Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 23 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.. 23 Seite 3. Frankfürker FsrAÄitrstyeS MrnMenblatk. freiheitlicher .Czechen und! hier Mg. Straucher, Breiter und R e i zi e s seinen Beschluß, und die meisten Polen entfernten sich. Brief aus Palästina. Die Absolventen, der hebräischen Mittelschule des Misrachi, der bekannten Tachkemonischule in Jaffa, - haben einen Kulturverein traditio n e l l e r R i ch t u n g gegrülldet. OberrMiner Kuk steht dem neuen Verein, dessen nächstes Ziel' die Herausgabe einer hebräischen Halbmonatsschrift ist, vor. Blumentage für den jüd. Nationalsonds sind das' Neueste. Ml Blumentag, im Jaffaer jüdischen Stadtviertel Tet-Alviw ergab einen Reinertrag Von 550 Frcs., der je zur Hälfte dem Nationalfonds und dem jüdischen'Krankenhause zugute kam. In Jerusalem organisiert gegenwärtig die Jugend einen Blumentag, nlit dessen Erlös die Stadt Jerusalem ins Goldene Buch des' Nationalsonds eingetragen werdeir soll. Jerusalem wird eine zweite h e b r ä i s ch e Tageszeitung bekommen! „Hacheruth" wird nunmehr statt jeden zweiten Tag täglich erscheinen. Die andere Tageszeitung jst der „Haor", herausgegeben von Ben-Jehuda, deni Verfasser des von Langenscheidt verlegten großen hebräischen Wörterbuchs. Auch in diesem Jahre ist die B a u t ä t i g k e i t in der Kolonie Petha-Tikwah eine sehr lebhafte. Gegenwärtig sind 30 Häuser im Bau. Die Kolonie lvird immer größer lind schöner. Berein für Statistik der Inden. Au der diesmaligcil Hallptversaminlnng, die am 29. Aiai iu Berlin stattfand, nahmen n. a. Dr. incd. W i l h. Hanauer als Vertreter der Frankfurter Israelit. Gemeinde und Dr. Rudolf Wassermann als Vertreter des Münchener Vereins für die Statistik der Juden teil. Nach./der Begrüßungsansprache des Vorsitzenden, Geh. Sanstätsrat Dr. Maretzki, berichtete der Leiter des Büros für Statistik der Juden, Rechtsanwalt Dr. Bruno Bläu, über die Tätigkeit des Vereins im vergangenen Jahre. Er führte folgendes aus: Wen» auch die Tätigkeit des Vereins nach ailßcn hin nicht so sehr in die Erscheinung trete, so habe der Verein im vergangenen Jahre ebenso wie bisher durch Veröffentlichung wissenschaftlicher Arbeiten seine Aufgabe erfüllt. . Von diesen Beröfsentlichnngen ist zunächst die bereits im 8. Jahrgang erscheinende Zeitschrift für Demographie' und Statistik der Juden zu nennen. Sie ist das unentbehrliche Rüstzeug für jeden, der sich ernstlich mit jüdischen Fragen befaßt und sich über alle Tatsachen des sozialen Lebens der Judenheit in vorurteilssreier und objektiver Weise informieren will. .Im Berichtsjahre veröffentlichte das Büro ferner eine äußerst wichtige — von Dr. occ. publ. Ansel in Hillm a n n verfaßte —. Monographie über das jüdische Genossenschaftswesen in Rußland: Dieselbe behandelt außer der für die russischen Glaubensbrüder so. .bedeutungsvollen Spezialfrage auch die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse der russischen Juden', und zwar auf Grund des neuesten Materials, so daß sie eine wertvolle Ergänzung der früheren Veröffentlichungen des Büros bildet. — Das bereits früher angekündigte große Quellenw erkder internationale u Konfessions-Statistik konnte leider noch nicht der Oeffentlichkeit übergeben werden, da das Rohmaterial bei der Bearbeitung ständig anschwoll und infolge der Volkszählungen der letzten Jahre durchgreifende Aendernngen erforderlich wurden. Mehrere Tagesfrage» — die Berufswahl der jüdischen Jugend, die Sombart'schen Vorträge, das Buch Theilhabers — erforderten die schleunige Herstellung einer Arbeit, welche auf Grund der neuesten Ergebnisse die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden in Deutschland darstellt'. Diese — von Dr. oec. publ. ©egall verfaßte — Abhandlung, ist vor kurzem im Berlage von Max Schildberger (Inh. Artur Schlesinger) W. 62, Schillstr. 