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Neue jüdische Presse · 1912-06-14 · Heft 23 (14.6.1912) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 23 (14.6.1912)
Date
1912-06-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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- Seite 4 Frankfurter AraekitlWeA FamMenblatk. Nr. 23. Grotzvrwmniett. London. Trotz des bisherigen Mangels einer Organisation haben die ca. 5000V jüdischen Schneider Londons, vier Wochlen gestreikt und gesiegt. Die meisten Arbeitgeber sind nämlich auf folgende Bedingungen eingegangen: Schluß der Arbeitszeit spätestens 8 Uhr abends, Lohnerhöhung von 10"/<> und Anerkennung des Schneiderverbandes. Noch größer ist der moralische Erfolg. Die jüdischen Schneide: haben sich musterhaft gehalten, und man hat im ganzen Lande die soziale Bedeutung des Ostendjuden erkannt. So schrieb der „Daily Herold", daß die fremden Juden für England nützlicher seien als ganz Jrckien. Palästina. Jerusalem. Unsere Stadt steht im Zeichen der Entwicklung zu einer modernen Stadt. Eine französische Gesellschaft beginnt im Laufe der nächsten Monate mft dem Bau einer Trambahn. Eine englische Firma hat eine Eingabe betreffend Beleuchtung der Stadt mit elektrischem Licht gemacht, und ein deutsches Syndikat will die Stadt mit Wasser versehen durch die Errichtung von großen Reservoirs an Quellen, die ungefähr, 16 Mellen von der Stadt entfernt liegen. Auch an die Pflasternng und die Kanalisierung denkt die Stadtverwaltung. Moderne Feuerlöschapparatc sollen angeschafst und eine Telephonanlage hergestellt werden. Die Polizei ist kürzlich mft Fahrrädern ausgestattct worden. Aus Amerika wurde eine moderne Motorstraßenwalzc bezogen. Jerusalem. Nach einer Aufstellung Josua Barsilais im ,Laschiloah"' beziehen von den 13 000 scphardischcn Juden Jerusalems nur die Chachamim. (Rabbiner), Jcschibajünger, Witwen und Waisen Chalukah und haben von den 27000 aschkenasischen Jude» Jerusalems nur 3270 Personen — die Angehörigen des deutschen, ungarischen und amerikanischen Kolel — ihr dürftiges Ausbnnmen und etwa 6000 Personen die Hälfte iljre§ Lebensbedarfs, während die. anderen nur ganz geringfügige Beträge erhalten. , Jaffa. Ein ProM, von dem man schon seit 30 Jahren spricht, soll nun doch ausgcführt werden, nämlich der Ban eines Hafens. :Eine stauzösisch-belgische Gesellschaft unter Beteiligung der Eisenbahngesellschast Jaffa—Jerusalem soll sich zum Bau des Hafens mit eurem Kostenaufwand von 24 Will. Frcs. erboten haben. Es heißt, daß. die Regierung mit der Gesellschaft über die Bringungen der Konzession berells einig sei, und daß nur noch die Zustimmung des Parlaments erforderliche sei. Hoffentlich kommt die Sache diesmal wirtlich zustande. .Wer jemals bei stürmischem Wetter vor Jaffa gelegen und tagelang vergeblich auf die Möglichkeit der Landung gewartet hat, weiß, daß ein solcher Hafenbau unentbehrlich ist. Amerika. New-Aork. Das Repräsentantenhaus hat die Verhandlungen über die Dillingham Bill auf unbestimmte Zeit vertagt. Aufgeschoben ist aber nicht ausgehoben; die demokrattsche Mehrheit ist durchairs nicht gegen die BUl, die in ungerechter Weise die Einwanderung erschwert, s ondern kurz vor der Präsidentenwahl wäre die Erledigung der Bill unpolitisch. Aus der zionistischen Bewegung. Köln. Das Hauptbüro des Jüd. Nationalfonds erlögt folgenden Aufruf: „Am 20. Tamus -trauert das jüdische Volk um den frühzeitigen Tod seines