Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 24 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 24 Leite 3 -;-• j Wundervolle Gebetstücke hat mau durch nichts- ' i sagende, ihren Verfassern nicht zur Ehre gereichende deutsche Gebete ersetzt. Beim 2kis heben und Einhebcn :"] hat man die Gebete verstümmelt; die wunderbaren Psalmen . 24 und 29, die herrlichen Poesien eines Königs David, / läßt man sorrfallen. Die Schlußworte beim Einheben - I „Chadesch jomenu t' ketem" erneuere unsere Tage wie j ehedem, übersetzt mau „Erneuere unsere Tage zu unserein Heile", und leugnet so die geschichtliche 1 Vergangenheit. | Die Predigten widersprechen sich sortgeseht. Ein; beliebtes Thema ist es, auf die guten Sitten der Väter hinzulveisen und Dinge als obsolet hinzustellen, die es gar nicht sind, sondern einfach bei der Berliner Gej meinde Verständnis- und pietätlos abgeschafft wurden. So feierte ein Rabbiner den Umstand, daß die Sprüche der Väter ein Bestandteil des Gebetes gewesen wären, als eine Waffe gegen alle Anfeindungen von außen; .] ein anderer schilderte seine selige Mutter, wie sie am Nachmittage eines Sonnabends im Winter „Borachi 1 nafschi" sagte, und feierte diesen 104. Psalm in begeisterten Worten, ein dritter brach eine Lanze - für „Kol nidre." Die Erinnerung an unsere Eltern sollten '■ nicht durch Phrasen gepflegt werden, sondern dadurch, daß man jene Gebete wieder herstellt und für ein würdiges „Sagen" derselben sorgt. Anreden und aus - . nichtjüdischen Predigten entnommene Phrasen wie ,^8eken- ' nergemeinde," „Heilssegnnngen" sollten unterbleiben. Die alten Rabbiner hatten derartiges nicht nötig, sie waren originelle Persönlichkeiten und Charaktere, weil ihre Glaubensfestigleit sich auf ernstes jüdisches Wissen stützte. Unsere alten Rabbiner hätten sich aber manche unerfreuliche Erscheinungen der Jetztzeit nicht bieten lassen. Redner schildert so z. B. die Lächerlichkeiten, welche das Streben nach äußerem Aufputz in der Synagoge Hervorrufe: wie der'Gemeindediener den Kiddusch- Becher überreiche und dabei exakte militärische Wendungen mache, wie er im Paradeschritt die Barmizwah-Knaben zur Empore führe, usw. „Ist denn," so fragt der Redner, „die Bimoh ein Exerzierplatz", ist denn der einzige Standpunkt, von teilt aus die Barmizwah-Feier zu betrachten ist, te£ 'Standpunkt des Parademarsches? Eine Art schamossi in- Wirtschaft hat sich herausgebildet. Die Verteilung der Mizwaus erfolgt niehr im Interesse der Genreindediener als der Gemeinte. Ein Trinkgelderunfug .hat am Somiabend und Festtagen selbst am Jomkippur in der Synagoge Platz gegriffen. Dies sind Mißstände, die von Wissenden in fast , allen Synagogen beobachtet werten, und zu bereit Beseitigung es endlich nötig ist, die Flucht in die Oesfentlichkeit zu wagen. Redner stellt dann als Gemeindeprogramin ^bestimmte Forderungen ans, die er unter drei, schon früher von anderen Seilen betonten Gesichtspunkten betrachtet wissetr will. 1. Ablehnung alles dessen, was die Ursprünglichkeit und Selbständigkeit des jüdischen Bewußtseins schädigen könne; 2. Dezentralisation der Kultusverwaltung: 3. Ertveiterung der Betätigung der Gemeinde. Die rituellen Einrichtungen der Gemeinde müßten ten strengsten Anforderungen entsprechen; hebräische Sprache in Schule und Synagoge erhalten, der Zionsgedanke in ten Gebete» wiederhergestellt werten. .Vertiefung des Religionsunterrichts und ' der Kenntnis der jüdischen Geschichte. Einführung von Parochialbezirken. Wohlfahrts-, Steuer- und Budgetaugelegenheiten gehörcit der