Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 26 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr- 26 feettt a Hermann Cohen als Jude gehört der erst e n _ Epoche an, sowohl was sein jüd. Empfinden wie auch was sein jüd. Denken betrifft. Er bedeutet vielleicht den Gipfel dieser ersten Epoche, stellt chren Höhepunkt dar; vielleicht niemand vor ihm h«U um das Judentum so tief gesonnen, so hoch gewertet, so glühend geliebt, so warm verteidigt wie er; kein jüdischer Denker der ersten Epoche hat ihn an jüdischer Gesinnung übertroffen; von allen darf er sich mit der beste Jude nennen, und doch ist er eben nur Jude der ersten Epoche, doch lastet das Schicksal dieser Epoche auch auf chm, doch ist sein Judentum nur ein halbes, nur Fragment. Auch er ist reiner Religionsjude, auch, er — damit — Assimilationsjude. Assimilationsjude allerdings in seiner edelsten Form, in feiner gewinnendsten Gestalt, in seiner schönsten Erscheinung. Ware das Judentum nur Religion, niemand' hätte es besser ersaßt als Cohen; wäre jüdisches Denken wirklich nur Religionsphilosophie — wie -man es so fälschlich, nennt —, Cohen würde unserer Größten einer sein. So, da das Judentum nicht nur Religion, sondern gleichzeitig nationale Kultur ist, da wir Juden nicht nur Religionsgemeinschaft, sondern gleichzeitig ein Volk sind, ist Cohens Judentum nur halb, nur unvollkommen. Diese Unvollkommenheit ist seine Tragik, die er gewiß nicht als solche empfinden wird, die spätere Zeiten aber als solche erkennen werden. Das Schicksal der ganzen ersten Epoche ist ihm zum Fluch geworden. Vielleicht von allen großen Juden dieser Epoche hat niemand so viel innere Anlage zum ganzen, vollen Juden besessen wie Cohen, war vielleicht niemand so prädestiniert ivie er, das volle, .ganze Judentum philosophisch zu konzipieren, wie er, der im Fühlen so begeisterte Jude, der jeden Juden wie einen Bruder liebt, dem das Judentum das Teuerste im Leben ist, der mit dem Leiden jedes Juden mitleidet und mitklagt, der im Gefühle, in den unbewußten Regungen seiner Seele seinem jüd. Systeme Lügen straft und ihn im Unbewußten auch national empfinden läßt; begrifflich, in seinem Denken hat er sich nicht von. seiner Epoche emanzipieren können; er war zu spät geboren, um Jude der zweiten Epoche werden zu können. Und man muß die ganze Grüße seines Geistes kennen, um zN ermessen, welche Tragik, welches Unglück das fiir ihn, für uns, für das Judentum bedeutet. Und diese Tragik gewinnt an Intensität, an Stärke, wemr man von der allgemeinen Betrachtung seines jüdischen Denkens zur einzelnen Würdigung .seiner Gedanken übergeht. Selten hat ein großer jüdischer Denker so viel, 's» intensiv,, so tief über sein Judentum nachgedäicht wie Cohen, selten aber auch ein großer jüdischer Denker so viele Jrrtümer drangen wie Cohen. Das wichtigste irr seinem Judentum Mutet uns nicht .jüdisch an: Sein abstrakter, metaphysischer Gottesbegriff ist nicht der Gott der Bibel, seine Kant'schc autonome Ethik ist nicht die Ethik der Thora, sein rein religiöser Messianismus ist nicht der Messianismus 8er Propheten, seine Auffassung vom Wesen des Prophetcntums ist nicht die jüdische, sein Standpunkt zum jüdischen Gesetz ist nicht der des Talmuds, seine Definition des Begriffes Jude ist nicht die des wcchren Juden, wohin man schaut, sieht man es: welche Tiefe des Verständnisseswelche Hoheit der Gedanken, welche Größe des Jdeenmaterials, und bei alledem das Endresultat: - ein großer Irrtum. Der Tragik des Emanzipationsjudentums hat auch er, gerade er, seinen Tribut zollen müssen. Wenn wir darum heute zu seinem 70. Geburtstage Cohen gegenübertreten, so geschieht es 'mit dem Empfinden tieffter Ehrfurcht vor seiner, Größe, innigster Liebe zu seiner echt jüdischen Gestalt, wärmster Dankbarkeit für all das Große, was er trotz alledem, für das'Judentum nach außen wie nach innen hin geleistet hat ans der einen Seite, vollen Schmerzes aber über das Schicksal, das ihn als' jüdischen Denker treffen muß.und wird, auf der anderen Seite. Doch keine Regung des Vorwurfs darf, kann ihn treffen. Es war sein Schicksock, Jude der ersten Epoche ziu bleiben; das Größte, was ihm darin möglich war, hat er geleistet und erreicht.. Mag sein Ergebnis unrichtig