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Neue jüdische Presse · 1912-07-12 · Heft 27 (12.7.1912) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 27 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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(Betrachtungen undVesprech ungen.) VonBen-Kohelettz. XVIII. Rabbiner Dr. Raphael Breuers Theorie über ErotikuudReligion.*) An nichts hält bekanntlich der Mensch so fest wie an seinen Jrrtümern, denn sie pflegen oft sein Persönlichstes, Eigentümlichstes zu sein. Und es ist nicht nur der Fluch der bösen Tat, immer neue zu gebären, sondern auch das Schicksal des falschen Gedankens, des Irrtums, immer neue zu erzeugen. Meist geht diese Erzeugung in progressiver Weise vor sich. Wenn der einzelne Irrtum nicht mehr haltbar erscheint, läßt man ihn nicht fallen, sondern erfindet eine — Theorie, ihn zu stützen. Dies ist die Geschichte so mancher falschen Theorien, denen man begegnet, dies auch die Geschichte von Herrn Rabbiner Dr. Raphael Breuers neuester Theorie über Erotik und Religion. Auf die vieleir Angriffe gegen seinen Komnientar zu „Schir haschirim" hin hat sich Herr Dr. Breuer flugs hingesetzt und eine.— Broschüre geschrieben mit dem Titel: „Zur Abwehr". Und da er meiner Kritik feines Kommentares ganze acht Druckseiten widmet, ist es schon eine Pflicht des Anstandes, sie nicht unerwidert zu lassen, abgesehen von allen anderen Momenten, die mich zur Erwiderung zwingen. l Was den Ton seiner Abwehr betrifft, so ist er maßvoller gehalten, lals ich es erwartete^-Wenig- I stens in den ersten 13 Seiten hat der Autor sich mit meiner Kritik beschäftigt. Von da ab scheint er I allerdings 'seine guten Vorsätze über den Häufen! geworfen zu haben. Doch da das nicht mich, soni dern die anderen Kritiker seines Kommentares be- I trifft, so überlasse ich es diesen gern, sich därluber mit ihm auseinanderzusetzen. Ich — wie gelisagt — bin, trotzdem meine Kritik gemeinsam mit! allen anderen als „Stumpfsinn", meine Bemerkungen besonders noch als „Auswüchse des Unverstandes" geschmackvoll bezeichnet werden, diesmal in Anbetracht der Umstande mit dem Tone recht zufrieden. Besonders mit einem. Die Broschüre läßt ganz den Anspruch der dem Autor sonst eigenen apodiktischen Unfehlbarkeit vermissen. Man liest schon Wendungen darin wie „Mag man auch nicht einverstanden sein", „Mag sein, daß .die Form eine verfehlte war", und ähnliche mehr. Diese Tatsache, daß dem Gegner eine andere Meinung zugebilligt wird, zeugt von einer solchen Toleranz, daß I sie mir unbegreiflich wäre, wenn mir nicht der Gedanke gekommen wäre, ob diese Toleranz nicht die Folge eines inneren Unbehagens, einer geheimew! Empfindung jft, daß die ganze Sache doch etwas schief.sei. I Doch wie auch die unbewußten Regungen des I Herrn Rabbiner sein mögen, bewußt beharrt er l auf seinem Standpunkt und. konstruiert zu seiner I Stütze sogar eine neue Theorie. Diese Theorie b'e- Itrifst aber den Zusammenhang von Erotik IUnd Religion, oder wie er sich ausdrückt, von «„religiösem Eros" und „sexuellem" Eros: (Was er «sich unter dem Ausdruck „religiöser.Eros" denkt, ist mir nicht ganz klar geworden.) „Daß.Erotik | und Religion aus einer psychischen Wurzel kei- *) Zur Ab wehr von Dr. Raphael Breuer, I Distriktsrabbiner in Aschasfenburg. 