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Neue jüdische Presse · 1912-06-21 · Heft 24 (21.6.1912) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 24 (21.6.1912)
Date
1912-06-21
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Am Ardgcschoß bcsindcu sich noch, die Schlafs räume der Kinder. Diese sind lustig und freundlich und .werden von. den Insassen selbst in Ordnung gehalten, wie sogar zwei 15jährige Mädchen in der Küche der Anstalt beschäftigt werden. Im Oberstock liegen die Wohnrämne der Erwachsenen. Hier hat Man vielleicht noch/ weniger als unten das Gefühl, in einem Hause der Winden zu sein. Auch die in weiteren Kreisen wohlbekannte KlMervirtuosin Fräulein Behrend hat hier ihr Zimmer. . Auch! eine Synagoge ist int Hause, und in chr Mag inniger und tiefer gebetet tverden als in vielen anderen Gotteshäusern, da bjc Andacht der irr ihr Weilenden kaum durch äußere Einflüsse gestört werden kann. -Jfn Keller sind die Arbeitsstätten untergebracht. Vorläufig beschränkt num sich noch auf die Bnrstenfabrikation, jedoch ist bereits alles Notwendige stir Stuhl- und Korbflechtereien vorgesehen. Die Anstalt nimmt Kinder schon vom sechsten Jahre an auf, und ztvar deswegen schon so früh, weil dann noch nicht jede Aussicht auf Heilung geschwunden ist. "Die Anstalt steht unter ständiger ärztlicher Aufsicht, und es konnten in der kurzen Zeit ihres Bestehens bereits zwei Kinder als geheilt oder wenigstens gebessert, also für das Leben in der Welt tauglich, entlassen werden. Welches Werk ist hier geschaffen worden dank der aufopfernden Tätigkeit seiner Gründer! Und besonders sind es die Herren Professor Dr. H. Rosin und William Reumann, die sich hier ein Denkmal gefetzt haben, dauernd und unzerstörbar, in dm Herzen der vielen, die hier ihr ihnen anderswo .versagtes Lebensglück gefunden haben und noch finden werden. Hier ist vielleicht auch der Ort, darauf hinzuweisen, wieviel Liebe und Verstehen dazu gehört, diesen Aermsten ihr Los zu erleichtern, ihr Gebrechen nicht fühlbar zu machen. Mer nicht auszudenken ist es, welche Suuyne von Arbeit und heißer Blühe geleistet werden Muß, um die praktischen Resultate solcher Fürsorge zu erzielen. Man muß den Leiter, vor allem aber auch seine Gattin, am Werk gesehen haben, um diese Erfolge ganz begreifen zu können. Ellern können sich! kauM innigen ihren Kindern hingeben, als sie sich ihren Kranken. Kinder aber können ihren Eltern ihre Hingabe kaum durch, tiefere Zuneigung erwidern, als sie ihnen von jedem.einzelnen ihrer Zöglinge cntgegengebracht wird. Rach, dem Abendsegen pflegen Herr und Frau Friedberger ihren Schutzbefohlenen aus der Zeitung und aus Büchern vorzulesen. Unterstützt werden sie hierin von Damen, die in uneigennützigster Weise eigens zu diesem Zweck dahinkommen. Jedem Besucher Muß das blühende Aussehen der Patienten auffalten, die in ihrem ganzen Wesen dem unbefangenen Zuschauer nichts von der auf ihnen liegenden Last verraten. Für die Vergnügungen iM eintönigen Alltagsleben der Minden sorgen gemeinsame Ausflüge mit chrem Leiter und Konzertbesuche, für die sie ganz besonderes Interesse und Verständnis zeigen, ferner Leine Festlichkeiten und AuWhrungen inner- HM des Hauses. Und /in hübscher, sehr nachahmenswerter Brauch beginnt sich einzubürgern: Wo in Berlin eine häusliche Feier, vielleicht eine Barmizwv, stattfindet, gedenkt Man der Kinder und läßt sie durch Übersendung, Von Kuchen unb' Süßigkeiten auch ihren Teil haben an der Freude. Ein neuer Anbau sorgt dafür, daß hie zahlreich vorliegenden Anmeldungen, besonders von Erwachsenen aus allen Teilen Deutschlands, nach Möglichkeit Berücksichtigung finden können. Es ist zu wünschen und zn hoffen, daß das Werk unter feiner bisherigen Leitung weiter wachse und gedeihe, vielen zum Trost und zur Errettung, eine neue Perle in der Krone jüdischer Menschenliebe. Frankfurter Berichte. lieberden Ursprung, Geschichte und Verhältnisse der Falascha sprach L. Perlmutter vor außerordentlich zahlreicher