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Neue jüdische Presse · 1912-06-28 · Heft 25 (28.6.1912) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 25 (28.6.1912)
Date
1912-06-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Dr. Sigm. Jampcl, Schwedt a. 0. Bei der Beobachtung der kulturgeschichtlichen Entwicklutlg der Jahrtausende frappieren uns besonders diejenigen Völker, welche schon vor mehreren Jahrtausenden eine weite Strecke auf dem Wege der, Kulturentwicklung znrückgelegt haben, dann aber in einen Zustand der geistigen Ermüdung und psychischen Erschlaffung verfallen sind, aus dem sie sich bis zum heutigen Tage nicht befreien konnten. , , Der denkende Beobachter steht hier vor einem der größten kulturhistorischen Rätsel und findet, trotzdem diese Stagnation zu den alltäglichsten.Erscheinungen gehört, keine befriedigende Lösung dieser unheimlichen Erscheinung. Viel erklärlicher ist der Zustand der Naturmenschen, der Afrikairer und Australneger; sie sind auf der untersten Stufe der Kultnrentwicklung stehen geblieben und haben niemals den Trieb in sich verspürt, die Leiter des Fortschritts zu besteigen. Wenn wir dagegen Völker sehen, die schon im hohen Altertum ein Kulturnidean erreicht haben, das wir heute nicht genug bewundern können, dann' fragt man ,sich unwillkürlich: Warum sind denn diese Völker mit einem Male in einen so tiefen Schlaf versunken, daß selbst das mächtige Getöse europäischer Kultur sie nicht zu wecken vermag? Viele Kulturhistoriker glauben die Stagnation dieser Völker durch, verheerende Kriege , plausibel machen zu können. Diese Erklärung aber kann geschichtlich. nicht befriedigen, da besiegte Völker noch nicht geistig absterben müssen. Europäische Nationen sind schon wiederholt Von den aufreibendsten Kriegen heimgesucht worden, haben sich aber schon gar bald wieder erholt. Am deutlichsten zeigt sich der Fluch der Stagnation bei den Chinesen und Indern. Diese beiden Riesennationen sind noch niemals dem Feinde unterlegen, und trotzdem stehen sie kulturell nicht höher Äs ihre Vorfahren vor 2—3 tausend fahren. Jene alten Chinesen waren z. B. in der Astronomie viel weiter als ihre heutigen Nachkommen. Während altchinesifche Weisen den Konipatz entdeckt haben, versteht es der heutige Chinese nicht, ihn richtig auf seinen Schiffen zu gebrauchen. Die Denker des alten Indiens' haben schon vor mehreren Jahrtausenden jene philosophische Religionsanschauung geschaffen, der heute in allen Großstädten Europas alle Materialisten und Naturalisten eifrig huldigen. Und doch sind dieselben Inder heute in der Kultur so weit zurück, daß mehr als 250 Millionen Inder von 30—40,000 englischen Söldnern in Zucht gehalten werden können^ Fragt man die Fachsorscher, die diese sonderbare Erscheinung an Ort und Stelle studiert haben, nach der Ursache derselben, dann erklären sie mit aller Bestimmtheit, daß es lediglich die Religionen jener Länder sind, welche diesen Hunderten, Millionen Menschen das Grab bereitet haben. Die .Astronomie der Chinesen z. B. konnte sich nicht weiter entwickeln, weil die Astronomie Sonne, Mond und Sterne nach festen Gesetzen betrachten muß. Nach her chinesischen Religionsanschauung sind aber Sonne, Mond und Sterne heilige, göttliche Wesen. Wie soll der Chinese in der Sonne eine einfache glühende Masse erblicken, wenn er fürchten muß, jene höchste Göttin dadurch zu beleidigen? Wie soll er jene Gestirne als tote Himmelskörper, die in bestimmter Bahnen beharren, ansehen, wo er sie doch fünfmal täglich anhetet? Wie soll er eine Naturwissenschaft entwickeln, die mannigfachen Naturerscheinungen physikalisch oder chemisch untersuchen, wenn alle diese Erscheinungen für ihn lauter böse und schädliche Geister sind? Was Wunder, daß bei den Chinesen die Astronomie zu einer Astrologie entartet ist, daß die naturwissenschaftlichen Beobachtungen in Hexenwahn und Zauberei sich verwandelt haben. In einen noch viel elenderen Zustand hat die buddhistische Religion ihre Anhänger versetzt. Das indische Nirwana, für welches das Leben das größte Uebel ist, und dessen Ideal in der Erlösung aus diesen! Uebel besteht, der Buddhismus, der in dem Sein die Hölle und in dem Nichtsein das Himmelreich erblickt, es mußte jene Völker zu weltflüchtigen, naturhassenden Höhlenbewohnern machen, die in Kasteiungen und Entbehrungen das Leben zu Überwinden trachten und in dem Tode den Zweck ihres Daseins erblicken. Daß dem Buddhisten die naturwissenschaftlichen Beobachtungen kein Interesse abgewinnen konnten, daß ihm kein Kultursortschritt Freude bereitet, ist so nur selbstverständlich Denn diese Beschäftigungen haben die Freude am 'Leben und die Liebe zur Natur als Voraussetzung. Besteht aber das Bestreben des Inders feit Buddha lediglich in der Ueberwindung der Natur sowie in der Erlösung aus dem Leben, dann ist für ihn jeder Kultursortschritt von vornherein ausgeschlossen. Das haben die Chinesen und Inder ihren Religionen zu verdanken. Wer dem gegenüber darauf Hinweisen möchte, daß die Japaner trotz ihrer gleichen religiösen Anschauungen