Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 24 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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■'' Leite;2. w e l che D m-Lg i an i e WDM echtza ch H e r l a s! so n - wo llen. MWbtMnMH deren-ÄeM Diesen müßten die dazu iwtigen Mittel -in irgend einer Weise beschafft werden. Es mußte sodann Von jüdischer Seite in schonender Weise — durchs Beförderung der Neuernwandernden in andere Städte oder nach dem Ausland' — ein weiterer Zuzug verhindert werden! Dem Elends der Arbeitslosen Mer rann nur durch intensive Intervention oon hierzu berufenen Kaufleuten gesteuert werden. Es muH den jüdischen Arbeitgebern llargemacht werden, welch schweren Vergehens sie sich schuldig, machen, wenn sie die ausländischen, Arbeit suchenden Brüder rückrichtslos abweiscn. Dies Mittel wird — wie wirkungslos es manchem Skeptiker auch: erscheinen mag — bei unermüdlicher Wiederholung doch! nicht ganz ohne Erfolg sein. Jedenfalls wird jeder praktische Schritt zur Äsung dieses schwerwiegenden Auslän- Lerproblems von Seiten der Frankfurter Juden auf die Offenbacher Stadtbehörde und Bevölkerung beruhigend wirken! Sollte «Der auch jetzt dieses schicksalsschwere Problem unterschätzt oder dessen Lösung aus Fahrläfftzkeü verschoben werden, so würden sich' in erster Linie diejenigen Nr die unausbleiblichen, tragischen Fotzen ihrer Passivität zu verantworten haben, die das Unglück dvn nächster Nähe aus kommen sahen und dennoch nichts zu seiner Abwehr tun wollten! Und die Frankfurter Judeicheit wird dann nicht sagen können: „Unsere Hände haben nicht vergossen dieses Blut, und unsere Augen haben nichts gesehen!" Noch ist es Zeit — aber auch die höchste Zeit! Jakob' ben Elieser. Aus LeuEreiguiffen des Tages. 1. Las Sattowitzer Vergarbeiterprvjekt. Während noch allerorts die Debatte über Berechtigung, Zweck und'Existenznröglichkeit der „Agud'oth Jisroel" in lebhaftem Fluß ist, hat diese selbst bereits eine positive Aktion unternommen, die gewissermaßen als Einführung bei der jüdischen Oeffentlichkeit, vor allem wohl bei den jüdischen Massen Osteuropas dienen soll. Sie hat durch Vermittlung eines Kattowitzer Komitees es erreicht, daß eine große schlesische Bergbaugesellschaft' sich bereit erklärt hat, 300 jüd. Arbeiter anzustellen, für ihre rituelle Verpflegung Sorge zu tragen und ihnen für den Fall, daß sie fleißig und eifrig ihre Pflicht erfüllen, Samstag freizugeben: den daraus entstehenden .Zeitverlust könnten sie durch Ueberstmrden an den Wochentagen wieder einhvlen. Da die zur Installierung der.Arbetter nöttzen Kosten vom Vorsitzenden des provisorischen Komitees- Herrn KomMerzienraL Feist-Frankfurt a, SOI., zur Verfügung gestellt worden sind, da sich bei der Unzahl der Erwerbslosen im Ghetto Osteuropas 300 Arbetter natürlich sofort bereit erllären werden, in den Dienst der Gesellschaft zu treten, scheint die ganze Frage bereits erledigt zu sein. Dennoch aber ist sie in manchen Hinsichten vvn so prinzipieller Bedeutung, daß sie eine eingehende Erörterung voll verdient. Dieser mit der Bergbaugesellschast abgeschlossene Vertrag greift wett über seine Bedeutung als Einzelfall hinaus; vielmehr stellt er eine Art vom neuem Typus für die Betätigung der jüd. Philantropie dam Der Gädanke, daß jüd. Organisationen und 'Institutionen durch ihren Einfluß, eventuell auch durch, Geldzuschüffe jüdische Arbeiter bei großen Gesellschaften unterbringen und ihnen dabei ihre traditionelle Lebensführung ermöglichen, ist gewiß an sich ein überaus glücklicher und'würde, wenn er sich in größerem Maße verwirklichen ließe, von weittragender Bedeittung werden können. Daß das Ganze natürlich' immer ein Palliativnrtttel temporärer Natur - blechen muß, ist selbstverständlich. Aber auch als solches— und dies muß vhn vornherein wohl berücksichtigt werden — hat es gewisse Nachteile und Gefahren. Vor allem 'würde cs, in stärkerem Umfange realisiert, dieselben Folgen haben müssen wie die andere ähnliche -Erscheinung im jüd. ökonomischen Lebten, die bereits «verwirklicht Wwir meinen die M a s s e n- . emi gr at i on. Ein numerisch stärkerer Zustrom jüh..Arbetter würde .sofort densellen Antisewi-, tisnrns Hervorrufen, wie ihn hie Emigration be-i