Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 23 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seill 2. ' ist es Lenst charallerisüsch', wie — mit Ausnahme der' zionistischen Parteipresse — dieser Turntag fast gar keine Beachtung gefunden hat'; charakteristisch, weil es zeigt, wie der alte Erbfehler unseres Volkes, den wir uns im Ghetto gehakt haben, die einseitig ideologische Veranlagung und die daraus entspringende instinktive Abneigung gegen alles Physisch-Konkrete, selbst, im assimilierten westeuropäischen Judentum noch nicht überwupden ist. Und auf der anderen Seite kommt der ganze Charakter der modern füdischnationalen Bewegung Harm zum Ausdruck, daß. sie von Anb'eginn an die körperliche Regeneration des jüdischen Volkes als eine ihrer vornehmsten Aufgaben auf ihre Fahne geschrieen hat. Die jüdische Turnbewegung ist ein Kind der jüdisch-nationalen Bewegung, und innerhalb dieses Rahinens kommt ihr eine sehr große, meist nicht genügend geschätzte Bedeutung zu. Diese Bedeutung erstreckt sich nach drei Richtungen hin. Einmal, was ihre unmittelbare Wirkung anbetrifft: die physische Regeneration des jüdischen Volkes. Heute, 'da wir einen tiefen Einblick in die intime Vermüpfung der physischen und psychische Kräfte des Menschenlebens besitzen, da wir wissen, daß alle geistige Gesundheit die körperliche zur unbedingten Voraussetzung haben muß, heute wissen wir, daß .die geistig-kulturelle Mnormität des Diasporajudentums zuM guten Teil auf 'der ungenügenden physischen Ausbildung des Ghettojuden beruht, und daß eine völlige Wiedergesundung des jüdischen Geistes nur möglich ist bei einer völligen Wiedergesundung des jüdischen Körpers. In diesem Sinne wird die jüdische Turnbewegung zu einem eminenten Faktor im jüdischen Kulturproblem und in der künftigen Entwicklung des jüdischen Geistes. Aber außer dieser unmfttelbarsten Wirkung kommt noch eine andere, nicht so unmittelbare, aber darum nicht minder wichtige in Betracht: die jüdische Turnbewegung ist geeignet und berufen, einen Wandel in den Anschauungen des jüdischen Volkes herb'eiznführcn, eine radikale Aendcrung seiner ideologisch einseitigen Betrachtungsweise. Wer einmal im osteuropäischen Ghetto war, wird'die ganze Abnormität dieser ideologischen Einseitigkeit kennen. Turnen, Gyninastik betrachtet der Ghettojude noch, heute als etwas für einen jüdischen Knaben äußerst Schimpfliches, Äs etwas, was sich nur für den „Mi" schickt. Stellt man diese 'Anschauungsweise der Begeisterung gegenüber, mit der sich, unsere jungjüdischen Turnmannschgsten der Gynmastik widmen, so hat hnan einen guten Teil des ganzen Gegensatzes zwischen dem abnormen Ghettojudentum und^ dem normalen harmonischen Judentum des Moder-' neu nationalen Juden. Nicht als ob dieses etwa eine radikale Aendcrung der gesamten jüdischen Anschauungswelt herbeiführen wollte, in dem Sinne, daß es seine Vorliebe für das Geistig-Ideale völlig eintauschen sollte in eine Anbetung des Physisch- Konkreten. Dies Wäre widersinnig. und unmöglich. Die Superiorität des Geistigen üb'er das Physische soll und wird erhalten bleiben, solange es Juden gibt. Die Wandlung, die die jüdische Renaissance vornehmen will, besteht hier wie überall in einer Rückkehr zum alten, gesunden, palästinensischen Judentum der Bibel und der Propheten, die diese krankhaft ideologische Einseitigkeit nicht kannten. Und in dem instinktiven Beivußtsein, daß wir auch hierin ein Stück alles Judentum uns wieder aneignen, beruht die Ursache für jene Freude und' jenen Stolz, der uns ergreift, wem: wir eine jüd. Turnmannschast mit Kraft und Elan ihre Uebungen vvrfiihren sähen. Wir empfinden:. Hier ist mehr erreicht, als daß wir ein paar kräftige jüdische Jünglinge herangezogen haben, hier Haben wir ein Stück Goluskrankheft überwunden, hier haben wir einen neuen Schritt auf dem Wege unserer Gesundung, unserer Regeneration getan. Und damit sind wir schon bei dem dritten Akoment antzelangt, das bei der Würdigung der jüdischen Turnbewegung nicht vergessen werden darf: Diese jüdischen Turnvereine sind und werden immer Mehr Pflanz- und P.fkegestLtten des nationalen Geistes. Es spielt ^ich Hier ein ähnlicher Vorgang ab wie zjur Zeit der nationalen Befreiung des deutschen Volkes vor Kanffu rter NvaelitWes DanMenblatk. 