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Neue jüdische Presse · 1912-07-12 · Heft 27 (12.7.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 27 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2 Standpunkt, nämlich der Standpunkt des Tertullianischen: „6rsäo yuis sdsuröum". (Jchs glaube, weil es widersinnig ist.) Mit einem solchen Standpunkt läßt sich nicht streben, - wie sich überhaupt eigentlich über .Judentum und Christentum, zwei so verschiedene Lebensauffassungen, gar nicht streiten läßt, weil sie letzten Endes konträren -Wesensveranlatzungen entspringen; über Wesensveranlagungen zu streiten, ist aber absurd. Worauf es mir deswegen vor allenrhier ankommt, ist nicht so sehr, Dr. Breuers Aussassung von der Erotik zu widerlegen, wie darauf, sie zu konstatieren und.ihre Wurzeln gufzudecken. Nur das eine möchte ich ihm verwehren: Seinen Standpunkt als den südischjen zu proklamieren und den meinen als mit allen „Merkmalen unjüdischcr Assimllation behaftet^" zu bezeichnen. Dazu hat er, der Anschauungen, chxistlichcr Kirchenväter predigt, am allerwenigsten das Recht. Aus dev Ereignissen des Tages. Rach der Jtokonfereuz. Die Jtokonserenz in Wien hat bereits getagt, und chr ErgÄnis ist praktisch! nicht anders, Äs es erwartet worden ist: es ist gleich Null. .Me Konferenz trug den Charakter der Organisation an sich : viele Reden, große Phrasen, gute Vorsätze — und nichts Faktisches, Konkretes. Und dennoch ist die Konferenz von Bedeutung, wenn auch in negativer Hinsicht: sie hat den Charakter der Organisation von neuem festgelegt und damit den Standpunkt, den wir in der Betrachtung vor der Konferenz auseinandergesetzt haben, vollauf bestätigt. Im Mittelpunkt der Debatten stand der Kamps Uvischxn den zwei Richtungen, der „demokratischen und der politischen". Die erstere, oppositionelle, steht auf dem alten utopischen Standpunkt der Bründungszeit des Territorialismus: sie träumt noch von der großen jüdischen territorialistischen Massenorganisation, die zum Ziele die Lösung der Judenfrage hat. Demgemäß forderte sie eine Erweiterung und demokratische Umgestaltung der Organisation und warf Zangwill, der in seinem Studierzimmer in London, beraten von einigen wenigen, alle Pläne der Jto entwirft und in die Well setzt, Autokratie vor. Demgegenüber stcht die Politische Richtung, geführt von Zangwill, auf dem Standpunkt,. daß die Organisation ruhig so bleiben könne wie bisher, denn— erklärte Zangwill— um Länder zu suchen, bedarf es keiner Organisation. Aeußerst richtig. Dazu gehört nur ein guter Globus und ein Mann, der Zeit genug hat, diesen gründlich! zu studieren und Phantasie genug besitzt, die gefundenen Länder sich so auszumalen, daß sie zur Lösung der Judenfrage tauglich, wären. Und beides besitzt ja Zangwill. Und es'rpag wghl etwas von Selbsterkenntnis und leisem Zweifel an der ganzen Sache in der Weigerung, Zangwills liegen, in einer eventuell zu schaffenden demokratischen Volksorganisation die Führerstelle zu behalten. Er spürt eben sehr wohl, daß die Ziele und Methoden des Territorialismus sich! so verschoben haben, daß. eine Volksorganisation nur eine Lächerlichkeit wäre imd darum garnicht ins Leben gerufen werden könnte. Zwar tröstet er sichin dem Momente, wo das Land gefunden ist, werde die große Volksorganisation schon von selbst, spontan, entstehen, er ist auch fest überzeugt, in jenem Moment sofort das notwendige, riesige Kapital zu erlangen. Mag er sich mit dieser Hoffnung trösten; dem Träumer des Ghetto wird .es niemand, verwehren