3, erschienen. Für die geplante Arbeit über die Juden'in Berlin sind die notwendigen Vorarbeiten in Angriff genommen worden. Das statistische Amt der Stadt Berlin hat sich bereit erklärt, auf Kosten des Vereins die von uns gewünschten zahlreichen Auszählungen aus dem Material der letzten Volkszählung für Berlin und die meisten Vororte vorzunehmen, so daß unser Büro in der Lage sein wird, über viele bisher völlig ungeklärte Verhältnisse Auskunft zu geben. Die kostspieligen Vorarbeiten sind durch eine besondere größere Zuwendung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ermöglicht. Hernach gedenkt das Büro die I u d e n i n Preußen zu behandeln. Schließlich wird auch eine Spezialarbeit im Sinne .der Prof. Wilhelm Meyerhoffer-Stif'tung geplant. Zu diesem Zweck hat sich das Büro mit dem „Gesamtarchiv der deutschen Juden" in Verbindung gesetzt, welches, einschlägiges Material gesammelt hat. Es handelt sich hier um die Geschichte derjenigen zur Zeit nicht mehr jüdischen Familien, welche jüdischer Abstammung sind. — Daß der Weg, den das Büro für Statistik der Inden eingeschlagen hat, der richtige ist, beweisen einige Aeußerungen zuständiger Stellen, so des hervorragendsten Statistikers der Gegenwart, Unterstaatssekretär z. D. Prof. Dr. Georg v. Mayr. Bon amtlicher Seite ist es vor allem die „Großherzogliche Zentralstelle für die Hessische Landesstatistik", welche die Tätigkeit des „Büros für Statistik der Juden" vollauf würdigt und seine Bestrebungen nnterstützt. — Neben der allgemeinen wissenschaftlichen Bedeutung der Arbeiten ilnseres Büros ist natürlich der Wert, den sie für unsere besonderen wissenschaftlichen und praktischen Zwecke haben, nicht zu nnterschätzen. Gegenwärtig ist das Büro mit einer Engnetc über die Wohlfahrtspflege in allen größeren jüdischen G enieind e n des Inn n d Au s la n d eS beschäftigt. Diese Arbeit soll mehreren Zwecken dienen: in erster Linie soll zusammenfassend gezeigt lverden, auf welchen verschiedenen Gebieten die einzelnen Gemeinden sich sozial betätigen und in wie großzügiger und wohlwollender Weise die Gemeinden sich ihrer minderbemittelten Mitglieder annehmen. Ferner verfolgen >vir einen praktischen Zweck: es soll durch Vergleichung der Institutionen der verschiedenen Gemeinden fcstgestellt werden, welche Einrichtungen, die in einer oder der anderen Gemeinde vorhanden sind, auch für andere Gemeinden mit stützen verwendet werden können; des weiteren werden die Erfahrungen der Gemeinden auf de» verschiedensten Gebieten der Wohlfahrtspflege ansgctauscht und verwertet werden können. — Auch in diesem Jahre hat das Büro eine große Anzahl wissenschaftlicher Anfragen erledigt. Die von Fahr zu Jahr sich steigernde Zahl derselben bclveist das wachsende Interesse für jüdisch-statistische Frageir. — An diesen Bericht schloß sich eine überaus lebhafte Diskussion. Als erster Diskussionsredner ergriff Dr. Wassermann das Wort. Er schlug vor, öfter Versammlungen abzuhalten, in denen statistische Themen in populärer Fornr behandelt werden sollen,, geschulte Redner in die Literaturvereine zu entsenden usw. Ferner 'regte er die Frage an, ob in den Veröffentlichungen des Büros an die statistische Darstellung Schlußfolgerungen geknüpft und Werturteile abgegeben lverden sollen. Er für seine Person ist dagegen. Sämtliche folgende Redner — Geh. «an.