eine Knltur besitzen, der übersieht dabei folgende Momente: Erstens haben die Japaner ihre Kultur nicht geschaffen, sondern sie den Europäern voll und ganz entlehnt, und zweitens hat in Japan der Atheismus eine Kultur eigentlich erst ermöglicht. Denn bekanntlich sind die Kulturträger Japans ausgesprochene Atheisten. Unter den: dortigen Heidentinn konnte eine Kultur keinen festen Fuß fassen. Von welcher Qualität sieilich eine solche auf dem Atheismus basierende Kultur ist, ist eine andere Frage. Diese atheistische Kultur hat für die Dauer keinen Bestand. Die Japaner empfinden das, und so halten sie eifrig nach einer europäischen Religion Umschau. Die Momente, welche in den letzten Jahrzehnten die Religionsbewegung in Japan zum Stillstand gebracht haben, sind rein politischer Natur und sind für diese, atheistische Kultur außerordentlich bezeichnend. Wie die berufenen japanischen Gelehrten selbst gestehen, ist es die Lehre von der Abstammung des Mikado, des japanischen Herrschers, von der Sonnengöttin, 'die der Einführung jeglicher Europäischen Religion hinderlich inr Wege steht. Dieser roheste aller heidnischen Gottesbegriffe bildet heute noch den systematischen Religionsunterricht in allen Schulen und wird zum Hohn und Spott altes reinen Denkens und Empfindens zu politischen Zwecken sorgfältig gepflegt. Jeder den Kinderschuhen entwachsene Japaner schaut aus diese Gotteslehre ebenso verächtlich herab wie aus die 70.000 Götzeii, welche die großen Tempel siillen. Allein das monarchische System in seinem Kampfe gegen die liberalen und sozialdemokratischen Strömungen macht sich kein Gewissen daraus, aus solcher Verrohung des religiösen Empfindens Nutzen zu ziehen. Die Religion zum Werkzeug der Politik zu machen, diese Kunst haben die Orientalen von jeher so gut wie die Europäer verstanden. Rr. 25. In den letzten Wochen ist nun die Religronskonnnission wieder zusammengetreten, um über die Einführung einer europäischen Religion zu beraten. Wir erleben hier dasselbe Schauspiel, welches im 7. nachchr. Jahrh. am Hofe der Chasarenfürsten sich abgespielt hat. Leider aber werden die japanischen Kommisponsmitglieöer nicht von dem heiligen Ernst, beseelt sein, der jenen Chasarenkönig erfüllt hat. Hätten sie ihn, dann müßten sie notgedrungenerweise denselben Schluß ziehen wie jener. Eine europäische Religion soll okkupiert werden. Aber welche? Diejenigen, welche ein unerschütterlich festes Programm haben, werden dem modernen Japaner nicht minder vernunftwidrig erscheinen, und die liberalen Systeme melden ja ihren Bankerott öffentlich selbst an. Warum in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah. Warum die Abbilder der Bibel suchen, warum nicht geraden Weges zur alten hebräischen Bibel gehen? Ans de» Ereigniffen des Tages. 1. Zum territorialistischen Songretz. Vorn 27. bis 29. Juni wird in Wien der Kongreß der Jewish Territorial Organisation, die I t o, tagen. Damit tritt die Organisation aus dem verschwiegenen Dunket ihrer immer neuen Projekte und ihrer Wirksamkeit in Bezug aus die Galvestonemigxation in das volle Licht der breitesten jüdischen Öffentlichkeit hinaus, und diese muß von neuem ihre Stellung zn ihr nehmen, eventuell revidieren. Man erinnert sich noch der heftigen Kämpfe, die innerhalb des Zionismus anläßlich des Ugandaprojektes ausgebrochen waren, und die schließlich nach dem 7. Kongresse zur Sezession der Territorialisten unter Z a n g w i l l s Führung und zur Gründung der Jto geführt haben. Wer jene Vorgänge aus eigener Erfahrung kennt oder sie auch nur an der Hand des Kongreßprotökolles genauer verfolgt, .wird sich des Eindrucks nicht erwehren können, daß die ganze Spaltung zum guten Teil ihre Ursachen in persönlicher Erbitterung und persöwlichen Differenzen gehabt hat. Diese Konstatierung soll keinen Vorwurf .für Zangwill und' seine Gefolgschaft enthalten, denn wenn einzelne an dieser persönlichen Zuspitzung der Differenzen Schuld getragen haben, so waren es die Mitglieder der Majorität, die Zangwill in einer Weisebehandelt hatte, wie ein Zangwill nicht behandelt werden darf. Diese Konstatierung will nur besagen, daß wir per Meinung sind, daß die Sezession nicht erfolgt wäre, tvenn noch die alles versöhnende, die Geister beruhigende Gestalt Theodor Herzls den Kongreß beherrscht hätte. Aber wie die Meinungen auch über die Ursachen der Spaltung sein mögen, Tatsache ist, daß sie erfolgte; und nacktem sie einmal erfolgt war, schob man bewußt oder unbewußt die persönlichen'Ursachen in den Hintergrund und als allen maßgebend und entscheidend wurden die prinzitzieklen, theoretischen Momente hingestellt. Wenn darum heute jemand zur Jto Stellung nehmen will, so muß er — will er gerecht sein — von allen persönlichen Ursachen absehen und allein die prinzipiellen Programmpunkte, die die Jto tragen, beurteilen. Als die Territorialistische Organisation gegründet wurde, war es die feste Absicht ihrer FüKer, in ihr eine Parallelorganisation zum Z i o n i s m u s zu schaffen und ihre feste Ueber-

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