Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 28 (19.7.1912)
- Date
- 1912-07-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28, " Frankfurter FsraelitWrK FamMMatk. zur Verfügung,steht und die Einrichtung des Technikums, dessen Direktor sie später sein wird, in die Hand nimmt. . Das Amt eines jüdischen Erziehers am Technikum hat sich! Dr. Lev in zu übernehmen entschlossen, der bis zunl Beginn seiner Lehrtätigkeit als Vertreter des Kuratoriums während der Bauzeit in Haifa weilt. Depesche. Petersburg, 17. Juli. Z e h n t a il s e n d Juden vor der Austreibung! Diese „Tischo-be-Aw"-Botschaft ist bitterer Ernst. Die Verfügung des Gouverneurs von Cherson, die den Juden den Aufenthalt auf den Dörfern untersagt, wird zehntausend Juden von Haus und Hof treiben und bettelarm machen. Von Odessa ist eine Deputation nach Petersburg gefahren, um die Verordnung rückgängig zu machen. Viele Gutsbesitzer und Bauern unterstützen die Bemühungen, denn sie werden mit der Austreibung der Juden ihre Käufer verlieren, — aber nützen wird alles Bemühen schwerlich. Mts aller Mett. Deutsches «eich. Berlin. Die Friedenskommission der deutschen Mitglieder der AllianceJsraelite Universelle hat am 7. Juli in ihrer Gesamtsitznng die Statuten für die Gesamtorganisation der deutschen Mitglieder der Li. I. U. fertiggestellt. Es ist zu erwarten, daß nunmehr auch der Friede init Paris geschlossen wird. Köln. Anläßlich der Beratung der Statutenänderung schlug der Vorstand den Repräsentanten vor, die Teilnahme an der Wahlhandlung nur denjenigen, zu gestatten, die mindestens zwei Jahre der Gemeinde angehören, während bisher jeder wählen konnte, der pünktlich seine Steuer bezahlt hatte. Außerdem soll nur derjenige wählbar sein, der mindestens fünf Jahre in Köln wohnt, während früher drei.Jahre ausreichten. Diese Vorschläge sind im gewissen Sinne eine Ueberrumplnng. Wenn der Vorstand derartige einschneidende reaktivnäre Aenderungen zur Sicherung seiner, der herrschenden Plntokratie, Alleinherrschaft durchsetzen will, so bedarf er zu dieser lichtscheuen Politik besonderer Mittel, um die Kritik der Oeffeiitlichkeit fernznhalten. Deshalb durfte vorher nichts verlauten, und deshalb mußte die aktivnsunlnstigc Zeit der Sommerhitze als Moment der Ueberrninplnng ausgesucht werden. Welcher Geist übrigens in der Kölner Geineindestube herrscht, zeigte auch! der Antrag des Rechtsanwalts Dr. Falk, der bezweckt, den ausländischen Inden das Wahlrecht zu nehmen. Die Entscheidung über diesen famosen Antrag sowie über die ganze Statutenänderung mußte infolge vorgerückter Zeit auf die nächste S i tz u n g vertagt werden. Daß die Entscheidung im Sinne des gesunden Menschenverstandes und der Gerechtigkeit geschehen wird, ist bei einer Körperschaft, die nach dem Portemonnaie gewählt ist, wohl sehr fraglich. Schon der gesunde Menschenverstand sollte verlangen, in weitgehendsten! Mätze die Geineindemitglieder an den Angelegenheiten der Gemeinde teilnehmen zu lassen, denn ans solche Weise würde daS jüdische Interesse wesentlich gefördert. Karlsruhe. Das von dem Oberrat der Israeliten zum Andenken an die goldene Hochzeit des Großherzogpaares begründete Friedrich-Lnisen-Hospiz in Dürrheim, dem höchstgelegenen Solkurort Europas, wird am 28. Juli seiner Bestimmnng übergeben werden. Der Ban und seine Einrichtungen entsprechen den höchsten Anforderungen der Hygiene. Die Anstalt, die 70 Kinder und erwachsene Mädchen äusnehmen kann, ist während des ganzen Jahres geöffnet. Der Pensionspreis beträgt Juli bis Mitte September „/& 4.