Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 25 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28. Leite L Nicht nur, daß er auf feinen Gütern und in den Siedlungen der von ihm geförderten Gesellschaften eine große, im stetigen Wachsen begriffene -Zahl von jüdischen Arbeitern beschäftigt, er hat sich auch der Arbeiterfürsorge in den Kolonien zugewandt und kann auf diesem Gebiete bereits auf bedeutende Erfolge Hinweisen. In den Kolonien Petach Tikwah und Chedera hat er mit einem Kostenaufwand von Frs. 40,000 ftir die unverheirateten Arbeiter Heime gegründet, an deren weitcren Ausbau jetzt geschritten wird. Durch eine Spende des Ing. Salomon H alp er i n aus Kiew in Höhe von Frs. 30,000 wird er in die Lage versetzt, ein großes Heini in der Siedlungsgenossenfchaft Herchawja sowie Einzelhäuser für aschkenasische und yemenitische Arbeiterfamilien zu bauen. Der Bau von zwölf yemenitischen Häusern in Petach Tikwah und von drei Häusern für aschkenasische Arbeiter, gleichfalls in Petach Tikwah- .oder in Chedera, soll demnächst in Angriff genomiiicn werden. Bekanntlich ist. dem Jüdischen Nationalfonds auch der David und Fanny Wolffsohnfonds angegliedert, aus dessen Mitteln mit einem Aufwand von Frs. 15,000 bisher 5 Häuser in Petach Tikwah, 5 in Rechoboth, 4 in Rischon und eins in Wadi el Chanin gebaut worden sind. In diesem Zusammenhänge soll nicht unerwähnt bleiben, daß auch der Verein „E sr a" in Berlin sich auf dem Gebiete des Arbeiterhäuser- Baues rühmlich betätigt hat. Diese ganze Tätigkeit reicht aber noch nicht entfernt chin, um dem großen Mangel an Arbeiterwohnnngen abzuhelfen. Die Frage wird besonders dringend angesichts einer neuen Erscheinung, die sich in letzter Zeit immer stärker bemerkbar macht. Es ist dies die imNter zunehmende Einwanderung der yemenitischen Juden, eines fleißigen und.genügsamen Arbcitcrelements, das im fernen Jemen die altjüdischen Tugenden einer hohen Religiösität und strenger Sittlichkeit rein und unverfälscht bewahrt hat. Die geringen Ansprüche, die die Jemeniten an das Leben stellen, versetzen sie in die Lage, mit Eri folg den Konkurrenzkampf auf dem ArbeitÄnarkt aufzunehmen. In erster Linie muß aber dafür gesorgt tüerden, daß die Jemeniten in den Kolonien Beschäftigung und Unterkommen finden, denn sobald sie I in die großen Städte abwandern, wo es keine I genügende Arbeit für sie gibt, werden viele dort! die Bettlerbevölkerung nur vermehren. Was nun die I Arbeitsgelegenheit betrifft, so liegen die Verhält- I nisse sehr günstig. Für absehbare Zeit wird es Ifür viele tausende Jemeniten in den Ijüdischen Kolonien reichlich Arbeit Igeben. Anders verhält es sich mit der Wohin u n g s f r a g e. Die Kolonien sind begreiflichcr- I weise nicht in der Lage, den Bau von Arbeiter- I Häusern in . großem Umfange selbst in die Hand I zu nehmen, und da die Jemeniten vollständig »mittellos ins Land kommen, ist von ihrer eigenen »Initiative auch nichts zu erwarten. Hier köniten I also wieder nur Kolonisationsgesellschaftelt ein- »greifen, und in erster Reihe hat es sich der Jüdi- I sche Nationalfonds zur Aufgabe gestellt, das große I Problem der Beschaffung von Wohnungen fstr die I yemenitischen Einwanderer zu lösen. Während der > letzten Anwesenheit seiner Direktoren Dr. Boden- Iheimer und Dr. Tschlenow in Palästina hat l er gleich Frs. 23,000 für den Bau von Jemeniten- > Häusern bewilligt. In den letzten Tagen sind wei- »tere Frs. 