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Neue jüdische Presse · 1912-06-21 · Heft 24 (21.6.1912) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 24 (21.6.1912)
Date
1912-06-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erscheint wöchentlich am Freitag. . S«UMPrris pro Vierteljahr: In Frankfurt a.M. Mk. 1.—; frei ms Haus. Bei,, der Post abonniert. 90 Pfg., frei inS . .Haus .4 Pfg/ pro Monat,' mehr... — Bei Zusendung durch - . Streifband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn'Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Lander Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. HedaKtiou und G-kpe-ition: Frankfurt a. M. :: Cangeftr. 7 ' Fernsprecher Amt I. 10507. Anairsgsvw: KglF Insntionspreis für die fünfgefpaltene Petitzeile 25 Pfg.. für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Etellen-Angebote und »Ersuche, Wohnungsinferate, Heirats-Annoncen 15 Pfg..die sechsgespaltene Petitzeile ohne - jeden Rabatt. Platzt und Datum-Borschrist ohneBerbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und i«a.Amwncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. «ater Nr. 4864. - — 10* Jahrgang. Freitag, Seit 6 V»MU8 S672 (Sl.J«ni ISIS) Rr. Kin -räugeudes Problem. „ Die Tage von Kischinew, Shitomir und' Homel sind längst vergessen. Man vergißt ja so schnell, lvcnn man — vergessen will. Und doch hat heute das europäische Gewissen' nicht weniger als vor fünf Fähren allen Anlaß, sich Wer das Martyrium der russischen Judenheit zu empören. An die Stelle der Pogrom-Epidemie ist die B e r t r e i b u n g s - E p id e ni i e getreten; Tausende und Abertausende von Juden -werdenfortgesetzt in ihrem Lebensglück vernichtet, zu Grunde gerichtet. Doch weil heute kein Blut schreit, kommt den Unglücklichen niemand zur, Hilfe, — selbst nicht einmal ihre glücklicheren Brüder im Westen, die nur gelernt haben, Almosen zu geben, und.nicht die Pflicht zu kennen scheinen, den Schwankenden zu stützen, dem.Fallenden aufzuhelfen, wozu freilich ein Brndergefühl erforderlich wäre. Und die durch ein Ausweisungsdekret an den Bettelstab.Gebrachen? — Wessen Kraft und Mut nochnicht' gebrochen sind,' der schlägt den Weg über den Ozean ein. Der Rest wandert nach den westlichen Ländern .Europas, besonders nach dem zunächst liegenden Deutschland. Dieses hat Raum genug, noch, etliche Tausende der Verfolgten aufzunehmen, und in der Tat gibt es einige deutsche Bundesstaaten, deren Regierungen zu wenig antisemitisch und daher vernünftig genug sind, gegen die Einwanderung nützlicher Menschen nichts einzuwenden. Denn diese Ausländer sind in der Regel anständige Leute,, ernähren sich zum" größten Teil von ihrer Hände Arbeit und bringen dem Staat, der ihnen Schutz gewährt, schon durch ihre Lteuerle'istung einen nicht zu unterschätzenden Vorteil. Daher ist auch bekanntlich. die Stellung. der Hess ischen Regierung — und jetzt sind wir bei dem eigentlichen Gegenstände dieser Zeilen angelangt — zu. dieser Emigration stets eine wohlwollende gewesen. Aber nicht nur die Regierung, auch die städtischen. Behörden und das hessische Volk verhielten sich den Emigranten gegenüber sehr tolerant und suchten nicht deren ohnedies saure Leben noch saurer zu machen. — : Die letzten Jahre aber haben in Hessen eine Wendung der D inge gezeitigt.