Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 25 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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■■■ Seite L. zeiWlng war cs, Latz chnen dies-gelingen wird. Was Mer den einzigartigen Charakter und die Bedeutung der zionistischen Organisation ansmacht, ist dies, daß sie die einzige jüdische interterritoriale Massenorganisation ist, daß sie von allen großen jüdischen Organisationen die einzige ist, in der die jüdische Messe, das jüdische Volk, nicht Mein Objekt, sondern auch Subjekt ist. Ganz dassMe wollte der TerritoriMsmus bei seiner Gründung auch werden, eine große jüdische Massenorganisation mit demselben großen Ziel, wie es der Zionismus hat: 'Lösung der Judenfragc. Betrachtet man unter diesem großen historischen GesichtZpunll die Erfolge und das Resullat des Territorialismus, so kann man beim besten Willen kein anderes Urteil fällen, als daß es to ta l mißlungen ist, Heute weniger denn je darf der Territorialismus sich eine jnd. Massenorganisation nennen; er war es nicht einmal zur Zeit seiner Gründung in den Momenten der Begeisterung gewesen. Und damit hat der TerritoriMsmus den eklatanten Beweis erbracht, daß es nie und nimmermehr gelingen wird, das jüdische Volk auf ein rein politisches praktisches Programm unter Ausschaltung Mer gefühlsmäßigen Akomentc zu organisieren, daß dies vielmehr nur einer Bewegung gelingen Bon», die auf den innersten, tiefsten Gesichten der jüdischen Volksseele basiert, wie der Zionismus auf. der Liebe zu Zion. Daß sie in diesem chrem stolzen Bestreben, eine Parallelorganisation zNm Zionismus zu schassen, Schiffbruch' erlitten, haben die Führer des Territorialismus, wenn auch nie eingestanden; so doch selbst empfunden und ihre Tätigkeit danach eingerichtet. Weil sie erkannt haben, daß sie mit dem einen Faktor des jüd. Lebens, der jüdischen Bolksmasse, nichts ausrichten können, sind sie langsam und allmählich, aber dafür umso stetiger und sicherer, in das Fahrwasser des anderen gelangt, der jüdischen Philantropie. Zangwill und seine Gefolgschaft begannen, hinter der jüdischen Philantropie und den jüd. phslantropifchen Organisationen herzulaufen, und manchen Erfolg haben sie in dieser Beziehung auch, zu verzeichnen. Ob der Erfolg aber nun größer sei oder nicht, Tatsache ist, daß, wenn anfangs'noch der TerritoriMsmus wenigstens Massenorganisation sein Nwllte und seine Tätigkeit danach einrichtete, er heute eine philantropischc Organisation ist, allerdings— und dies macht seinen Unterschi^r zu den anderen Mischen, philantropischen Organisationen aus — mit beträchtlichem demokratischem Einschlag. Zugleich aber mit der Wandlung seines Charakters ist auch eine Aenderung in den Z ielen des Territorialismus erfolgt; und auch diese ist nur langsam, nach und nach aber ftetV, eingetretcn. Hotte der TerritoriMsmus zu Beginn die große und stotze Aspiration, die Judensrage zu lösen, so hat er heute in seiner praktischen Tätigkeit wenigstens — im Programm :wch nicht — seine Aufgaben wesentlich niedriger gesteckt: er hat sich zu einer Mmigrationsgefellschafk umtzewantzelt, und seine wichtigste, man möchte fast sagen einzige Leistmch ist die Regulierung der GalvestoueMigration. Sofern aber noch einzelne, vor Men Zangwill, an dem ursprünglichen Ziel feschalten. und es zu realisieren suchen, haben sie bisher nur den Ruhm der Lächerlichkeit gewonnen; und die GestM Israel Zangwills, wie er, über den Erdglobus gebeugt, angestrengt nach einem Lande sucht, ist ja allmähliche zu einem eisernen , Bestandteil der. Mischen Witzblätter geworden. Sieht man aber von Zangwills phantastischen Wänen ab und' betrachtet die praftische» Leistungen der Jto auf dem Gebiete der Emigration, so wird man ihr da ohne weiteres und recht gern zngestche» müssen, daß sie recht Ersprießliches geleistet hat und noch leistet. Ist der Tcrri- . torialismus, als Mische Volksorganisation zur Lösung d'er Judenfrage gedacht, zur Unfruchtbarkeit, ja teilweise zur Lächerlichkeit verurteilt, so