-Rat Dr. M a r e tz k i, Rechtsantvalt Dr. Ludwig Holländer, Rechtsanwalt Dr. Bruno Blau, Dr. I. Seg all, Rabbiner Dr. Eschelbach er, Dr. W. H a n a u er und Davis Trietsch — traten der von Wassermann geäußerten Ansicht bezüglich der Art der Bearbeitung des statistischen Materials entgegen. Insbesondere hob Dr. Hanauer bezüglich des Segallschen Buches hervor, daß dessen Autor nicht bloß die Aufgabe gehabt habe, Tatsachen darzustellen, sondern auch Mittel und Wege anzngeben, um Mißstände, die er anfgedeckt habe, zu bessern. Die Anschauungen, die er geäußert, die Wünsche und Forderungen, die er erhoben, könne man ohne weiteres als die communis opinio der deutschen Juden bezeichnen. Er weist auf einige besonders interessante Partieen hin — so auf die Erörterung der Frauenfrage, die Stellung der Inden zur Landwirtschaft — und betont, daß die Anschauungen Tegalls zu diesen wichtigen Frage» von eminent praktischer Bedeutung seien. — Bei den darauffolgenden Wahlen lvnrden in das Kuratorium gewählt: Geh. Sanitätsrat Dr. Maretzki, Geh. Sanitätsrat Dr. B l n m e n t h a l, Prof. D. Marti n P h i l i p p s o n, Justizrat Dr. Eugen Fuchs, Bankier BennoStern, Jpsti'rat M a x F u ch s, Frau Prof. Dr. Meyerh offer, Justizrat Dr. H o r w itz, S ie g m u n d Bergel, Julian Meisel, Sanitätsrat Dr. Feilchenfeld, sämtlich zu Berlin, Dr. Wilh. Hanauer zu Frankfurt a. M. und Heinrich L e v y zu Hamburg; in de» Vorstand: Dr. R o s s i g, R i ch a r d Cassel, Bankier Benno Stern, Rechtsanwalt Dr. Bruno Blau. Dr. Hans G. H e y m a n n, Rechtsanwalt Dr. Ludwig Holländer, Dr. Bernhard Kahn, Prof. Dr., Ros in und Dr. Kali sch er. Dem geschäftlichen- Teil schloß sich ein Vortrag Dr. Segalls an. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Wie wir dem Jahresbericht der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentum s entnehmen, ist an dieser ein M o s e s M e n d e l s s o h n - L e h r st u h l errichtet worden und zwar durch die Stiftung bcs Herrn Moritz Mau heim er von JL 200 000 und Spenden der Nachkommen des Philosophen. Mülhausen 1. Elf. Man schreibt der „Jsr. Wochenschr." von hier: „Unser Friedhof scheint für Skandalszenen bestimmt zu sein. Nachdem erst vor einigen Monaten die bekannte Geschichte mit dem Prediger vorgekommen ist, der die Predigt erzwingen wollte, bildet jetzt hier eine Affäre das Tagesgespräch, die das llngeheuerlichste.darstellen dürfte, was sich in dieser Beziehung jemals ereignet hat. Bor kurzem wurde nämlich ein G r a b st e i n e i n g e w e i h t. Nun ist es Sitte, chei derartigen Einweihungen eine religiöse Feier zu veranstalten, bei welcher der Rabbiner eine Weiherede zu halten pflegt. In diesen: Falle geschah jedoch etwas anderes. Es wurde — man lese und staune — nicht der Rabbiner, sondern ein hiesiger katholischer Geistlicher mit der Abhaltung der Feier beauftragt. Dieser hielt auch die Weihercde mit Zugrundelegung eines j hebräischen Textes!! i Es wurde zwar den Teilnehmern an der Feier strengste . i Diskretion anbesohlen, aber die Sache ist dennoch bej kannt geworden und bildet, wie gesagt, nnilniehr das < Tagesgespräch." Dresden. Das Urteil, das das hiesige Schöffengericht in der Beleidigungsklage eines jüdische» Kaufmanns gegen einen antisemitischen Aktuar fällte, lvird in der deutschen Judenheit großes Aufsehen erregen. Der Aktuar wurde in einem Restaurant von einem ' Kollegen zum Platznehinen an seinem Tische, an dem auch der jüdisch: Kaufmann saß, aufgefordcrt. Er lehnte das jedoch mit folgenden laut gesprochenen Worten ab:? „Ich setze m i ch nicht an einen Tisch, an dem e i n I n d c sitz t." Der Kaufmann erwiderte in Ruhe» er finde diese Aenßerung ans dem Munde eines Beamten sonderbar. Darauf erhielt er von dein Aktuar . das Wort „Schurke" an den Kopf geschlendert. ■.] In der Verhandlung tvies der Kläger darmlf hin, daß der Aktuar früher als Aknsiker iir jüdischen Vereinen viel Geld verdient habe, sein Antisemitismus also -j nicht tief sein könne. Trotzdem wurde der Beklagte lvegen d der Aeußerung mit der Motivierung fr ei gesprochen.» j sie sei „in Wahrung be r e chtig ter Interessen" s geschehen; nur wegen des Wortes Schurke erhielt «r ■-! -10 Mark Strafe.! Oesterreich-Ungar». j Budapest. Ja der ungarischen Judenheit nimmt die \ Auflösung fortgesetzt größeren llmsang an. Der Monat i M ä r z brachte '? w reder e iueu R eko rd iu Mischehen. 