Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 29 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Demission des Ministeriums Carp nachfünfvierteljähriger Herrschaft bietet Veranlassung zu einem Rückblick. Carp galt und gilt im allgemeinen als Indenfreund. Und in der Tat war er einer der wenigen, die die Gerechtigkeit der Judenfrage in Rumänien einsah .und öfters sich in diesem Sinne äußerte. Als er anfangs vorigen Jahres nach 12jährigem Warten schließlich -Premierminister wurde, erkannte er erst, wie schwer es einem Staatsmann in Rumänien ist, konsequent zu sein. Fast alle Minister seines Kabinetts waren eingefleischte Antisemiten, gleich neun Zehntel der Abgeordneten und der Senat»? ren. Hätte Carp nur eine geringe Verbesserung unserer Lage vornehmen »vollen, — er wäre mit Gewißheit gefallen. Bezeichnend in dieser Hinsicht ist die Antwort des Unterrichtsministers all die Gesandten der jüdischjen Gemeinde voll Jassy auf deren Bitte, er möge. die jüdischen Gemeinden als juridische Personen anerkennen (die sie bis 1866 waren): „Ich bin nicht derjenige, der die Stellung der Regierung darob erschüttern will." Um also llicht als ein „den Juden verkaufter" Minister zu erscheinen, wie ihn die liberale Partei anklagte, unterließ, Carp jede Verbesserung der Lage der Juden. Hingegen wollte er der Welt lveismochen, daß sich die Jüdenftage auf dem Wege der Gewährung der Rechte an einzelne unserer Bankiers und Fabrikanten mit der Zeit lösen lasse, und er gewährte 50 bis 60 reichen Juden das Staatsbürgerrocht. Daß aber auf diese Weise die 220,000 Juden von Rumänien nicht einmal in tausend Fahren Bürger sein werden, versteht jedes Kind. Auch in der Gesetzgebung hat Carp vollständig versagt. - Eines der wichtigsten dieser Gesetze ist das noch inl vergangenen Winter in Kraft getretene Gesetz der Nationalisierung des Handels und Gewerbes, selbstverständlich, der rumänischen Industrie und des rumänischen Handels, weil ja bis' heute die echten Rumänen noch ziemlich wenig Fabriken besitzen — die meisten sind in Händen von Juden, Deutschen rc. — und noch weniger sich mit Handel beschäftigen. Dieses Gesetz besagt, daß die Werkstätten und Fabriken mindestens 25«/a rumänisches Personal beschäftigen sollen und nach 10 Jahren dieser Prozentsatz auf 60«/o gestiegen sein muß. Das heißt: der jüdische Chef soll jüdische Arbeiter entfernen und rumänisch^ aufnehmen i was die Entlassenen anfangen sollen, da.sie auf das Land nicht kommen dürfen und die Meisten Lebenszweige vor ihnen verschlossen stehen, darum kinnMern sich natürlich das Gesetz und der Gesetzgeber nicht. Dazu kam das Gesetz derDrganisation der Handwerker. Die Handwerker bildenZünfte, an deren Spitze in jeder Stadt ein Komitee steht. Diese Komitees Alben die Verwaltung der Gelder der Mitglieder, bestimmen die Verhältnisse der Chess zu den Arbeitern und dergleichjen. Nun heißt es, daß alle Mitglieder ohne Unterschied von Religion und Nationalität das Recht, haben, das Komitee zu wählen, über weiterhin wird bestimmt, daß das Komitee nur von einer allgemeinen Versammlung der politisch berechtigten Mitglieder gewählt' wird. Der Minister und lms Parlament wissen sehr wohl, daß es viele Städte gibtwo vielleicht im ganzen (Dachdeckerei, Buchbinderei) ausschließlich von Juden vertreten werden, — und trotzdem sollen die 90«/« jüdischer Mitglieder einer Zunft das von den lvenigen Rumänen vorgeschlagene Komitee wählen und sich ihm in allem wahllos unterwerfen! Die Proteste gegen dieses schreiende Unrecht haben die eigentümliche Antwort gehabt: Es sei ein Fehler des Gesetzgebers, man solle sich daher an das höchste Gericht wenden, damit es die fehlerhaften Punkte des Gesetzes zu Gunsten der Petenten uinändere. Wenn das höchste Gericht das Gesetz zu unseren Gunsten abändern soll, wird es auf dem Papier bleiben. Hat es doch vor 2 Jahren den abscheulichen Eid „More judäico" übgeschafft, und trotzdem beachten das die Friedensrichter nicht und bestrafen fortwährend die Rabbiner, weil sie mit dem abgeschafften Eid die jüdischen Prozeßführer nicht vereidigen wollen. Als sich nun in Jassy etwa 1000 Handwerker, jüdische und rumänische, welch letztere auch einige Gründe haben, wegen .des Gesetzes unzufrieden zu sein, versammelten, wurden sie von der Polizei verjagt und mit Verhaftung bedroht. In einer anderen Stadt wurden die versammelten Handwerker von der Polizei wie Hunde gehetzt und mit Ausweisung aus dem Lande bedroht. Erwähnt muß . auch das im April in Kraft getretene Gesetz der Reisepässe werden. Den Rumänen wird ein solcher Paß nach Ersuchen ausgegeben, die Fremden (reots Juden, da Ausländer keines rumänischen Passes bedürfen) sollen aber denk Gesuche ein Zeugnis beilegen, welches ihre ruinänische Untertänschaft beweist, ein Zeugnis über erfüllte Militärpflicht und den