Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 22 (7.6.1912)
- Date
- 1912-06-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 WackjÄcker Ente 3. ctl - I r I it itl ,§ st t:| eil lb I 10 H t, des jeu I tenl jettl einl diel ich! iflel en,! uhdiel ichel das >er-! daß! und! seinl ist Sench> ie es die die Art der jübifdjjcn Ooti der des christlichen Gottesdienstes prinzipiell unterscheidet. Gegen die Zerstörung der uralten Sitte sprachen Jnstizrat Dr. J g n. Cohn und Geheiinrat Dr. Blumenthah —r doch die Majorität dürste bei der bekannten Zusammensetzung der Berliner Repräsentantenversammlung dafür sein. Vorläufig hat inan die Angelegenheit einer Kommission überwiesen. Berlin. Am 2 ds. fand hier unter zahlreicher Beteiligung -die General-Versammlung des Vereins „Esra" statte Moritz Dorn, der Vorsitzende, erstattete den Bericht. Die Einnahmen haben 24 634 Jk gegen 17 004 JL int Vorjahre erreicht. Die Bemühungen, die bestehenden Kolonien Palästinas mit jüdischen Landarbeitern zu versehen, haben zu einem großen Erfolge geführt. Es ' ist gelungen, etwa 650. Jttden aus deit fernen (Südarabien) zur Auswanderung nach Palästina, zu veranlassen und. daselbst in den verschiedensten Kolonien als Landarbeiter unterzubringen. Daneben hat der „Esra" seine Pläne zur Seßhaftmachung jüdischer Landarbeiter ans dem Osten Europas weiter betriebeil und zu diesem Zweck vor. kurzem 30 000 Frcs. überwiesen. Der Betrag wird zur Errichtung einer Krankenstatiou, Herstellung einer Wasserleitung und Bau von 10 Arbeiterwohnnngen in der Kolonie C h e d e r e h verwendet werden. Auch der Bau von 12 Arbeiterhäuseru in Mn fr-Saba dürfte nicht mehr allzulange auf sich warten lassen, da die Aussicht vorhanden ist, daß die Lokal-Behörden die Nötigen Bauerlaubnisse endlich erteilen werden. Nach der Dechargeerteilung fanden sodann die V o r - staudsWahlen statt. Der aus Gesundheitsrücksichten ausscheidende Konsul Julius- Friedemann wurde zum Ehrenmitglieoe ernannt. Hannover. Am 30. Mai fand die Generalveis a m m l u n g der Land- und Lehrguts-Gesellschaft statt, die .bekanntlich auf Anregung der Simon'schen Stiftung zur Ausbildung israelitischer Landwirte gegründet wurde. Dem neugewählten Aufsichtsrat gehören 4 praktisch» Landwirte an, —t Gutsbesitzer Seckel - Einzingen, Rittergntspächter D v h r n - Wilhelmshof, Rittergutsbesitzer Mendelsohn-Gutow und der jetzt in Berlin wohnhafte Herr I. Brandt —; weiterhin gehören dem Aufsichtsrat an: Sartorius Rhein hold (Vorsitzender), Konsul Fasse, Justizrat Steiufeld-Hannovcr, Ä. silberberg, der Direktor der Anstalt Ahlem und Professor Marburg -Berlin. Geschäftsführer ist der Syndikus der Simon'schen Stiftung Dr. Katz. —, Das Lehrgut zu Steinhorst zeigt ein fröhliches Aufblühen. Die Zahl der Lehrlinge wächst immer mehr, und in wirtschaftlicher Hinsicht hat die Schafftmg von Kulturland mis Moor und Heide zu so günstigen Erfolgen geführt, daß die Hoffnung besteht, in späteren Jahren den ganzen Lehrbetrieb durch die' Ueberschüsse der Gutswirtschast zu erhalten, ein Ziel, das von staatlichen Anstalen in Deutschland noch nicht erreicht wurde. In den Nächsten Jahren allerdings ist der Lehrbetrieb noch auf Zuschüsse angewiesen, insbesondere ' auch, weil die Errichtung eines modernen' Lehrlingsheims sehr große Kosten verursachte. Daß das Steinhorster Unternehmen auch regierungsseitig geschätzt wird, mag daraus hervorgehen, daß der L a n d w i r t s ch a f t s m i n i st e r zur Gründung einer