30,000 bewilligt worden, und ftir das I nächste Fahr ist die Gewährung von mindestens »Frs. 50,000 in Aussicht genommen. In diesem »Fahre sollen.noch hundert Häuser fertiggestellt, und I mindestens ebenso viele sollen im nächsten Jahre »gebaut werden. » Der Jüdische Nationalfonds, der indes viele »andere wichtige Aufgaben zu bewältigen hat, ist »mit diesen Bewilligungen bis an die äußerste »Grenze gegangen. Es läßt sich aber nicht ver- I kennen, daß eine g r ü n d l i ch e L ö s u n g der Frage Itveit höhere Ansprüche stellt. Sollte es gelangen,. in wenigen Fahren die Ansiedlung von »einigen tausend yemenitischen Familien durchzu- »führen, so wäre damit eine Tat .für die jüdische »Zukunft in Palästina . geleistet, deren segensreiche »Folgen nicht hoch genug eingeschätzt werden Wunen. MNan könnte ruhig behaupten, daß damit eine neueEpoche in der jüdischenSiedlungsarbeit eingeleitet wäre. Der Bau eines Einzelhauses nebst Ankauf eines kleinen Gartens erfordert einen Kostenaufwand von ungefähr Frs. 1000, — wahrlich eine glänzende Betätigungsgelegenheit nr begüterte jüdische Brüder! Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Die FriedenskomMission der deutschen Mitglieder der A. I. U. bat einen aus Vertretern der verschiedenen Richtungen bestehenden Unterausschuß eingesetzt, der die Schaffung einer Neuorganisation für ganz Deutschland vorbereiten soll. Dieser hat seine Arbeiten beendet. Er ist zu einem befriedigenden Ergebnis gelangt, und es ist zu hoffen, daß seine Vorschläge allseitige Zustimmung finden werden, damit der Friede in der A- I. U. in nächster Zeit hergestellt werden wird. Hetve-berg. Die Verbindung im K. C „Bavaria" beteiligte sich am Freitag Abend an dem Fackelzng anläßlich der Bismarck- und Sonnwendfeier. Man sollte von einer indischen Verbindung, die in ihrem Kampfe gegen den Antisemitismus grade dem Taktgefühl eine hervorragende Stellung einräumt, etwas mehr — Takt verlangen dürfen. Es wird Aufgabe der älteren Herren der Verbindung, unter denen sich auch angesehene Rabbiner befinden, sein, dafür Sorge zu tragen, daß für die Zukunft der K. C. vor solchen Ausschreitungen bewahrt bleibe. Nürnberg. Hier tagte am 23. 53. Mts. die 18. Jahresversammlung des Ausschusses des Landesvereins für israelitische Knltusgemeinden in Bayern. Es lagen 98 Gesuche vor. Im ganzen standen 8495 Jk zur Verfügung, die leistungsschwachen Gemeinden, dienstunfähigen Lehrer, Lehrerswitwen usw. zu gute kamen, und ans denen Beiträge für die große» jüdischen Institutionen bewilligt wurden. Justizrat Ofner, der Vorsitzende, besprach das Verhältnis zur Freien bayerischen Rabbinerkonferenz. Da die Rabbiner vor 2 Jahren aus dem Landesverein ausgetreten sind, sollte eine aus Mitgliedern beider Körperschaften eingesetzte Kommission wieder eine Einigung zustande bringe». Die Verhandlungen zeitigten kein Ergebnis, da die Rabbinerkonferenz unerfüllbare Bedingungen (Auslösung des Landesvereins, Aenderung seines Namens) stellte. Der ernste Wunsch der Staatsregierung ist es. jedoch, daß beide Organisationen friedlich zusammenarbeiten. Namentlich war dies der Fall, als es sich um die Verteilung des Staatszuschusses von 17 900 Jk handelte. Hier ordnete die Regierung an, daß Delegierte des Landesvereins mit denen der Rabbinerkonserenz zu gemeinschaftlicher Beratung zusammentreten und gemeinsame Vorschläge für die Verteilung der Staatszuschüsse machen sollten; dies ist auch in