retts in allen Emigrationsländern bei den Arbeitern Frankfurter JsraÄttischeS FamMenblaü. hervorgerüfen hat> Dies - ist! auch die Ursache, weshalb' wir die Möglichkeiteiner größeren, umfaffcnd'eren Realisation dieses Gedänkm^ für unwahrscheinlich halten. Zu diesem prinzipiellen, allgemeinen Bedenken, das ja in diesem speziellen Falle, wo es! sich nur um 300 Arbeiter handelt, nicht unbedingt Anfressen muß, kommt ein anderes hinzu, das auch hier sofort in Erscheinung treten muß, und das' erst der ganM Sache ihre richtige Farbe Verleiht: Auch der unbefangene, naive Betrachter wird sich nämlich auf den ersten Blick sagen inüssen, Wodurch) denn diese plötzliche Philosemitische Anwandlung der Bergbaugesellschast zu erllären sei. Mld — wenn man diese vielleicht als Ausnahmefall schon hinnehmen will — wieso plötzlich die preußische Regierung .in unerhört jud'enfreundlicher Weise sich sofort bereitwillig erklärt hat, diesen osteuropäischen Arbeitern die ungestörte Ausenthaltserlanbnis zu gewähren. Dies würde ja eine rMkqle Wandlung der ganzen.Praxis der preußischen Regierung bedeuten, für die gär keine Ursache vorhanden wäre. Man merkt also schon daran, daß. die ganze Sache für die Bergbaugesellschast und die Regierung einen ganz anderen Zweck hat, und daß diese nicht minder dabei auf ihre Rechnung kom'm'en wollen, wie die, antzestellten Arbeiter. Und der Zweck ist für jeden Einsichtigen llar, und 'in der jüdischen Presse hat man bereits auf ihn hingewiesen: die tiefer liegende Absicht ist die, diese armen jüd. Arbeiter im Falle eines Streikes als Streikbrecher zu Ver- - wenden. Ein Streik der Arbeiter steht 'ja immer drohend Vor der Türe, und so erachten es wohl die Direktoren der Gesellschaft für ein sehr bequemes Mütel, diese armen Teufel aus Ostenropa, die gar nicht die finanzielle Atöglichkeit haben, zu streiken, als Ersatzkräste für den Fall eines Streikes zu gebrauchen. Nur so ist es zu Verstehen, daß die preußische Regierung ohne Widerstreben diesen Arbeitern den Aufenthalt gestatten will. Nun, da man dies weiß, bedenke man, welche unerquickliche, ja gefährliche Situation sich im Falle eines. Streiks ergeben müßte, — und ein solcher Streik kann ja jeden Tag ausbrechen. Streiken die jüd. Arbeiter nicht, : dann ist es llar und aus.der erregten Psychologie .der übrtzen streikenden Arbeiter nur erllärlich, daß sich dieser ein Haß gegen diese jüdischen Streikbrecher bemächtigt, ein Haß, der nämlich sofort den Charakter allgemein antisemitischer Gesinnung! annehmen wird und außerdem zu Exzessen gegen diese jüdischen Arbeiter führen kann, auch auf größere Kreise der Arbetterschqft übergreifen kann; in diesem Falle würde der Schaden, der dadurch entstünde, dem Nutzers, der sich aus der Versorgung der 300 Arbeiter ergibt, gleichkommen. Angenommen «wer, diese jüdischen Arbeiter streiken mit — was sehr wohl denkbar wäre —, dann ist es klar, daß die Bergbaugesellschast sie sofort entlassen und die preußische Regierung sie sofort ausweisen wird. Denn dann tut ja der Mohr nicht mal seine Schuldigkeit und kann gewiß gehen. Dieses Bedenken ist — wie gesagt — kein willkürliches, theoretisch konstruiertes!, sondern eins, das sich jeden Tag und dann mit Naturnotwendigkeit realisieren kann. Dies Ändert' natürlich an der guten Absicht der Initiatoren des Planes nicht das geringste. Aber welch zweischneidigen Mittels sie sich da bedienen, sollten sie doch einsehen und sich das doch nochmals Wohl Merlegen. So ist es auch erllärlich, wenn die Alliance — die in letzter Zeit scheinbar etwas mehr den jüdischen Massen Osteuropas eutgegenkommen will, — bei all ihrer Bereüwilligkeit, gleichfalls den Plan zu unterstützen, sichdennoch vorher über die etwaigen Konsequenzen instruieren Will. Soll die ganze Aktion von wirklichem, uneingeschränktem Nutzen sein, so müßten die Initiatoren nach Mittel und Wegen suchen, Garantie- Maßregeln für den Fall eines Streikes zu schaffen und etwa die Zusich erung seitens Direktion und Regierung erwirken, daß selbst im Falle ihres Streitens die jüd. Arbeiter nicht schlimmer .behandelt würden, wie Hie anderen. Ob sie frellich diese Zusicherung erwirken werden, ist sehr, sehr frctzlich, und an Hem Erfolge wird man ja ganz deutlich die Absichten der Gesellschaft " ' ■ _ _Nr. 24 undMr HtzierNnig erkennen können. Versucht: muß es jedenfalls.