von uns angeregte» Moorgenossenschajt eine größere Beihilfe bereit gestellt hat. Äattotvitz. Auf der „Agudath Jisroel" - Konferenz wurde eine bedeutsame Aktion im Interesse bes > Sabbats bekannt. Kattowitzer Grubenbesitzer haben sich bereit erklärt, jüdische Arbeiter aufzunehmen und ihnen die Möglichkeit zu geben, rituell zu leben und am Sabbat nicht z u arbeiten (der Ausfall des Sabbats wird durch eine Nachtschicht oder eine Ueberstunde täglich wettgemacht). Die Regierung hat ihr Einverständnis mit der Ansiedlung ausländischer jüdischer Arbeiter erklärt; sie müssen nur einmal im Jahr für 1 Monat das preußische Staatsgebiet verlassen, damst sie kein Anrecht auf den Untersyitzungswohnsitz erhalten. Das Schreiben der Kattowitzer Akt.-Ges. für Bergbau und Eisenhüttenbetrieb an Herrn Siegfried Wiener-Kattowitz lautet: „Aus Ihren Wunsch - bestätigen wir Ihnen folgendes ergebenst:' Naivem wir auf unserer Florentinegrube mit den seit einiger Zeit im Grubenbetriebe beschäftigten jüdischen Arbeitern durchaus zufrieden waren, ivollen wir uns entschließen, auch auf unseren anderen Gruben einige hundert jüdische Arbeiter, die die Bergarbeit verstehen und. hierzu tauglich sind, einzustellen. " Zunächst möchten wir aber erst auf unserer Myslowitz- und Carlssegengrube mit einer kleiueren Anzahl einen Versuch machen; wir denken uns 50 Mann pro Grube. . Wie wir Ihnen mitgeteilt haben, soll die Beschäftigung der jüdischen Arbeiter unter denselben Bedingungen und zu denselben Lohnsätzen, wie wir die ruthenischen Arbeiter beschäftigen, erfolgen. Ruthenische Arbeiter verdienen pro Tag 3—£ Jk, je nach der Art der Beschäftigung und Leistung. Wir haben weiter gesagt, daß, wenn die Leute in der Woche sonst fleißig arbeiten, wir durchaus nichts Störendes darin finden, wenn sie am Sabbat die Arbeit, aussetzen: ..Wir werden den jüdischen Arbeitern eine mit Kücheneinrichtung versehene besondere Baracke zur Verfügung stellen und dafür Sorge tragen, daß dieselben in ihren religiösen, ^bezw. ' -rituellen Verrichtungen nicht gestört werden.',." ' Die schwierige Frage der Bezahlung der Reise, Einkleidung usw. hat Kommerzienrat Feist-Frankfurt iuirch eine Spende von 25000 Jk gelöst. Niederlande. Haag. Unter Vorsitz des Oberrabbiners S. A. Rudelsh e i m - Leeuwarchu fand hier die Hauptversammlung der Zen tr al-Or g an i sation, der-Vereinigung der orthodoxen Juden Niederlands, statt. Die Zentral-Organisatiou gibt ein Jahrbuch und Schriften zur Hebung des Verständnisses des Judentums - heraus und wendet ihre besondere Sorgfalt der Sabbat-Erhaltung zu. Türkei. Konstantinopel. Da sich zahlreiche Juden unter des vorigen Sultans Gewaltherrschaft der italienischen Oberhoheit unterstellt hatten, so trifft die Ausweisung der Italiener auch zahlreiche Juden. Die Regierung hat genehmigt, daß die italienischen Juden, die in der Türkei geboren sind, wieder die türkische llntertanenschaft ertverbe». . Personalien n. Kleine Mitteilungen. Hannover. Unsere Stadt zählte im vergangenen Jahre 1826 steuerpflichtige j ü d i s che P e rs o neu. Davon waren 103 steuerfrei tlird ■ hatten 855 ein Einkommen unter und 868 ein Einkommen über 2400 Jk (darunter 37 mit einem Einkommen von über 60 000 JL). Esse«. Die Hinterbliebenen des jüngst verstorbenen Kommerzienrats Hirschland stifteten für die jüdische Gemeinde 90 000 Jk und für die Stadtgemeinde 70000 Mark. . Karlsruhe. Der Prozentsatz der Juden Badens ist von 1,76 im Jahre 1861 auf 1,24 im Jahre 