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Neue jüdische Presse · 1912-06-28 · Heft 25 (28.6.1912) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 25 (28.6.1912)
Date
1912-06-28
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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. Seite 5. Hr. 55. Er war stets für das erste Minjan zu haben. Er pflegte dann stundenlang mit zwei oder drei anderen Altersgenossen dort zn bleiben. Sie diskutierten über den Talmud und stellten kunstgerecht scharfsinnige Bemerkungen einander entgegen. Später berührte die Unterhaltung die alltäglichen Ereignisse, und ost riesen sie vergangene Zeiten in ,)hre Erinnerung zurück, Zeiten, da sie noch jung waren, Taten, die sie einst geplant und nicht vollendeten. Junges Blut hat keine Zeit, vergangenen Trännien nachzuhängen. Erst, wenn es das Alter erreicht hat, erkennt es seine umsonst vergeudeten Kräfte; — aber, ach, zu spät! — Die Synagoge war Moisches Heim. Selbst am Frei- .tag Abend Pflegte er — bald allein, bald mit einem oder zwei anderen — in der Synagoge zn bleiben n»d beim Lichte der Sabbatkerzen zu lernen. Es war ungefähr Mitte September. Die hohen Festtage Ware» herangenaht, und es traf sich so, daß Roschhaschonoh am Freitag Abend begann. Moische kam, wie es seine Gewohnheit tvar, früh und brachte seinen Kittel mit. Dann setzte er sich auf seinen Platz, der sich am Ende einer Bank, nahe der Wand, befand. Seinen Kittel legte er unter seinen gepolsterten Sitz. Der Schammes, der bald nach ihm kam,- grüßte ihn freundlich und beschäftigte sich dann damit, nachzusehen, ob alles in Ordnung war. Er prüfte besonders das Schofar und legte es derart, daß man es leicht erreichen konnte, obgleich es nicht vor Sonntag gebraucht wurde, da das Schofar-Blasen am Sabbat verboten ist. Die Gemeinde versammelte sich. In kurzer Zeit war das Gotteshaus gedrängt voll. Ernst lauschte man dem Abendgebet. Bange Gefühle bewegen an einem solchen Tage das Gemüt eines denkenden. Menschen. Moische grübelte. Er war alt. Wer konnte sagen, was ihm das' neue Jahr bringen würde? — — So vertieft war er in seinen Gedanken, daß er nicht benierkte, wie der Gottesdienst sein Ende erreichte und die Gemeinde dem Ausgang zueilte. Außer den Sabbatkerzen und dcnr NLr Tomid brannte kein Licht in der Synagoge. — Moische öffnete die Augen, gähnte, streckte sich, nahm dann ein großes Sefer aus seinen! Pult und legte es geöffnet vor sich hin. Während er seinen Körper hin und herbewegtc, sann er bald .tiefsinnig über den Inhalt des Gelesenen nach. Seine an das Halbdunkel gewöhnten Augen ivaren imstande, auch bei dieser schwachen Beleuchtung zu lesen. Dann und wann, wenn ihm ein Satz schwieriger schien, hielt er mit dem Schaukeln inne nno blickte schärfer in das Buch. Darauf las er dieselbe Stelle noch einmal, bis sie.ihm klar wurde und begann dann, seinen Körper in schaukelnde Bewegung zu setzen. Nach und nach wurde das Schaukeln langsanier und weniger häufig. Die Augenlider fielen ihm zu,. einen Arm legte er quer über das Buch, und allmählich sank sein Kopf darauf.-Moische war eingeschlafen.'