Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 24 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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“ ,f „ M ilt.24 des tl 0 Kr die lugend. 0 ErMtimgen. aus Mbel und Talmud. SB«tu nt Moses eine schwere Zunge hatte. Pharao hätte den grausamen Beseht erlassen, daß alle hebräischen Knaben ins Wasser geworfen werden sollten, weil seine Wahrsager und Sterndeuter ihm verkündet hatten, ein Hebräer werde ihm und seinem Volke einst den Untergang bereiten. Moses' Mutter folgte dem Befehle nicht. Als Moses aber drei Monate alt war, konnte sie ihn nicht länger vor den Schergen des Königs verbergen. Sie legte daher das Kind in ein Kästlein, das sic in das Schilf am Ufer des Nilflusses stellte. Kaum war dieses geschehen, da kam die Tochter des Königs mit ihren Mägden,' um dort zu Laden. Sie erblickte das Kästlein, und. als sie es geöffnet hatte und den weinenden Knaben sah, war sie von Mitleid ergriffen und nahm das Kind zu sich um cs als ihr eigenes zu erziehen. Moses gedieh gar prächtig, und alle waren von seinem herzigen Lachen und Plaudern ganz entzückt. Als er drei Jahre alt war und eines Tages auf dem Dchoße des Königs saß, griff er mit seinen kleinen Fingern nach der glänzenden Krone auf des Königs Haupt und ließ sie zu Boden fallen, wo sie in Stücke zerbrach. Pharao erschrack heftig und ließ seine Sterndeuter und Wahrsager holen, damit sie ihm die Deutung dieses unerhörten Frevels geben sollten. Diese sprachen: „Siehe, o König, unsere Prophezeiung geht schon in Erfüllung: ein Hebräer hat Dir die Krone vom Haupte gerissen und sie vor Deinen Augen zertrümmert. Dein Untergang ist nahe bevorstehend!" Ein Zauberer ganz besonders sprach noch weiter: „Ein großes Verbrechen ist hier begangen worden. Wer sich so gegen den König vergeht, es sei Mann oder Kind, hat sein Leben verwirkt!" 'Alle stimmten ihm bei; nur ein Priester widersprach „Es geziemt ' nicht dem großen König," sprach er, „eine kindische Tat so schwer zu bestrafen. Das Schimmernde und Glänzende der Krone hat des Kindes 'Auge gelockt, es hat die Krone als ein schönes Spielzeug angesehen, nach Kindesart diese ergriffen, und La sie seinen kleinen Händen zu schwer wurde, einfach zur Erde fallen lassen." So stritten sie lange hin und her, bis ein anderer weißbärtiger Mann sich erhob und' auch seine Ansicht äußerte. »Ich glaube einen Ausweg gefunden zu haben, wie wir uns überzeugen können, ob diese Tat mit Bewußtseiti oder aus Unbedacht geschehen ist. Man 'bringe noch eine andere, ebenso glänzende Krone und dann twch eine Schüssel mit glühenden Kohlen, — dann können wir sehen, was geschieht: greift das Kind nach der Krone, dann soll es ein Be,veis sein, daß es genügend Verstand hat, um das Feuer zu fürchten, und es soll fiir diese Tat bestraft werden; im anderen Falle müssen wir uns sagen, daß es mit kindlicher Unvernunft gehandelt hat." Dieser Rat gefiel dem Könige, und das Nötige wurde gebracht. Schon hatte Moses seine Hand nach der Krone ausgestreckt, als eine unsichtbare Macht seine Hand nach^b'en Kohlen hinstieß, von denen er eine ergriff und natürlich sich die Finger verbrannte. Anstatt nun bei dem heftigen Schmerz, den er fühlte, die Kohle wegzuwerfen, machte er es so, wie die anderen Kinder zu tun pflegen: er steckte den Finger in den Mund und "verbrannte sich auch noch die Zunge. Seit damals konnte Moses nicht mehr so geläufig sprechen. Aber das hat ihn später nicht gehindert, dem Acgypterkönig die Krone vom Haupte zu reißen. und ihm und seinenr ganzen Volke den Untergang zu bereiten. Das hat Moses nicht gehindert, der Retter und Befreier 'seines Volkes und der größte Lehrer, der weiseste Gesetzgeber auf Erden zu. werden. Moses lernt Weisheit. Als die Israeliten ihrer Sünden wegen vierzig Jahre in der. Wüste herumwandern mußten, da wollte Moses diese Zeit dazu vertuenden, noch mehr Weisheit und Erkenntnis sich anzueignen. Er bat Gott, ihm doch einen Mann zu zeigen, von dem er noch mehr