Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 23 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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(Betrachtung en undBesprechungen.) BonBen-Koheleth. XVlI. Salomon Maimous Autobiographie*) Es gibt wenige Autobiographien, die eiltacher sind in ihrem Inhalt, anspruchsloser in hrer Darstellung wie diejenige Salonwn Mainwns; ctber auch wenige, die erschütternder sind in ihrer Wirkung Wie diese. Im Charakter der Autobiographie Salonwn Maiinons liegt der tiefste Wesenszug seines Lebens begründet: seine Tragik. Das ganze Leben Salomon Maimous vom Momente an, da der junge Knabe zu intellektueller Selbstständigkeit ertvacht, bis zu seinen! Tode im Hause seines gräflichen Wohltäters, ist ununterbrochen eine Tragödie der schlimmsten Art. Es gibt Tragödien, die für ihre Helden wohl den Untergang herbeisühren, aber doch nicht, ohne ihn vorher erhoben zu haben; Tragödien, die ihre Helden durch ihre Tragik erst eigentlich zu Helden machen. Nichts von alledem bei Salomon Maimon. Seine Tragik hat nichts Erhebendes .und Großes, ihr mangelt jeder Pathos, in ihr ist nichts von Leidenschaft und Kraft, von Titanenkampf und Heldenleid; sie ist still, anspruchslos, niedrig. Ihr Held stürzt nicht, "sondern geht langsam seinem elenden Ende entgegen, er wird nicht niedergeschmettert, sondern langsam, langsam zermalmt; er geht nicht unter wie ein Held, sondern wie ein Wurm'; seine Tragik erhebt nicht, sondern drückt nieder, reinigt nicht, sondern stößt ab, ihr mangelt jenes tiefe ethische und darum versittlichende Moment, das aller großen Tragik eigen ist. Es gibt keine einzelnen tragischen Momente in diesem Leben, das Ganze.ist, ununterbrochene Tragik. Ein Mensch mit den höchsten geistigen Gaben, der unter normalen Verhältnissen bei gesunder Entwicklung' ein Genie geworden wäre, 'entreißt sich seinem heimatlichen Boden, der ihn nicht befriedigen kann, stürzt sich, von dem Glanze der fremden Geisteskultur angezogen, .in diese hinein und saugt sic in sich auf. Doch je mehr er sein Wissen bereichert, um so mehr zersplittert er seine Natur. Der Intellekt wächst, aber die innere Einheit geht verloren; jeder neue Fortschritt. seines Geistes bedeutet einen neuen Schritt zu seiner Entpersönlichung, und als er so weit ist, den Tiefsten seiner Zeit, den Königsberger Weisen, in seiner ganzen Tiefe verstehen, zu können, ja ihn in wesentlichen Punkten erfolgreich kritisieren zu können, ist seine Einheit vernichtet, ist er ein Wurzelloser, der allen moralischen Halt und alle innere Basis verloren und somit sich alle Fähigkeit geraubt hat, Großes, Ganzes, Dauerndes zu schaffen. So lebt er noch cinige Zeit fort unter den widrigsten Zuständen, unsympathisch in seinem Charakter, durch seine Haltlosigkeit selbst die Bestmeinenden abstoßend, bis er im. Kaufe eines Grafen, der sich seiner erbarmt, sein Dasein beschließt. Die Keime zu einem großen Manne sind vernichtet. Was ein Befruchter und Führer der Menschheit hätte werden können, blieb Fragment. Und all dies nicht durch die niederschmetternde Kraft äußerer Schläge,, sondern durch die innere Zerrissenheit. Es ist die höchste, zugleich die gewöhnlichste Tragik, die dieses Leben uns' enthüllt. - lind diese *) Salomon Maimous LcbenHzeschichte, heransgegebcn von T)r. Jakob Fromcr. 529 Seiten. Atnnchen, Georg Miller.: , Tragik gibt diesem Leben seine Bedeutung. Denn durch sie wächst er'über seine individuellen Schranken heraus, durch sie wird der Einzelfall zum Exempel, und S a l o m o n M aimo n z u m Typus. Was Mainton getroffen hat, hat Hunderte und Tausende anderer unserer besten Geister getroffen. Seine Tragödie ist eine typisch jüdische, bildet ein besonderes Kapitel in unserer Diasporageschichte, und seine Ucberschrift lautet: Der Ghettojude in der modernen Kultur. All die Eigenarten seines Schicksals finden wir bei den meisten anderen, die denselben Entwicklungsgang durchgemacht haben wie er, wieder;. bei ihn:, als einem der Tiefsten, nur in Potenziertester Form. Ein Schaudern ergreift einen, wenn man bedeitkt, wieviel an Persönlichkeitswerten, an inneren Kräften wir in diesem Strudel der modernen Kultur verloren haben, mit wieviel ■ Maiinons unser Weg vom Ghetto zur modernen Kultur besät ist. Wenn es. wahr ist, daß aller Fortschritt unter Opfern erkauft ivird, so ist «och nie ein Fortschritt so teuer bezahlt worden wie derjenige, der dem Ghettojudeti die moderne Kultur vermittelt hat. Salomorr Maimous Leben bildet trur einen Bestandteil dieses Preises, allerdings einen gewichtigen; und wen« wir einmal später eine Bilanz ausstellen und die Quittungen für unsere Ausgaben sammeln werden, so wird diese Autobiographie eine der größten und umfassendsten bilden. * Man kann nicht die Gestalt Salomon Maimous an sich vorüberziehen lassen, ohne unwillkürlich an