Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 25 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25. 4. int schönsten Sinne des Wortes, ist int jugendliche» Alter von 30 Jahren einem schweren Leiden erlegen. vowum. J niz at £> . gr ntennctn, Bo-suen^-r des Verbandes der Synagogengemeinde Westfalens, ist verschieden. <l,.> Po,en. Marie Rvsenitein Wwe., eine übe aus fromme und wohltätige Frau, ist — 86 Jahre alt — verschieden. Wien Mi Bör'enrat Adolf Land es berg er, Direktor der Anglobank, ist eine sympathische, begabte' Persönlichkeit verschieden. —. Ministerialkonzipist Dr. Ernst Fried mann ist znm anßerordentl. öfsentl. Professor für römisches Recht an der Rechtsakademie in Kassa ernannt worden und Leopold Etting er, Einzelproknrist der Firma Samuel Taussig Söhne, zum kaiserl. Rat. Budapest. Auf dem neuen israelitischen Friedhofe wurde der ehemalige Bassist des königl. Ungar. Opernhauses Richard Erdös bestattet. — Der Dienstmann Natan Schönfeld, der seit 43 Jahren seinen Beruf versieht, erhielt das silberne Der dien st kreuz. Der eine von Schönfelds Schwiegersöhnen ist Direktor der Ottomanbank in Konstantinopel. Meran. Sanitätsrat Dr. Rapbael Hausmann, groß als Arzt und groß als Mensch, ist nicht mehr. Ihm verdankt Meran seinen 'Weltruf, ihm verdanken die imponierenden jüdischen Institutionen Merans ihr Entstehen. Sanitätsrat Dr. Hausmann, der vor 46 Jahren als anfgegebener Patient nach hier kam, hat ein Alter von 76 Jahren erreicht. London -Marc Aurel Stein, der bekannte Erforscher Kaschmirs und Chinesisch-Turkestans, ist in den Baronettstand erhoben worben. Rom. Die Juden in der italienischen Armee. — Mehrere Juden nehmen sehr hohe militärische Stellungen ein, so General Ottolen ghi, Divisionsgeneral Coen-Livorno,Divisionsgeneral Carpi. Zahlreiche jüdische Offiziere und Soldaten kämpfen in Tripolis. Leutnant Levi Biandisni nahm unter sehr schwierigen Umständen ein Blockhaus in Benghasi, Kapitän Angelo Frank leistete beim Angriff ans Tobruk Hervorragendes und Hauptmann Pugliesa vor Benghasi. Rew-Aork. Im vorigen Jahr überschritten hier 24 Inden das hundertste Lebensjahr. Samuel Esstein wurde 107 Jahr, Fanny Feldmann 112 Jahr nnd Esther Davis gar 117 Jahr. Gerda. Novelle aus dem chassidischen Leben. Bon Terese Po mer anz-Elberfeld. (Fortsetzung.) „Deck verstche ich ganz gut, Fräulein, ich Weiß buch ein Liedchen vom Men zu singen, wir werden schon zusammen passen." Er umfaßte sie und wollte sie küssen. „Unverschämter, hinaus!" Gerda machte sich frei und stieß den ungebildeten Menschen von sich und verließ das Zimmer. Draußen traf sie mit Frau Schwiegermama in spe zusammen, die Gecka um eine Unterredung bat. „Gnädige Frau, es ist überMssig, ich werde niemals die Fcau Ihres Sohnes, ich liebe einen andern!" „Doch, doch-, liebes Kind, Du wirst chn auch licken, ihn licken viele, man . Kind. — So höre doch, Gerdale, mein Sohn ist ein ganz moderner jünger -Mann, unter uns, Gerdale, Dein Vater braucht es ja nicht zu wissen, Dein Vater ist ja so fromm, aber mein Samuck — Gerdale — ichhabe Last, daß er dawent, also ganz vollständig aufgcklärt." Ein Ekel erfaßte das junge Mädchen vor Mutter und Sohn. Als Rck Mordechai hinzukam, kam Gerda gar nicht zu Worte. Die Frau rief ihm schon „Mechutten" entgegen, „ich, und' Gerdale sind schon die besten Freundinnen!" Der schriftliche Berlobungsvertrag wurde verlesen, man schlug etwas feines Porzellan entzwei und bot sich „Maseltow"! Mles eine Werk von wenigen Minuten. Gerda stand da wie hypnotisiert, unfähig e'was zu denken. Man setzte sich zu Tisch, und ein fast königliches Mckhl wurde aufgetragen. Gerda rührte nichts an. Sie kam wie aus Mer Ohnmacht langsam wieder zu sich, und als sie wieder fähig war zu denken, da war es ihr klar, daß sie kein Unrecht begehen würo«; wenn sie das Vaterhaus verließ, denn um keinen Preis der Welt konnte sie die Frau dieses „vollständig Aufgeklärten" werden. Es war nach Mitternacht, als die Gäste sich verabschicketen. Laser Rubin konnte mit seiner Familie