Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 26 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 — gewählt, das hinsichtlich! der besten Projekte Vorschläge zn unterbreiten hatte. Seit jener Zeit hat die Erfahrung alle Sektionen der Jto zur TleberzeugUng gebracht, daß die vorherige Sicherung eines Territoriums mit einer politischen Garantie, rind mag sie die beste sein, nicht der einzige Weg ist, nm ein. Jto-Land' zu schaffen, daß vielmehr bei Berücksichtigung der Vorurteil? seitens der Inden sowohl, als -seitens der Nichijuden ein leichterer, zum Ziele führender Weg darin besteht, den jüdischen Emigrationsfhwm in ein unbewohntes oder wenig bevölkertes Land zn lenken, bis die Einwanderer liind ihre Nachkommen die Majorität der Bevölkerung bilden würden. Wir studierten die Unentwickelten Landteile in Argentinien, Australien, Bolivien, Brasilien, Britisch-Ostafrika, Kanada, Columbia, Mesopotamien, Nevada, Idaho, Paraguay, Rhodesien und Tripolis, wir prüften die politischen Bedingungen in diesen Ländern, und wir traten in einzelnen Fällen in Vorverhandlungen mit den Regierungen und Privatbesitzern ein. Am 31. Juli 1907, der zweiten Jahreswende unserer Gründung, unterbreitete die Leitung der britischen Sektion den Mitgliedern der Geographischen Kommission ein Bläulich, welches die Ergebnisse ihrer Arbeit enthielt und von allen seinen 31 Mitgliedern, beginnend mit dem Finanzsekretär des britischen Amtes für Indien Mr. Lionell Abrahams und schließend mit Lucien Wolf und!,„ir einmütig unterzeichnet wurde. Dieser Bericht empfahl tzie Kolonisierung der Zyrenaica oder im Cventualsalle von Mesopotamien. Das erstere Projekt sollte auf Grund einer dringlichen politischen Unterhandlung mit dem damaligen weitausblickenden Gouverneur von Tripolis R e d j e b P a s ch a, der die Ansprüche Italiens auf Tripolis fürchtete, versucht werden. Aus diesein Grunde wurde 1908 eine wissenschaftliche Expedition nach dem bisher verbotenen Lande des Zyrenaica entsendet. Die Expedition stand unter der Führung des hervorragenden Forschers und Geologen Professor Gregory. In dieser Zeit brach die türkische Revolution aus, Redjeb Pascha wurde als Kricgsminister nach Konstantinopel berufen 'und starb bei seiner Ankunft in Konstantinopel eines bis heute noch unaufgeklärten Todes. Professor Dr. Gregorys Bericht, der seither eine klassische Autorität über Zyrenaica geworden, ist, fand die Zyrenaica wohl sehr gesund und mit teilweise sehr gutem Boden, jedoch zu wasserarm für eine große jüdische Kolonisation. Ich denke, unser Vorgehen in Angelegenheit des Zyrcnaica-Projektes gibt uns Anspruch auf das Vertrauen des gesamten 'Judentums. Niemand ist in der Lage, schlechteres über Angola oder —, besseres über Palästina zu sagen, als er im Verlaufe der Verhandlungen von dieser Tribüne herab zu hören bekommen wird. Liber ich kann jenes Fraktionsunwesen nicht bitter genug beklagen, das jede Regung einer Bemühung', nnserm Volk zu helfen, umdüstert, verbittert und frustriert. Parteienpolitik mag wohl sehr gut sein für lSölker, die im Wohlstände leben. Aber es ist kein Platz für sie inmitten eines landlosen, verfolgten Volkes. Inter uns sollte es bloß Brüderlichkeit i n d gemeinsame, vereinte Beratungen eben. (Schluß folgt'. Aus aller Well. Deutsches Reich. Berlin. Die aus Anlaß der 109. Wiederkehr des Geburtstages Ludwig Philippsons von der Synagogen-Gelmeinde Magdeburg ins Leben gerufene' 1 Ludwig Philippson-Gedächtnisstifung, pst nunmehr offiziell in die Verwaltung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums übergegangen. r Das Stiftungskapital beträgt nahezu 9000 Mark, ^iese Summe ist aufgebracht worden von 48 Gemeinden. Töte Erträgnisse der Stiftung sollen dazu verivandt Iwerden, ftm gediegene, allgemein verständliche Schriften, »die zur Aufklärung über Juden und Judentum dienen, »unentgeltlich oder zu mäßigen Preisen zu verbreiten, litt erster Reihe.an kleine, bedürftige Gemeinden, deren »Schulen und Beamte, sowie an Vereine und Institutionen »zur Erziehung und Förderung der jüdischen Jugend. I Berlin. Anläßlich des 70. Geburtstages »des Philosophen Hermann Cohen, ordentl. »Professors an der Universität Marburg, stiftete Siegfried Brünn 1100000 M für einen Hermann Cohen-Lehr- [ft«f)I an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums.!