großen Sohnes^ Theodor H e r z l. Dieser Gedenktag natioimler Trauer muß zu eine»! Tag natioimler Tat werden, würdig unseres großen Toten und .seines lebendigen Werkes. Ein Herzldenkmal als nattonale Tat, — es ist der Herzlwald. Er ist ein ewiges Denkmal, das in schöpferischer Arbeit für' die von Herzl verkündete Wiedergeburt des Landes unserer Zukunft, Erinnerung und Hoffnuirg verbindet. Dieser Wald bedeutet eine mächtige Förderung unseres Aysiedlungswerkes, während die Früchte der Bäume für unsere Kulturaufgaben im Lande bestimmt sind. In Hulda - und Benscheinen, auf-dem Boden des Jüdischen Nationalfonds, sind bereits tausende von Oclbäumcii und anderer Frucht- und Rutzbäumeir angepflauzt, und fortgesetzt werden neue Bäume gepflanzt. Der 20. Tamus ist eine Mahnung an unsere Gesinnungsgenossen, für den Herzlwald zu spenden und zu sammeln. Die auf die Trauertage "des Tainus folgenden neun Trauertage des Ab sind von unseren Gesinnungsgenossen in Amerika als eine Nationalfvndswoche für Veranstaltung von Nationalfonds- Sammlungen eiugcführt worden, die gute Resultate erzielten. Wir erwarten, daß. unsere Gesinnungsgenossen in all«! anderen Länder» diesem Beispiele folgen und die Tage unserer nationalen Trauer um das verlorene Land zu einer eifrigen Propaganda für den Nationalfonds, der die Wiedergeburt unseres Landes erstrebt, benutzen werden. Wir bitten alle Freunde des Jüdischen Nätionalftinds, rechtzeftig die erforderlichen Vorbereitungen für den 20. Tamus und die Nationalfondsw oche zu treffen." Lemberg. Das Zentralkoillitee der galizischcn Zionisten veröffenllicht einen Ausruf, in dem die -Juden Galiziens zur Sammlung eines Baufonds sin Betrage von 100000 Kronen für das Hebräische .Gymnasium in Jerusalem aufgefvrdert werden. Der ,Aufruf weist darauf hin, daß die Anstalt von zlvei Lehrkräften galizischpr Herkunft, Salvmon Schiller und Dr. Tvrczyncr, geleitet wird, und daß auch das Schülermaterial des Gymnasiums hauptsächlich aus den Angehörigen der galizischcn -und russisch-polnischen jüdischen Genleiiiden Jerusalems besteht. Tarnopol tGalizien». Hier wurden die Zionisten Dr. Israel Waldmanii, Baumeister Oczeret und Apotheker K a h a n e in den Ge in ein berat geivählt. Amsterdam. In diesen Tagen feierte die S a in m e lstellc des Jüdischeu Nativ»a lfo nds in Holland ihr Ivjährigcs Bestehen. Die Feier war zugleich auch ein Jubiläum A. Aronowitz, der wahrend dieser 10 Jahre unter Mitwirkung des Herrn M. P r i n s die Arbeiten der holländischen Nationalfondsverwaltting leitete. In den meisten Ortsgruppen wurde am Rüsttag des Schabuothfesws ein B l n in e n t a g veranstaltet. Junge Damen und Herren boten lleine weiße Blumensträußchen mit blauen Schleifen feil. Der Ertrag, der für den Jüdischen Nationalfonds bestimmt war, übertraf die Erwartungen, so daß man daran denkt, dieses Blumenfest alljährlich am gleichen Tage zu wiederholen. Die eigentliche Feier wurde am Sonntag, den 2. Juni, in Amsterdam begangen. In der Diamantbörse fand eine Nachiniüagsversammlung und ein gemeinschaftliches Diner statt. Der Vorsitzende des niederländischen zionistischen Zenttalkomitecs, Dr. Franzie-Berenstein, hieß den Vorsitzenden des Jüdischen National-; fonds, Dr. B o d c n h e i in c r - Köln, willkommen, der ein Referat über die jüdische Kolonisation Palästinas hielt. Dr. E d e r s h e i m hielt «in Spczialrcferat über den Jüdischen Nationalsonds. Herrn Aronowitz tvurde das Diplom