1 Es wurden nämlich in diesem Monat in Ungarn nicht j weniger als 76Ehen zioischen Juden u. Christan | geschlossen. 1 Pretzburg. Die hiesige „Ungar. Jüd. Ztg " äußert : sich über die . 1 Kattowitzer Konferenz ] u. a. wie folgt: } „Befremdlich war auch der Umstand, daß sich die - beiden engsten Mitglieder des Frankfurter Komitees förmj lich desavouierten. Der Rabbiner Dr. Breuer poltert \ sofort mit einer Kapuzinade gegen Zionisten und Alliance | heraus, deren Bekämpfung er zuerst als Pflicht der „A.; I." bezeichnet. Rosenheim aber erklärt zum Schluß, daß „A. I." sich gegen keine Qrganisation richten werde. J Die Redeschlacht in Kattowitz hat also mit einem wenigß stens scheinbaren Rückzuge der Trennuugsorthodoxie ge- J endet. Trotzdem wird mail vergebens den Leitfaden durch .1 das Labyrinth des Jdeenganges des Herrn Rosenheim j finden. Er umfaßt bald ganz Israel» Chassidim» Misj nagdim, Oestler und Westler mit der Mappa der Thora» ] bald aber lvird inan gewahr, das; gewisse Kreise ängstlich j gemieden werden. Kein Schlüssel der vorhandenen Prinj zipien paßt recht zu dem Bexierschlosse seines Herzens ... | All diese Erwägungen aber schmälern nicht die Bedeutung , der Organisation der Gesctzestreuen. Wenn auch die Ge- | heimtuerei, die halben Redensarten, die diplomatischen I Ueberrednngskünste peinlich berühren, so ist doch ein Forum | geschaffen, wo die Führer des Religionsjudentnms endlich :! auch einmal zur Rechenschaft gezogen werden könilen, ob | ihre Wirksamkeit für die Thora vor Gott und Menschen j gefällig sei." 1 Lemberg. Anläßlich der Anwesenheit ErzhvtzvtzS Karl 1 Franz Josef, des znlünstigen Thronfolgers, fand ein ossi- I zieller Empfang statt. Die jüdische Kultusgemeinde hatte J gleich den anderen Konfessionen uni die Stellung einer 1 Deputation nachgesucht, Statthalter Bobrzynski - 1 lehnte jedoch die Teilnahme I einer jüdischcn Deputation ab. . z Selbstverständlich schwiegen die Herren Assiniilanten» die j unserer Knltusgemeinde die Ehre gaben, sie zu leiten» zu dieser Gemeinheit. — Der neue Landmarjchall Graf A. Golnchowski j ist ein 1 ausgesprochener Antise in i t. i Er hat als Landtagsabgeordneter den berüchtigten Antrag ] Stojalowjki, für die Inden separate Eisenbahnkoupees einzuführen und sie nicht zu Richterstellen zuzulasscn» mit seiner Unterschrist geziert. Frankreich. Paris. Das Zentralkomitee der Alliance Jsraelite Universelle bringt der Ansiedlnng an s lä nd i s ch er In d e n als Arbeiter in denKattow i tz e r Kohlengruben ein großes Interesse entgegen und will einen Beitrag zu den Ansiedlungs-v - kosten leisten, sobald es die Ueberzengung gewonnen hat» daß eine dauernde Niederlassung gewährleistet erscheint. Rußland. Petersburg. Hier fand ein , interessanter literarischer Prozeß statt. Der Literat Rosenknopp hat in dem Sammelbuch- . „Wola" ein Drama „Klangen" veröffentlicht, das die seelische und physische Pein des Jrrden vor einem Po» - grome schildert. Der Staatsanwalt inkrimierte den Gedanken, daß die Juden bei Pogromgefahr sich bewaffnen und zur Wehr setzen müssen. Der Literat und sein Ber- I. leger wurden freigesprochen. .7 Kiew. Die Dorfgemeinde Kassawo hat sich \ an die Regierung mit der Bitte gewandt, sie in eine - Stad tgemeinde nmzuwandeln. -7 Sie begründet das Gesuch damit, daß aus diese Weise ■« 2030 jüdische Familien vor der Ausweisung? bewahrt werden, und die ökonomische Bedeutung .7 dieser Familien sei eine sehr große.