100 Jahren. Auch damals wurde die Tur-nbewetznng zu einem der wichtigsten Faktoren der nationalen Wiederbelebung, auch damals ging von ihr eine belebende, anspornende Wirkung ans. das ganze Volk aus. Der Konnex zwischen Turnbewegung und nationaler Bewegung ist eben zu intim. Soll eine Turnbewegung mehr sein als Muskekkrästigung und Körperstählung, soll sie auch geistigen und idealen Gehalt haben, so kann sie diesen nur in der Pflege des nationalen Geistes finden. Darum muß die jüd. Turnbewegung pational sein. Das Nationale gehört mit zu ihrem Weseil, verleiht ihr erst ihre Kraft und ihre Weihe. Nicht als ob sie sich! damit in die Dienste irgend einer Partei stellen wollte und dürste. In diesem Sinne ist die jüd. Turnbewegung neutral. Wer die Betonung des nationalen Geistes, der sie beherrscht, darf in ihrem Programm nicht fehlen, denn sie enthält letzten Endes ihre tiefste Existenzberechtigung. Aus diesem Grunde ist es erfreulich, daß der 5. jüdische Turntäg dies wohl erkannt hat und klar und unzweideutig es in seinen neuen Tendenzparagraphen zum Ausdruck gebracht hat. Erst nachdem dies getan ist, hat die jüdische Turnbewegung ihre sichere Bahn gefunden und kann' sie mit aller Kraft an die Erfüllung ihrer großen Aufgaben schreiten. Daß sie aber dabei von vollem Erfolg gekrönt sein möge, ist der Wünsch all derer, die an der Wiederbelebung des Judentums arbeiten und' wirken; auf dieser ihrer Bahn begleitet sie der Segen der gesamten jüdischen Renaissäncebewegung. 2 Erfreuliche Symptome im amerikanischen Judentum. Die immer steigende Bedeutung des amerikanischen Judentums fiir das jüdische Leben kann bei uns in Europa, die wir allzusehr geneigt sind, die Brüder jenseits des Ozeans zu vergessen oder zu unterschätzen, gar nicht genug betont werden. Es ist an dieser Stelle schon so häufig klargelegt worden, welche Momente hierbei, in Betracht tdmwen, und welche Ursachen diese Bedeutung herbeiführen können und werden, daß wir uns heute eine grundlegende Erörterung dieses Problems ersparen können. Hier - soll nur auf einen Faktor in dieser aufsteigenden Entwicklung des amerikanischen Judentums hingewiesen werden, der dort voll einer Wirkung .zu werden beginnt, die er bei uns noch lange nicht hat: aus die wachsende Verbreitung der hebräischeuSprachc. Diese immer stärker werdende Pflege der hebräischen Sprache hat ihren Ausgangspunkt im jüdischen Erziehungsproblem Amerikas. Unsere Leser werden sich noch der Enquete erinnern, die vvr einigen Monaten in New-Zork über die Erziehungsverhältniffe der jüd. Jugend angestcllt worden ist und ihres erschreckendeil Resultates, das fcststelltc, daß schier drei Viertel dieser jüdische» Jugend ohne Erz iehung bleibt. Auf Grund dieses Resultats hat dann sofort eine große Bewegung zur Abhilfe dieser traurigen Zustände eingesetzt, und in kurzer Zeit gelang es dem energischen Führer der Bewegung, Dr. Magnes, einige Millionen Dollar zu sammeln. Dr. Magnes ist nun sofort daran gegailgen, eine .Anzahl jüdischer Elementarschulen einzurichten, und' zwar haben diese Schulen die Pflege der hebräischen Sprache zu einer ihrer vornehmsten Aufgaben gemacht. Dasselbe, was in New-Iork geschieht, wiederholt sich — wie berichtet wird — in allen großen jüd. Zentren Amerikas; und was das Charakteristische und Erfreuliche dabei ist, die leitenden Kreise der jüdischen Philantropie stehen dieser Bewegung nicht — wie in den anderen Ländern — kühl oder gar feindlich gegenüber, sondern haben sich! an ihre Spitze gestellt. Die Schiff, Sulzberger, Marshall und die vielen anderen haben einmütig die eminente Bedeutung des Hebräischen ftir die jüdische Erziehung der jungen Generation erkannt und haben demgemäß die intensive Pflege des Hebräischen sich, znm Ziel gesetzt. Aber auch außerhalb dieser Schulen hat eine kräftige Bewegung zur Pflege des Hebräischen eingesetzt', und hebräische Lehrer, berichten die Zeitungen, tverden überall jetzt gesucht. Diese ganze Bewegung gewinnt noch an