oder gar übel nehmen. Was faktisch von Bedeutung ÄeM ist sein Eingeständnis, daß. die Jto keine Volksorganisation mehr sein kan n undwill, und da die Konferenz sich in der Majorität für ihn entschieden hat, ist dieses Eingeständnis als die offizielle Meinung der Jto zu betrachten. Damit aber ist,— ob es die offiziellen Führer der Partei Kugelen wollen oder nicht — der Verzicht verbunden, die Judenfrage lösen zu wollen, denn daß diese nur vom ganzen jüd. Voll, nicht aber von einem Häuflein Politiker und Philanthropen gelöst werden kann, wissen wohl auch WrMffwcier NwelitWes FamWenblatk. die Führer der Jto. Mögen sie'nun auch öffentlich erklären, dieses Ziel nicht aufgegeben, sondern nur vertagt zu haben, in diesem Falle gilt der Satz: Aufgeschoben ist. aufgehoben' — Die Unmöglichkeit einer Lösung der Judenfrage durch das territorialistischeProgramm hat die Konferenz auch an einem Einzels all wieder bestätigt, indem sie das mit so großem Lärm verkündete Angolaprojekt— ab lehnen mußte. Man kann sich denken, mit welch schwerem Herzen sie es tat, und es muß sich schon wirklich die völlige Unbrauchbarkeit des Landes erwiesen haben, wenn sie es widerspruchslos und einstimmig^gbgelehnt hat. Man sieht an diesem Beispiel klar, daß — bei allem Schwelgen in Hoffnungen und Versprechungen — den Jtoijten doch der Mut versagt, praktisch etwas zu unternehmen. Das spricht wohl für ihr Verantwortungsgefühl, aber gegen die Realisationsmöglichkeit ihres Programmes. So bleibt es denn bei dem, was wir sagten: Die Jto ist heute eine philanthropische Organisation mit demokratischem Einschlag, und ihre Aufgaben erstrecken sich auf das Gebiet der Regulierung der" Emigration. Als solche philanthropische Emigrarionsgesellschast mag sie manches Ersprießliche leisten; als große jüdische Volksorganisation Mit dem großen Ziel der Lösung der Jüdenfrage ist sie — was seit dieser Konferenz auch offiziell ist — endgiltig dahin. Damit aber ist der eigentlich eTerritorialismusfürimmer begraben. Re-e Israel Zangwills in -er Eröffnungssitzung -er Jlo-Konferenz. (Schluß.) Stach Verlassen des Zyrenaica-Projektes. wandten wir uns Mesopotamien zu, und ich trat öffentlich für die Vereinigung aller jüdischen Parteien und Organisationen ein, behufs Erlangung eines Landes, dessen Besitz dem Programme sowohl der Zionisten wie auch der Jca und der Jto entspricht. Der Plan, zu dessen Verwirklichung diese Körperschaften eingeladen wurden, war die Erlangung der Bewässerung und Umwandlung eines Landes in ein Judenland, das heute wüst, islj einst aber sehr fruchtbar war, dessen moderne Entwicklung durch eine jüdische Bevölkerung auch ein gutes geschäftliches Unternehme» gebildet hätte, das, nach den Ergebnissen ähnlicher Unternehmungen in Indien und Aegypten zu schließen, die Wahrscheinlichkeit bot, daß es sich zumindest mit 20°/o rentiMN würde. Dieses Unternehmen ist jetzt in Ausführung begriffen, aber — durch die Türken. Die jüdischen Organisationen lehnten cs ab, .gemeinsam Vorzüge heu. Die Jca entsandte wohl eine Expedition nach Mesopotamien, hat mir jedoch ein Exemplar des Berichtes vorenthalten. Es ist. wohl wahr, mein Appell fand nicht überall ganz taube Ohren. Ein .anderer Plan, betreffend den Bau einer Eisenbahn in Mesopotamien gegen gewisse Konzessionen für jüdische Kolonisten und Einwanderer, wurde 'von einem weltberühmten Finanzier, der wie Lord Rothschild bisher in der Opposition stand, aufgenonnnen; er schrieb mir, daß er bereit sei, eine Gesellschaft mit 5 AM. Pfund zu gründen. Und um unsere