eine Badereise Antreten. Vergnügt rieb er sich die Hände. - ,Hier habe ich-wicker einmal „Siheker mit Schlamassel" zusammengckracht," sagte er zu 'seiner Frau, ,Hie meschuggene Daitschke und dieser Luftikus,'dieser Schürzenjäger, passen zusammen." „Sag', Papa, hast Du Dich auch richtig erkundigt, wem Du mich anhängen willst?" „Ich, verbitte mir diesen Ton, ich habe jetzt gerade genug mit Dir durchgemacht! Es ist nicht, wie ich glaubte, geheim geblieben! Nun, wo es mir noch gelungen ist, in eine j ü d i s ch e Familie hereinzukommen, spricht sie noch von „anhängen"! Israel hat. keinen Bruder für Dich und wenn er einen hätte, würde er Dich ckensowenig wie Du ihn nehmen! Dieser ist cken kein Chassid, ober ein jüdischer junger Mann aus gutem Hause, das muß Dir genügen! Nimm endlich Vernunft an, Kind, ich werde Dich schon nicht wegwerfen." * Rck ^Mordechai hatte eine kurze BraMzeit vereinbart Er Lachte, je eher er Gerda unter der Haube hatte, desto sicherer war ec. - „Komm, Gerdale, suche Dir Deine Aussteuer ans, komm, sei wieder mein braves Kind." Hier Uig der Vater ein Etui aus der Tasche und zeigte Gerda eine wundervolle, Mt Brillanten besetzte Herremchr mit einer goldenen Kette, an der sich ein Medaillon mit ihrem Bildnis, sie als kleines Kind darstellend, befand. „Das ist das Geschenk für Deinen Bräutigam, Gerda!" Hier konnte das junge Mädchen sich nicht länger halten. ,J0, Papa, schicke es licker Richard! Dieser da verdient es nicht!" „Hoffentlich höre ich zum letzten Male diesen Namen von Deinen Lippen, hörst Du, Gerda? Du stehst vier Wochen vor Deiner Verheiratung, denke daran!" * Es war der Schabbos vor dev Hochzeit, den man in Galizien Las „Vorspiel" nennt, und der dem deutschen Polterabend gleicht. Alle Tanten mid Cousinen aus den Nachlargütern waren gekommen. Tante Sarah meinte: „Du hast noch mehr Glück als Verstand, Gitsche, Tu machst noch eine glänzende Partie für ein Mädchen mir einer Vergangenheit!" „Inwiefern bin ich denn ein Mädchen mit einer Vergangenheit?" „Ja nun, muß es Dir denn erst gesagt werden? Ich denke. Du weißt, was in imseren Kreisen ein Sichverlickeir heißt!" - „Ich dächte, Tante Sarah, Du wüßtest etwas anderes; was Du mir sagst, ist' ja die Gegenwart und nicht die Vergangenheit!" Tante Sprinze legte die Finger an die Lippen und winkte Frau Sarah zu schweigen. Unter vier Augen sagte sie ihr: „Wir können nach Gomck benschen. Solche Heldinnen sind schon oft zur Taufe geschritten, wenn sie ihren Willen nicht bekamen." Gerda ließ alles mit sich geschahen. Tante Sprite übernahm die religiösen Vorbereitungen mit der Braut und war erstaunt, wie willig Gerda alles befolgte. Aber auch jenseits der deutschen Grenze regten sich fleißige Hände zu Dr. Richard Oppenheimers stiller Hochzeit. Tante Cäcilie richtete eine hübsche Wohnung ein. „Die Braut ist eine Waise, und" das Trauerjahr ist noch nicht herum," log Fräulein Oppenheimer. * Am Hochzeitsmorgen wollte Reb Mordechai alles vergessen. Er atmete erleichtert auf, Latz er den heutigen Tag erlckt hatte. Er ging hinauf und wollte seinem Töchterchen guten Morgen nnd Maseltow sagen. Er -klopfte an die Tür: „Gerdale, Kind, mach' auf, Tein Vater mochte Dir Maseltow bieten, heute ist ja Dein Hochzeitstag!" Er klopfte und klopfte, aber keine Antwort erfolgte. Bon bösen Ahnungen getrieben, ließ er Las Schloß öffnen, — das Nest war leer, das Bögelchen ausgeslogen. Ein Brief lag von ihr La, von der Ungeratenen. Lieber Papa! Zürne mir nicht! Vergib mir! Ich konnte nicht anders! Heute ist mein Hochzeitstag, Über mit Richard Oppenheimer, und nicht mit dem anderen. . Es bittet Dich auf den Knieen um Verzeihung Deine Gerda. Hier fiel der stolze, reiche Mann uM vor Wch', ward aber nicht ohnmächtig, weinte nur wie ein geprügelter Knabe, dicke. Heiße 'Tränen rollten in den wvhlgepflegten Bart hinein. Er wollte fluchen, wollte verwünschen, es gelang - ihm nicht Sein Jüngstes, sein Liebling, hatte heute Hochzeit, ohne Vater» ohne Mutter, ohne. Verwandte. Wie mußte der Mann sie . lieben, der sie so nahm. Eine Dankbarkeit gegen diesen. Mann übcrkam ihn! Er schüttelte jckoch gleich jede weiche Regung von sich! Nein! Gerda tat doch- Unrecht, das. durfte sie ihm doch nicht antun! . Depeschen wurden nach allen Himmelsrichtungen abgesandt: „Hochzeit verschoben!", und er selbst flüchtete zu Leitschen. Hier cmpsingeir ihn Borwürfe über Vorwürfe. „Eine solche unjüdische Erziehung paßt für eines Ildvokaten Töchter, aber nicht für eine chassidische!" Sein Schwiegersohn weigerte sich, ihn zu empsangen, bedeutete ihm vielmehr, daß dies für ihn ■ ein Scheidungsgrund sei, denn wenn sich ein Rabbi! hcrnnterläßt, .sich mit einer balbatischen Tochter zu vermählen, sei eine makellose Familie die erste Bedingung. Leitsche weinte bittere Tränen. Israel ließ sich mit Mühe Iveitere 5000 Gulden zustecken mit dem festen Versprechen, daß die Ungeratene enterbt und totgcsagt wecken sollte. Znni Greise gebückt und mit gebrochenem Herzen reiste Rck Mordechai nach Hause. * Gerda wurde von Tante Cäcilie in ihre neue Wohnung gebracht. Der Trauung folgte eine Keine Abendgesellschaft, das Brautpaar hatte dann eine kurze Reise unternommen, — der erste Rausch war vorbei. Nun hatte Gerda Zeit zum Nachdenken! Sie mußte sich anstrengen, um sich jede Einzelheit > seit dem Verlassen des väterlichen Hauses ins Gedächtnis zurückzurufen, obwohl seitdem erst 10 Tage verflossen waren! Wie anders, wie ganz anders war doch Leitschens Hochzeit gewesen, fast wie in einem Fürstenhanse war es zugegangen,-— und sie,'Gerda! Ach Gott! Wie ein Waisenmädchen hatte sie geheiratet! Und' ihr armer Vater? Wie mag er tms Leid getragen haben? Ach! . Wenn es ihr nur je gelingen wücke, seine Verzeihung zu erbitten, sie nwllte gern auf alles I verzichten! I Wenn Richard sie wirklich liebte, woran sie gar I nicht zu zweifeln brauchte, würde er ihr sicher helfen, I dem Vater das Angetane abzübttten!! „Gecka, Schatz, warum so traurig?" | „Gar nicht, Richard, von traurig sein ist keine! Rede, nur die erste Bitte von der ersten Stunde an! I Wenn Du mich lick hast, so hilf' mir, Papa zu I versöhnen!" . I Chane schrick ihr, es wäre noch eben möglich ge-1 wesen, durch Telegramme die Gäste am Kommen zu! verhindern. 'Aber der Papa sehe sehr schlecht ans, und! es bräche ihr schier das Herz, wenn sie Len Herrn sähe, I er sei nnr 20 Jahre gealtert! I O! ivie gern wäre Gecka zu ihm geeilt, um sich! zu .seinen Füßen zu werfen und ' seine Verzeihung zu I erflehen! I Aber Richard wollte nichjs davon wissen! „Was bildet sich solch ein Pollack wohl ein?" schrie er eines Tages seine Frau an. Die junge Frau brach unter diesen Worten, wie von einem Peitschenhieb getroffen, zusammen. (Fortsetzung folgt.) flnKillKiiiscIiB Tits und Pincsnez I Grosse Auswahl in amerik. und deutscher Optik. I J. W. Albert, Ecke Nene Maimerstr. ll. Weiafranenatr. 11, | Das Unterbrochene Schläfchen. Von Edward Elisen. I Aus dem Englischen übersetzt von E. G. I Maische bcn Aaron war Witwer geworden, und mit seinen 72 Jahren fühlte er den Verlust seiner Ehefrau I sehr schmerzlich. Mein konnte er nicht leben, deshalb I begab er sich in das Haus seines einzigen Kindes, einer verheirateten Tochter. Er hoffte, sie für die geringe»I Kosten, die sein Lebensunterhalt erforderte, zu entschädigen, indem er die Kinder warten nnd'leichtere häuslich« Arbeiten verrichten half. Manche fühlen sich mit 72 Fahren noch recht kräftig. Doch Moisches Lebenskraft war im harten Kampf ums Dasein verbraucht worden. Sein gebeugtes und grauhaarige- Haupt machten ihn um etwa 10 Jahre älter anssehen, als er wirtlich war. Drei Jahre vergingen. Die Kinder wurden größer und brauchten nicht länger mehr der geringen Sorgfalt, die er ihnen angedeihen lassen konnte. ' Auch war er zu schwach, als daß sie ihn bei ihren -Spielen verwenden konnten. Seine Tochter, die von ihren häuslichen Arbetten gänzlich in Anspruch genommen wurde, konnte ihm nur geringe Aufmerksamkeit schenken. So blieb ihm nur ein Platz übrig, der für ihn einen .Trost'barg: die Synagoge.