Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 29 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692768-2692797--07090-2702144- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2- Frankfurter FsoaielltWeS FamWeichlatk. Nr, 29 würde. Dann wird dds Ganze nur zu einem Mittel zur Erleichterung und Errgöglichung der Emigration. Herr Wiener gedeM „auf diese Weise alljährlich! 6000 Mann die Mittü zur Auswanderung zu beschaffen." So gedacht, läßt sich, gegen .. das Projekt fast nichts mehr cinwenden und wenn man auch vom Standpunkt der Erhaltung hes Judentums der Emigration nach, Anterika mit gemischten Gefühlen gegenübersteyen muß; da sie doch nun einmal notlvendig ist, verdient dies Projekt, das dazu dienen soll, den Auswanderern auf ehrliche mrd schöne Weise die Mittel zur Auswandc-! rung zu verschaffen, volle Anerkennung. Die Mögi lichkeit von Konflikten mit.der Behörde wird auch > vermindert, wenn diese weiß, daß die Leute im naher Zeit doch auswandern.! Nach diesen Mitteilungen des Herrn Wiener p kann man also das Projekt akzeptieren, wenn mich [r natürlich jetzt noch gründliche Vorsorge und Vorsicht geboten ist. Daß die jüd. Presse sich dem Projekt gegenüber vorher ablehnend verhalten hat, ist ■' nicht ihre Schuld. Es konnte niemals den Inhalt der Mitteilungen des Herrn Wiener voraus-! ahnen, und in der Form, wie der Plan zuerst bekanntgegeben wurde, war er auchstark anfechtp Kar. Aber ebenso wie cs die Pflicht der jüd-, > Presse war, früher alle Bedenken gegen das Pro- | jekt zu betonen, ist es jetzt, nachdem diese zum \ größten Teil zerstreut sind, ihre Pflicht, das! Projekt zu begrüßen und möglichst zu unterstützen.! Und bei gutem Willen der jüd. Oeffentlichkeit, > besonders der jüd. Organisationen, die sich . ja l llbhast für die Sache interessieren, jst nicht' zu p zweifeln, daß es in größerem Maße realisiert s werden kann. Und damit wird, eine gute und bep deutsame Tatt im Interesse des Judentums vollbracht fein. Zugleich mit diesem originellen Plane, einer größeren Zahl jüd. Arbeiter die Beobachtung des Sabbat zu ermöglichen, haben leitend e Persönlichkeitendesenglischen Judentums ebenfalls einen Schritt unternommen, der im Interesse der Sabbatbeo b achtung; der Beachtung wert ist. Eine Deputation, bestehend aus den bedeutendsten jüdischen Persönlichkeiten Englands, hat sich an den j ü d. Po st min ist er Samuel gewandt und ihm! folgendes Projekt vorgelegt: Da der Postverkehr ja die ganze Woche hindurch aufrecht gehalten werden muß, so wird es ebenso im Interesse der englischen wie der jüd. Postbeamten liegen, wenn den jüd. Angestellten der Samstag freigegeben wird nndfiestattdessen für ihre michtjüd. Kollegen den Sonntagsdienst verrichten. Der Postminister, ein Jude, der noch . jüd. Interesse und Empfinden besitzt, hat das Projekt sehr wohlwollend ausgenommen, der Deputation jedoch erklärt, daß seine Realisation vordcrhcmd nicht möglich sei; und zwar aus dem Grunde, weil am Samstag infolge des Geschäftsschlusses der Postverkehr sich sehr steigere, dagegen am Sonntag nur sehr schwach sei. Deshalb sei er nicht in der Lage, jüd. Postbeamte anzustellen, die Samstag feiern wollen. Allerdings gelte dies vor allem für die größeren Städte. An kleinen Plätzen, wo der Verkehr überhaupt nicht so stark sei, wäre es eventl. möglich Jedenfalls versprach er, das Projekt im Auge zu behalten und soweit es ihm möglich! sei, auszusuhren. Die ganze Sache hat vielleicht mehr Wert ihrer symptomatischen als ihrer faktischen Bedeutung wegeir. Dann selbst angenommen, sie ließe sich realisieren, so ist es doch llar,!