- * Die Zeitungen hatten das Herannahen des jüdischen Neujahrsfestes angekündigt und schilderten in glänzenden Farben den Reichtum der prächtig geschmückten Gotteshäuser. Diese Notiz las auch ein junger Neger, dessen Debet größer als sein Kredit war. Was war natürlicher, als daß er auf den Gedanken kam, sein Gleichgewicht ohne großes Risiko wieder herzustellen. Da er in der Nachbarschaft der Synagoge, in der Moische weilte, wohnte, dachte er, daß dieses Gotteshaus für seine Zwecke so gut paßte wie irgend ein anderes und prüfte sorgfältig das Terrain. Ungefähr nm 1 Uhr des Morgens näherte er sich dem Gebäude. Kein Mensch war weit und breit zu sehen. So lief er denn schnell in ein Gäßchen, von wo er leicht zn dem Erdgeschoß der Synagoge gelangte. Eins, zwei, drei — war die Umrahmung eines der Fenster ausgeschnitten und er im dunklen Raum. Langsanl' bewegte er sich auf dein Flur. Langsam tappte er sich durch das Zimmer, in dem gewöhnlich an Wochentagen der Gottesdienst abgehalten wurde. Dann ging er einige Stufen hinauf, und nun befand er sich in dem Raume, in welchem der feierliche Gottesdienst stattfand. Da er ein Neuling war und nicht erwartete, um diese Zeit irgend einen Menschen anzutresfen, gab er wciiig Obacht auf seine Umgebung. Er hielt nur Umschau nach einem Wertgegenstand, den ihm die Sabbätkerzen schnell verrieten. — Sein Herz schlug heftig, als er die zwei großen silbernen Kandelaber erblickte. — „Sterben! am Schabbos!" — Moische erwachte mit einem Ruck. Er hatte von einem nächtlichen Einbrüche geträumt, und der Gedanke, den Sabbat mit einem so schweren Verbrechen zu entweihen, hatte ihn mehr erregt, als das Verbrechen selbst, Der Dieb befand sich ans der anderen Seite des Raumes. Er versuchte, den Kandelaber loszuschrauben und hatte die leisen Worte, die der Schlafende in seinem Traume murmelte, nicht gehört. „Ach Träume," flüsterte Moische, sich die Augen reibend. Doch der schwere Atem des Negers, der bei seinem Versuch, den Kandelaber, der an dem Lesepult befestigt war, zu lösen, keinen Erfolg hatte, schlug au sein Ohr. Jetzt sah er mit .Schrecken die Wirklichkeit. Was sollte er tun? Sein gebrechlicher Körper war dein starken jungen Menschen nicht gewachsen. Sollte er um Hilfe rufen? Aber wie? Wer hätte seinen schwachen Hilfeschrei hören können? Und wie konnte er zu der Tür gelangen? Bei irgend einem Versuche sich zu bewegen, würde ein einziger Schlag des Diebes ihn schnell in eine andere Sphäre befördern, aus der wiederzukommen wenig Aussicht vorhanden war. Doch etwas mußte geschehen! Sein Blut kochte in ihm bei dem Gedanken, daß dieser Raub gerade an einem. Schabbos und Rosch-haschonyh sein mußte. Eine. Frankfurter Jsraelitffches FamMeicklatk. Stimme in ihm rief: „Tne etwas", während sein schwacher Körper über ihn zn spotten schien und ihm zu bleiben befahl. Einige Sekunden lang beobachtete er den Dieb bei seiner Arbeit. —Nein! Nein! — Er wollte nicht müßig dabei sitzen und zusehen, wie sein „Heim" entweiht wurde. Mag kommen, ivas da will, er ivollte es wagen und kämpfen! In einer starken Anspannung aller seiner 5krüfte glitt seine Hand unter seinen Sitz und betastete sein Talis. — Er hatte. es! — — Es war verwegen, seiit Leben in seine schwachen Hände zu nehmen. Weil» der Räuber bewaffnet wäre! Ob Leben oder Tod! Er wollte cs versuchen. Langsam ließ er seinen Körper zwischen den Bänken niedergleiten, setzte sich auf den Boden, zog seinen Kittel unter seinem Sitz hervor und zog ihn an. Dann bedeckte er Kopf und Arme mit seinein Talis und kroch bis ans Ende der langen Bank. Sich schnell emporrichtend, die Arme gespenstcrhaft ansbreitcnd, stieß er jetzt einen lauten und langen Schrei ans. Der Neger hatte gerade den silbernen Kandelaber aus seiner Befestigung ' gelöst, als der «chrei ertönte und ihn in