1910' zurückgegangen. Hüningen. Nach 10 Jahren soll ein Mord, der hier verübt tvurde, seine Sühne erhalten. In dent benachbarten badischen Orte Branzlingeii war vor -10 Jahren anf rätselhafte Weise ein jüdischer Kausmaltn verschwunden. Die Vermutung lag nahe, daß er das Opfer eines Mörders geworden war. Der Ackerer Stortz wurde seinerzeit verhaftet, aber wieder freigelassen,, da sich nicht genügend Beweise für die Tat fanden. Vor einigen Tagen hatte Stortz Streit, mit seiner Ehefrau und diese rief so laut, daß es dje ganze 'Nachbarschaft hörte: „Mir machst Du es nicht wie -dem Juden." Als darauf unter Zuhilfenahme eines Polizeihundes eine Haussuchung bei Stortz stattfand, wurde das Skelett eines Mannes, zweifellos des crmordeteit Jude», im Keller vergrabett gefunden. Anlonieuhütte. David Reich, der Präsident unserer Gemeinde, v e r s ch i e d im Alter von 61 Jahren. Aus -er Lehrerwett. Dresden. RaVb. Dr. Winter hat vom König den Titel Professor erhalten. (L.) Pose«. Zum 15. Geburtstage u»lle es Rabbiners Dr. W. F e i l ch e n f e l d hatten sich zahlreiche Deputationen in dessen Wohnung eingefunden. Wieslvch (Baden). Am 1>. Mai feierte Lehre'' Daniel Ackermann sein 50jähriges Amtsjubiläum und tvar bei dieser Gelegenheit Gegenstand zahlreicher Anerkennungen seines vorbildlichen Wirkens. Regina Sabon snria? Eine Skizze aus Bengasi. Aus dem Italienischen von Albert Rosenh-eimer. „Wo steckst Tu denn, Regina?" „Hier bin ich, Signuri," und schon höre ich ihr silbernes Lachen, — „hast Tu mir Deine Sachen gebracht?" Sie war auf der Terrasse beim Wäscheausbreite». Ter schmale Hof, nach dem zu die Türen der inneren Kanmtern münden, lag schon int Schatten. Doch die Terrasse war noch voller Sonne. Und .von der Sonne beschienen, — sich scharf vom tiefblauen Himmel abhebend —, nähert sich mir das schlank gebaute Judenmädchen- — Ein schönes, ovales Gesicht, frische Farbe», dicke, kastanienfarbenen. Zöpfe, die bis zu den Knieen reichen, tiefschwarze, glänzende Augen, perlmnttergleiche Zähnchen zwischen den lächelnde» Korallenlippen, so sah ich sie im blauen Hintergrund des Himmels. Ter Wind legte -ihr den flatternden. ^,Baracau"-Burnus - in harmonischen Falten um ihre Glieder. Regina ist ein bescheivencs jüdisches Mädchen und fristet niit ihrer Mutter in dem kleinen Hofe und zwei kleinen Zimmern ihr einfaches Tastin. Regina ist ein Typ. Ter Typ der jungen Bengasinier Jüdinnen, die gleich ihr im Eingeborenenviertel solche Zimmerchen und Höfe bewohnen, das gleiche Leben führen, d. h. die Wäsche der italienischen Soldaten besorgen, um einige Saldos zu verdienen. Wie sie alle heißen — Regina, Sara, Rachel, Lula, Miriam, Giulia —, sie führen ein so arbeitsvolles, gleichmäßiges Leben, daß keines unserer einfachsten Provinzmädchcn — so bescheiden sie sein mögen —, eilt solches Leben auch nur vierzehn Tage ertragen möchte. Tie ganze Woche — von Sonnenaufgang bis zur Tagesneige —. arbeiten sie unermüdlich. Aus der Erde knieend, über den Wäschtrog gebeugt, wo die Seife schäumt, — oder vor ihrer Nähmaschine, ewig das Rad drehend, — ans dem niederen Schemel sitzend, nähend, stopfend —, verstreichen ihre Tage. 91,11 Sabbat ruhen sie. Tie Ruhe zwar besteht darin, daß sie das Mahl —1 nicht so frugal wie in der Woche — für den Vater und die Brüder bereiten und diese bei der Tafel bedienen. Niemals .kommen sie aus dem Hause, — mit Ausnahme der hohen Feiertage, wo sie mit der ganzen Familie zur Synagoge gehen. - Und doch sind sie