Zuhörerschaft im Monte» fiore-Verein. Die Belege Aber die Herkunft der Falascha sind, sehr zahlreich. Einerseits die Aeberlieferungen der Falascha sowie der einheimischen Messynier, die teils den Ursprung aufeine jüdische Kolonisation unter König Salomo, teils ans Einwanderungen arw -dem assyrischen Und babylonischen Exil zurückführcn, - andererseits wissenschaftliche Untersuchungen, insbesondere von Marcus, dem Stndiengenossen Heines, der die Hauptansiedlung unter Alexander dem Großen annimmt, ferner von Professor H a l e v y, der ihre Abkunst von den Himjaren, einem Judenstamm in Aemen, herleitet. Nach genauer Prüfung der sehr eingehenden Studien dieser, Annahmen sowie der Forschungen von Philosseno L u z z a t i, B r u c e, F l a d Gobat, Stein, Dr. Faitlowitsch u. a. kann man mit Sicherheit behaupten, daß die Mehrzahl der Falascha sich aus palästinensischen Juden rekrutiert, die sich mit Himjaren vermischt haben. Ihren wahren jüdischen Charakter weist Redner, an ihren mit rigoroser Strenge beobachteten Religionsgebräuchcn, Gottesdienst, Festen und ihrer Literatur nach. Eine Menge rein palästinensischer Sitten hat sich bei ihnen reiner als bei den Juden der Diaspora erhalten. Aenßcrst gewissenhaft wird der Sabbat, die Reinheitsgesetze usw. gehalten. Auch ihr Gewerbe ist das altpalästinensische; Handwerk, Ackerbau, Vi.'hzucht, den Händel verschmähen sie. Infolge ihres vorbildlichen Familienlebens, ihrer Wohltätigkeit und Tugenden sind sie, trotzdem sie sehr abgesondert leben, bei den Abessyniern sehr geächtet. Sehr schicksalsreich ist ihre Geschichte. Sie stellten lange Zeit die abessynischen Herrscher und waren bis vor 200 Jahren ein eigenes, selbständiges Reich. Dann besprach Redner die Expeditionen von Halevy, N a h v u m und besonders Dr. Faitlowitsch, der auch den Anstoß zur Profalaschaaktion gab. Zum Schluß forderte Redner, der in dem Wunsche der Falascha nach jüdischer Bildung die tvahre „Jakobsstimine" erblickt, unter starkem Beifall zur Mitarbeit an der Rettungsaktion der Falascha gegen die Mssion ans.' — Rechtsanwalt Horovitz dankte dem Referenten, begrüßte die anwesenden Mitglieder des Profalaschakomitecs sowie den anwesenden hier studierenden jungen Falascha und gab die geplanten Maßnahmen des Komitees bekannt. in der Häüptsacl>e in» die Liebe Eisiks, des Sohnes des steinreichrn Chossids R,eb Herzcle, zu Täubelc, die das Geschick als Tochter des armen „Bal Hagolc" Jetcl äüf'die Welt kommen ließ. Natürlich läßt es der „Jichus" des reichen Mannes nicht zu, daß die Arme seine Schwiegertochter oder gar der „ungelernte" Bäl Hagole sein „Mcchntton" werde. Jntriguen werden gesponnen, wobei ein Schadchen die Rolle der Vorsehung spielt. Eine Fülle prächtiger- Figuren —, ein schnurriger Diener, eine spitze Dienerin eine gemütvolle Stiefmutter — belebt jede nach ihrer Art die Handlung. Psychologisch glänzend sind die Auseinandersetzungen zwischen den Liebenden in ihren wechselnden Empfindungen durchgeführt. Ter Titel ist nur darauf zurückzuführen, daß Tändele in ihrem Elend träumt, daß ihr in der Sedernacht wieder das Glück blühen wird. Allerdings ist das glückliche Ende, freudiges Zusammentreffen des verheirateten und inzwischen verwitweten Eisik mit der unglücklichen Geliebten nach Verarmung des Reichen und plötzlichem Rcichivcrden des Armen bei der Sedernacht des selbständig gewordenen Dieners etwas an den Haaren lstrbejgezögen. Dafür entschädigen aber die wunderbaren Melodien und lustigen Situationen, die das Stück durchziehen. Die Darstellung war sehr gut. --Speziell Herr Fisch - ' man verfügt überieine außerordentliche Berwandlnngstunst und hervorragendes Darstellungsvermögcn. Mer auch Fräulein Fischmann, Herr Alexander und T r a u in a n n schufen recht charakteristische Typen. Am Schlüsse gab Herr Fischmäeinige Jargonlieder zum Besten. Voraus ging eine literarische Einführung von Herrn L. Perlmutter, der über jüdische Jargontheater sprach und bas Charakteristische dieser. Kunst vor Äugen führte. Sehr reicher Beifall unterbrach die Darsteller oft auf offener Bühne. Zweifellos wird ein viel zahlreicheres Publikum deu weiteren Spielen,, die in 14 Tagen stattsinden sollen, beiwohnen, da es sich tatsächlich verlohnt. Bom Wirke« des Verbandes jüd. Frauen für Knltnrarveit in Palästina. 