seiner Eintragung in das Goldene Buch des Jüd. Rattonalsonds als Ehrengabe überreicht. Am Abend fand eine öffentliche Propagandaversanimlung statt. Meton Gerda. Novelle aus denr chassidischen Leben. Von Teresc Po meranz-Elberfeld. „Bei meinem Leben wirst Du keinen Doktor heiraten, Gitsche, das schlage Dir nur aus dem Kopfe, Kind!" „Lieber Papa, ich habe Dich schon so oft gebeten, nenne mich Gerda, ivie mich Fräulein Oppenheimer getauft 1;at. „Gitsche" klingt 'so altmodisch, und was den Doktor anbetrifft, Pa', es beneiden imtfy alle Pensionsschwestern um seine Liebe, und mein gutes Väterchen wird nicht so hart sein, mir seinen Segen zu versagen." Hier drehte sich das junge Mädchen übermütig auf dem Absatz seiner eleganten Sticfclchcn und wollte dem Vater um den Hals fallen. RebMordcchai aber wehrte ab: „Geh, geh, Du bist das liebe Kind von früher nicht mehr, Du machst mir viel Kummer. Ich bereue noch mehr als alle meine andern Sünden die eine, daß ich Dich in ein deutsches Pensionat geschickt habe. Weiß Gott, welche Macht Du über mich hattest, ich begreife mich selber nicht! Leitsche ist beinahe eine Fürstin in Bukowina, meine ungezogene Gitcl, meinetivegen Gerda, wcnii's Dir so gut gefällt." „Recht so, Papa, ilciine mich nur Gerda, immer modern werden, Väterchen. Und >vas Leitschen anbclangt, Papa, so will"' ich Dir cttvas sagen: Es 'ist nicht jedermanns Geschmack, Rebbczen zu sein. Jawohl, Rcbbczci,! Wenn ich z. B. nicht Richard liebte, und mein Herz noch frei iväre, so würde ich einen modernen Rabbiner auch nicht aussch.'agcu, aber einen Wuuderrabbincr, Papa, -— ich weiß nicht —, ich will ja Israel nicht iiahctrcten, aber ich niciiic, Wunder weisen kann nur Gott." Gerda zog die Schriller in die Höhe, rümpfte das Naschen und lächelte: „Leitsche mit ihren drciszigtauscnd Gulden hätte einen Advokaten nchmcn sollen. Llber wenn sie glücklich ist, — dann in Gottes Namen! Mehr wünsche ich mir ja auch nicht." „Glaubst Du, meine törichte deutsche Tochter, daß ich Leitschen dreißigtausend Gulden gegeben hätte, ivenn cs .imch nicht gelockt hätte, mich mit der rabbonischcn Familie zu verschwägern'? Was glaubst Tu wohl, was das heißt, der Mcchutten vom Rebbcu Rcb Mayer zu sein? Glaubst T», Gitsche, — wollte sagen Gerda, daß ich Dir im Falle — was Gott verhüten möge, — aber ich sage im Falle —, wenn Du den Oppenheimer nehmen solltest, glaubst Du, daß ich Dir dann auch dreißigtausend geben würde?" „Papa, Richard ivürdc mich auch so nehmen, ohne Heller, das hat er inir tausendmal gesagt! Aber ich wlll nicht arm in sein Hans ziehen, solange ich meinen guten, reichen Papa noch Habe und'—* hoffentlich —; recht.lange noch haben werde!" „Richard! Richard heißt er noch! Wie ruft sich ein Jude auf, wenn er Richard heißt? Reb Richard? Mordechai Goldsteins Eidam! Der erste Schwiegersohn Rabbi Israel, ein weltbekannter Godanl b'Jsroel, und der zweite irgend ein Richards in den sich wein ungezogener Backfisch verliebt! Was soll Israel dazu sagen? Weißt Du, daß Israel einen Ah nenbrief besitzt, der bis Al König David zurückführt? Und Tein Richard, wer ist er? Nette Bescherung für Ncb Joel Goldsteins Enkelin! Gewiß, ja! Tröste Dichcs gibt nichts, bei meinem Leben nicht!" „Papa, war der selige Großpapa auch ein Godanl b'Jsroel? Oder hat er als Kaufmann sein Geld verdient? Ist das denn etwas so Schlimmes, wenn die Enkelin eines Kaufmanns einen Arzt heiratet? — Und was das Auftufen anbelangt, Papa, so