glücklich und froh und singen, und kommt dann einmal ein Fremdling über ihre Schwelle, so empfangen sie ihn mit graziöser Höflich- . keit. und verstehen dann auch zu kokettieren. Und wie zu kokettieren! Besser als unsere jungen Damen, .die doch diese Kunst i»i den Salons oder im Ballsaale, studierten. Wir klopfen an die Türe. Nicht überall — besonders nicht in arabischen Häusern — öffnet man uns. „Lndon suriä? — Wollt Ihr uns waschen?" Wir treten in den Hof mit den niederen toeißen Mauern, die halbnackten, schmutzigen, ungekämmten Kinder drängen sich um den Fremden. Lula, Sara oder Rahel antworten errötend auf unsere Frage, die wir wiederholen, um unser Eindringen zu erklären. „Ja —, bringt uns Eure Wäsche — morgen —" „Ankara!" „Si — Ankara!" und lächelnd! zeigen sie uns ihre starken, gesunden, weißen Zähne. Beinahe alle jüdischen Mädchen sprechen italienisch. Sie lernten die Sprache in unseren Schulen und sprechen sie beinahe geläufig mit jenem gutturalen, gurgelnden Zlkzent, der den Klang der Vokale verdunkelt. Die Mütter verstehen unsere Sprache nicht, denn zu ihren Zeiten gab es weoer in Tripolis, Tarabulis noch in Bengasi italienische Schulen. Man unterhält sich, man lacht, man bietet uns Kaffee an; das Mißtrauen des ersten 9lugenblicks ver- . schwindet. Für den Hof, für das schöne Mädchen, die Kinder, die Mutter bildet der Freinde ein Ereignis. Und die Zeit verstreicht; wir. merken es kaum. Ter Schatten senkt sich aus den Hof, über uns vertieft sich schon die Bläue des Himmels. Wir nehmen 9lbschied. 9lus dem Basar kommen schon die Männer, der .Vater, die Brüder! Wir haben jedoch noch andere Möglichkeiten, in die Häuser von Bengasi zu kommen. Zuviel Schwarzwäsche brauchten wir, um unsere Besuche zu rechtfertigen. Tank unserem photographischen Zlpparat haben wir gleichfalls einen Anlaß, öftere und längere 'Besuche zu machen. -Llnfangs betrachteten sie den schwarzen 9lpparat mit. Mißtrauen. Besonders die Kleinen und die Mutter. Tie Mädchen fliehen — verwirrt — lachend. „Ro, Signore! — Ich bin schlecht angezogen» ich habe den ganzen Tag gearbeitet . . 9lber dann kommen sie wieder. Im festlichen Burnus — mit goldenen Borden und Franzen, um die Hüften ein sflbernec Gürtel, mit großen Ohrringen, und glattgekämmten Haaren! Und machen sich Sorgen, daß auf dem Bllde auch die Spange, die den Burnus auf der rechten Schulter zusammenhält, schön zur Geltung kommt, daß die Armreifen und der reichgestfckte Brustlatz sichtbar werden. Uns zum Wschied die Hand mtt den,,henna"rotgefärkten Nageln reichend, bitten sie: „Ankara! Nicht wahr, morgen bringst Tu uns das Bild?" Der Abschied eines Rabbiners. Der zum Oberrabbiner der Federation of Synagogues in London gewählte Rabb. .Dr. Jung in Ungar. Brod verließ vorige Woche die.Stätte seiner bisherigen Wirksamkeit, um sein neues Amt anzntreten. Die ganze Gemeinde — Männer, Frauen und Kinder — war auf dem Bahnhof versammelt. Ein unvergeßliches Bild! Keine brausenden Hurrahruse, sondern Tränen und Schluchzen selbst bei gereisten Männern Was die jüdische Gemeinde in Ungar. Brod an ihrem Rabbiner verloren hat, und' was der Londoner Ostend an ihm gewinnen wird» zeichnet beredt ein Stimmungsbild» das in der „Jüd. Volks stimme" ein „Hartgesottener" über die Stunde entwirft, in .der Rabb. Dr. Jung zum letzten Mal die Kanzel in Ungar. Brod . betrat. Der „Hartgesottene" schreibt: „Ein gewaltiger» himmelwärtsstrebender Ban —, Der geräumige Saal rechts und links von ehernen