kann er als philantropische Gesellschaft mit demvkratischem Einschlag zum Zwecke der Arbeit auf dem GÄiete der Mischen Emigration von Wert und Bedeutung sein. Dies darf man auch nicht Vergessen, wenn man sich ein Urteil über das aller ne u e st e P r o¬ MmMrter Israelitisches MrmWenblatt. je kt der Jto Hilden will, das im Mittelpunkte des Kongresses stehen wird, über das A n g o l a p r ojekt. Genaues läßt sich naturgemäß noch gar nicht sagen, bevor man die Referate auf dem Kongresse und alle Einzelheiten kennen wird. .Mer im allgemeinen läßt sich schon jetzt, Von vornherein, sagen: Das Angolaprojekt als Mittel zur Lösung der Judenfrage betrachtet — wie es einige Hitzköpfe tun — ist ebenso lächerlich und närrische wie alle bisherige:: großen Pläne der Jto; als Zielpunkt für einen Teil der jüdischen Emigration läßt es sich ins Auge fassen und kann es — wenn die Bedingungen gute sind — günstige Bedeutung erlangen. Dies nröge auch der Territorialistische Kongreß bei feinen Verhandlungen nie vergessen. Die faktischen Führer der Jto — und es gibt mit den Verhältnissen wohl vertraute Leute, die behaupten, der Dichter und Träumer Zangwill zähle nicht zu diesen — werden im Laufe der Jahre wohl eingefehen haben, daß die große Geste und tönende Phrase bei einer Organisation, :vie cs die Jto ist, nur wenig angebracht ist, daß die großen Aspirationen, die Judenfrage zu lösen, nur Lächeln erwecken können, daß vielmehr nur Bescheidenheit und Selbsterkenntnis, das Sichzusriedengeben mit den praktischen, temporären Aufgaben von Erfolg sein können. Hoffentlich wird es ihnen gelingen, diese Erkenntnis zu der herrschenden des Kongresses zu machen, der in diesem Falle wohl fruchtbare Resultate zeitigen kann. Andernfalls, wenn der Kongreß in die Allüren der ersten Jahre des TerritoriMsmus verfallen sollte, wird er nur Spott und Aerger Hervorrufen können. Für die Jto im allgemeinen, wie für den Jtokongreß im besonderen gilt eben das Wort, das noch für so manche jüd. Organisationen gilt: Weniger ist mehr! 2. Das hebräische Gymnasium in Jerusalem. In Galizien ist .jetzt eine energische Aktiv n eingeleitet worden zur Beschaffung.der nötigen Geldmittel für die Ausgestaltung.des Hebräischen Gymnasiums in Jerusal e m. Dieses ist bekanntlich vor nicht allzu langer Zeit gegründet worden, ist aber aus Mangel an Geldmitteln noch nicht über das Anfangsstadium herausgekommen. Niemand, der die Verhältnisse kennt, wird sich des Bedürfnisses eines Gymnasiums für Jerusalem verschließen können. Wenn wir auch im allgemeinen der Meinung sind, die alle berufenen Kenner Palästinas vertreten, daß es heute viel wichtiger ist, dort Volksschulen als Gymnasien zu gründen, so glauben wir doch nicht, daß ein Gymnasium in Jerusalem überflüssig ist. Jerusalem, Las Loch die Metropole Palästinas auch in geistiger Beziehung bleiben soll, hat wohl den Anspruch darauf, ein hebräisches 'Gymnasium zu besitzen. Dieses hebräische Gymnasium in Jerusalem ist aber noch von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus von Bedeutung. Es hat die Aufgabe, die großen Fehler des Jaffaer Gymnasiums gut zu machen und zum ersten Male ein hebräisches Gymnasium zu schaffen, daß die nationale Erziehung mit der traditionellen vereinen soll. Diese Vereinigung des nationalen mit den: traditionellen Geiste bildet geradezu den wichtigsten Progrämmpunkt des Gymnasiums, und — und dies :nuß betont werden — dieses wird seine Bedeutung jmb seinen Wert nur dann heben können, wenn es diesen ProgrammpunK ganz und energisch realisiert. Ans .dünkt, die Fehler des Jaffaer Gymnasiums haben uns genug gekostet und geschadet, daß das neu entstehende Gymnasium aus ihnen lernen kann. Nach den Erklärungen der Leiter der Anstalt ist dies auch mit Bestimmtheit zu erwarten. Immerhin muß cs immer ivieder betont werden; grade jetzt, da in Galizien große Spenden zu Gunsten des Gymnasiums gesammelt, werden, ist es Aufgabe der Leiter dieser Sammlung wie auch chrer Teilnehmer, für die Erfüllung dieses Prograyunpnnktes Sorge zu