—. täglich für Bemittelte und Badekosten und JL 100 vierwöchentlich für Unbemittelte, in der übrigen Zeit des Jahres > J£ 3,25 täglich bezw. Jk 75 monatlich. Adresse für Anmeldungen: Berwaltungskommission für das Friedrich- Lnisen-Hospiz in Bad' Dürrheim, Karlsruhe, Stefanienstraße 9. München. Die Frage dir I bayerischen Jndengesetzgebung I wird wohl nicht aus der Erörterung des Tages ver- I schwinde», bis endlich die Revision des Edikts von I 1813 von der Regierung tatsächlich in die Wege gei leitet ist. Anläßlich der Beratung des Kultusetats in I der Abgeordnetenkammer haben jüngst erst wieder Ab- I geordnew der verschiedenen Parteien sowie der Minister I die Notwendigkeit der Revision betont und an die ver- | ichiedenen Faktoren der Judenheit die Mahnung zu einer I Einigung gerichtet. I Ganz besonderes Hindernis soll von einer „Seite" I bereitet werden, die man bei anderen jüdischen Ange- I legenheiten in Deutschland stets auf der orthodoxen I «eite findet; in Bayern hält sich diese „Seite", mag I. es die Revision, mag es einen liberalen Kollegen be- I treffen, stets im Gegensatz zur Majorität der Orthodoxen. * Demnächst wird die 2. Auflage des Werkes „die staatsrechtliche Stellung der Israeliten in Bayern" von Professor He imberger in Bonn, einer anerkannten Autorität arck diesem Gebiete, erscheinen. Heimberger behauptet n. a., daß nach dem bestehenden alten Judencdikt durch die bekannten Vereinbarungen in München und Nürnberg, wodurch die orthodoxen Gottesdienste ermöglicht wurden, rechtlich kaum etwas gewonnen wurde. Man kann es sich erlassen, noch näher aus die Schrift einzugehen; der eine Satz genügt, nur die gänzliche Unhaltbarkeit der derzeitigen Verhältnisse zu kennzeichnen. Es wäre jetzt nur zu wünschen, daß, wie Herr Dr. Ludwig Wassermann nach einer eingehende» Behandlung int führenden Organ der Zentrnmspartei, im „Bahr. Kurier", aussührt,. die Regierung bald Veranlassung nimmt, entscheidende Schritte zu tun. München. Auf der Tagesordnung der Sitzung der bayr. Re ich s r a ts ka in mer vom 16. Juli stand die Beratung der Kirchengemeindeordnung für die christlichen Konfessionen. Bei dieser Gelegenheit verlangte Reichsrat Gras von Crailsheim, ehenial. Ministerpräsident, die baldige Revision des Jndenedikts, das für die heutigen Verhältnisse absolut unhaltbar, sei. K n l t u s in i n i st e r v o n K n i l l i n g entgegnete, daß auch er die Revision für dringlich halte. Sie sei aber erst dann möglich, Ivenn die Meinungsverschiedenheiten so loeit geklärt sind, daß für einen Entwurf der Regierung auch die Möglichkeit eines Erfolges gegeben sei. Da bekanntlich bei einige» orthodoxen Rabbinern das Haupthindernis liegen soll, wäre 'für die „Aguda" ein ersprießliches Wirkungsfeld. Wenn cs .in Bayern so weiter geht, wie diese Herren wünschen, dann kann die Aguda noch erleben, daß der Orthodoxie in (vergl. das neueste Werk Heimbergers) Bayern große Schwierigkeiten entstehen. Oesterreich-Ungar«. Budapest. Die Vereine der kaufmännischen Angestellten Ungarns beschlossen aus Ihrer Landeskonferenz eine Resolution, die die 36 st ü n d i g e Sonntagsruhe und den 8 Uhr-Ladenschluß verlangt. Der anivesende Regierungsvertreter erklärte das EinVerständnis der Regierung mit diesen Forderungen. Rntzlanv. Petersburg. Auf Grund der jüngsten Senatsentscheibung wonach die Juden, denen der Anfentyallt außerhalb des Ansiedlnngsrayons nur bedingungsweise gestattet ist, voin Dumawahlrecht ausgeschlossen sind, hat das Ministerium des Innern verfügt, daß in