- Wohl' steht die Regierung nach 'wie vor auf tolerantem Boden. Aber die.Stadtbehörden und die. Bevölkerung sind wie umgewandelt! Mit Unfreundlichkeit blicken sie auf die „fremden Elemente"; ja, sie bemühen sich, bei der Regierung ein Einschränknngsbezw. Ausweisungsdekret zu erwirken! Worin ruht der Grund dieser traurigen Wandlung? Die Antwort auf diese Frage ist bei weitem leichter als die Lösung, des Problems, das sie birgt. Schon der Umstand, daß der.ganze Strom der Einwanderer fast ausschließlich in Hessen und' namentlich nur in einigen größeren Städten mündet, wo sich dadurch der in den letzten Jahren besonders starke Zufluß zu einem in die Äugen springenden Ueberfluß herangebildet, — genügt, die immer mehr um sich greifende Unruhe begreiflich zu machen. Wäre die EmigranteNMässe in ganz Deutschland verteilt, — man würde sie kaum gemerkt haben. Von einem Ausländerproblem könnte dänn. keine Rede sein, denn es handelt sich ja summa summarüm nur um einige tausend Menschen. Wer da hat das stolze Preußen, dem es nicht vergönnt war, seinem noch verwilderten -russischen Nachbar ein bischen Kultur zu lehren, sich dazu herabgelassen, etwas von diesem zu lernen, na-, mentlich — die Answeisungsmethode, Wer vermag die Tragik der in Preußen im Stillen sich abgespielten Golusszenen und die bitteren Enttäuschungen, die die armen Schutzsuchenden hier durchkosteten, zu schildern! Voller Hoffnung, ans die viel gepriesene deutsche Humanität bauend, betraten sie den glücklich erreichten preußischen Boden und wagtenes zum ersten Male, erleichtert aufzuatmen. Da jagte man sie — noch ehe sie sich auch nur ein wenig vom russischen Golus erholt — zwar nicht mit der Nagaika, aber mit nicht minder rücksichtsloser .Energie von dannen. Das kam den Unglücklichen so unerwartet.plötzlich .und wirkte auf sie derart enttäuschend, daß sie ratlos dastanden. Und in ihrer Hilflosigkeit suchten sie zunächst in der ersten, dem neuen Goluslande nächsten Hessenstadt Zuflucht. So erhielten die Preußen Nächstliegenden hessischen Städte gewissermaßen den Charakter eines „Ansiedlungsrayons", und die Zahl deren Einwanderer wuchs von Jahr zu Jahr, bis daß sie heute in dem Frankfurt nahen Offenbach allein die Ziffer 2500 überschreitet! Was Wunder, wenn nun in der letzt genannten Stadt gewisse schwarzsehende Kreise sich zu ängstigen beginnen! Was Wunder, wenn sogar die städtische Verwaltungsbehörde infolge der Angst jener Kreise sich bereits wiederholt veranlaßt gesehen hat, beim hessischen Ministerium wegen Einschränkung bezw. »Ausweisung der Einwanderer Vorstellungen zu machen. Wenn die heftige Emotion gewisser Dffenhächcr Kreise gegen die zahlreichen Eingewanderten, von einem gewissen Gesichtspunkt aus betrachtet, leider begreiflich erscheinen muß, so muß dagegen ein anderer Umstand in unsägliches Staunen versetzen. Es ist nämlich die merkwürdig passive Stellung der deütschen Judenheit zu diesem eigentlich alten, über, weil ungelöst, immer neuen Problem. Schweigend, ja fast gleichgiltig sieht die jüdische Intelligenz, die sich sonst mit allerlei wichtigen und nichtigen Problemen befaßt, diesem alljährlich zunehmenden, iMmer lauter schreienden Elend zu. Oder — was weit trauriger — sie sieht es überhaupt nicht. Jedenfalls ist. bis jetzt von jüdischer Seite nichts Positives zur Milderung dieses Elends getan worden! Warum?! Warten diejenigen, die Wer gewisse Hilfsmittel verfügen, und denen daher die Pflicht zu helfen und dem Elend zu steuern in erster Reihe zufällt, bis es der immer schärfer werdenden Agitation gegen die Ausländer vielleicht gelingen wird, die Regierung zu bewegen, die Armen in großen Massen auszuweisen?! Oder wollen sie erst dann an die Lösung dieses immer schwerer werdenden .Problems herantreten, nachdem die bereits gespannte, feindselige Stimmung der Bevölkerung sichtbaren Ausdruck gesunden hat.? Daß die in Hessen und namentlich in Offenbach für die Eingetvanderten immer schwüler werdende Lust sehr bedenklich zu werden beginnt, und daß es gewisse Kreise allen Ernstes auf eine größere oder kleinere Explosion algesehen haben, ..zeigt nur zu deutlich ein in