Zentralverwaltung, wie auch dir Festsetzung der Zuständigkeitsgrenzen für die Bezirksgemeinden usw. Die Bezirksgemeinden ordnen ihre Kultusangelegenheiten selbst und wählen auch ihre Vorsteher und Kultusbeamten. Ein jeder Zensus zur Wahlberechtigung soll aufhören; auf Grund eines allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts sollen die Verwaltungen in Proportionalwahl gewählt werten. Lebhafter Beifall lohnte ten Redner, an dessen Worte sich unter Teilnahine der Herren .E i s n e r» .L e s s e r, der liberalen Repräsentanten-Stellvcrtreter Blankenburg und Dr. Rosenberg usweine lebhafte Disk u s s i o n anschloß. Selbst die Gegner nrnßten durch ten Berlanf der Diskussion das Vorhandensein vieler Mißstände zugeben. Hosfentlich wird die Gemeinteverioaltung Anlaß nehmen, die lautgewordenen Beschwerden, und Wünsche ernstlich zu prüfen. Das Angola-Projett angenommen! Lissabon, 16. Juni. Die Deputiortenkammer hat einstimmig den folgenden Gesetzentwurf angenommen: 1. Die Regierung wird ermächtigt, jüdischenEmi ■ grauten Konzessionen auf B o d e n b e s i tz i n A ttg ola zu erteilen, vorausgesetzt, daß diese Einwanderer sich verpflichten, den in den folgenden Punkten des Gesetzes angegebenen Bestimmungen zu entsprechen. 2. Jeder Einwanderer erhält einen Bodenbesitz von 60 b i s 100 Hektar. Für den Fall, als nach Berlanf von zehn Jahre» zumindest drei Viertel des übernommenen Bodens bearbeitet sein wird, hat der Kolonist Anspruch auf neuerlichen Bodenbesitz in demselben Ausmaße, wie ihm ursprünglich zugeteilt wurde. 3. Jeder Kolonist hat jährlich eine noch fcstzusetzende Zahlung zu entrichten: Diese jährliche Leistung beginnt jedoch, erst nach Ablauf des fünften Jahres, vom Tage seiner Ansiedlung an gerechnet. 4. Rach zehn Jahren, vorausgesetzt, daß drei Viertel des übernommenen Bodenanteiles kultiviert ist und der Kolonist allen Anforderungen des Gesetzes entsprochen hat, wirb er uneingeschränkter Eigentümer des ihm zngewicscnen Bodenanteiles. 6. Dem Kolonisten steht es frei, während der ersten zehn Jahre Verbesserungen auf seinem Bodenanteil vorznnehmen, doch hat er für den Fall, daß er den Bestimmungen dieses Gesetzes nicht entsprochen hat, keinen Anspruch auf einen Ersatz der aus diesen Verbesserungen entstandenen Kosten, und der Boden bleibt Eigentum des Staates. 6. Alle Baumaterialien, Maschinen, landwirtschaftliche Geräte, Schul-,. Hospital- und Apothekercinrichtungen so-' wie Samen werden in den ersten zwanzig Jahren z oll - und st e u e r f r e i eingcführt. 7. Ebenso sind alle Schisse, welche für Kolonisten bestimmte Materialien oder zumindest hundert Emigranten bringen, vollständig zoll- und steuerfrei. 8. Im Verlaufe von zwanzig Jahren, vom Tage der Veröffentlichung dieses Gesetzes im Amtsblatte gerechnet, dürfen in Angola keine neuen Gesetze außer denjenigen, welche in der Provinz Angola schon heute in Kraft sind, promulgiert werden. 9. Jene Kolonisten, lvelche den Genuß des Gescetzs in Anspruch nehmen, haben spätestens nach Ablauf von zwei Jahren dem Kvlonialminister ihre Absicht, sich in An gv la naturalisieren zu lassen, offiziell bekanntzugebcn. 10. Die Naturalisierung erfolgt in Anwesenheit des Vorsitzenden des Stadtrates oder seines Vertreters, mit Hinzuziehung zweier Zeugen. 