeinteressen und Wohlfahrtscinrichtungen, Stellungnahme bei Anstellung, Besoldung und. Pensionierung des Landrabbincrs und Unterstützung aller dem jüdischen Gemeindelcben dienenden ritriellen Institutionen" 'ist ein Verband der Synagogen-Gemeinden im Landrabbinatsbezirk Ein de n-Os nabrück gegründet worden. ,§ 22 der Statuten des Verbandes bestimmt, daß die zu fassenden Beschlüsse nicht in Widerspruch zu dem Religionsgesetz stehen dürfen. ' Die konstituierende Versammlung sprach sich einstimmig für Erhaltung und Vermehrung der jüdischen Volksschulen aus, da diese für die Erhaltung der Religiösität ein wesentliches Mittel find. Oesterreich-Ungar«. Wien. Mitteilungen des Palästina- J'ilformativnsbüro (Wien IX, Türkenstr. 9). — *) Einige Orte der Pfalz bestehen nur aus Hausierern. gfantlfiEtfet FfrsÄitWeS WaMschMk. Infolge des geänderten Planes einer' Palästina-Fahrt mit den Dampfern des Oesterr. Lloyd und infolge der neuen vergrößerten Ermäßigungen, ine unser Büro dank der Zuvorkommenheit, des Lloyd den jüdischen Auswanderern nach Palästina zu gewähren imstande ist, beehren wir uns, den Interessenten folgende Daten mitznteilen: Die Syriendanipfer gehen von Triest jeden Sonntag 1 Uhr vorm, ab, Ankunft in Jaffa die nächste Woche Freitag 6 Uhr früh, in Haifa Samstag 1,30 Uhr nachts. Preise: HI. Kl. 39 Kr., II. Kl. 146,60 Frcs., Verpflegung 82 Frcs. I. Kl. 327,60 Frcs. tnffl Verpflegung. Die Eildampfer gehen ab Freitag 1 Uhr nachm., Ankunft in Jaffa nächste Woche Freitag 1 Uhr früh, in Haifa Sanistag 1,30 Uhr nachts. (Die Eildampfer verkehren nur bis Alexandrien, wo die Uinschifftlng auf die Syriendampfer stattfindet). Preise: IV. KI. 46,50 Kr. III. Kl. (nrit Bett), ab Alexandrien III. syr. (ohne Bett) 83,50 Kr. Berpslegung bis Alexandrien 11,50 'Kr. III. Kl., ab Alexandrien II. syr. (ganze Fahrt mit Bett) 100,30 Kr. Verpflegung 42,70 Kr. II. Kl. 244,60 Frcs., Verpflegung 69 Frcs. I. Kl. 450,60 Frcs. inkl. Verpflegung. Gesellschaftsreisen (mindestens 10 Teilnehmer bei Lösung von Tour-Retourkarten): Triest—Jaffa—Triest I. Kl. Eillinie 679,60 Frcs. mit Bett und 'Verpflegung. H. Kl. Ellinie 474,10 Frcs. mit Bett und Verpflegung. I. Kl. Syrienlinic 458,20 Kr. Mittellosen Auswanderern, tvelche die III. Kl. Syrienlinie oder die IV. Kl. Eillinie benützen, wird auf?lnweisung des Büros eine halbermäßigte Fahrkarte für die Hl. Kl. Personenzuges auf der Strecke Wien—Triest der Südbahngesellschaft erteilt. Der Preis der halben Karte beträgt 11,75 Kr. Budapest. Die „Ungarlänb. Jüd. Ztg." schreibt zu dein Thema Agndaß Jisroel und Ungarn: „Agudatz Jisroel tritt in Ungarn ans fruchtbaren Boden, aber die orthodoxen Führer Hintertreiben jede Bearbeitung dieses Bodens. Es ist ein bedauerlicher Anblick, wie sich Frankfurt von den orthodoxen Kanzlelmachthabern bei der Nase herumführen läßt. Der Munkacser Raw hat sofort erklärt, daß man einer Bewegung, wo der Seminarist Dr. Hoffmann eine Rolle spielt, nicht angehören darf. Andere, sonst zienrlich liberal denkende Rabbiner haben uns gegenüber dieAeutzerung getan, daß. die ungarische Orthodoxie nicht in eine Weltorganisation treten könne, da j.m Auslände die Trennung nicht durchgeführt ist." Budapest. Jakob Rosenheim -Frankmrt a. M. veröffentlicht in der „Allg. Jüd. Ztg." eine Entgegnung uns Oberrabbiner Kleins A u s f ü h r n n g e n. Die orthodoxe Zentralkanzlei Ungarns stehe zur Zeit mit der Leitung der Agndaß Jisroel noch