Aussichten noch zu erhöhen, war mein persönlicher Freund und Mitglied unserer Geographischen Kommission, Air. Oskar Straus, zu jener Zeit Botschafter in Konstantinopel. Und dennoch verfolgte ich diesen Plan nicht weiter und ging nicht nach Konstantinopel. Warum? Weil zur selben Zeit der zionistische Führer, Herr Wolfsvhnin Konstantinopel weilte, um zu versuchen, wegen Konzessionen in Palästina Unterhandlungen anzüknüpfen. Zur selben Zeit war auch Dr. N o s s i g dort mit dem' Vorschläge, Juden in irgend einem Teil des türkischen Reiches ohne jede politische Bedingung einzuführen. Ich mochte daher die Situation nicht noch mehr komplizieren. Die Pforte konnte sich auch so schon ein hinreichend begründetes Urteil über unsere jüdische Kapazität für geschäftliche Angelegenheiten oder Politik bilden. Drei Präsidenten, die drei verschiedene Dinge verlangen, welch? Schauspiel für die Pforte. Die Schaffung eines jüdischen Heimlandes in Mesopotamien ist auch heute nicht unmöglich. Ich glaube, daß, wenn es ' in dieser politischen Lage und bei dem notorischen Geldmangel der Türken für eine geeinte Judenschaft eine Möglichkeit gibt, in Mesopotamien große Konzessionen zu erlangen, alle jüdischen Parteien zusammenarbeitcn müßten. Das Borgeheu des einen gegen den anderen kann nur Skull als Ergebnis zeitigen. Kanada wäre gleichfalls für ein Jto-Land geeignet, aber Sir Welfred Lauries erklärte mir offen, daß unser Anerbieten um 10 Jahre zu spät komme. Und gerade 10 Jahre früher hat der erste zionistische Kongreß 'stattgefunden. Selbst Australien, das sich in großer Bevölkerungsnot befindet, legt weder Großmut noch politische Klugheit an den Tag. Jahre hindurch stand ich Ar. 27 . zu australischen 'Staatsmännern und besonders zu denjenigen von Westaustralien mit seiner geringen Bevölkerung von 200000 Seelen auf einem Lande von 1 Will. Quadratmeter in Verbindung. Ein australischer Premierminister folgt dem anderen. Die Presse hört nicht aus, die Vorschläge der Jto zu diskutieren oder sie zu verleumden. Aber alle Vorschläge zerschellen an dem Widerstande Australiens gegen Ideen überhaicht. Wir wandten uns nunmehr Nord- und Südamerika zu. Unser geschätzter Kollege Üift. Joseph Fels ging nach M e x i ko und hatte mit dem damaligen Präsidenten der Republik, Diaz, eine Unterredung. Es lagen uns auch Pläne sür den Landänkäüs in Mexiko vor, darunter ein Anbot -von 2 Mllionen Zlyer in Tepic, — ein Landstrich, der scheinbar reich und gut bewässert ist, und obgleich zu klein, doch "eine Ausdehnung nicht unmöglich macht. Mer die Ungeordneten Verhältnisse im Lande haben unseren amerikanischen Konseil von der näheren Prüfung dieses Vorschlages abgehalten. Air. Fels hat auch in Paraguay Land gekauft und selbst dieses Land, das jüdischen Emigranten Beschäftigung geben und auch eine ansehnliche Kolonisation möglich machen würde, ausgesucht, — aber Paraguay ist jetzt in einen Bürgerkrieg verwickelt. Aus Brasilien wurden wir mit Plänen förmlich überschüttet, da. es sich hier um ein Land von bloß 20 Millionen Menschen handelt, welche auf einem Gebiete von drei Millionen Quadratmeilen leben. Am Tage vor meiner Abreise aus London prüfte ich den letzten dieser Vorschläge, der mir durch unseren eifrigen Kollegen Maier spielmann aus Paris zugesandt wurde. In diesem Plane wird uns vorgeschlagen, die Ausbeutung der Konzessionen der brasilianischen Eisen bah »gesell schuft in die Hand zu nehmen. Eine Kolonisation bringt Eisenbahnen mit sich, und die Eisenbahnen fördern die Kolonisation. Diese