Sibirien auch diejenigen Juden, die eine russische Hochschule absolviert haben und sonst im ganzen Reiche wahlberechtigt sind, von den Wahllisten zur bevorstehenden Dumawahl gestrichen loerden müssen. — Aus Jekaterinoslaw wird gemeldet, daß der dortige Gouverneur den Rabbiner zu sich beschied und ihm mit P o g r o m m ö g l i ch k e i t e n drohte, falls die Juden die fortschrittlichen Parteien bei den Wahlen unterstützen. Warschau Jeder Tag bringt den Juden Rußlands neue Sorgen. Jetzt geht's an die jüdischen Schuhmacher, die nach Tausenden zählen. Hier hat nämlich dieser Tage zum ersten Male ein Kongreß der christlichen Schuhmacher Polens getagt, der die wirklich schwierige Lage des Schnhmachergewerbes dadurch zu erleichtern suchte, daß er darüber beriet, wie die jüdische Konkurrenz zu vernichten sei. Es sollen u. a. korporative Genossenschaften für den Einkauf des Leders mit Umgehung des Zwischenhändcls und für die maschinelle Herstellung der Schäfte usw. gegründet werde», und es soll der Titel „Meister" nur von den Innungen verliehen tverden dürfen, aus denen bekanntlich Juden ausgeschlossen sind. Warschau. Große Empörung hat das Borgehen, einiger jüdischer Fabrikbesitzer hervorgerufen. In den großen Schuhfabriken unserer Stadt, deren E i g e ntümer Juden sind, werden christlich« und jüdische Arbeiter beschäftigt. Bisher feierten nun die christlichen Arbeiter am Sonntag und die jüdischen am Sonnabend. Einige Fabrikbesitzer fanden, schon seit längerer Zeit an diesem Zustande kein Gefallen und erschwerten in jeder Weise die Arbeitsbedingungen derjenigen jüdischen Arbeiter, die die Sabbathruhe beobachteten. Nunmehr entschlossen sich die Fabrikbesitzer zu eine»! radikalen Mittel. Sämtliche jüdischen Arbeiter mußten sich schriftlich verpflichten, auf die Sabbathruhe zu verz ichten und mit ihren christlichen Kollegen am Sonntag zu feiern. Wer die Erklärungnicht unterschrieb, wurde einfach an die Lust gesetzt. Unter diesen Umständen sehen sich zahlreiche jüdische Arbeiter genötigt, dem Machtgebot ihrer Brotherren zufolge und sehr gegen ihren Willen den Sabbath zu entweihen. Man befürchtet, daß das böse Beispiel der jüdischen Schn h s ab ri kante »..auch in anderen Industrien, z. B. der Kleiderkonfektion, die gleichfalls zum großen Teile in jüdischen Händen ist, Nachahmung finden wird. Hvmel.; Die Ortsgruppe der Gesellschaft „Chobebe Sephath Eber" veranstaltete dieser Tage unter Mitwirkung der Lodzer hebräischen Liebhaherbühine eins Seite 3 Aufführung von Gutzkows.stlriel Acosta" in hebräischer Sprache. Die Aufführung fand im Stadttheater vor ausver« kansteni Hause statt. Es herrschte ungeheure Begeisterung, und das Publikum konnte sich an Ovationen und Hervorrufen der Darsteller nicht genug tun. Rumänien. Bukarest. Bisher waren sämtliche Studierende an der medizinischen Fakultät der Bukarester Universität von der Erfüllung ihrer Mlitärdienstpflicht bis zur Erreichung des 28. Lebensjahrs befreit. Nunmehr hat das Kriegsm i n i st e r i n ni verfügt, daß die „Fremde n" von dem .Genuß dieses Vorrechts ausgeschlossen bleiben. Die „Fremden", — das sind bekanntlich in der Terminologie der rumänischen Gesetzgebung die jüdischen Bewohner des Landes, auch wenn sie bereits seit vielen Generationen in Rumänien ansässig sind. Die Folge dieser Ministerialverordnung wird also sein, daß die jüdischen Studenten nach ein- bis. zweijährigem tlniversitätsbesnch ihre Studien unterbrechen müssen, um ihrer Heerespflicht zu genügen. Palästina. Haifa. Bor etwa einem Jahre erwarb