in vertraulicher Verhandlung über die Voraussetzungen, unter denen ein Anschluß der nngar. Orthodoxie an die Agudoh erfolgen könne, und Ls sei daher der voreilige Eingriff eines einzelnen Rabbiners unverständlich. Ueber die Frage, wer Mitglied der Aglldoh tverden könne, habe erst die erste .Hauptversammlung, die aus ~ gewählten Delegierte» der Orts- und- Landesgrnppen bestehen wird, definitiv zu entscheiden. Doch das eine stehe fest, daß der „Waad Gedaulei Hatauroh" sür alle religiösen Fragen absolut maßgebend ist. Rosenheini wirft am Schluß die Frage ans: „Was ist weiser und jüdischer: Voreilig den Stab brechen und sich znrückziehen, — ober vielmehr mit der ganzen ungebrochenen Kraft, tvelche die wahrhaften Orthodoxen Ungarns auszeichnet, den deutschen Gesinnungsgenossen zur Hilfe zu kommen, in die Agudoh, die nur nach den Grundsätzen der Tanroh geleitet tverden. kann und tvird, mutig eintreten und dort den Emes zum Sieg fiihrcn?" Budapest. Zwei jüdische Brüder haben mit kühler Ueberlegung an einer Dirne einen Raubmord verübt. — Dieser tu der Judenheit gar nicht denkbare und doch leider wahre Vorfall wirft ein grelles Licht auf den moralischen Niedergang der jüdischen Masse Budapests und wird zu einem schweren Vorwurf für die durch Stellung oder Bildung verantwortlichen Kreise der 180 000 Budapestcr Inden. Sehr richtig schreibt die „Ungarl. Jüd. Ztg.": „Scheuen wir nicht die Wahrheit: Die jüdische Masse in Budapest versinkt in einen moralischen Sumpf. Die Jugend hat kein Ideal, an dein sie ihre Seele schleifen könnte. Die politischen und sozialen Ideale, deren pathetischsten Fürsprecher sie liefert, bilden einzelne jüdische Individuen ans. Die jüdische Menge aber verkommt. Das Budapester Judentum hat einzelne große, edle Juden, aber k c i n e n .e i g e n t l i ch e n moralbildenden jüdischen Gesellschaftskreis, der einen Schnittpunkt aller jüdischen Bestrebungen und Institutionen bilden tvürde. . . Die untere Masse hat vom. Judentum nichts als das Gefühl der Erniedrigung. Dieser» demoralisierenden Gefühle wird kein Gegengewicht in der Pflege des jüdischen Selbstbcwußtseins und des jüdischen Wertes geboten." Rntzlaud. Petersburg. In verschiedenen Gouvernements sind gegenwärtig umfangreiche Judenausweisungcn an der Tagesordnung. Aus den Dörfern im Kreise Tel sh, Gouvernement Kowno, wurden neuerdings 130 jüdische Familien ausgewiesen. Gegen die jüdischen Bewohner des.Dorfes Alexandrowsk im Gouvernement Wilna schwebt ein Ausweisungsvcrfahren. Im Gouvernement Jäkaterinoslaw erhielten mehrere hundert jüdische Familien kurzfristige Ausweisungsbefehle. Kiew. Die Behörde hat bezüglich der Wahlen zur Duma verfügt, daß die Inden, welche wählen wollen, eine Eingabe machen müssen, in der sie den Nachweis führen, daß sie das Wahlrecht haben. Die Absicht dieser unerhörten Verfügung wird erreicht werden: die Juden werden sich des Wählens enthalten. Lüeffa. Wie das Jnf-nmationsbüro des hiesigen Palästinakomitees mitteilt, sind durch seine Vermittlung im Juni 300 jüdische Emigranten nach Palästina ausgewandert und zwar 169 männlich: und 131 weibliche Personen. Bon den Auswanderern waren 73 noch nicht 15 Jahre alt, 99 befanden sich im .Alter von 15—30, 77 im Alter von 30—50 und 51 im Alter von mehr als 50 Jahren. Als Reisezweck bezeichneten 35 Personen die Erlangung landwirtschaftlicher Beschäftigung, 25 die Nickerlassung ' als Kolonisten, 26 verschiedene