schwöre ich Dir, Richard weiß, wie er - sich, aufruft, denn er ist ein guter Jude, er lebt und strebt fürs Judentum, viel mehr als diejenigen, die bei der Gomoro sitzen und für die Allgemeinheit nicht das Geringste tun. Du mußt ihn nur kennen, Papa, ich' bin überzeugt, Du wirst Dir feinen besseren Schwiegersohn wünschen." Tic Hausglocke ertönte. Gerda sprang auf. „Der Briefträger," rief sic, und' ehe sich ihr Vater versah, lief sie an ihm vorbei, dem alten Briefträger entgegen. Wawrzcilier, der alte und einzige Postbote der Stadt und Umgebung, kannte alle jungen Mädchen seit ihrer Kinderzcit. Er bewahrte alle Geheimnisse der verbotenen Korrespondenz, ließ sich, von den Eltern nicht ausfragen und machte immer auf sein Amtsgeheimnis aufnierksam. Und 'die Jugend ivar erkenntlich,. 'Wovon sollte der Alte denn sonst auch leben? Zwar gelang es Herrn Goldstein doch manchmal, Gerdas Briefe abzufangen; — aber wer konnte auch einem blailken Silbergulden widerstehen?-— Gerda steckte dem Alten einen Sechser zu, eilte auf ihr Stübchen und las: Meine süße, kleine Gerda! „Hast Du Deinen Richard schon vergessen, Kind, oder ist mein Schätzchen krank? Es ist dies schon der dritte Brief! Wenn ich jetzt keine Antivort erhalte, komme ich nach R. und bestürme Eure „Villa Gerda"! Sei ganz aufrichtig, Schatz, Du kämpfst, ich fühle cs! Dein Vater will mich nicht zum Sohne, er hat meinen Brief auch gar nicht beantwortet! Bleibe Tn mir nur treu, und alles wird noch gut! Dein Stübchen bei Tante Cäcilie steht Dir jederzeit zur Verfügung. Schliimiistenfalls weißt Du ja schon, was Du zu-tun hast! Tante ist derselben Ansicht. Es grüßt und küßt Dich Dein Dir bis in den Tod getreuer Richard. Dieser neue Licbesschwnr machte Gerda stolz, niid sie fühlte, daß sie ^niemals die Frau eines andern Mannes werden konnte. Aber der harte Papa! Einen Mann wie Richard gottlos zu nennen! Als ob es ein jüdischeres Herz geben könnte, als ihr Geliebter hatte! So saß sie, in Tränen schier aufgelöst, auf ihrem Ruhebette und starrte auf die Landstraße hinaus, bis es um sie dunkelte. Wie bleiern legte es sich auf ihre Glieder. Sie preßte den Brief an ihre Lippen, einmal, — zweimal — und die müden, rotgeweinten Augen fielen zu, und sie wandelte in /Morpheus Armen in das Land der Träume hinüber. — — Sic sah eine blasse, schlanke' Frauengestalt, wie sie begütigend ans ihren Vater cinsprach: „Mordechai, ist cs denn unmöglich, könnte es nicht unseres Kindes Glück sein?" „Nein, Matchen, unmöglich, was soll Israel sagen?" „Aber, Mordechai, >vir dürfen nicht imnicr Israel berücksichtigen, Gitsche ist auch -unser Kind!" — — Hier schlug der Vater mit geballter Faust so hart auf den Tisch, daß Gerda erschrocken auffuhr. Ein heftiges Pochen an ihrer Türe weckte sie ans dein Schlaf. * Reb Mordechai war außer sich, vor Empörung über seine ungeratene Tochter. Sein Liebling, der Nachzögling, bei dessen Geburt seine arme Fra» ihr Leben gelassen Mattel! Nie hatte er denk Kinde einen Wunsch abgeschlagen, seine schönsten Jahre vertrauert, um Gerda keine Stiefmutter zu geben. Sein Schwiegersohn hatte ihm so oft Moral gepredigt ob seiner unjüdischen Handlung- „Welcher Jude sitzt ohne Frau, Schwäher, Ihr versündiget' Euch!" Er aber nahm immer auf Gerda Rücksicht, und jetzt hatte er tzxn Dank dafür. Erregt ging er im Zimmer auf und ab und schmiedete Pläne über Pläne. — Was machen, wen

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