- werdest. So, wie es ist, ist das Gänze nur eine halbe Wohltat, ist die Erstlingsgabe, .die die „Agudäth Jisroel" den jüdischen Massen Osteuropas spenden will, mir ein Danaergeschenk. - ^. Der Sieg Halm RahumS. Der Kampf, der zwischen dem Großrabbiner der Türkei, Haim Nahum, Und der obersten Behörde der ottomanischen Jndenheit, dem Medschliß dschismani, schpn seit längerer Zeit herrscht, hat eine überraschende Wendung genommen. Trotzdem die Volksversammlung der ottowänischen Juden,., der Medschliß Umumi, sich: - auf Seiten der Medschliß dschismani gestellt hat, ist dieser anläßlich - der Demission dreier seiner Mitglieder. i n c o r p o r e zurückgetreten. Dies wstk bedeuten, daß ß Haim Nahum gelungen ist, durch intrigantes Ränkespiel und diplomatische Kniffe einen vorläufigen Erfolg zu erzielen. Man weiß, um was sich der Streit drehte: nominell. um den Vertrag mit der aschkenasischän Gemeinde seitens. der Medschliß dschismani, den Haim Nahum nicht' anerkennen wollte und' bei der Regierung pls gesetzeswidrig denunzierte, faktisch um die ganze prinzipielle Stellungnahme der obersten Behörde, die in nationalem Sinne erfolgte. Nachdem nun der Medschliß dschismani von der Volksversammlung, die doch sehr Wohl den prinzipiellen Charakter des Streites kannte, eine Zustimmungserllärung bekommen hatte, war. es fiir . jeden demokratisch und anständig gesinnten Menschen selbstverständlich., daß Häim Nahum, der doch moralisch unterlegen war, zurücktreten werde. Wer Mer dies erwartete, schätzte die vornehme Gesinnung Haim Nahums zu hoch und seine Stärke im ■ Jntriguenspiel zu niedrig ein., Häsin Nahum tröstete sich Mer die moralische Niederlage und blieb; blieb im Vertrauen auf seine Schlauheit und auf sein diplomatisches Talent, von dem er noch eine Besiegung der Gegner erhoffte. Und seine Hoffnung hat ihn nicht getäuscht. Durch falsche BerWe an die Regierung und dank seiner persönlichen Beziehungen zu den Ministern hat er eine entschiedene Stellungnahme der Regierung zu Gunsten der Medschliß dschismani zu verhindern gewußt. Sodann erreichte er durch persönliche Beeinflussung, drei Mitglieder zum Austritt zu bewegen, worauf der Medschliß dschismani eine Neukonstituieruug gezwungeln vornehmen mußte. Dieser aber, d'es häßlichen Jntriguenkampses müde, verzichtete darauf, noch weiterhin gegen einen Gegner von der Art Haim Nahums zu kämpfen und demissionierte. Es trat eben das hier ein, was so oft geschieht': Die moralische Dickhäutigkeit hat den Sieg däv'ongetragen über das moralische Feingefühl und über den politischen Anstand. Was nun erfolgen wird, ist noch nicht abzusehen. Die Neuwahl der MedWiß dschismani wird wohl wahrend des Sommers, da viele führende Persönlichkeiten von.Konstantinopel abwesend sind, nicht erfolgen können und' bis zum Herbst aufgeschMen werden. Wie aber dann der Ausfall der Wahlen erfolgen wird, ist bei den politischen Künsten des 'Großrabbiners nicht vorherzusagen. Wie das Resultat aber quch sein.möge, die moralische Niederlage Haim Nahums und damit der assimilatorischen Richtung in der ottomanischen Judenheit, deren Faden in den Büros des Alliance münden, und damit der moralische Erfolg der nationalen Strömung ist. nicht aus der WeÜ zu schaffen und' auch nicht wieder M ändern. Denn der Erfolg, den Häsin Nahum durch die Demission der Medschliß dschismani errungen hat, ist nur politischer, faktischer Natur. Moralisch wird seine Niederlage dadurch nur noch größer. In den Augen aller Vornehm denkenden ottomanischen Juden hat er sich, durch sein Vorgehen moralisch .gerichtet. Der bessere Teil derselben steht unzweifelhaft ans Sette der demissionierten Medschliß dschismani. Und! ist .auch dieser für den Moment unterlegen,, für die Dauer muß er doch siegen. Denn mögen die moralisch Schwächeren auch zeitweise den Erfolg d'avontraaen, im großen Verlauf der Enttoicklung behält doch diejenige Partei die Oberhauch die das Recht und die Ethik auf ihrer Seite hät. Dies lehrt die Ethik, dies lehrt Mer auch die Geschichte. Und die ethisch stärkere Partei ist in diesem Falle diejenige der Medschliß dschismani, die nationale Partei. .