tragen. Nur dann wird das Irene hebräische Gymnasium seiner großen historischen Stätte, an der es gegründet ist, würdig sein, nur dann aber wird es auch seine großen Aufgaben überhaupt erfüllen können. Nr. 25 Namhafte Mische Politiker in Ungarn. Im gegenwärtigen politischen Kampfe in Ungarn spielen die jüdischen Wgeordneteu eine herv'orragende Rolle. Bon einer spezifisch-jüdischen Politik, für die das ungarische Judentum doch in erster Reihe prädestiniert wäre, ist keine Rede. Die jüdischen Politiker verfechten mit viel Geschick und Hingabe sowohl auf der Seite der gouvernementalen Partei wie auch in der Opposition ihre Ueberzeugung. Am .berühmtesten ist wähl der Attentäter Kovacs geworden, der ans der angesehenen Familiedrasser im Somogyer Kowitat entstammt und mit den orthodoxen Rabbinern von Tokaj und Debreczen in entfernter Verwandtschaft steht. Das Krankenzimmer des Kovacs gleicht einem Treibhanse, das Volk entsendet immer und wieder Blnmenspenden und Grüße an das' Schmerzenslager des unglücklichen Patrioten. Selbst .die antisemitischen Blätter versuchen nicht, die Intentionen des Juden Kovacs herabzuwurdigen, da ihnen die Waffenbrüderschaft mit der Unabhängigkeitspartei Reserve anferlegt. Unter den wertvollsten Mitgliedern der Justh- Partei nennt man immer Samu Bakonyi. Seine Hingäbe für die Sache und sein bewährter Rat sindhochgeschätzt, und. er gilt als einer der populärsten Parlamentarier Ungarns. Auf der Seite der Regierungspartei hat sich der jüdisch? Abgeordnete Julius Badäsz mit seinem Referate über die Verschärfung der Hausordnung einen gewissen Namen gemacht. Von der nreritorischen Meinungsverschiedenheit abgesehen, muß gestanden werden, daß Vadssz bei der Lösung seiner Aufgabe hervorragende politische Fähigkeiten gezeigt hat. Eine minder erquickliche Ausgabe hat Darvai als Referent des Jmmunitätsausschpsses zuurteilt erhalten, der die Ausschließung Von 60 Mgeordneten anordnete. Daß der Jude sich stets zum Sündenbock gut qualifizierte, zeigt die peinliche Affäre des Mischen Abgeordneten Nagy, den „P.esti Hirlap" in unbarmherziger Weise bloßstellte. Nagy verlangte die Einrückung einer Erwiderung oder Satisfaktion und überfiel, nachdem ihm beides versagt wurde, den Redakteur auf der Straße. ... Bäzsonyi, bjsher der populärste der jüd. Mgeordneten, glänzt bei diesem Kampfe mit seiner Zurückhaltung. Eine ältere, chronische gewordene Berschnupfung mit der ^koalierten Partei hindert ihn an einem offenen Auftreten. Der Justh-Parteiler Bola Kelemen zählt auch zu Len ausgeschlossenen Mgeordneten, hat aber, trotzdem er oft und gern gehört wurde, jetzt keine bemerkenswerte Rolle gespielt. Paul Sä n d o r hat seiner Loyalität damit Nachdruck verliehen, daß er aus der frondierenden Liga des Wahlrechtes ausgetreten ist, um nicht gegen Tisza zu demonstrieren. Im 'Vorjahre, hat er zuliebe des allgemeinen Wahlrechtes gegen Stellung genommen. Jetzt aber geht er mit der Liga in der Kontremine und Mit Tisza a la hausse. Diese feine Empfindsamkeit für die Tendenz. ist am Weizenmarkte ebenso glückbringend wie in der Politik. „Ungarländ. Jüd. Ztg." Von der Mische« Kolonisationsarbeit in Palästina. Während, die Zionssrennde einer früheren Epoche das Hauptgewicht aus den privatrechtlichen Erwerb des Bodens legten und der politische Zionismus die.Idee der öffentlich-rechtlichen Sicherung verkündete, bricht sich jetzt die Erkenntnis Bahn, daß es auch einen dritten Faktor gibt, der von ebenso großer Bedentnng für die Zukunft der Kolonisation ist, nämlich: die jüdische Arbeit auf jüdischem Boden. Denn ein Plantagenbesitz in Palästina, ans dem lediglich nichtjüdische Arbeiter beschäftigt werden, unterscheidet sich' nicht wesentlich von einem Mischen Gute in Galizien, auf dem nur polnische oder ruthenische Arbeiter zu finden sind. Der Jüdische Nationalfonds — diese heute so mächtig gewordene Institution mit einer Jähreseinnahme von über einer halben Million Mark— hat die Wichtigkeit und weittragende Bedeutung dieses neuesten Prinzips Kar erkannt.