der .FDffenbächer. Zeitung", jüngst .erschienener Artikel, der dem fast unverschleiert Ausdruck gibt. Es ist-nicht das erste Mal, daß dieses. Blatt das Ausländerproblem in. gehässiger Weise aufs Tapet bringt. Wer diesmal, schüttet es.ganz.nnverhüllt fein ganzes Herz aus. . . . lind nachdem es alle Sünden der Ausländer sorgfältig aufgezählt, tröstet es sich mit folgenden Schlußworten: „Die-strenge Handhabung der zu Gebote stehenden gese-tzl i ch e n M i t t e l ist jedoch geeignet, den Zuzug der Ausländer zu erschweren. . . Wenn man bedenkt, daß dies nicht nur die Anschauung der „Offenbacher Zeitung" ist, sondern auch die der Bevölkerung, die in dem im genannten Artikel gebrachten Bericht der städtischen Verwaltungsbehörde auch deutlich zum Ansdruck kommt, so erscheint die gleichgilt ge Stellung der deutschen Juden zn diesem Problem geradezu ein unverzeihliches Vorgehen! Und die Mahnung zu sofortigem Einschreiten und unmittelbarem Hilfeleisten kann nicht genug.betont werden! Den Frankfurter Juden aber geziemt es, als erste ans Werk zu gehen! Denn Frankfurt ist ja „hoir hekrauwoh xl hecholol", die Stadt, die dem Erschlagenen die nächste ist. Bis jetzt haben die Frankfurter Juden, die — mehr als alle andere — das Elend in der benachbarten Hessenstadt in seiner ganzen Tragik täglich sehen, so gut wie nichts zu dessen Milderung geleistet. Sie gaben Mmosen. Das war alles! Den Eingewanderten Wer gereichten diese nicht nur nicht zum Vorteil, sondern geradezu zum ungeheuren Nachteil- Abgesehen davon, daß so mancher Arbeitsfähige zum Schnorrer degradiert wurde, ist durch die Frankfurter bisherige Unterstützungsweise das Ansehen der jüdischen Ausländer in den Augen der Offenbücher Bevölkerung wesentlich gesunken. Denn.diese sieht nun in jedem von ihnen einen professionellen Schnorrer, der seinen eigentlichen Beruf nur als Deckmantel der Behörde gegenüber ansübt. Diese Meinung von allen Ausländern wird in dem oben genannten Verwaltungsbericht mehr als einmal angedeutet. Hätte man den Leuten statt Almosen Arbeit gegeben, so wäre eine unsägliche Wohltat damit geschehen. Aber wenn ein ausländischer Jude seinen Bruder, den jüdischen Fabrikanten oder Kaufmann, um Arbeit bittet, wird er mit einem stummen Kopfschütteln oder mit den bekannten banalen 'Redensarten abgewiesen. Da heißt es in der Regel: „'Es tut mir leid!" Oder: „Es tut mir „wirllich" . . / „ausiichtig" . . . leid!" . Ein anderer ist .offen und ehrlich; er sagt: „Ich engagiere prinzipiell keinen Ausländer!" Selbst mancher fromme Jude, der oft aktives Mitglied des Schomrei-Schybbos- Vereins ist, gibt eher dem am Sabbat nicht arbeiten Wollenden einen Taler als die gewünschte Beschäftigung. Die prinzipiell Abgewiesenen aber kommen dann wiederum mehr als ratsam in die nichtjüdischen Fabriken, wo ihnen — es ist traurige Wahrheit! — anehr Wohlwollen entgegengebracht wird, als in den jüdischen. Und der Andrang der vielen in christlichen Fabriken arbeitsuchenden Ausländer erregt nun wiederum Aufsehen und —- Aerger bei den christlichen Arbeitern, was auch schon mehr als einmal zu Tätlichkeiten innerhalb "der Fäbrikmanern geführt hat! . . . Es ist die höchste Zeit, daß nun die Frankfurter Juden die unvermeidlichen Folgen all dieser Mißstände einsehen und die Lösung dieses Problems, in Angriff nehmen! Es ganz zu lösen, wird wohl nicht so leicht sein! Aber einem ehrlichen Willen zu Helsech kann es doch gelingen, wenigstens einige Besserung der überaus traurigen Verhältnisse zu schaffen! Die ersten Initiativen müßten wohl von einem Komitee ausgehen, das ad hoc gebildet würde. Diesem Komitee würde es zunächst obliegen, genaue 'ErAmdiKmgen emKtzkHen^

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