11. Kinder, welche bei der Naturalisierung das zehnte Lebensjahr nicht erreicht haben, unterliegen der Militärdienstpflicht. Endlich hat also Israel Z a n g w i l l für seine „I t o" ein Land — und zwar ein Land, das anderthalbmal so groß, wie Deutschland ist, und in dem Reis, Kaffe, Zuckerrohr, Baumwolle, Tabak, Mais re. üppig gedeihen. Die Portugiesen haben dieses Land vor 400 Zähren in Besitz genommen, doch noch heute kostet ihnen der Besitz jährlich Geld, und bis heute hat die europäische Bevölkerung, die fast ausschließlich in den Küstenstädten Loanda und Mofsämeoes Wohnt, die Zähl von 10,000 nicht überschritten. Es herrscht nämlich in Angola eine starke Hitze, ein noch ziemlich beträchtlicher Sklavenhandel und Latifundienwirtschast. Die vier Millionen Einlvvhner des Landes — cs sind Kongoneger, He!reros re. — .leben noch so ziemlich inr Urzustand lund wissen daher auch nichts von Antisemitismus. Zangwill kann also dem jüdischen Volke auf dem demnächstigen „Jto"-Kongreß ein Land Mit lvcnig Menschen und gar keinen! Antisenlitjs'mus anbieten. Brief aus Galizien. Galizien War nie ein Eldorado'"'für seine Juden. Gegenwärtig scheint es aber ein Eldorado für all' die zu sein, die sich die Judenfeindschaft zu eigen gemacht haben. Der neue Landmarschall Graf Goluchowski ist ein eingefressener Antisemit. Das genügt, um jede Hoffnung auf den Gefrierpunkt zu bringen. Schon jetzt War es eine galizische Spezialität, jüdische Mädchen zu rauben, um sie im Kloster zu taufen. In Lenk Krakauer Felicianerinnenkloster werden jede Woche einige^ kaum, mündig gewordene jüdische Mädchen zur Taufe geführt, und die Intervention der Behörden nützt nur selten etwas, denn es gibt in Galizien so viele Klöster und die frorstmen Nonnen spielen Mit ihren getauften Opfern gern Verstecken. Nunmehr tmrd über eine Behörde sicherlich nie ein hinter den Klostermauern verschwundenes jüdisches Mädchen finden. Charakteristisch für die gegenwärtige Situation ist auch, daß sich, in dem Wahlkreise Skryj, Frankfürker FsrMitkstyeZ HamWenblat?. in dem die Juden die Mehrheit/bilden, für das freigewordene Landtagsmandät diesmal kein jüdischer Kandidat findet. Da die Wahl öffentlich und mündlich "ist. und die leitenden Kreise höchstens eine jüdische Kreatur des Polenklubs genehmigen, die jüdische.Masse diese Verräter ihrer Interessen aber nicht niehr will und bei den bekannten Gewaltmitteln der Machthaber ihren Willen nicht durchzusetzen wagt (Drohobycz!), so wird wahrscheinlich ein Christ, gewählt. In einem anderen westeuropäischen Lande lväre auch die Verbreitung des Antisemitisin u s d u r ch das K i n o nicht möglich. Hier zieht ein Kino vonOrt znOrt, das den Kischinewer Pogrom unter Abspielen lustiger Gassenh a u e r -im Bilde zeigt. In Mielec kanr es deshalb zu tumultösen Szenen zwischen den jüdischen und nichtjüdischen Besuchern des Kino. Brief aus Rußland. Aus dem Dorfe Akimowsky und anderen Dörfern im Tawriczer Gouvernement sind 300 jüdische Familien ausgcwiesen worden. Alle Bemühungen bei dem Gouverneur halfen nichts; ja, man gab den Unglücklichen.nnr drei Tage Frist zur Ablvicklung ihrer Geschäfte. Ans dem Dorfe Wasilewski (Ekaterinaslawer Gouv.) wurde der einzige dort wohnende Jude Kosowskp ausgewiesen. Auf sein Jammern wurde ihm nachträglich die Erlaubnis zu bleiben unter der Bedingung gewährt, daß er alljährlich 100 Rubel für die Notdürftigen des Dorfes erlege. In einem Dorfe in Podolien fand aus Veranlassung des echt russischen Verbandes eine Zusammenkunft der Dorfbewohner statt, um die Frage zu erörtern, ob man die jüdischen Einwohner weiter dulden soll. Die Bauern waren nicht für das Answeiseit, aber sie beschlossen, daß .jede jüdische Familie für ihr weiteres Verbleiben 5 Rubel tu die Dorfkasse zahlen muß. In K o w n o faild ein B l u m e n f e st für die A r m e n statt. Es wurde der