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Neue jüdische Presse · 1912-07-05 · Heft 26 (5.7.1912) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 26 (5.7.1912)
Date
1912-07-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einen großen Stadtteil in ein Dorf verwandelt. — Die Sperrung der juridischen Laufbahn für die Inden.. — Die neue Wendung in der Affäre In stschins ki. , Die im Schlepptau der „nationalistischen" Kartei sichbefindenden Minister scheinen ans uns Juden alle Hunde losgelassen zu haben. Nicht nur, das; alle veralteten Ausnahmegesetze herausgekramt und mit aller Strenge angewendct werden, es ergießen sich auch die neuen Erlasse und Verordmmgen ivie arls einem Füllhorn; säst jeder Tag bringt eine neue Begrenzung. Die Politik des „stillen" -'Pogroms tut sich besonders kund in massenhaften Ausweisungen der Juden auch aus solchen Orten, wo sie Jahrzehnte lang,, ansässig waren, in immer größeren Beschränkungen im Handel und Wandel, in äußerst rigoroser Anrvcndung der berühmten „Prozentnorm" in B^ug ans das Bildungsrecht usw. Bemerkenswert für diese Politik ist, daß sie weniger den Stempel eines Systems als den eines Racheaktes an sichträgt, der Rache dafür, daß sich auch Juden an der Revolution beteiligt hatten. Dadurch nur erklären sich viele Maßnahmen, welche durch keine antisemitische Logik, durch keine „Abwehr der Judenherrschast" gerechtfertigt werden können. Bei einem solchen Wind in den oberen Regionen geht es natürlich unten noch viel stürmischer zu. Wie weit die Willkür und Unverschämtheit der Beamten geht, soll folgendes Beispiel zeigen: In dem. berühmten Meßplatze Nischni- Rowgorod wollte es dem Gouverneur Chwostow. durchaus nicht gefallen, daß die jüdischen Kauflente erster Gilde am Jahrmarktsplatz ihre eigenen Bauten und Läden besäßet!, wie es ihnen gesetzlich erlaubt ist. Er erklärte daher den Jahrmarktsplatz zu einem Dorfe, — und in einein Dorfe dürfen Juden bekanntlich keine Immobilien besitzen. Einen ganzen Stadtteil, den der Jahrmarktsplatz bildet, in ein Dorf umzutaufen, das ist.dasselbe, wie einen Vogel in einen Affen zu verwandeln. Trotzdem hat der hohe Senat diese einzigartige Verfügung bestätigt. Vor der „konstitutionellen" Aera war wenigstens eine Institution im Lande, welche sich durch Unparteilichkeit auszeichnete und auch in Bezug ans die Juden Gerechtigkeit walten ließ: der Senat, die höchste Gerichtsinstanz im Lande. Dieser pflegte immer den Knäuel der verwickelten „Judengesetzgebung" mit chm geziemender olympischer Ruhe und -Unparteilichkeit auseinanderznwickeln. Dadurch war der Willkür der örtlichen Behörden ein Damm gesetzt und den Juden eine gewisse Erleichterung geschaffen. Jetzt aber stehen die Dinge ganz anders. Der Senat, welcher seit Stolypin zum Werkzeug in den Händen der Regierung sich erniedrigte, ist auch in der Judenfrage ganz dem Einfluß des Justizministers verfallen. Wenn er in früheren Jahren eine Art Lüftungsventil in der schwülen Atmosphäre der .russischen Wirklichkeit bildete, so. ist er jetzt gerade das Gegenteil davon. Appellierte einst ein) Jude an den Senat, so holte er sich dort meistenteils Gerechtigkeit, heutzutage weiß er es im voraus, daß .seine Sache dort verloren ist. Noch mehr. Der Senat ist zur Werkstätte der neuesten Rechtsbeschränkungen der Juden geworden. Durch seine verschiedenen „Erläuterungen" zu den oft sehr unklaren Ausnahmegesetzen gegen die Juden hat er ihnen das Leben noch schwerer gemacht. Auch die Minister bedienen sich feiner, um neue Begrenzungen für die Juden, deren Bestätigung durch die gesetzgebenden Kammern nicht sicher oder unbequem ist, durchzufiihren. So geschah es auch vor ungefähr drei Monaten mit der neuen Verordnung über die jiidischen Referendare, welche die völlige Aussperrung Per Juden vom Advokatenstande bedeutet. Für diejenigen, welche mit den Ausnahmegesetzen Rußlands in Bezug auf die Juden unbekannt sind, muß ich vorausschicken, daß es schon längst dem jüdischen Referendar nicht gestattet ist, gleich seinen christlichen Kollegen Rechtsanwalt zu lverden. Er benötigt dazu einer besonderen Erlaubnis des Justiz-Ministers, welche je nach der allgemeinen Stimmung der Regierung gegeben oder v'orenthalten wird. In den letzten fünf Jahren traf dieser Segen von oben das Haupt eines Juden 'immer seltener, uni schließlich ganz auszubleiben. Diese Begrenzung, welche bereits 25 Jcchre besteht, galt bisher nur in Bezug auf die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft: Referendar*), aber durfte jeder jüdische Rechtskandidat werden. Auf diese .Weise' bildete sich unter den Juden eine Klasse „ewiger" Referendare, welche als Concipienten bei Rechtsanwälten oder sonst auf Umwegen ihr küntmerlichcs Brot verdienen müssen. ' Wie kläglich auch die Lage dieser Leute ist, der Regierung schien sie noch viel zu gut für die Juden. Der Senat war es, welcher auf Vorstellung des durch seine Judenfrcsserei bekannten Justizministers S ch t s ch e g l