seinen großen Vorgänger zu denken, dem er so sehr nacheifern-wollte, daß er sogar feinen Namen annahm, an Moses Maimon, an M a i - m o n i d es. Die Parallele beider ist nicht nur interessant, sie ist auch, sehr lehrreich. Sie haben viel Aehnlich.es miteinander: dasselbe philosophische Genie, denselben Wissensdurst, ja einen ähnlichen Entwicklungsgang; beide schreiten sie vom Ghetto zur allgemeinen Kultur. Aber auf der anderen Seite, welch ein Unterschied!' Bei Maimonides hielt seine Persönlichkeits-, entwicklung gleichen Schritt mit seinem geistigen Fortschritt, bei Salomon Maimon befand sich die eine in um -so abschüssigerer Richtung, je. mehr die andere emporstieg.. Maimonides ward zum „Führer der Verirrten", Salomon Maimon zn einem Verirrten. Maimonides' Gestalt erhebt, die Salonwn Maimous stößt ab. Jener erregt Ehrfurcht, dieser Mitleid. Woran liegt dies? Mich dünkt, Hier waltet, abgesehen von aller individuellen Verschiedenheit, eine allgemeinere Ursache. Ihr Ursprung war verschieden. Salomon Maimon gingnus dem Ghetto hervor, Maimonides aber nicht. Denn das Ghetto war in Spanien zur Zeit des Maimonides eine unbekannte Erscheinung. Es bestand ein starkes jüdisches Eigenleben, die Juden wohnten gesondert, bildeten eine besondere Gemeinschaft, aber ein Ghetto gab es nicht. Das spezifische Charakteristikum des Ghetto, der feindliche Llbschluß gegen alle frenide Kultur, fehlte. Der spanische Jude war Jude durch und durch, stand dabei aber nlitten im Stroine der allgenreinen Geistes'kultur. So war ihm die Synthese von Judentum und allgemeiner Kultur möglich. Salomon Maimon aber stammte aus dem Ghetto.. Zwischen ihm und dem Maimonides lagen Jahrhunderte, in denen der Jude immer scheuer und scheuer vor der allgemeinen Kultur zurückgcwichen und allmählich sich för* 23. völlig von ihr abgeschlossen hatte. In Salomon Maimons Zeit bestand zwischen Judentum und allgemeiner Kultur ein tiefer Riß. Zwischen dem Ghetto und der Außenwelt war ein tiefer Graben gezogen. Diesen Graben mußte jeder überspringen, der aus dem Ghetto in die moderne Kultur gelangen wollte. Und der Graben war breit.und tief. Was Wunder, wenn die meisten beim Sprung verunglückten und als Krüppel an der anderen Seite des Grabens anlangten. So gesehen, gewinnt die Tragik Salvmon Maimons und der vielen, die sie mit ihm teilen, eine neue Bedeutung. So gesehen, erscheint sie notwendig und unumgänglich als Durchgangssta- ' dium zur Ermöglichung einer neuen Synthese von Judentum und allgemeiner Kultur. Erst.mußte die Generation Salomon Maimons stürzen und mit ihren Leichen den Weg zur modernen Kultur bahnen und gangbar machen. Ohne Salomon Maimon kein Achad Ha am, ohne Assimilation k e i n Z i o n i s m u s. Weiß man aber dies, dann lieft man die Autobiographie Salomon Maimons mit einem neuen Gefühle; zu dem Gefühle des Mitleids tritt dasjenige der D a n k b a r k e i t. Er ist ein Opfer, das für uns gefallen ist, er mußte ein Fragment bleiben, damit wir umso reichere Persönlichkeiten werden können. * „Beseas apecho tauchal lechem" (Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot essen!) Dies Ewigkeitswort der Bibel, der Fluch und doch der Segen des Menschengeschlechtes, es hat in der modernen Geschichte unseres Volkes seine neue Bestätigung gefunden. Niemals hat sich ein Volk mit . soviel Schweiß sein Brot errungen, mit soviel Schmerzen seine Nahrung erkauft, wie wir die moderne Kultur. Unsere Opfer waren furchtbar, aber notwendig. Sie bilden darum nicht das -Schlimmste in unserer modernen Geschichte. Was unendlich schlimmer und trauriger ist, ist dies, daß es viele gibt, die über den Schweiß das Brot vergessen haben, über die Opfer das Ziel; viele, denen das stete Opfern zur Gewohnheit, das Mittel zum Zweck geworden ist. Deutlicher gesagt: Daß es so viele gibt, die noch immer bei deni Stadium Sako-. mon Maimons stehen, die über den Graben noch immer nicht hinausgelangt sind, die in der Entpersönlichung geblieben sind. Ein volles Jahrhundert opfern wir schon ununterbrochen, nun ist es wohl an der Zeit, die Früchte zu ernten. Nach einem Jahrhundert der jüdischen, zerrissenen, entwurzelten Gestalten muß endlich die Zeit der jüdischen' Persönlichkeiten beginnen. So gewertet, bildet Salonton Maimons Autobiographie eine furchtbare Erinnerung cm die Vergangenheit, zugleich aber einen Mahnenden Ruf für die Zukunft. Sein Leben zeigt uns, wie früher das Schicksal der modernen Juden sein mußte, zeigt uns aber zugleich — und das ist das Wesentlichere — wie das Schicksal der Modernen Juden heute nicht mehr zn sein braucht und nicht mehr sein darf. Ans de« Ereignissen des Tages. 1. Die jüS. Tarnbeweguug. Dero, jüdische Turntag, der vor kurzem in Berlin stattfand, war für die künftige Arbeit der jüdischen Turnbewegung, fiir ihr Wesen und Programm von grundlegender Bedeutung. Da