Wunsch ausgesprochen, auch die Juden zum Verkauf der Blnmen zu benützen, — natürlich nur unter Währung der bekannten Prozentnornt. Der absurde Vorschlag fand keine Mehrheit. Die Petersburger „echten Russen" haben den Beschluß gefaßt, an die Dunta ein Gesuch zu richten, daß man in Wilna eine jüdische Universität. errichte und die Juden von den anderen Universitäten gänzlich ausschließe. Es ist durchaus nicht unmöglich, daß der Vorschlag verwirklicht wird. I. I. Braun. Die Entwicklung des Reform- Gottesdienstes. Berlin, 16. Juni. Ueber dieses Thema, dabei speziell die Mißstände in der Rykestraße-Synagoge ins Auge fassend, sprach auf Veranlassung der „Schönhauser Bezirksgruppc des Neuen Jüdischen Geinciiitevereins", Bücherrevisor Ludwig Behr vor einem vielhundertköpfigen Slubitoriiim. Redner schilderte die Entstehung der sogenannten Resormbewegung, dabei auf die Tatsache hinweisend, daß, von denN ach k o in in e n jener 31 M ä n n e r, welche den Aufruf, zur Gründung der Berliner Reform g e tn e i n d e vom 2. April 1845 Unterzeichneten: keiner mehr dem Judentum augehört. Das traditionelle Judentum will das ganze Leben mit seinem geistigen Gehalte durchziehen, das Reformjudentum beschränkt sich auk ten einen Tag in der Woche. Die hebräische Sprache ist durch die Landessprache verdrängt. Eine Richtung, die ohne jede Individualität, jede Erinnerung an unsere historische nationale Vergangenheit, selbst. daran, daß wir Nachkommen der Patriarchen sind, einfach aus dem Gebetbuche streicht, kann ihren Anhängern keine Widerstandskraftgeben. Die Refornt ist nicht das Resultat einer Entwickelung — des Hervorsprießens frischer Keime auf dem alten Boten —, sondern einfach die Verwüstung des Alten. Sie ist eine künstliche Pflanze, die auf dem Boden der Inden-Emanzipation auf das Judentum ansgepfropft wurde. Die gebildeten Juden nahmen von ten neuen Rechten mit Eifer Besitz und wollten, wenn in ihnen das jüdische Gefühl noch nicht ganz erloschen war, das Judentttm der es umgebenden Welt angepaßt -wissen. Zielbewußte Rabbiner) voll Begeisterung für das Judentum, hervorragende Gelehrte, die das gesamte Gebiet der jüdischen Wissenschaft beherrschen, verschwinden aus ten Rabbinatssitzen der jüdischen Gemeinde. Wer. sind die Männer, die hauptsächlich cm .ihre Stelle treten? Durchweg unbedeutende Geister, Meister des Pastoralen Pathos, Verkünder einer Pastoren-Ethik, Slpostel einer erdichteten Mssion des Judentums. Aus aller Weü. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Der pülästinensische HilfSverem „L e m a a n Z i o n", dessen Sitz Frankfurt ist, nimmt an der Stätte seiner Wirksamkeit von Jahr zu Jahr an Ausdehnung und Bedeutung zu. Wenn in Jerusalem nur diese eine Stätte Franksnrter Initiative und Gemeinsinns ^wäre, es würde genügen, um den Namen Frankfurt unter den 40 609 Juden Jerusalems ständig wach zu halten. Tausende und abermals Tausende genießen jedes Jahr die Segnungeit der Poliklinik, der Apotheke und der berühmten Augenklinik des „Lemaan Zion". Als 1907 eine Blatternepidemie ausbrach, da war es der „Lemaan Zion", der sofort aus der Warte stand und in kurzer Zeit etwa 10 000 Impfungen vornahm. Auch bei der Genickstarre im Jahre 1903 griff sofort der „Lemaan Zion" ein und verhütete eine Ausdehnung dieser verheerenden Krankheit. Es ist natürlich, daß solche gewaltige Leistungen große Geldmittel ersordern. Wir glauben, daß der Mitgliedsbeitrag von fünf Mark es jedermann ermöglicht^ sein Scherflcin zu dem Wirken des .Lemaan Zion" betzutragen. (Siche Aufruf im Inseratenteil.) '