>er Lehrstuhl ist der systematischen Religionsphilvsophie Igcwidmet. ' Berlin. - Dem Halbjahresbericht der Gesellschaft zur Förderung der.Wissenschaft des Judentums Entnehmen wir: ' Die Zahl der Mitglieder ist wieder gestiegen und Izwar um 140, so baß die Berichtsperwde mit einem »Bestand von rund 1500 Mitgliedern abschließt. I Großen Beifall. ernteten die. kostenlos an sämtliche »Mitglieder verseilten zweibändigen „Gesammelten lAbhandlnngen von Ludwig Philippson", die I dessen Söhne aus' Anlaß der 100. Wiederkehr seines »Geburtstages heransgegeben und in einer 'größeren An- Izahl von Exemplaren der Gesellschaft zur Verfügung »gestellt hatten. Auch nenhinzntretenoe Mtglieder xri halten das Werk noch nachgeliesert. I Die Gesellschaft hat neu herausgegeben die Schrift: •Jan Müller, Die jüdische Katakombe am »Monte der de zu Rom. Sie läßt" in den nächsten kcmckkweker N««KlWeS gigfenM Seite 3. Tagen neu erscheinen einen Bortrag von Dr. I. Elbogen über Ludwig Philippson und den 3. Band der bedeutsamen „Talmudischen Archäologie" von Prof. Dr. S. Kranß-Wien. Ferner kündigt die Gesellschaft das Erscheinen der „Geschichte des Synagogenknltus" von Dr. I. Elbogen für den nächsten Herbst und die Herausgabe des ersten Heftes des von dem verstorbenen Lektor M. Friedm a n n - Wien bearbeiteten S i f r a .an. Der Ausschuß der Gesellschaft hat am 24. Juni eine Sitzung abgehalten, in der beschlossen wurde, demnächst mit dem Drucke des ersten Bandes der kritischen Ausgabe der M i s ch n a, des ersten Bandes der Germania Jndat.ca und des 2. Bandes des Maimonideswerkes zn beginnen. Ferner faßte der Ausschuß einige für den „Grundriß der Ge-, samtw issenschaft des Judentums" bedcu.same Beschlüsse. Er ergänzte den bisherigen Entwmirf durch die Aufnahme einer Reihe neuer Teilwerke, und die Bildung einer besonderen Gruppe von Werken unter dem Gesamttitel „Das Judentum und die Religio n e n" und genehmigte nach den Vorschlägen einer besonderen Komniission die Uebertragung einer größeren Reihe von Teilwerken an bedeutende Gelehrte. Auch hat der Ausschuß wieder einer größeren Anzahl von Vereinen und Wissenschaftlern namhafte Subventionen bewilligt. Die nächste Generalversammlung wird voraussichtlich in Breslau stattfinden. Oesterreich-Ungar«. * Wien. Die Monatsschrift „Der jüd. Handelsangestellte" schreibt: ^Auch die Wiener Börse ist eine jener dem Handel dienenden Korporationen, in denen für jüd. Angestellte kein Platz ist, da' sie bei der Aufnahme von Beamten erst nach dem Taufschein und dann erst nach der Fähigkeit fragt. .... Daß auch der Taufschein Bedingung bei' der Aufnahme eines Beamten ist, ist empörend. Wir brauchen uns ja nur den Börsenrat, die maßgebende Instanz für die Aufnahme von Beamten, anzusehen, nm dieses Urteil gerechtfertigt zu finden. Da sitzen im Börsenrat Leute, mit den nrgerinanischen Namen Bachrach, Boschan, Engel, Feldmann, Kolisch, Kraus, Pflaum, Popper (der Encharisten-Popper), ferner 3 Stern e tutti quanti und schließlich auch Herr Wilhelm Anninger, der, wenn wir uns nicht sehr irren, Präsident der österr. israel. Union gewesen ist. Wir wissen, daß die Mitglieder des hohen Börsenrates vom Rathaus-Antisemitismus und vom wirtschaftlichen Antisemitismus sehr wenig zn fürchten haben, also Mitgefühl für den lediglich auf die Verwertung seiner Arbeitskraft angewiesenen