Konzessionen erwiesen sich' jedoch zu geringfügig und ohne Einheitlichkeit. Aber Brasilien mit seinen mächtigen leeren Flächen wird noch lange die letzte Hoffnung der Jto sein inüssen. Die endgiltige Auslese war jedoch nicht ganz erfolglos. Gleich Ruth fanden wir ein Ephaa voll Korn. Zwei Territorien gibt cs, welche die Eignung besitzen, - das Zufluchtsland zu werden, welches wir suchen, selbstverständlich können diese Territorien in einer öffentlichen Sitzung nicht diskutiert werden. Sie bedürfen der eingehendsten Prüfung, und was ich über sie zu sagen habe, muß daher unseren vertraulichen Sitzungen Vorbehalten bleiben. Noch ein Wort, und' ich will schließen. Es wurde behauptet, daß diese Konferenz lückenhaft sei, weil auf ihrer Tagesordnung nichts über unsere Galveston-, Tätigkeit steht. Aber das ist ein Irrtum. Das Emigrations-Regulierungs-Departement ist. eine autonome Verwaltung. Haben wir einmal ein Tiwritorium, das sich für Kolonisation in' dem Maße eignet, wie die von Galveston umsäumtc Gegend für allgemeine Einwanderung, jo ist das Problem, unser Volk auf diesem Gebiete anzufiedeln, wenn auch sicherlich viel schwieriger, doch immerhin nicht unüberwindlich. And dieselbe Or- - ganisation, die sich fähig gezeigt hat, neue Bahnen für ben Strom der Emigration unserer wandernden Massen herzustellen, wird auch nicht unfähig sein, sie in ein Jtoland einzusühren. Das Ende des Lewenstein-Prozeffes. Kopenhagen, 30. Juni. Der große Prozeß zwischen Oberrabbiner Dr. T. Lewe »stein und ^>er Repräsentantschaft der jüdischen Gemeinde hat nun seinen Abschluß gefunden. Nach fünftägiger Verhandlung hat der höchste Gerichtshof die Entscheidung des Kopenhagener Oberlandesgerichts bestätigt, jedoch so, daß die, Herrn Dr. Lewenstein zuerkannte Entschädigung von 50000 Kronen auf 80000 Kronen erhöht wurde; die Kosten des Rechtstreites in beiden Instanzen wurden der Repräsentantschaft auserlegt; den Antrag auf Wiedereinsetzung in die Rabbinerstelle*) mußte das Gericht aus juridischen Gründen ablehnen. Die Gerichtsverhandln» g hätte überall großes Aufsehen erregt, und auch in 'außerjüdischen Kreisen sah man der Entscheidung mit sehr großem Interesse entgegen. Die Zeitungen enthielten täglich mehrspaltige Berichte über den Gang der Verhandlung und die Ausführungen der beiden Anwälte, und während' der großartigen fünfstündigen Rede des Höchstengcrichtsänwältes Otto Liebe, der Herrn Dr. Lewenstein vertrat, war der Gerichtssaal des Justizpalais zum Erdrücken voll. Die Verhandlung .begann <un Montag, den 24. Juni mit der Rede des Anwaltes der Repräsentantschäft, die gegen die Entscheidung des Oberlandesgerichts Berufung eingelegt hatte. Merkwürdigerweise hatte die Repräsentantschaft der jüdischen Gemeinde einen Anwalt gewählt, der ein bekannter Anhänger der sogen, „inneren Mission" ist. Er brachte denn auch in seiner Rede seinen exklusiv christlichen Standpünkt der jüdischen Religion gegenüber unverhohlen zum Ausdruck. Wie den Lesern bekannt, bildete die Frage über Aufnahme von Prvselyten den hauptsächlich en Streitpunkt, indem Dr. LÄvenstein die Ausnahme nur unter den im SchUlchan Aruch vorgeschriebenen Bedingungen znlassen und den zweiten Rabbiner aus religiösen Gründen nicht als Mitglied des dazu nötigen Bes-Din zuziehen wollte. Seitens der Repräsentantschäst legte man nun Dr. .Lewenstein zur Last, daß er die Aufnahme von Nichtjuden zu sehr erschwert . *) Herr Dr. Lewenstein hat soeben einen Ruf nach Zürich angenommen.

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