29 Seiten. Frankfurt «m Main, Gebrüder Knauer. > men, wird von jüdischer Denkart nicht bestritten." Bestritten wird nur der P a r a l l e l i s m u s beider. Vielmehr gehen die beiden Ströme, nachdem sie der einen Wurzel entkeimt sind, in entgegengesetzter Richtung auseinander. Das will aber — konkret und ohne alle Phraseologie gesprochen — sagen: Während die Religion den Menschen immer höher und höher führt, führt ihn die Liebe immer tiefer und tiefer, je heiliger alles Religiöse wird, umso gemeiner alles Erotische, bis schließlich die Religion das Symbol alles Edlen und Guten, die Erotik aber jenes alles Gemeinen und Niedrigen wird, und das Verhältnis beider wie das von Gott und Teufel ist. Die Theorie ist klar und durchaus nicht neu. Vielmehr muß .ich gestehen, sie bereits schon viel früher gehört und gelesen zu haben. Doch nicht in der Thora oder in jüdischen Schriften, vielmehr in Schriften der Kirchenväter und in frommen christlichen Traktätchen, wie sie etwa Missionare auf der Straße zu verteilen pflegen. Denn was Herr Rabbiner Dr. Breuer hier mit Emphase auseinandersetzt — in der Meinung, mich damit endgiltig zu widerlegen —, ist tzichts anderes als reine, unverfälschte christliche Gedankengänge und zwar aus der finstersten Zeit des Christentums, aus der der Kirchenväter und der mönchischen Literatur. Und wenn Herr Tr. Breuer mir in liebenswürdiger Weise das Zeugnis ausstellen zu wollen scheint, daß mein „Gefühlsleben .mit allen Merkmalen unjüdischer Assimilation behaftet ist", so kann ich das Kompliment — mich dünkt, ich darf es mit gutem Recht — ihm zurückgeben. Denn daß diese Anschauung über Liebe und Erotik christlich ist und aller jüdischen Eigenart radikal widerspricht, — wird jeder zugeben, der nur mit den elementarsten Eigenarten von Judentum und Christentum vertraut ist. Wo hat denn jemals das Judentum — ich sehe von seltenen Verirrungen der Ghettoliteratur.ab — in seiner großen Zeit das Liebesleben verworfen und degradiert? Wo hat das Judentum denn jemals in der Liebe die Verkörperung alles Bösen, ein Werk des Teufels gesehen? Predigt nicht vielmehr unser Judentum — und hier liegt ja sein größter Ruhm begründet — Freude am Leben? Sanktioniert es denn nicht das Streben nach Glück? lind ist nicht das einzige, was es fordert: Maßhalten, Selbstbeschränkung, Zügelung der Willkür? Was das Judentum will, ist, das Leben zu heiligen, zu heben, zu weihen, indem es allen seinen Aeußerungen den Stempel seiner Sittlichkeit aufdrücken will. Nie und niemals aber will es. einen natürlichen Trieb unterdrücken. Und ebenso, wie es den Erwerbstrieb, sofern er Maß.hält, sanktioniert hat, hat es auch den Liebestrieb geheiligt und geweiht, sofern er nicht zügellos wird. Erotik und.Religion sind im Judentum keine Gegensätze, das Postulat der religiösen und sittlichen Weihen der Erotik, das ist jüdisch. Erst das Christentum hat den Wahn von dem Gegensatz zwischen Lebensfreude und Ethik, Glückstreben.und Heiligkeit, Religion und Erotik proklamiert. Christlich ist es, den „sexuellen Eros" als unsittlich, zu betrachten; christlich ist, einen Vers, der „den Liebesseufzer eines sehnsüchtigen Mädchens" aüsdrückt, als „degradiert" anzusehen; .christlich ist es im „Schiir haschirim", wörtlich als Licheslied .aufgefaßt, eine Profanation der Thora zu erblicken!; christlich ist es, Forderungen zu verfechten, „deren konsequentes