Juden (den der wirtschaftliche Antisemitismus die Möglichkeit dieser Verwertung in furchtbarer Weise erschwert), diesen Leuten nicht selbstverständlich erscheinen muß. Wenn die Herren aber nicht die Ohrfeige, die sie sich selbst in ihre feisten Gesichter versetzen, .spüren, dann wollen wir ihnen sagen, wie unsäglich erbärmlich und würdelos ihr Vorgehen ist. Wir verlangen von niemandem, oocf); von jüdischen Börsenräten -nickst, Gnaden oder Privilegien, was wir aber fordern, ist Gleichberechtigung und gleiche Behandlung." Wien. Hier traf eine Deputation jüdischekaufmännischer Verein aus Lemberg, Przemysl, Tarnow und Krakau ein, nm in Sachen der beabsichtigten Verschärfung der Sonntagsruhe und des Siebe nnhrladenschlnsses den Polenklub des Reichsrats zn bitten, die gefährdeten Interessen der jüdischen Kaufniannschaft Galiziens zu vertreten. Wien. Im Handelssaal ist mit etwa 200 Delegierten und Gästen der „Jto"-Kongreh eröffnet Ivorden. Begrüßungsansprachen hielten n. a. Samuel Engel, Vorsitzender der Jtogruppe Wien> Knltusvorsteher Dr. Kohn, Dr. Rappaport, Oberrabbiner Dr. Güdemann n. Rabb. Dr. Fenchtwang. Wien. Der „Jto"-Kongreß hat bezüglich des Angola-Projekts die Resolution angenommen, es möge Portugal für sein Anerbieten, durch das es das Gedenken der Vertreibung der Inden Portugals im Bewußtsein der heutigen Judenheit etwas mildert, gedankt werden, doch sei das Anerbieten abznlehnen. „Die Konferenz bedauert, daß infolge des' ungeregelten, geometrisch noch nicht vermessenen und auch sonst nicht ungefährlichen Zustandes des Landes wie auch mit Rücksicht auf die klimatischen Schwierigkeiten und die hohen Lebens-'und Arbeitskosten es ihr nicht möglich ist, einzelnen Kolonisten zu empfehlen, eine Aufgabe auf sich zn nehmen» die nur von einer mit den nötigen Machtmitteln und Garantien ausgerüsteten Organisation mit Erfolg durchgeführt werden kann." Der Kongreß schloß, ohne in der Ansiedlungsfrage den auswandernden jiidischen Massen etwas zu geben. Kommissionen werden weiter die Frage studieren. Ein Finanzinstttut wurde gegründet, für das gleich 200000 Mark gezeichnet wurden. Die Delegierten besuchten Herzls Grab. Hier hielt Zangwill eine Ansprache, in der er den Wunsch ausspxach, daß die beiden Erben von Herzls Idealen', die Territorialisten und die Zionisten, Hand in Hand gehen oder wenigstens, in einem friedlichen Verhältnis - stehen m öchten. Rußland. Petersburg. Safonow überreichte dem amerikanischen Botschafter die Meinungsäußerung der russischen Regierung betreffs . der Erneuerung des im vorigen .Jahre gekündigten russisch-amerikanischen Hajndeksv er träges. In dem Schriftstück wird ausgeführt, daß es für die russische Regierung eine Sache der Unmöglichkeit sei, die Beschränkungen für die nach Rußland reisenden Juden amerikanischer Staatsangehörigkeit aufzuheben. So sehr Rußland den Vereinigten Staaten entgegenznkommen wünsche, könne es in diesem Punkte, der seine wichtigsten staatlichen Interessen berühre, keinerlei Zugeständnisse machen. —> Bekanntlich hat der S e n a t in einer seiner jüngsten Sitzungen die Bestimnrnngen des russischen Dumawahlgesetzes dahin ausgelegt, daß die Inden, denen der Aufenthalt außerhalb des Ansiedlungsrayons nur „bedingungsweise" gestattet ist, vom Wahlrecht ausgeschlossen bleiben. Ans Grund dieser „Erläuterung" gehen z. B. die zahlreichen jüdischen Handwerker, die außerhalb des Ansiedlungsrayons wohnen dürfen, sofern sie ihr Handwerk ansüben, des Wahlrechts verlusttg. Wahlberechtigt bleiben außerhalb der Ansässigkeitszone mir die absolvierten jüdischen Akademiker und die. Kaufleute erster Gilde. Demzufolge verlieren das Wahlrecht n. a. in Petersburg 6000 jüdische Wähler, in Moskau ungefähr die gleiche Zahl, in Kiew 7000, in Charkow etwa 1000 usw. Von der Entziehung des Wahlrechts werden auch viele