lernen könnte. Gott befahl ihm, einen. Fisch in einen Korb zu legen und diesem zu folgen, wohin er ihn führen werde. Moses tat so, und anr nächsten Morgen begann er mit seinem Diener Josua die Wanderung. Gegen Mend kamen sie zu einem Fluß, an dessen Ufer sie sich nicderlegten und bald einschliefen. Neugestärkt setzten. sie dann ihre Reise fort, und erst als sie bereits eine große Streue zurückgelegt hatten, bemerkten sie. Laß sie den Korb mit dem Fisch an dler Lagerstätte zurückgelassen hatten. Als sie aber wieder dorthin kamen, fanden sie den leeren Korb, während der Fisch aufrecht im Wasser stand und ihnen winkte, ihm zu folgen. Er schwamm vor ihnen her, und sie folgten ihm am Ufer des Flusses, bis er plötzlich ihren Blicken entschwand. Sie erkannten dadurch, daß sie am Ziele ihrer Wanderung angelangt waren und suchten die ganze Gegend nach einer menschlichen Behausung ab, bis sie den Eingang zu einer Höhle entdeckten. Als sie dort eintraten, erblickten sie einen ehrwürdigen Greis mit eisgrauen Haaren, silberweißem, langwallendem Bart, aber mit einem Gesicht, frisch und blühend wie das eines Jünglings. Er begrüßte die Ankömmlinge freundlich und erkundigte sich nach ihrem Begehr. „Gewähre mir die Gnade, zu Deinen Füßen sitzen zu dürfen," sprach Moses, „um die Weisheit von Dir zn lernen, mit der Gott Dich begnadigt hat." „Wirst Du mich denn verstehen?" ftagte der Greis lächelnd. „Außerdem wird Dein Aufenthalt bei mir doch nur von kurzer Dauer sein." „Ich werde Dir in jeder Hinsicht gehorsam sein," versicherte Moses. „Gut. Du kannst bei mir bleiben und mir überallhin folgen. Nur darfst Du keinerlei Fragen stellen, tvenn Dir etwas auch unverständlich scheinen mag. Tu mußt geduloig harren, bis ich Dir die nötige Aufklärung gebe." Josua blieb in der Höhle zurück, und der Greis ging mir Moses zum Meere hin, wo ein Schiss segelfertig lag. Die Matrosen waren gerade dabei, die Anker zu lichten, da ergriff der Greis eine Axt und schlug große Löcher in die Schiffswand, sodaß es nicht abfahren konnte. „Warum tust Du das?" frug Moses ungehalten. Lächelnd erwiderte der Greis: „Ich wußte, daß Du nicht lange bei mir bleiben wirst." „Verzeihe mir," bat Moses- „Laß ich mein Versprechen vergaß." Schweigend gingen sie weiter; bald sahen sie einen Knaben, der am Meeresufer mit Muscheln spielte, die er immer wieder mit den Füßen zertrat. Der Greis ergriff den Knaben und stieß ihn ins Wasser, daß er ertrank. „Warum hast Tu denn den unschuldigen Knaben umgebracht?" fragte Moses zornig. Wiederum sprach der Greis: „Ich wußte, daß Du nicht lange bei mir bleiben wirst." „Vergib mir noch einmal," bat Moses abermals, „und sollte ich mein Versprechen wieder vergeffen, dann will ich von Dir gehen." Sie setzten ihre Wanderung fort und kamen endlich müde und matt, hungrig und durstig nach einer Stadt. Sie gingen in ein großes Haus und baten um etwas Nahrung, wurden aber mit Spott zurückgewiesen. Als sie mißmutig und verdrossen das Haus verließen, bemerkte der Greis, daß die eine Wand große Riffe und Sprünge aufwies und zusammenzustürzen drohte. Schnell holte er Mörtel und Steine herbei, besserte den Schaden aus und ging schweigend davon. 'Abermals konnte Moses seine Verwunderung nicht unterdrücken, und er ftagte: „Warum hast Tu das Haus, aus denr man uns so schnöde verwies, ungeheißen und ohne Bezahlung zu verlangen ausgebeffert?" Mit tiefem Ernst sprach der Greis jetzt: „Zum dritten Male hast Du Dein Versprechen vergessen, und darum müssen wir uns trennen. Zuvor aber will ich Dir doch über mein Tun eine Aufklärung geben, damit Du siehst, daß das, was wir kurzsichtige Menschen als gut oder böse ansehen, durch eine Gottesfiigung zum geraden GegeMeil werden kann. Das Schiff, welches ich beschädigte, gehört einem armen, aber rechtschaffenen Handelsmanne. Ich wußte, daß Seeräuber in der Nähe kreuzten, in deren Hände das Schiff gefallen wäre, hätte man es zur festgesetzten Zeit absegeln lassen. Dieses verhinderte ich durch einen geringfügigen