Nachweis eines bedeutenden Gewerbes bezw. Handdels oder des Besitzes von Immobilien in ihrem Wohnorte. Damit können jene Juden, welche aus verschiedenen Gründen Militärdienst nicht geleistet haben, aber von Generationen her im Lande wohnhaft sind, sowie besonders die unvermögenden Juden nicht mehr nach dem Auslande reisen. Ferner hat uns die diesmalige Parlamentsaison auch das Recht genommen, niedere Militärgrade bekleiden zu dürfen. Auf dem Gebiet des Unterrichtes hat man zu den alten Einschränkungen nun noch, eine neue hinzugefügt. Es ist schon seit einigen Jahren die Taktik angenommen worden, jüdische Kinder in die Gymnasien bezw. Lyzeen mit der Begründung nicht auszunehmen, es seien keine Plätze vorhanden. In Jassy, einer Stadt mit 30000 Juden, wurden in den letzten 2 Schuljahren keine 5 jüdischen Schüler ausgenommen, was die Gründung eines jüdischen Gymnasiums veranlaßte. Ebenso besitzen die Städte Braila, Ploiesti, Bukarest jetzt jüdisch« Gymnasien. Nun wurde in der letzten Parlamentsession eine neue Art Schulen gegründet, sog. Mittelschulen mit Studienzeit von 3 Fahren, die die Absolventen der Volksschule für Ackerbau, Handwerk oder Telegraphieschulen vorbereiten sollen. Für Bürgerkinder wird der Unterricht unentgeltlich sein; Judenkinder werden nur dann zugelassen werden, wenn noch freie Plätze sind, und sie 'haben 40 resp. 50 Frcs. jährlich zu zahlen. Jaziro. Aus den Ereignissen des Tages. 1. Zwei Projekte zur Förderung der Sabbathbeobachtuug Das Projekt der Anstellung jüdischer Arbeiter in den Kattowitzer Bergbaugesellschaften unter Wahrung der Sabbatbeobachtung hat lebhaftes Interesse in der jüd. Oessentlichkeit hervorgerufen, und die Presse hat sich mit ihm--eingehend beschäftigt. Dabei sind von verschiedensten Seiten die Bedenken geltend gemacht worden, die auch wir in unserer Erörterung der Angelegenheit zum Ausdruck gebracht haben, wonach diese ostjüdischen Arbeiter als Streikbrecher dienen sollten. Diesen Bedenken und Angriffen tritt nun der Jnic tor des Projektes, S. Wiener-Kattowitz, in einem Artikel in der Allgem. Zeit, des Jud. entgegen. Seine Ausführungen geben allerdings iwr ganzen Sachlage ein verändertes Aussehen. Danach ist die Streikgefahr nicht von Bedeutung, weil einmal in Oberschlesien, wo nur 20"/o der Arbeiter organisiert sind, fest.23 Fahren kein Streik war und auch für die Zukunft sehr unwahrscheinlich ist, und weil—wie er versichert — im Falle eines Streiks den Leuten von der Behörde kein Haar gekrümmt werden wird, sofern sie nur die gesetzliche 14 tägige Kündigungsfrist einhalten. v Durstdiese Mitteilungen werden i wie gesagt —unsere Befürchtungen gemindert; als beseitigt können wir sie aber auch jetzt noch nicht erachten. Vor allem darf man bei allem Vertrauen, das wir in Herrn Wiener setzen, doch Zweifel hegen, ob die preußischen Behörden in der Tat im Falle eines Streiks den Leuten kein Haar krümmen und sie nicht etwa ausweisen werden. Die Erfahrung und das bisherige Verhalten der preußischen Behörden osteuropäischen Juden gegenüber sprechen für das letztere. Und sodann: wer garantiert denn, daß im Falle eines Streiks die 14 tägige Kündigungsftist eingehalten werden wird? Meist pflegen solche Streiks spontan, ohne Einhaltung der Kündigungsfrist zu erfolgen; — und was dann? In diesem Falle gM ja Herr Wiener zu, „daß die ausländischen Arbeiter tatsächlich Gefahr lausen, bei ungesetzlichem Verhalten mit den Behörden in Konflikt zu geraten." All dies sind Bedenken, die auch jetzt noch weiterbestehen. Und dennoch kann man jetzt im wesentlichen dem Projekt nur zustintnren und ihm eifrige Unterstützung wünschen. Denn einmal sind die Bedenken nicht mehr so stark, daß sie dem Vorteil, die eine in größerem Maßstabe erfolgte Realisation des Projektes bieten würde, gleich wären, und bei der verzweifelten Lage der jüd. Massen in Rußland haben wir nicht so viel Zeit und Auswahl auf eine Hilfe, die frei von allen Makeln und Gefahren wäre, zu erwarten, sondern müssen zugreifen, wenn auch manche Gefahren Vorhänden sind, sofern diese nur-nicht zu groß sind. Und sodann soll die ganze Sache nach Hemm Wieners Mitteilung einen ganz anderen. Zweck haben, als wir es vorher gedacht haben. Diese Anstellung der jüd. Arbeiter soll gar kein Mittel zu ihrer dauernden Ansiedlnng in Oberschlesien sein; vielmehr sollen sie dort einige Jahre arbeiten, sich Gell» ersparen und dann so die Möglichkeit haben, nach Amerika auszuwandern, wo sie. mit einem Zeugnis der deutschen Gruben versetzen, wohi zweifellos..Arbeit finden werden. Welches die Ursache dafür ist, daß von einer dauernden..Ansiedlnng abgesehen ist, sagt Herr Wiener nicht. Doch wird man nicht fehl gehen, wenn man die Vermutung ausspricht, daß eine solche der Jrceufj. Regierung nicht genehm sein und sie auch die Erlaubnis hierzu nicht erteilen