- daß nur ein verschwindender Teil der jüd. Bevölkerung Englands dadurch für den Sabbat gerettet wäre. Die Verhältnisse im großen und ganzen bleöben deswegen doch dieselben. Als Symptom gewertet, zeigt dieses Projekt aber ebenso, wie das.der Kattowitzer Bergarbeiter, daß die Erkenntnis pon der eminenten Bedeutung des Sabbats auch in den jüd. Kreisen aufzudammern beginnt, die bisher dem Sabbatproblem indifferent oder — wie die Alliance früher — sogar ablehnend gegenüberstanden, lind diese erwachende Erkennnis, die nur ein. Teil des überall neu erstehenden Willens zum I n d e nt u m i st, sie ist, wenn auch nicht unmittelbar, so doch alles in allem das W e r t v o l l st e aus all diesen Projekten. 2. Zur Krage einer jüd. Universität in Jerusalem. In Rußland, wie auch in Palästina wird jetzt ein Projekt viel besprochen, das nach dem Tode M a n d e l st a m m s aufgetaucht ist. Als'- die verschiedensten Kreise der russ. Judenheit daran gingen, dem Andenken Mandelstamins ein bleibendes Andenken zu errichten, da äußerten sich jüd. Aerzte, an ihrer Spitze der bekannte jüd. Arzt Dr. Benderski-Kiew, dafür, ans den Namen des Verstorbenen eine medizinische Universität in Jerusalem zu errichten. Dr. Wende r s k i entfaltete eine rege Agitation für den Plan, und in der hebräischen Presse entwickelte sich eine lebhafte Kontroverse für imd wider. Es sind zwei Fragen, um die sich der Streit dreht: einmal, ob eine medizinische Universität in Jerusalem nötig, und sodann ob eine möglich ist. Darüber, daß im Laufe der Zeiten eine jüdische Universität in Jerusalem errichtet werden muß und wird, sind sich alle einig. Die Frage ist nur, ob eine solche Universität schon jetzt nötig sei. Außer den Argumenten, wie schön es sei, wenn eine solche bereits jetzt errichtet würde, ist das Hauptargument das, daß bald die Schüler des Gymnasiums in Jaffa dieses absolviert haben werden und, falls sie nicht die Möglichkeit haben, in Palästina weiter zu studieren, auswandern müßten. Den« wird jedoch entgegengehalten, daß ja in Kürze das Technikum in Haifa eröffnet werden wird und so die Gelegenheit zum Studieren geboten sein wird. Und was die Möglichkeit der Gründung einer medizinischen Universität in Jerusalem anbelangt, so ist es gleichfalls llar, daß ihr große Schwierigkeiten im Wege stehen. Woher die ungeheuren Mittel, die zu einer auf der Höhe der Zeit stehenden medizinischen Universität nötig sind, aufbringen? Und eine Universität zu errichten, die den hygienischen und wissenschaftlichen Anforderungen nicht ganz genügen könnte, wäre - ebenso schädlich! wie verfehlt. Darum dünkt es auch uns — und die meisten maßgebenden Palästinenser sind.auch! dieser Ansicht —, daß die Zeit noch versiüht sei. Erst lasse man das Technikum sich entwickeln, und erst nachdem diese erste große Schöpfung voll und ganz entfaltet sein wird, ist cs Zeit, an die Schaffung einer Universität, nicht nur einer medizinischen, zu schreiten. Wie schön auch das Ideal einer solchen sei, Maß muß auch hier gehalten werden. Die Ueberstürzung ist nur von Schaden. Langsam, aber sicher und vollkommen, muß auch das Motto unserer Palästinaarbeit bilden. Für jetzt ist es genug, daß die Idee einer Universität in Jerusalem solch begeisterten Widerhall in der jüdischen Oeffentlichkeit gefunden hat. Dies zeigt, daß wenn die Zeit hierfür reif sein, die Realisation auch möglich sein wird. Berliner Brief. Israel auf Reisen.,— Jüdische Bäder. — Tischo-bo-Aw. Von Dr. M. Sackheim-Aardeni. Wir sind jetzt in der