sein, mag sein jüdisches Denken Jrrtümer gefunden haben, seine .Absicht, sein Wille war der beste und edelste, lind' dies ist ja schließlich das Entscheidende: „Irren ist menschlich/^. Und wer wie wir Juden hat solches Verständnis'für diesen Sätz. Sehr richtig sagt Cohen: Das Entscheidende, lehrt das Judentum, ist die Reinheit der Gesinnung. Und diese, hat Cohen besessen wie wenige, sehr wenige nur vor und mit ihm. Mag uns darum sein Judentum nicht so maßgebend. dünken, mag uns seine jüdische Gedankenarbeit in ihren Ergebnissen vielfach vergeblich! erscheinen, beugen wir uns dennochl vor dem großen, edlen, stolzen und selbstbewußten Juden Cohen; und wo alle Welt ihm zu seinem 70. Geburtstage die wärmsten Ciefühle der Ehrfurcht, der Dankbarkeit, der Liebe entgegenbringt, wollen und müssen wir Juden an erster Stelle stehen, 'und aus dem Lobeschor, den das intellektuelle Europa ihm zu Ehren anstimmt, soll und muß unser Lob uiid unsere Stimme als die lauteste und begeisterstc hcrausschallen. 2. Zum Todestage Theodor Herzls. Obwohl schon acht Jahre seit Herzls Tode dahin find, hat dieHerzlseiervochnicht jenen trägen, müden, inhaltslosen Charakter angenommen, den die alljährliche Gewohnheit sonst mit Notwendigkeit verlecht. Dies ist eine äußerst bemerkenswerte! und interessante Erscheinung; eine Erscheinung, die auf zwiefacher Ursache beruht. Es gibt ztvei Arten von Feiern. Bei der einen, der häufigen, gewöhnlichen Art, feiert man die historische Persönlichkeit, die bereits gewesen und dahin ist, mit der inan eigentlich keinen internen, seelischen Zusantmenhang hat, die man nur feiert, weil es die Pietät, der Respekt, die historische Gerechtigkeit gebietet. Diese Art von Feiern ist kalt, steif, akademisch; . man erfüllteben nur eine Pflicht. Solche Feier geben aber auch nichts, sind wirkungslos auf die, die sie begehen; sie entspringen nicht tiefem, inneren Bedürfnis und sprechen nicht zu der Seele. Die andere Art von Feiern ist ganz anderer Natur. Es ist'die Feier, bieder tiefsten Seele entspringt, die Feier zw Ehren von Menschen, die, physisch tot, geistig jedoch weiterlcben und wirken, zu denen man noch inneren Konnex hot, die noch aktive Kräfte, positive Faktoren find. Bei solchen Feiern feiert man nicht nur die historische Persönlichkeit, sondern letzten Endes sich selbst, feiert man jene Ideale, die der Held aufgestellt hat und denen man selbst nachstrebt; diese Feier sind mehr z!u .Ehren einer Idee wie einer einzelnen Gestalt. Nur von diesen, aber geht auch, eine lebendige Wirkung aus, nur sie beeinflussen, erheben, reinigen, läutern die Seele. Zu dieser Kategorie zählen unsere Herzlfeier. In Herzl feiern wir uns selbst, feiern wir die Idee des wiedererwachten Judentums. Und jebe Herzlfeier ist uns eine Art von Selbstbeichte, von Rückschau, von Selbstprüfung. An ihr messen wir unseren Zustand an unseren! Ideale, reinigen wir uns von den Schlacken, die der Alltag ihm zugesügt hat und geben wir ihm seinen alten, ursprünglichen Glanz wieder. Dies ist die eine tiefe Ursache für die iminer neue, stets sich gleichbleibende Liebe und Begeisterung, mit der wir Herzl zu feiern pflegen. Die andere Ursache ruht in der Gestalt Herzls und seiner Nachwirkung. Ein jeder große Mensch macht gewöhnlich zwei Entwicklungen durch: die eine in seinem Leben, die andere nach seinem Tode. Da erst, da all das Kleinliche, das das Leben mit sich bringt, mit ihm ins Grab sinkt, das Tieffte und Große aber umso - reiner strahlt, beginnt der Held einen neuen Entwicklungsgang zur Höhe hin, wird er von Jahr zü Jahr reiner und größer, und je größer die Distanz von ihm wird, umso leuchtender seine Erscheinung. Auch diese Entwicklung hat wie alle anderen ihren Höhepunkt und ihr Ende. Und an der Größe, an der Dauer dieses Entwicklungsganges kann man die Größe der Persönlichkeit erst messen. Herzls Entwicklungsgang befindet sich noch! in aufsteigender Tendenz, Er wird immer größer und höher, — und darum jedes Jahr, im Taurus, wenn wir wieder dazu schreiten, eine Herzlfeier zu begehen, ist es ein anderer, ein neuer, ein größerer und höherer Herzl, den wir. feiern. Dies ist eben das Schicksal aller Großen nach ihrem Tode: sie wachsen weit Wer die Grenzen hinaus, die ihr