der Arbeit einhalten und aufblicken ließ. „Geister! Mein Gott! Geister!" schrie er. Der Kandelaber fiel nnt einem - lauten Krachen auf das Pult. „Heiliger Gott, rette mich, — rette mich!" Der Dieb tvar wie festgewurzelt, sein Gesicht wurde bleich, sein Körper zitterte wie Espenlanb, während seine Augen derart hervorquollen, als ob sie aus ihren Höhlen springen wollten. „Ach, bitte! tu'' mir nichts," wimmerte er. Moische verstand nichts; war er doch selbst tötlich erschrocken. Als er aber sein Opfer in einem ähnlichen Zustande sah, wurde er mutiger. Er schritt dorthin, wo er den Schammes hatte das Schofar hinlegen sehen, indem er dann und wann Töne ausstieß und sein Talis schüttelte. Er ergriff es mit einer drohenden Bewegung und ging ans den Dieb los. Dieser, aller seiner Sinne beraubt, fiel wie eine leblose Masse zn Boden mit schauinigem Mund und rollenden Augen. „Töte, töte mich nicht!" stieß er hervor. „Ich will mich bessern, ich will Jude werden!" „Was redet er?" murmelte Moische. Er fürchtete, daß seine Verkleidung in jeden! Augenblicke erkannt und er ergriffen tvcrden würde. Deshalb schlug er einen hastigen Rückzug ein, ging rückwärts der Tür zn, sein Schofar in der Hand und fortgesetzt dieselben Töne ausstoßend. 'Seine geisterhafte Erscheinung schien sein auf dem Boden liegendes' Opfer zu bannen. Plötzlich stieß Moische scharf gegen eine Bank. Dieser Stoß warf ihn in seiner nervösen Furcht nieder, sein Talis fiel ihm vom Kopf, er erwischte'es aber schnell und stürzte auf die Tür los. Er glaubte, daß seine verzweifelte Lage die scheinbare Gesetzesübertretung rechtfertigte und blies langgezogene Töne ans dem Schofar. Einmal, zweimal, dreimal! — ,/Oh weh!" rief der Schammes, als er die Schofar- Töne hörte und sprang aus dem Bett. Er dachte, er hätte so fest geschlafen, daß er den Gottesdienst versäumt hätte. Er rieb sich die Augen. — Es war noch dunkel. — Noch ein Schofar-Ton! „Am Schabbos Schofarblasen?" sagte Moische und blies noch einmal. Die Töne lockten mehrere Polizisten und zahlreiche Menschen ans den Schauplatz. „Was ist los?" rief der Schammes. „Ein Dieb," erwiderte Moische und wies mit dem Schofar in der Richtung nach dem Neger. „Wer?" rief der Schammes, aber Moische tvar nicht mehr imstande zu antworten. Er fiel in die Arme seines Freundes. Die Polizisten stürzten ins Gebäude, wo sie den starren Körper des Negers fanden. Die Augen hatte er geöffnet. — Eine Sanitätswache wurde herbeigeholt. Aber nur mit großer Mühe gelang es den Samaritern, ihn aus seiner. Erstarrung zu erwecken. „Geister! Schafft sie fort! Geister!" winselte er. „Dich werden wir sortschaffen," erwiderten die Polizisten. Das Lied. Von Salamon Dembitzer,*) (Uebersetzt von Tr. Hugo Zucker mann.) Von fern her klagt ein traurig Lied . Es schweigt die blaue Sommernacht Und lauscht des fernen Liedes Klang, Sein Singe» wiegt sich übers Feld, Ter unbewölkte Himmel staunt Mit klaren Augen in die Welt. v Wie Kinderbeten ist verklärt Die Nacht. Seit sie das Lied gehört. Wiegt selig sie ein goldner Traum; Das Singen wandert übers Feld, Und unbetvegt lauscht Busch und Baum. Was sagt, was klagt, was weint das Lied Und stöhnt sein Leid ins Ohr der Nacht? *1 Bon Dembitzer erscheint demnächst bei Är. Franz Ledermann-Berlin unter dem Titel „Schwarze Blätter" eine größer« Gedichtsammlung. Die Titelzeichnung zu diesem Buche hat E. M. Luten entworfen. Es sind von Dembitzer bereits erschienen-: ,^8erloirene Welten" und,Mm