vollkommen freundschaftlicher Weise geschehen, so daß bei dieser Gelegenheit von Rabbinerseite der Wunsch geäußert wurde, es möge dies ein gutes Omen für die Zukunft bedeuten. Oesterreich-U«gar». Wien. Am 27., 28 und 30. Juni findet in den Sälen des Kanfnr. Vereines (Johannesgasse 4) eine Jto-Kon?erenz statt. Es sind .folgende Referate vorgesehen: Unser Programm (Dr. Jochelmann-Kiew und I. Leschtschinsky-Zürich). — Organisation (S. Rubinstein-Biel und Dr. M. Goldberg-Jeletz). — Finanzinssitut (David Goodman, Oscar Plant und M. A. Spielmann-London). — Kongreß (Dr. S. Kronberger-Wien). — Emigration (W. Großmann- Petersburg und M. Schmidt-Wien). —> Kolonisation (Israel Zangwill-London, W. Terlo-Lissabon, S. Rubinstein-Biel und Sir Harry Johnston-London). —. Territorialismns und 'Kolonisation (I. Glanz-Rewyork). Rußland. Petersburg. DiedritteDuma erweist sich immer mehr als Pflanzstätte des Antisemitismus.' Unmittelbar vor Schluß ihrer Wirksamkeit hat sie einen abermaligen Beweis ihrer reaktionären Gesinnung geliefert. Es handelte sich um Gewährung von 25 Stipendien anStndenten derMedizin, die nachher als Aerzte den nach dem Osten übersiedelnden Massen dienen sollen. Kaum könnte man es glauben, daß auch ein solcher Gesetzentwurf mit antisemitischen Tendenzen zu verquicken wäre. Und doch ist darin eine Klausel vorgesehen, laut welcher Juden von den Stipendien ausgeschlossen werden sollen. Vergebens hatte der bekannte Kadett Schingariow mit stürmischen Worten an die Duma appelliert, den Ausnahmeparagraphen zu streichen. Vergebens hatte selbst der Dktobrist von Anrev den Dumamitgliedern zngerusen, daß die Annahme dieses Paragraphen nicht nur nicht zweckentsprechend, sondern eine Schande sei. Die „echten Russen" Timoschkin, Markow und Wolo dimeross blieben Sieger. Mit 104 Stimmen gegen 88 ging die Klausel d u r ch. Dabei bringt sie ein charakteristisches Novum iii die russische Gesetzgebung. Denn in der neuen Entrechtung ist nicht mehr von Juden, sondern von Per so ne n. die im Judentum geboren sind, die Rede. Zum ersten Male wird so das Ausnahmereich auch auf getaufte Juden ausgedehnt. Petersburg. In einem Interview, das Weriowkin, der Gehilfe des Justizministers, einem Journalisten gewährte, erklärte er, das Gericht habe viele Beweise siir die Schuld Beilis' an der Ermordung des Knaben Justschinski. Die Enthüllungen Brasuls und Krassowskis — führte Weriowkin weiter aus — würden in maßgebenden Gerichtskreisen als haltlose Phantasiegebilde angesehen ... Krassowski und Brasul würden unter Anklage 'gestellt werden! Dieses unglaubliche Verhalten der Justiz zu den neuesten Enthüllungen in der Mordasfäre Justschinski begegnet in angesehenen juristischen Kreisen ausnahmlos größter Empörung und wird als der Höhepunkt des Jnstizskandals bezeichnet, den die Kiewer ,.Ritualmord"-Asfäre von allem Anfang an bildete. Kiew. Jn-olge der rlöhlichen Erklärung des Senats, daß die jüdischen Schüler der Musik-, Zeichnen- und Dramaturgieschulen nicht das Recht des unbeschränkten Wohnens besitzen, hat der Polizeiminister versügt, daß alle Juden, die hierdurch ihr Wohnrecht verlieren, Kiew innerhalb sieben Tagen verlassen in ü s s e n. Die Ausweisung betrifft ca. 200 Schüler und ca. 50 Familien. In Cherson wurde die Schülerin Tr eitel vom Schlage getroffen, als sie — trotzdem sie das für Juden doppelt schwierige Examen bestanden hatte — infolge der Prozentnorm nicht im Gymnasium ausgenommen