o w i t o w die „Erklärung" erließ, daß die oben genannte Begrenzung der Juden im Zutritt zum Anwaltsstand auch auf den Stand der Referendare sich zu beziehen hat. Mithin darf kein jüdischer Rechtskandidat ohne besondere Erlaubnis des Justizministers Referendar werden, was unter den gegebenen Umstäuden einem völligen Verbot gleichkommt. Da diese „Erklärung" des Senats kein neues Gesetz, sondern nur die Erläuterung eines alten bildet, so hat sie auch rückwirkende Kraft. Demnach sollen anchj..die schon vorhandenen jüdischen Referendare, deren Zahl ca. 3000 beträgt, aus dem Stande ausgeschlossen werden. Zwar sind seitens einiger Rechtsanwalts-Körperschaften bei der Regierung Schritte unternommen worden, die schon vorhandenen Referendare in ihrem Berufe bestehen zu lassen; es ist jedoch sehr fraglich, ob die Bemüh ungen etwas helfen. Zum Schlüsse noch ein Wort zu der traurigen K i e w e r Affäre. Trotz aller Machenschaften sind endlichdie Mörder des Knaben Juschtschinsky entdeckt worden. Doch die Regierung macht sich immer Noch nicht zur Vollstreckerin der Gerechtigkeit. Die von Brasul angezeigten Teilnehmer der Mordtat befinden sich noch immer auf freiem Fuße, außer denjenigen, welche wegen anderer' Verbrechen in Haft sind. Die vereinzelten Schritte, welche von der Prokuratur im Interesse einer neuen Ausforschung gemacht werden, sind sehr langsam und träge. Man muß annehmen, daß, wenn die Befreiung von B ei l is überhaupt beschlossen werden soll,**) es nicht in Bälde geschieht. Es wird wohl kaum vor den Wahlen in die vierte Reichsdüma, welche im *) In Rußland nennt man es: Gehilfe des vereidigten Rechtsanwalts. **) Wie soeben telegraphisch mitgeteilt wird, hat der Justizminister wenigstens — dem Antrag Rechtsanwalts Grnsenberg entsprechend — eine neue Untersuchung anberaumt. D. Redakt. Herbst Vorkommen werden, der Affäre ein Ende ' gemacht werden. Es liegt ja wchrscheinlich nt der Absicht der machthabenden Kreise, die Juden während der bevorstehenden Wahlkampagne unter dem Alpdruck dieser blutigen Affäre zu halten, um ihnen die Lust am Wählen zu nehmen. Daß inzwischen ein unschuldiger, völlig zusanrmengebrochener Greis int einsamen Kerker schmachtet, — wer kümmert sich darum? Ist es ja doch nur ein Jude! —r—r—r. Aus den Ereignissen des Tages. 1. Zum 70. Geburtstag Herma»» Cohens. Am 4. Juli feierte Hermanu Cohen seinen - 70. Geburtstag, der seine besondere Bedeutung noch dadtrrch, erhält, daß diese Feier mit dem Abschluß seiner akademischen Wirksamkeit etwa zusammenfällt; bekanntlich, zieht sich mit dein Ende dieses Semesters Cohen von seiner Lehrtätigkeit an . der Marburger Nniversität zurück. Wenn wir Juden als Juden Herntann Cohen ivürdigcn wollen, so interessiert uns in erster Linie der große Philosoph Cohen, der Denker, der ein eigenes großes System der Philosophie geschaffen, der bahnbrechend war im Verständnis der Kant--) scheu Philosophie, der den Weg zur richtigen Erkenntnis der Platonischen Jdeenlehre gewiesen hak; interessiert uns auch nijchi in erster Linie der Mensch Cohen, die abgeglichenc, harmonische - Persönlichkeit, den die anderen als einen modernen stoischen Weisen, wir Juden aber einen modernen Talmud-Chochom nennen können; uns interessiert ) vor allem einmal der Jude Cohen in seinem jüd. Denken, der Mann, der in eigenartiger Weise Las Judentum konzipiert und dargestellt hat, uns ini teressiert Cohen, eingestellt in die Entwicklungs- - reche der jüdischen Religionsphilophie von Saadj« Gaon bis auf unsere Tage. i lind dies noch aus einem anderen Grunde..; Vor dem Philosophen Cohen wird sich jeder ohne j weiteres ehrfürchtig beugen, mag er sein Schüler I oder Gegner sein, vor dem großen Jdeensystem j seines Geistes wird jeder Ehrfurcht empfinden; zu - dem Menschen Cohen wird gleichfalls jeder mit Bewunderung aufschauen. Eine Würdigung, sofern man unter Würdigung ein Mwägen des Für und Wider, eine Vermengung von Lob und Kritik per-- j steht, ist für uns nur bei der Betrachtung des A Juden Cohen möglich. * 4 Alle moderne jüdische Geschichte des westenro- \ päischen Judentums wird stets in zwei Epochen zerfallen, tntb unter dem Gesichtspunkte dieser - zwei Epochen betrachtet werden müssen: die eine 1 ist die der jüdischen Emanzipation, ihr : Weg geht vom Judentum zur modernen Kultur; - die andere die der jüd. Wiedergeburt, ihre» . Bahn läuft von der modernen Kultur zum Judentum zurück. Die erste Epoche ist die der jüdischen Halbheit. Große Juden haben in ihr gewirkt, Großes haben sie geschaffen, und.doch ist : es stets nur Halbes, was sie schufen. Halbes, weil " sie nur Halbes schaffen konnten. Dies ist das Schicksal, dies ist die Tragik dieser Epoche jm jüd. Leben. Ganzes, Einheitliches, Vollkommenes in jüd. Hinsicht wird nur die zweite Massen können, die „ zweite, die sich in unseren Tagen anbähnt, aber , noch nicht so weit ist, daß sie etwas GanzesÜe- . : reits hätte erzeugen können.

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