jüdische Zahnärzte, Chirurgen und Pharmazeuten betroffen. — Wie die oppositionellen Zeitungen berichten, geht die „Erläuterung" des Senats auf einen Beschluß der im Mai d. I. in Petersburg abgehaltenen Konferenz der Gouverneure zurück, die einberufen wurde, nm über die „Mache" der bevorstehenden Dnmawahlen zu beraten. Großbritannien. London. Der Wahlausschuß hat bezüglich der Chief Rabbi-Wahl beschlossen, noch Rabbiner Dr. B. D r achm an-Rewyork zum Probepredigcn cinzuladen und dann zwischen diesem, Dr. I. H. Hertz - Rewyork und Dajan Dr. M. H y a m s o n - London zu wählen. Es erscheint sehr fraglich, ob Dr. Dr achm an der Einladung Folge leistet. Die Wahl einer der beiden anderen Herren würde das Ende des Chief -Rabbinats bedeuten, denn dieses kann mir durch eine überragende Persönlichkeit erhalten werden. Deni Dr. Hyamjon hat die Art, wie er für sich persönlich agitiert, viele Sympathien verscherzt. „Jewish Chronicle" schlägt vor, Rabbiner Dr. Posnanski -Warschau, der das Englische beherrscht, zn berufen. Personalien n. Kleine Mitteilungen. Berlin. Prof. Dr. Otto Warschauer wurde zum Honorarprofessor an der technischen Hochschule ernannt. König i. Odenwald. Im 98. Lebensjahre verschied dahier Frau Witwe Esther Ehirmann, eine echt jüdische Frau im schönsten Sinne des Wortes. Ihr Ansehen bei Juden Und Richtjuden bewies die ungewöhnlich große Beteiligung an der letzten Ehrung. Nachrufe hielten Lehrer Ka hin-Höchst und Rabb. Dr. Marx- Äarmstadt. (b.) Posen. In Schlimm versuchte der Einjährig- Freiwillige Friedeberg, welcher in Zwistigketten mit seinem Korporalschaftsführer geraten war, am Grabe seiner Mutter durch Erschießen seinem Leben ein Ende zn machen. Kaiifmanir Barnch Rot holz, welcher von Schwersenz nach Posen übergesiedelt ist, feierte seinen 70. Geburtstag. Ans diesem Anlaß wurden ihm aus Schwersenz Glückwunschadressen seitens des Vorstandes der Synagogen-Gemeinde und des jüdischen Krankenvereins übermittelt. Breslau. Im 84. Lebensjahre verschied Louis Bnrgfeld, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde. Ms Vorsitzender der Arnienkommisston hat er sich besonders nm die Armen verdient gemacht. Sein Vermögen von rund einer Aiillion Mark hat Bnrgfeld zur Hälfte zur 'Errichtung eines Heims für jüd. Lehrerinnen, zur anderen Hälfte für andere humanitäre Zwecke vermacht. Wien. Zum Präsidenten der Baron Hirsch'schen Schnlstiftnng für Galizien wurde Dr. Adolf Stein,Rechtsanwalt der Familie Rothschild und Vater eines getauften Sohnes, gewählt. Die Berechtigung dieses Herrn zn Diesem Posten ist rätselhaft. Wie». Hoftat Dr. Theodor Gomperz, der vor kurzem seinen 80. Geburtstag feierte, wird, einer Einladung folgend, im November d. I. im College deFrance in Paris einenBortragszhklus über die Lehren Platos halten. Budapest. Bor einigen Jahren war Graf Paul Szapary Gouverneur von Fiume, und da die dortige Judengemeinde eine neue Synagoge Lauen wollte, bat der Rabbiner den Grafen, er möchte ihm einige Empfehlungen an reiche Glaubensgenossen in Budapest geben. Graf Szapary gab ihm Empfehlungen an Baron Albert Wodianer, an Baron Harkany und noch einige gewesene Glaubensgenossen des Rabbiners. — Ein gleicher Fall hat sich jetzt ereignet. Eine lleine, oberungarische- Gemeinde will einen Tempel bauen und entsendet deshalb einige Delegierte nach hier, um bei reichen Glaubensgenossen nm Beiträge vorznsprechen. Da erinnerte sich einer der Delegierten an einen ehemaligen Schulkollegen, der jetzt Geistlicher ist. Den bat er um Empfehlungen. Der Geistliche gab ihm Empfehilungen. an etwa 30 Bndapester Einwohner, an Denen er selbst in der letzten Zeit die Taufe vollzogen Hatte. Diese wurden nun von den Delegierten der Reihe nach angegangen, aber überall begegneten sie sehr unangenehm überraschten Mienen. Wenn ein Jude sich einmal hat taufen lassen, läßt