wurde. Amerika. Rew-Aork. Während des April landeten hier 2126 jüdische Emigranten (April 1911: 2966), davon 1419 aus Rußland 118 wurden von der Einwandernngsbehörde zurückgewiesen. Das Durchschnittsvermögen der Emigranten betrug pro Kopf 30 Dollar. Boston. Das Auftreten Dr. Charles Fleischer als Religionsstifter rust in der Judenheit hier unliebsames Aussehen hervor. Der Herr war hier 17 Jahre lang Reformrabbiner, bis er selbst seinen Gläubigen zu radikal geworden war. Er will eine amerikanische Religion des praktischen Idealismus gründen. Er erklärt weder von Religion noch von Nationnoch von Rasse aus Jude zu sein, sondern nur durch Geburt. Er habe eine Religion des gesunden Verstandes, sei von Nation Amerikaner und höre seiner Rasse nach dem Menschengeschlecht an. Die bestehenden Religionen seien von Europa herübergebracht worden und eignen sich nicht sür den amerikanischen Volkscharakter. Personalien n. Kleine Mitteilungen. Berlin. Moritz Rosenow, Ausschußmitglied des Deutsch-Israelitischen Gemeindebnndes und Vorsitzender des Vereins „Jüd. Arbeiterkolonie in Weißensee", ist verschieden. Köln. Die Kultusiteuer der hiesigen jüd. Gemeinde ist sür das Etatsjahr 1912/13 aus 28°/o der Einkommensteuer festgesetzt worden. Dresden. Der Präsiden! der Intern. Hygiene- Ausstellung 1911 sandte an Rabbiner Dr. Bamberg e r - Schönlanke ein Dankschreiben. In diesem heißt es: „Durch die Unterstützung der Gruppe .Hygiene der Juden' der „Historischen Abteilung" unserer Ausstellung, haben Sie sich in liebenswürdigster Weise in den Dienst unserer Sache gestellt und möchten wir daher nicht versäumen, hierdurch den Ausdruck unserer besonderen Dankbarkeit zu übermitteln. Möge neben diesem unserem Danke das Bewußtsein, einer neuen Richtung in der Kulturgeschichte in ihren Anfängen wirkungsvoll zur Seite gestanden zu haben, sür die gehabte Mühe einen kleinen Ausgleich bilden." Ejfiagen (Pfalz). David Dannheisser und Frau geb. Äärnrann feierten die goldene Hochzeit. Lffenbach a. M. Die Leitung des Nenb aus unserer Synagoge wurde den hiesigen Architekten Schwarz und Wagner übertragen. Schwarz war bei dem Skizzen- Wettbewerb der Träger des ersten Preises, während Wagners Skizze vom Preisgericht angekaust wurde. Obrigheim (Pfalz). Dreier Tage feierte Frau Josef Scheuer W w e., als älteste Einivohnerin des Ortes, ihren 90. Geburtstag in zienilicher Frische. Schwienheim lEls.-Lolhr >. Die hiesige Gemeinde besteht jetzt noch aus einer einzigen Familie, ihrem siüheren Kantor Isidor L e v y, der 1882 sein Amt antrat und es erleben mußte, daß seitdem nach und nach sämtliche, Gemeindemitglieder fortzogen. Einen betrübenden Eindruck macht die hübsche Synagoge in ihrer Verlassenheit. Schweinfurt. Als jüngst ein katholischer Arbeiterverein eine Fahnenweihe veranstaltete, wurde der hiesige Hanptbahnhof festlich beflaggt. — Der Bolksmund nennt seitdem den Hauptbahnhos kurzweg den „katholischen Bahnhof"; der Bahnhof Schweinfurt-Sennfeld ist wegen seiner Umgebung, in der fast nur Protestanten wohnen, zum „evangelischen Bahnhof" umgetaust worden, und Schwcinfurt-Stadtbabnhof, aus welchem fast alle Geschäftsreisenden ankommen, heißt jetzt der „jüdische Bahnhof". Saulheim bei HeUbronu. Anläßlich seiner goldene» Hochzeit übergab das Salomon Israelische Ehepaar dem Schultheißenamte 2200 Jt sür gemeinnützige Zwecke. Stushetm (Baden). Die Frau unseres Lehrers Rabbjnowitz — geb. Scherer —, eine Esches Chajil