Reisezeit. Das Reisen ist längst eine jüdische Angelegenheit geworden. Inden sind nicht nur das „Volk des Buches", sondern auch das Volk der Reise. Doch hinsichtlich des Reifens machen uns Juden die Engländer große Konkurrenz. Juden reisen, und Engländer reisen.. Es gibt aber verschiedene Arten von Reisen. Die Engländer betätigen sich besonders auf dem Reisegebiet, das man als Vergnügungsreisen bezeichnet. Die Juden behaupten sich besonders und stehen konkurrenzlos in all den Reisearten, die kein besonderes Vergnügen bereiten. Juden reisen. Jeder von Osten kommende Zug bringt ganze Gruppen jüdischer Reisender nach der Reichs- Hauptstadt. Schon beim Anssteigen geben sich! diese jüdischen Reisende durch besorgte Gesichter, durch nervöse Unruhe und planlose Eile zu erkennen. Als sei ihnen die Zeit zu kostbar, als eilen sie einem großen Glücke entgegen oder —> entrinnen einer drohenden Gefahr! Das letztere trifft oft zu. Denn kein „osteuropäischer Glaubensgenosse" überschreüet die Grenzpfahlen ohne dringenden Grund, nur so zu seinem Vergnügen. So verschwenderisch ist man nicht... Hier sehen wir die Aermsten unter den Armen, Männer, Frauen, Kinder, deren Ziel Amerika ist, und die tagtäglich! die Korridore der Auswandererbüros und der Hilssvereine füllen und die Kerntruppen des wandernden Israels sind. In der hohen Saisonzeit werden sie aber — in Berlin — weit übertroffen von einer mittleren Kategorie, die zwar im' Auslande auch! Liste sucht, aber keine materieller, sondern eine medizinischer Natur. Alt und jung, reich! und arm. Und jeder hat seine besondere Krankheit und geht zu seinem Professor. Viele kommen schon zum zweiten, dritten Mal, und Me überfüllen sie die Wartezimmer und Kliniken der berühmten Professoren. Fürwahr! Zwei bis drei Wochen in den „möblierten Zimmern" mit der Aufschrift ,Lvscher", pon denen es fast zwei in jedem Hause eines, gewissen Teiles der Friedrichstraße gibt, können jeden Laien zu einer bedeutenden medizinischen Kapazität machen. Denn jeder schildert hier seine Krankheit, fragt ob!xJsrael, Bier und wie alle diese Größen heißen, „wirklich ein guter -Professor" ist, und ob es „feine größeren gibt." Zuletzt entscheidet dann die Ueberzeugung, daß die, die zwanzig Mark für einen Besuch erhalten, die größten sind, denn mehr als zwanzig Mark bekommt doch fein Professor. Man geht zwei bis, drei Tage znm Professor — denn man kommt während der Saison nicht so leicht an —> man bezahlt die zwanzig Mark und weiß, was man zu tuu hat. Man „legt sich", in die Klinik, unterzieht sich' einer Operation , oder tvird nach Ems, Soden, Kissingen, Nauheim und anderen „jüdischen" Bädern geschickt. lind nun die kleinste Gruppe der Reise,wen ans dem Osten, die Erholnngsreisenden,. wenn man eine Flucht ans dem Gefängnis eine Erholungsreise nennen kann. „Wohin fahren Sie eigentlich!?" fragte ich einen mir bekannten älteren Kaufmann, der in Begleitung seiner jungen Tochter reist. „Meinen Sie ich speist", gab er mir zur Antwort. „Gott sei Dank, man lebt und hat ein paar Rubel in der Tasche, da bekonrmt man mit viel Mühe und Geld einen Auslandspaß, und fährt. Einmal will man doch, wenigstens als Mensch ruhig leben, ohne Angst. — Ihr meint, bei uns ist es jetzt ruhig, man hört nichts von Pogromen. . . Lieber Freund! Es gibt Pogrome, von denen man in den Zeitungen nichts schreibt, die aber noch schlimmer sind. Stille, langsame, chronische Pogrome. . diese machen uns das Leben zirr Hölle. Man lebt' doch-. Gott gibt die Kraft. . was soll man tun, man ist froh, wenn man 'rauskonnnt. —: Ich fahre nach Marienbad. weil dort meine Schwägerin schon ist. Meine Tochter will zur See. See... was hat man vom „Jom", man muß doch jüdische Gesellschaft haben. Auf der Rückreise bleiben wir ein paar Wochen in Kissingen. auch ein jüdisches Bad. — Was kann man tun. A' Jid is im Golus..." 