Schaden, der in wenigen Tagen wieder ausgebessert werden kann; mittlerweile aber sind die Seeräuber, des Wartens müde, nach einer andern Gegend gefahren. Das Kind, das ich ins Wasser stieß, zeigte schon in seinem jugendlichen Gemüt gar böse Eigenschaften und eine ausgesprochene Zerstörungsfticht, die sich später zu fluchwürdigen Verbrechen ausgewachsen hätten. Ich tötete darum seinen Leib, um seine unschuldige Seele zn retten. Endlich, das Haus, das ich freiwillig ausgebeffert, gehört unmündigen Waisenkindern; nur bis zn deren Großjährigkeit wird es von einem hartherzigen Pächter verwaltet. Unter dem Hause befindet sich ein großer Schatz, den der Vater der Waisen während der Kriegsunruhen dort vergraben hat. Wäre nun das Haus eingestürzt, dann hätte der böse Pächter diesen sicherlich entdeckt und sich angeeignet. Jetzt aber wird die Wand stehen bleiben, bis die Waisen es wieder in Besitz nehmen können. 'Tu siehst also, daß ich nicht unüberlegt oder leichtfertig gehandelt habe, und kannst daraus die Lehre entnehmen, niemals nach dem bloßen Schein zn urteilen, der trügerisch ist, sondern jeder Sache erst auf den Grund zn gehen." Moses bat nochmals seiner Voreiligkeit wegen um Verzeihung, und nach einer heimlichen Verabschiedung begab er sich wieder zu den Israeliten in der Wüste, im Stillen Gott dankend, daß ec einen Teil seiner unerschöpflichen Weisheit einem Geschöpf von Fleisch und Blut zugeteilt hat. Ein Besuch in der jüd. Blindenanstalt in Steglitz- Von Lehrer Adolf Rothschi, l d-Achim. Der Liebenswürdigkeit meines- Kollegen Friedberger verdankte ich eine Einladung zum Besuch der von ihm geleiteten jüdischen Blindenanstalt in Steglitz, der ich mit großem Vergnügen Folge leistete. Hatte ich doch schon so viel Segensreiches gehört von dem Wirken und den Erfolgen dieser jungen, vor kaum erst zwei Jahren ins Leben gerufenen Institution, daß ich wohl begierig sein durste, sie in 'ihren Einrichtungen durch den Augenschein kennen zu lernen. Meine-Unwesenheitin Berlin zum Gemeindetag gab mir die erwünschte Gelegenheit. Eine. kurze Fahrt uns der Stadtbahn brachte . brich nach Sieglitz, und eine breite, mit Linden eingefaßte Billenstraße an ein großes Gebäude, das .nur durch die Auffchrist „Jüdische Blindenanstalt" an seiner Front verriet, welchem Zweck es dient. Stattlich und einladend steht es in einem großen blühenden Garten, und der ganze Frieden des großstädtischen Villenvororts ist darüber, ausgegossen. Bei meiner Ankunft war Kollege Friedberger gerade damit beschäftigt, einem 20jährigen Patienten Rechenunterricht zu erteilen. Nach der Begrüßung _ nahm .er diese Tätigkeit wieder auf, wobei die leichte .Auffassungsgabe des Schülers sinich in nicht geringes Erstaunen versetzte. Nach Beendigung hes Unterrichts schritten wir zur Besichtigung her UnstaltsräuMe. Ein breiter, weißgestrichener Korridor, an dessen Wänden Laufstaygen für die Blinden angebracht sind, verbindet die einzelnen ZimMer miteinander. Außer dieser Stangen und vielleicht der völligen Schmucklosigkeit und' Kahlheft, der Wände ist iM ganzen Hause nichts Auffallendes zu bemerken. Die Schulräume enthalten Bänke, Pulte, einen Wandschrank, aber selbstverständlich weder Tafel noch sonstiges AnWurungsmaterial. Die Kinder sehen hier sozusagen mit den Händen. 'Ein lOjähriges Mädchen las kaum langsamer als ein gleichaltriges sehendes Kind. aus. einem Buche vor, indem es seine Fingerchen mft großer Gewandtheit die erhöhten Punktlinien enÜangführte. Ein kleiner Knabe rechnete mit großer Sicherheft seinem Alter angemessene Aufgaben schriftlich unl;. mündlich, und zwei der Kernen lasen sogar fließend hebräisch, natürlich gleichfalls in Blindenschrift. Selbst Zeichnungen wurden mir gezeigt, die von den Blinden nnt bunten Nadeln und nur vermittels des Tastsinnes hergestelkt waren. Auch in den übrigen Schulfächern, wie Geographie und Geschichte, wiesen die Kinder Leistungen auf, die keineswegs hinter denen ihrer glücklicheren Altersgenossen zurückstehen. 0750