Studien, 104 Besuch ihrer Angehörigen, 36 unternahmen die Fahrt als Vergnügungsreisende und Touristen. Großbritannien. London. Die Lockhaben ein Gesetz angenommen, das den Arbeiterorganisationen verbietet, das Geld ihres Fonds sür politische Zwecke;u gebrauchen. Die Regierung sagte jedoch der Arbeiterpartei, die sie bisher immer unterstützt hat, zu, sich im Parlament für die Annullierung dieses Gesetzes einznsetzen. Kommt da der jüdische Parlamentarier «ir Rafael und farmnelt Unterschriften unter seinen liberalen Kollegen gegen die Absichten der Regierung. Natürlich rief diese Handlungsweise unter den Arbeitern eine große Aufregung hervor, die sehr leicht antisemitische Formen hätte annehmen können. Glücklicher Weise gab die Regierung Sir Rafael einen sehr energischen Wink. Dieser jüdische Plntokrat hätte von unseren armen Ostendjuden lernen können. Bei dem .Dockarbeiterstreik, unter dem etwa 300000 Menschen seit 8 Wochen leiden, haben sich die Ostendjuden durch ihre anfopsernde Gutherzigkeit große Sympathien erworben. Griechenland. Athen. Auf dem Kongreß der Aerzte Griechenlands brach Chefarzt Dr. Enrepides -Larissa eine Lanze f n r ld a s Schächten der Juden. Seine Klientel bestehe zum größten Teil mis Juden, und er habe innerhalb 20 Jahre» nicht mehr als 5 Fälle von Tuberkulose gehabt, während die anderen Aerzte Griechenlands durchschnittlich jährlich 4—5 Fälle von Tuberkulose zu verzeichnen haben. Dabei seien die Lebensbedingungen der Juden sehr ungünstig; sie wohnen sehr oft in Kellertvvhnungcn, und sie müssen meist sehr schtver arbeiten, um nur ein karges Brot zu verdienen. Nach seinen langjährigen Beobachtungen sei er zu der lteberzeugung gelangt, daß die Ursache für die Widerstandsfähigkeit der Juden in ihren Speisegesehen liege. Die jüdischen Schgchtvorschriften entsprechen den strengsten hygienischen Anforderungen der Gegenwart, und er schlage daher dem Kongreß vor. die Regierung aufzufordern, in den Schlachthäusern das Schächten nach jüdisch:r Vorschrift durchznführen. Der Vorschlag wurde angenommen. Palästina. Petbach-Tikwaü. In der benachbarten jüd. Kolonie Kafr-Saba wird am 15. Ab (29. Juli) die Grundsteinlegung von 12 neuen Häusern begangen werden. Die Verwaltung der Kolonie bemühte sich schon seit längerer Zeit unr die Erlangung der Bauerlaubnis, die endlich 'dieser Tage aus Konstantinopel eingctroffen ist. Der Bau der neuen .Häuser dürfte von überaus .günstiger Wirkling für die Entwicklung der jungen Kolonie sein, in der es bisher an geeigneten Wohnräumen für die Bodenbesitzer und. Landarbeiter fehlte. Sämtliche Bäuarbeiten werden von jüdischen Arbeitskräften ansgeführt werden. Amerika. Boston. Die Konferenz des Rabbiner-Verbandes die unter Antvesenheit von 3-1 Rabbinern duvh Raüb.- Jaffe-Ncwyork eröffnet tmirdc, beschäftigte sich u. a. mit der - Agndaß Jisroel und beschloß, mit der.Leitung der Agndaß Jisroel in Korrespondenz zu treten. Es zeigte sich für die Agndaß Jisroel lebhaftes Interesse. Kairo. Der Rabbiner der hiesigen aschkenasischerr Gemeinde, M. Cohen, ist bemüht, eine Kmferenz sämtlicher Rabbiner und Chachamim des Orients einznberufen, die über die aktuellen religiösen Fragen des orientalischen Judentums berate» und eine Rabbinerorgantsation mit dem Sitze in l Jerusalem schaffen soll. Auch ist die Gründung einer neuen großen Jeschibah in Jerusalem geplant, die speziell für den Orient geeignete Rabbiner ausbilden soll.