Zuendedenken schließlich die Abdankung aller Kunst bedeutet (man höre!!); christlich ist mit einem Worte die ganze Anschammgsweise, der Dr. Breuers Kommentar entsprungen ist. Und der. Beweis ist nicht nur der Gei st des Kommentars, sondern — als unbewußte Folge dieses Geistes nicht minder deutlich — seine Sprache. Herr Dr. Breuer erzählt in seiner Erwiderung von der religiös-sexuellen Literatur des christlichen Mittelalters, von jener schwülen Sinnlichkeit, die sich in religiösen Formen dokumentierte. Sehr richtig. Aber wissen Sie, Herr Rabbiner, welches die Ursache dieser perversen Erotik war? Nicht das „Schir haschirim" mit seiner — wenn wörtlich aufgefaßt — gesunden Erotik, wie Sie meinen, sondern das - Christentum mit seinen Anschauungen über Liebe und Erotik, jenen Anschauungen, die auch die Ihren sind. Weil das Christentum die Liebe degradierte und verwarf, war es Nur natürlich, daß der Liebestrieb der mittelalterlichen Menschen, um sich äußern zu können, das Mäntelchen der Religion sich umwarf und so Befriedigung suchte. Daher jene Perversität des erotischen Lebens des religiösen Mittelalters, jene schwüle Sinnlichkeit, die sich da äußert; man unterband die natürlichen Aeußerungsformen der Erotik, und so nahm sie die perversen an. Bei uns Inden war solches nie möglich Die Liebe durfte sich entfalten und entfaltete sich schön, naiv, natürlich und ethisch, ebenso, wie sie sich im „Schir haschirim" '— wörtlich aufgefaßt — entfaltet. Nun kamen Sie, stellten sich auf christlichen Boden und schrieben von diesem Standpunkt aus Ihren Kommentar — und das Resultat? Das Resultat war genau dasselbe, wie in dem religiöserotischen 'Leben des Mittelalters, dieselbe schwüle Sinnlichkeit, dieselbe heiße Erotik, dieselbe Widerwärtigkeit der Atmosphäre, wie sie sich — in der Sprache Ihres Kommentars äußert. Es tut mir leid, es sagen zu müssen, aber es ist so: D ie Sprache Ihres Kommentares, die Ans? jnalung der glühendsten Sinnlichkeit ist genau so abstoßend, wie die der mittelalterlichen Erotik. Und' keinen größeren Gegensatz kann ich mir denken als den zwischen der Sprache des „Schir haschirim" und der des Kommentars, zwischen der freien, naiven, ethischen Erotik des „Höhen Liedes" und der schvölen Sinnlichkeit des Kommentars. Es ist derselbe Gegensatz wie zwischen lebensfrohem Judentum und asketischem Christentum, wie Mischen den Propheten und den Kirchenvätern, wie Mischen dem Alte« Testament und den Schriften eines Paulus. Mit dieser Theorie fällt alle übrige. Argumentation zusammen; vor allem jene famose Logik, die erklärt! „So paradox es klingt: Die.positive Tendenz der Allegorie wird von der negativen ihrer Fabel als ihrer zuverlässigsten.Stütze getragen". Ich, aus dem Standpunkt des Judentums basierend, dös nicht Glauben, sondern Wissen fordert, und die Logik respektiert, kann noch immer nicht einsehen, wie ein ,,Satz, der, wörtlich aujgefaßt, eine abschreckende, negative Tendenz hat, allegorisch genommen, eine verherrlichende, positive Tendenz besitzt". In dieser Tatsache, die doch wie Sie mir zugeben, wenigstens „dem materiellen Gehalte nach", aus Ihrem Kommentar sich ergibt,, ist nicht nur nicht eine Widerlegung Ihrer Auffassung, sondern sogar deren „zuverlässigste'Stützt zu erblicken, — das ist ttrieüiec ein — christlicher

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