Bedeutung, wenn man sie als das würdigt, was sie in der Tat ist, als ein Mied in der großen Strömung, die das amerikanische Judentum ergriffen ' ' . ' Nr. 23 hat und sie mit Macht zum Judentum' hindrängt. Dies äußert sich auch in einer kräftigen Wiederbe lebinjrg des positive n. re l igiö.se^.Judentums, gleichfalls ein Punkt, der im Progrmnm der neu zu gründenden jüdischen Elementarschulen enthalten ist. Die Erfahrung, die man überall macht, daß eine Wiederbelebung der bewußt jüdischen Gesinnung notwendigerweise auch eine allmähliche Rückkehr zum religiösest Judentum zur Folge haben muß, macht sich in Mndrika auch stark bemerkbar. Es ist dies ein Punkt, aus den hier nur hingewiesen werden kann, auf dessen nähere Würdigung, wir aber noch eingehen tverden. Alles m allem : Die Symptome eines tviedererwachenden lebendigen Judentums in -Amerika mehren sich Von Tag zu Tag, und die Prognose, die man der Entwicklung der amerikanischen Judenheit stellenkann, wird immer Vesser und günstiger. Eine sensationelle Abstimmung im österreichischen Abgeordnetenhanse. Bei der Beratung der Dienstpragmatik im StaatsangestellteUausschusse stellte der Sozialdemokrat S m e r a l folgenden Antrag: ^.Politische, konfessionelle oder nationale Gründe dürfen bei der Anstellung eines Beamten keinen Einfluß ausüb'en." Der im Ausschuß Mwesend'e RegierüngMrtreter Sektionschef Baron Fr i e s trat diesem Anträge entgegen jmb' motivierte seine ablehnende Stellung damit, daß schon im § des Stäatsgrundgesetzes däs Prinzip ausgesprochen sei, däß alle Staatsbürger zu den Aemtern freien Zutritt haben; ferner erklärte Baron Fries, daß sich die Regierung diese im Anträge Smeral liegende Beschränkung.nicht auferlegen lassen könne. Da der Antrag des Mg. Smeral vom Ausschüsse abgelehnt wurde, meldete er ihn als Minoritätsvotum an. Zur Begründung .seines Antrages führte Abg. Smeral im Plenum folgendes aus: „. . . . Es sind gmrze Gebiete in der Staatsverwaltung, wo man bei der Besetzung der Beamtenstellen zuin Beispiele ganz deutlich eine antisemitische Tendenz merken kann. Es ist selbstverständlich nicht ein so primitiver, plunrper Antisemitismus, wie ihn zur Schände dir Wiener Kultur hier die Christlichsozialen züchtev. Wer de facto ein, wenn auch latenter Antisemitismus entscheidet bei der Besetzung bestimmter BeaMtenstcllen, und ich kenne Fälle, wo ein Mensch mit der besten Qualifikation den Posten nur aus dem Grunde, weil er'SigmuUd' Pollak heißt', nicht bekommen hat. . . . Wä ein Millionär beginnt, da hört freilich auch bei den höchsten Herren der Antisemitismus aus. Sie wissen alle bestimmk, meine Herren, welche hohe Visite Rothschild auf seiner Sommerfrische zu empfangen Gelegenheit hatte, als in Witkowitz vor der Bewilligung der Delegationen die Panzer für die Dreadnoughts gebaut werden sollten, und cs ist Ihnen ebenfalls bestimmt bekannt, meine Herren, wie man immer häufiger heute in den adeligen Kreisen zä dem Mittel einer reichen Judenheirat greift. Ich spreche Mer diese antisemitische Tendenz bei der .Aufnahme in den Staatsdienst schon deswegen, um besonders die Herren von den deutschliber alen Bänken auf die Wichtigkeit meines Minoritätsantrages aufmerksam zu machen. . . . Die Rede des Mg. Smeral belehrt, däß er, der wahrscheinlich keinen einzigen jüdischen Wähler hat, sich aus Gerechtigkeitsliebe veranlaßt fühlte, für die zurückgesetzten und. Ungerecht behandelten Juden einzutreten. Wie aber verhielten sich die deutschliberalen Abgeordneten, welche Mg. Smeral in seiner . Rede apostrophierte, zu seinem Anträge? Bei der namentlichen Mstiminung stimmten sie alle dagegen, sofern sie nicht fluchtartig den Saal verließen. Kein Mitglied des Deutschen NationalverbaUdes stimmte für die Gleichberechtigung'der Jude». Der Antrag wurde mit 163 czichisch^n, sozialistischen und jüdischen gegen 120 deutsche, polnische und slovenisch-klerikale Stimmen an g eno mm en. Es muß bemerkt werden, daß alle 'Czechen — auch die klerikalen — für den Antrag Votierten. Der PolenLub hatte ursprünglich beschlossen, gegen den Antrag zu stimmen. Int Laufe der Abstimmung änderte er, auf Grund von Zurufen