meine Tag." - Ward irgendwo ein Traum verlacht, Ter still in einer Brust geglüht? Wer weiß, ob nicht mit schlankem Fuß Ein Mädchen folgt dem müden Rufen, Es ist vielleicht der letzte Gruß Und klingt von Gottes Tempelstufen. Wer weiß, mag sein, es irrt im Ries Ein bleiches Kind, das sich verlief. Mit schwarzen Augen, abgrundtief. In denen lang das Weinen schlief. Das jetzt sich hat gelöst im Lied, Ein Kind, das vor dein Leben bangt. Ein Herz, das in der Fremde krankt. Und leise zieht, Ein wehes Lied, Eiil Abschiedslied . . .! Es schweigt die 'Nacht, Still liegt die Welt, Von ferne klagt ein traurig Lied, Sein Singen wiegt sich übers Feld. Vielleicht erträumt ein alter Mann Ten Jugendtraum vergangner Zeit, Und sieht die Veilchen ausgestreut Und weint, Iveil seine Zeit verrann. Und iveil versunken ist sein Glück. Und weint sich in den Trauni zurück . .l Vielleicht ist dieser alte Mann Vom Kämpfen stumpf, vom Leiden müd, Ter nichts dein Leben abgeivmin. Als wie ein einz'ges Klagelied. Wer iveiß, vielleicht liegt irgendwo Ein abgehärmtes Weib im Stroh, Und neben ihr liegt Seit an Seit Ein armes, nacktes Kind und schreit, Toch keiner hört es als die Wand, Und niil dem letzten Seufzer schied Tie Mutter in das dunkle Land, Und leis entschwand Das Schlummerlied. Das Schlummerlied. Es schweigt die Nacht, Ein Singen segelt übers Feld, Von fern her klingt ein traurig Lied, Und wiegt die Welt in Träumen . . .! " ' XofttamisXotetfaiL _ > Einziges rituelles Hotel auf Haus l. Bange?, den Nordseeinseln. 80 Zimmer. Massige Pensionspreise. Kaiser Friedrich Quelle. - Offenbach a. X. —— Gegen Gicht and Rheumatismus bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Friedrich Stahl» . Frankfurt a. M., StaUburgstr. 0. Tel. 250 u. 714. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Iwacb.) Samstag, den 20. Juni (--- 14. Tamus): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 8 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 0 Uhr 40 Min. in Berlin 9 Uhr 35 Min. Wochenabschnitt: Bolvk. — Bolok, der Moabiter-, könig, hat Angst vor Israel und sendet Boten zum heidnischen Propheten Bileam in Mdjan, der durch seines Mundes Fluch Israel unschädlich machen soll. Gott verbietet, mit Boloks ^sandten zu gehen. Der Moabiterkönig sendet wiederum Boten. Unter Vorbehalt darf .: Bileam mit ihnen gehen. Ein Engel stellt sich ihm hindernd in den Weg. Die Eselin sieht ihn, weicht mehrmals aus, wird dafür von Bileam geschlagen. Gott . öffnet ihren Mund, sie macht Bileam Vorwürfe. Er erblickt nun den Engel, will nmkehren, doch zn spät; ' seine Gewalt ist. unterbunden. Bolok holt , voll Unge- ' duld den Bileam ab, führt ihn auf verschiedene Höhen, von denen aus er das Lager Israels sehen konntet Bolok opfert jedesmal, Bileam aber segnet Israel drei-' mal nnt den herrlichsten Worten. (Darunter das bekannte Matauwn nsw.). Verzweifelt schlägt Bolok die Hände zusammen. Bileam gibt seine Ohnmacht zn. Bor dem Weggehen gibt er den listigen Rat, Israel zum Tlbfall zn verführen, und zwar durch Einladung zn Götzenmahlen. Dies geschieht. Sie vermischen Fich mtt den heidnischen Moabitern und Midjanitern. Selbst ein Stammfürst — Simrr — zeigt offen . seinen Abfall. 24000 Mann 'starben daran» an einer Seuche. Pinchas, Eleasars Sohn, erstach in heiligem Eifer Simri, ebenst» dessen Frau. Gottes Zorn wendet sich. Pinchas wirb der Friedensbünd Gottes zugesichert. 30

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