2. Bild Mädchenfarm in Kinereth. Zu der Zionistischen Jugendgrnppe fand Dienstag ein Diskussionsabend statt. Es sprachen D. Tachaner, S. Geis und Dr. Schwarzschild. Einige jüngst erschienene Aufsätze in allgemeinen Zeitschriften, der Delegiertentag, die Organisierung der Gesamtorthodoxie, die Krisis in der Konstantinopeler jüdischen Gemeinde wurden besprochen. In den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts erschien hier in Frankfurt — verlegt bei BarventräPP und redigiert von Dr. Filius von Hoeninghaus, Ritter des päpstl. goldenen Sporn-Ordens — eine „Univcrsal-Kirchenzeitung nsw. des protestantischen, katholischen und israelitischen Deutschlands." In der Ankündigung heißt es u. a.: „Ebenso fern von geistesflachem Jndifferentismus und sinnloser Rcligionsmengerei als von engherziger Intoleranz und herzloser Menschenfeindlichkeit ist das hohe Ziel ihrer (der Zeitung) Aufgabe: „Wahrheit in Liebe." Das Blatt enthielt drei konfessionelle Spalten, eine protestantische, eine katholische und eine israelitische, durchaus gleichmäßig und unabhängig nebeneinander. Ob noch Nummern dieser Zeitschrift existiere» und wie viel Nummern überhaupt erschienensind, konnten wir nicht eruieren. < Herr I. Kormis wird seinen Vortrag über „E. M. Lilien", den er nächsten Mittwoch, im „Monte« fiore"-Verein halten wird, durch! eine große Zahl in der Oessentlichkeit noch unbekannter Origin ulradierungen des Meisters illustrieren. Generalkonsul Max Baer ist vom König, von Schweden zum Kommandeur des Wascr-Ordens 1. Klasse mit Stern ernannt worden. Jargontheater Bernhard Fischmann aus London. Einen sehr genußreichen Abend bot diese Jargon-Gesellschaft mit der Aufführung der „Scderna|t" in der Frankfurt-Loge. Das Stück führt in recht anschaulicher Weise in die Ledensverhältnisse gewisser Schichten der galizischen Juden ein und dreht sich Personalien n. Kleine Mitteilungen. . Berlin. Die Gemeinde will Ecke Levetzow- und Jagowstraße (Viertel Moabit) eine S y n.a g o g c cr - ri ch t e n. — In die S Yn a g o g e „B eth Z i o n", Brunnenstr. 33, ist wiederum e i n g e b r o ch e n und das Silber geraubt worden. Berlin. Einen schönen sportlichen Erfolg vermochte die Sportabteilung des „Jüdischen Turnvereins Bar K o ch b a" am letzten Sonntag zu erringen. Nachdem es ihr im Vorjahre bet der erstmaligen Teilnahme an dem Stafetten lauf aus der Strecke Potsdam—Berlin gelungen war, unter 38 Mannschaften den 22. Platz zn belegen, zeugte der Erfolg ihres diesmaligen Startes von einem recht erheblichen Fortschritt, indem sie das. Rennen als 17. unter 53 Mannschaften beendete. Köln. Hier verschied im 72. Lebensjahre Adolf Buschhosf, der Mätyrer in dem bekannten Läntencr Prozeß. Würzburg. Letzten Sonntag wurde hier der weithin berühmte Frauenarzt Dr. L e o O p p e nheim er zu Grabe getragen. Seiner Kunst verdanken Tausende ihre Wiederherstellung. Stets hilfsbereit und menschenfreundlich, paßte sein Wesen zu dem Berufe eines Arztes tvie von Natur aus. Die Beteiligung am Begräbnisse war eine überaus stärke. Hohe Zivil- und Militärbeamte, Studenten und Vereine bemerkte man im Kondukt. M. (L.) Pose». Rechtsanwalt Krimmer-Berlin vermachte dem hiesigen Gymnasium 3000 JL, deren Zinsen jährlich ein begabter, bedürftiger jüdischer Schüler erhalten soll. Fabrikbesitzer Simon in Deutsch-Krone erhielt den Titel K o m m i s s i o n s r a t. Wien. Universitäts-Bibliothekar Dr. Michael Holzm' a n n ist vom Kaiser zum O berb ibl i o thc kar ernannt worden. Budapest. In der Ortschaft Beltszy wurde der jüdische LandwirtlS z v m o d'y, während er betend beim Fenstzr stand, vom Blitze getroffen ü. getötet.

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