irdisches Wirken und' .Dasein umschlossen haben, und Träger einzelner Ideen während ihres Lebens, werden sie Repräsentanten umfassender Menschheitsgedanken für die Nachwelt. Acht Jahre find erst nach Herzls Tode dahin, und schon kann man dies an ihm wahrnehmen. Wenn wir Herzl nennen, ist er uns schier nicht mehr in erster Linie der Organisator einey großen Bewegung im Juden tu m, er 'ist uns vor allem dcr/Typus des-zum Jud entum zurückkehrenden Juden, der Repräsentant der ncuerwachten Judentums., Uns, die wir heute die Assimilation im 19. Jahrhundert ruhiger, objektiver, historischer zu betrachten und zu beobachten gelernt haben, die wir wissen, .daß die Assimilation in ihrer Zeit eine Notwendigkeit war, ein- Uebel, .daß überwunden werden mußte, uns ist Theodor Herzl das Symbol, die Verkörperung des modernen, dem Ghettq entwichenen I n d c n t u m s. Vom Ghetto über die Assimilation zum wiedergcfundeuen, reicheren und umfassenderen Judentum! Dies ist der Entwicklungsgang des modernen Judentums überhaupt, dies ist der Entwicklungsgang Theodor Herzls. Er hatte den Weg der Rückkehr in sich am stärksten und reinsten vorgezeichnet, und darin ruht seine gewaltigste Bedeutung. Für oder wider Herzl heißt heute fast nicht mehr — und in Zukunft wird cs immer deutlicher werden — für oder wider den Zionismus, sondern für oder wider den Willen zur Rückkehr zum Judentum. Wir sagen: den Willen. Dieser allein ist Herzls Erbe. Er selbst hat die Rückkehr nicht zu Ende vollführcn können, er selbst ist nicht bis an jhr Ziel gelangt; er zeigt uns den Willen, nicht die Vollendung,, er ist uns ein Programm, nicht ein Ziel, er zeigt uns den Beginn des Weges, nicht sein Ende. Denn er ist vor allem Persönlichkeit, und dies will heißen: Wille. Nicht den Denker, nicht den Dichter, nicht den Schriftsteller Herzl feiern wir; sie verschwinden vor der Größe seiner.Persönlichkeit. Körper gewordener Wille zur Rückkehr zum Judentum, damit aber Rückkehr vom degenerierten Menschentum des Assimilationsjuden z u m v o l - len, gesunden, reinenMensche nt u m d e s zurückgekehrten Juden, dies ist Herzls Gestalt, ist Herzls Bedeutung. So aber wird er zum Vorbild für das gesamte jüdische Volk. Und es ist keine leere Hoffnung, die wir hegen, daß der Tag nicht nrehr fern ist, da nicht nur Zionisten Herzlfeier veranstalten werden, sondern da sich alleJuden, die zum Judentum zurück wollen, in der Feier zu Herzls Andenken finden und einigen werden. Dann erst wird seine Gestalt ihre Lanze Wirkung ausüben können, die Wirkung, die alle großen Persönlichkeiten üben: Einigungspunkte für ihr Volk zu sein. Nichts bindet ein Volk so sehr wie die gemeinsamen Feier seiner Helden. An der Feier, an der Verehrung, an der Liebe zu Herz! wird sich das jüdische Volk zuerst wiederfinden, und so wird — wundersames Spiel der Geschichte — der tote Herzl das erreichen, was dem lebenden nicht vergönnt gewesen war: die Einigung der Jndenheit im Willen zum Judentum! Rede Israel Zaugwill's itt der Eröffnungssitzung der Jto-Konserevz. (Im Auszug.) Es ist hier nicht der Ort, des Näheren auf die Gründe einzugehen, weshalb die Jto den Besch Ugandas nicht zu erlangen vermochte: es ist die alte böse Geschichte von der Opposition seitens der Jude» selbst. Aber auch meine weitern, umfassenderen Vorschläge, daß die Juden das ganze Britisch-Ostafrika, ein Areal von 200000 Quadratnleilen, gewissermaßen als ein britisches Jude« zur Verfügung erhalten, wurden dazumal sowohl von Mr. Jos. Chamberlain als auch von seinem politischen Gegner Winston Churchill Akzeptiert. In dem von uns als Manuskript herausgegebenen Blaubuch findet'sich die Geschichte dieser Transaktion und der allmählichen Abwendung von diesem Projekt, die teilweise in der Befürchtung erfolgte, daß unsere jungjüdische Zivilisation ans Negerarbeit basiert sein könnte. In der ersten Jto-Konserenz in London (1906) wurde der Kvnseil her britischen Sektion mit der gigantischen Arbeit betraut, die Möglichkeiten für die Gewinnung eines Jto-Landes. ausfindig zu machen. Es. wurde mit dem Namen „Geographische Kommission" ein internationales Fünfer-Konritee — Lord Rothschild, Handels- Minister a. D.Oskar Straus, Dr. Paul Nathan , James Simon und 'Professor Dr. Mandelstnmm