1 „Fahren Sie doch nach! Palästina! Dort werden Sie sich auch erholen, an jüdischer Gesellschaft fehlt es dort sicher nicht, und Ihr Fräulein Tochter kommt auch zu ihrem Recht, denn der Ozean spielt an Palästinas Ufern." „Was meinen Sie" ächzte er, „wollte ich auch. Ich will fahren, tvenigstens Erez-Jsrael und meine Mutter sehen, aber — sie will nicht, meine Tochter; was tut man nicht wegen der Kinder. . . Ach, Ach ... „Palästina?" unterbrach ihn die Tochter. „Was werde ich' dort sehen! Meine Großmutter? Die kenn' ich gut. Und Zionisten gibt's bei uns im Städtchen auchi. — Ich will doch etwas von Europa sehen!" „Red' mit einem närrischen Mädel! Was kann man aber machen? Der Aeltere und Klügere gibt nach. — Man muß doch ein Kind mitnehmen. Soll sie auch die Welt ansehen! —, Dazu" — sagte er mir leise — „im Auslaude ist mau doch immer sicher. Hier wird man sie nicht verhaften, bei uns kann aber alles Vorkommen. . * Ueberall trifft man das wandernde Israel: auf der Straße, in den Warenhäusern, Ausstellungen, Museen. Oft hört man im Tram ein hebräisches Wort. Wenn Sie aber abends ein Minjan haben wollen, dann gehen Sie nach dem Cafe „Monopol" am Bahnhof Friedrichstraße, besonders am Samstag abend. Dort können Sie auch gewärtigen, daß man bei Ihnen für den jüdischen Nationalfonds sammelt, wenn Sie in verdächtiger Gesellschaft sitzen. ... Direkt am Eingang sitzen „Russen" und unterhalten sich über die Jto, da eben gerade zwei Jtoisten von Wien kamen. Hier sitzt eine Familie und behandelt das Thema: Warenhäuser und Professoren. IN der Ecke sitzt Davis Trietsch mit jungen Zionisten, die hebräisch sprechen, und' beendigt inzwischen einen Artikel. Hier sitzt Mathias Ach'er in einer kleinen Gesellschaft. ' Doch —! sagt man — liegen schon die jüdischen Glanztage des »Monopol" in der Vergangenheit, und mich dies jüdische Zentrum wandert und wird verschoben nach einem Cafe am Tiergarten, das zum zionistischen Treffpunkt sich entwickelt. Iw „Aivnopol" bleiben nur die durchreisenden „Russen." Auch in der jüdischen Lesehalle in der Oranienburgerstraße bemerkt man das wandernde Israel. Sie äst' fast immer gut besucht. Die aufliegenden Berliner Blätter 'werden kaum gelesen, dagegen die jüdischen und hebräischen aus Rußland, die speziell zionistischen, diejenigen aus Palästina, * Am Tischo-bo-Aw ging ich' mit einigen „Russen" nach der großen Synagoge. Der Kantor hMe eben begonnen. Die Synagoge war noch neunzehntel leer und machte wirklich den Eindruck eines „Tranergvttesdienst.es." \ Allmählich mehrten sich die Besucher. Aber, was sehe ich,? Alkes bekannte Gesichter! Wo habe ich die denn gesehen? IN Wilna, Berdistchew oder Minsk? Jedenfalls zu den Mtberlinern können sie nicht gezählt werden. Auf der Galerie waren anfangs sehr Wenige Damen. Man sah elegante Hüte. Ohne Vergrößerungsglas war es hier schwieriger zu enstcheiden: Berlin oder Wilna. Inzwischen haben sich die Damen bedeutend. vermehrt. Einige ältere, meistens junge Mädchen. Jetzt ist die Frage entschieden. Oben wie unten ist das wandernde Israel vertreten. Andächtig gebetet h'ckben nur wenige, die meisten schienen nur aus Pietät oder Neugier zu kommen. Zu Ehren der Töchter Israels im Osten muß zugegeben weichen, daß während die Männer meistens einen der-