der. Bereirr „Agudath-Achwah" in St. Louis (Nordamerika) ein Grundstück in Untergaliläa und gründete darauf die > Kolonie „Poriah." „Poriah" ist im Gegensatz zu den meisten anderen jüdischen Kolonien Galiläas, in denen der Getreidebau vorherrscht, vorzugsweise Pfianznngskolonie. Bis jetzt sinb 400 Dunam mit Mandclbäumen und 40 Dunam mit Oelbäumen bepflanzt. Die jungen Pflanzungen entwickeln sich außerordentlich gut und berechtigen zu den schönsten Hoffnungen für die Zukunft der Kolonie. Gegenwärtig werden weitere 1000 Dunam urbar gemacht, um iin nächsten Winter Mandel- und Oelbaumkulturen daran» anzulegen. Sämtliche Arbeiten werden von jüdischen Landarbeitern durchgeführt. Neben 30 aschkenasischen Tagelöhnern und Monatsarbeitern werden etwa 20 palästinensische Sephardim bei der Ausrodung des Dorngestrüpps verwendet. Bor einem Monat besuchte H a r r Y Goldman, «in Bruder des Gründers der Kolonie, Simon Goldman in St. Louis, die neue Siedelung und stellte den Landarbeitern als Zeichen seiner Zufriedenheit mit ihren Leistungen den Betrag von 500 Frcs. zur Gründung einer kleinen Bibliothek und zur Anschaffung einer Wascht inaschine zur Verfügung. Die schwierigste Frage der jungen Kolonie ist die Frage der Wasserversorgung. Poriah liegt auf einem hohen Hügel oberhalb des Tiberiassees. Quellen gibt es nicht' in der näheren Umgebung. Bis jetzt wurde das erforderliche Wasserquantum vom Tiberiassee oder aus der benachbarten Kolonie Jemma durch Lasttiere oder Fuhrwerke herbeigeschässt. Die Kosten dieses Transports belaufen sich auf 10—15000 Frcs. jährlich. Die Herstellungskosten einer Wasserleitung vom Tiberiassee oder von den Quellen in Jemma werden aus 40 000 Frcs. geschätzt. Höchstwahrscheinlich wird sich demnach die Leitung der Kolonie bald zur Anlage einer solchen Wasserleitung entschließe». Uebrigens versorgen während eines großen Teiles des Jahres zwei große Zisternen die Arbeiter und Tiere mit gutem Trinkwasser. Das Klima von Poriah ist sehr gesund und erfrischend, die landschaftliche Lage von hervorragenden! Reiz. Sämtliche Besucher der jungen Kolonie geben ihrer Bewunderung Ausdruck, daß es in so kurzer Zeit gelungen ist, hier ein derart schönes und zukunftsreiches Werk zustande zu bringen, das der jüdischen Kolonisation sicherlich noch zu großer Ehre gereichen wird. Personalien «. Kleine Mitteilungen. Berlin. Sanitätsrat Dr. Theodor F 1 atau Generalsekretär der Humboldt-Akademie, ist zum Abteilungsleiter der Ohrenklinik der Charite und zun! Professor ernannt worden. Berlin. Unter den 8179 Personen, die 1910 in Preußen durch Selbstmord endeten, befanden sich 108 Inden. Dresden. Die Marie Ascher-Stiftung hat die wertvolle jüdische Bibliothek Professors Dr. Wünsche angekaust. . { Breslau. Moritz Badwig, Borsteher der Alt» glogauer Synagoge, feiert dieser Tage seinen 80. Geburtstag. — Rach kurzer Krankheit ist der Buchhändler Viktor Brandeis, erst 44 Jahre alt, verschieden. Königsberg i. Pr Im 83. Lebensjahre verschied Fra« Friederike Behrendt geb. Loeweubrrg, Ehrenvorsitzende des Vereins „Frauenwohl", Vorsitzende des.Israel. Frauenvereins für Witwen und Waisen, Mitbegründern! der Handelslehranstalt und der hauswirtschaftl. Fortbildungsschule nsw. Wien. Sofie Grün selb. Witwe des Kultusvorstehers Dr. Josef Grünfeld, erhielt den Elisabeths Orden 2. Klasse. - * Budapest. Der König hat den Großgrundbesitzern Alfred Kohner, Engen Kohner, Wilhelm Kohner und Dr. Adolf Hochberg und dem Boreher der Großwardeiner orthodoxen Gemeinde Alex«ner Ullmann die Baronie verliehen.