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Neue jüdische Presse · 1912-05-24 · Heft 20 (24.5.1912) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 20 (24.5.1912)
Date
1912-05-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20. Seite 3. die Regierung nur die Sanktion zu erteilen haben wird. Was aber für den Berliner Gemeindevorstand gilt, gilt nicht blinder für alle übrigen jüdischen Vorstände Deutschlands, sei es, haß es sich üni Gemeinden oder um Gemeindeorganisationen handelt. Die volle Wahrung der jüdischen Autonomie ist eine Pflicht, die zu ersü.len die gesamte deutsche Jndenheit wie ein Mann zusammenstehen sollte! Friedeusschlntz iu der Alliance Jsravlite Universelle. Die Unterzeichneten sind heute zu einer Versammlung zusammengetreten und haben einstinuing beschlossen, die zwischen den bevorstehenden Vereinigungen der deutschen Mitglieder der A. I. U. und dem C. C. in Paris vorhandenen Mißverständnisse zu beseitigen. Zu diesem Zwecke ist .eine Komnlission gewählt worden, welche den Weg hierzu feststellen soll. Berlin, den 15. Mai 1912. Direktor Dr. Adler, Frankfurt a. M., Justizrat Blau, Frankfurt a. M., Justizrat Dzialoszynski, Berlin, Senator Fischer, Linden-Hannover, Koinmerzienrat Gallinger, Nürnberg, Stadtrat Gimkiewicz, Berlin, H. Giümperz, Hamburg, Justizrat Tr. Held, Nürnberg, Professor Kalischxr, Berlin, Rabbiner Dr. Kopfstein, Beuthen, Geheimrat Landau, Berlin, Rechtsanwalt Lippmann, Hamburg, Philipp Schiff, Frankfurt a. M., Professor Dr. Silbergleit, Berlin, Rabbiner Dr. Werner, MAnchen,'Justizrat Wolfs, M. d. A., Lissa. Aus aller Well. Deutsches Reich. Berlin. Bon vormittags 10 Uhr^ bis nachmittags 6 Uhr währte die Tagung des mit größer Spannung entgegengesehenen G e in e i n d e t a g e s. Die Erwartung, daß die Majorität ihre brutale Machtpolitik auch auf diesem Gemeindetage durchzusetzen versuchen werde, und daß es demzufolge zu stürmischen Szenen kommen werde, erfüllte sich voll und ganz. Zeitweiseherrschte ein ohrenbetäubender Lärm. Schon der Beginn der Tagung war tumnltuös. Eine Manbatsprüfungskommission, in der die Opposition nicht entsprechend vertreten war, hatte bereits vor der Tagung 160 Mandate der Opposition — darunter einige dreißig von Gemeinden, die nicht dem D.-J. G.-B. aiigehören —. für ungültig erklärt, und es wurde den von dieser Ungültigkeitserklärung betroffenen Delegierten der Eintritt in den Saal verweigert. Gegen dieses jedem parlamentarischen Gesetze Hohn sprechende Verfahren, gegen diese Vergewaltigung protestierte natürlich die Opposition: nur der Gemeindetag selbst war zur Prüfung der Mandate berechtigt! ^— Auch gegen die Wahl e i n e s P r ä s i d i n m s vor Prüfung der beanstandeten Mandate durch den Gemeindetag wurde heftig opponiert, und als die Wahl dennoch vorgenommen wurde, gabKollenscher- Posen einen Pi>otest zu Protokoll. Mles dieses ging natürlich 'unter großer Erregtheit vor sich. Schließlich erreichte die 'Opposition die E i n s e tz u n g einer n e u en Man d a t s pr n f n n g s k am Mission, in der sie die gebührend« Vertretung hatte. Nun konnte endlich in die eigentliche Tagesordnung eingetreten werden. - Diese selbst verlief ziemlich ruhig. - Das Referat hielt Rechtsanivalt Dr. Salomon, der die bekannte Begründung des Ausschusses vertrat. Don der Opposition 'sprach in der Generaldebatte nur Moritz >A. Loeb, der sofort nach dem Referat mit unbeschränkter Redezeit zu Worte kam. Er stellte hauptsächlich! als Bedingung auf, daß die Gemeinden sich als Vertreter wählen könnten, wen sie wollten und dann als Häüptbedingung, daß der Geschästsführende Ausschuß nach dem Proportionalwahlsystem gewählt werde. Nur unter diesen Bedingungen könnte die Minorität der Statutenänderung zustimmen. Er drohte, falls diese Wünsche nicht berücksichtigt würden, mit dem Austritt vieler Gemeinden und, mit der Bildung eines Konkurrenzbundes. ~ Professor Philippson, der Vorsitzende des D.-J. G.-B., wies sämtliche Forderungen schroff zurück. Inzwischen war von Bankier Löwy - Rawitsch ein Antrag eingegangen, eine Berständigungskommissio n bestehend aus Prof. Dr. P h ilipp son, Dr. Apfel-Köln, Baugerichtsrat Löwe-Berlin, Dr. Klee- Berlin, Moritz A. Loeb-Berlin und L o e w y - Rawitsch unter dem Vorsitz von Landtagsabg, Wolfs-Lissa einznsetzen. Die Majorität war anfänglich nicht gewillt, diesem Vorschlag zuzustimmen, aber einige besonnene Elemente, die nicht wollten, daß man der Majorität nachsage, daß sie die zur Versöhnung gebotene Hand zurückgewiesen hätte, fetzten die Annahme durch. - . Frankfurter FfraelitWeS FamWenLlatk. Was keiner für möglich gehalten hatte, wurde nun Ereignis: die Verständigung kam unter folgenden Bedingungen zustande: das passive Wahlrecht 'wurde ausgedehnt ans alle diejenigen, die im Verlauf der letzten 10 Jahre 'ihren Wohnsitz in der Provinz der wählenden Gemeinde gehabt hatten und auf diejenigen, die zum D.-J. G.-B. den Jahresbeitrag für 5 Jahre gezahlt hatten (nicht etwa die fünf Jahre lang den Beitrag gezahlt hatten). Mit dieser Bedingung ist praktisch in Bezug auf das passive Wahlrecht alles beim alten geblieben, denn wer gewählt werden will, zahlt einfach den üjähr. Beitrag von 50 Jk und ist überall wählbar. Die wichtigere Forderung des Proportionalwahlrechtes wurde dagegen nicht erreicht, man zeigte der Opposition hierin nur ein formelles Entgegenkommen, indem die gemischte Kommission beauftragt Umrde, zu prüfen, ob das Proportionalwahlrecht für die Ausschußwahlen zu empfehlen sei und dem nächsten Gemeindetag über die Resultate der Prüfung Bericht zu erstatten. —; (selbstverständlich 'wird die Kommission zu einem negativen Ergebnis kommen). Unter diesen Bedingungen hatte sich die Opposition bereit erklärt, gegen die en bloc - Annahme keinen Widerspruch zu erheben. — Man hätte nun meinen sollen, nachdem diese Einigung zustande .gekommen war, es wäre alles in schönster Ordnung, und es brauchte nur abgestimmt zu werden, dann könnte man nach Hanse gehen. Aber da hatte man die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn jetzt g ing erst der richtige Tohuwabohu los. Es sollten nämlich vor der A b st i m m n ii g sämtliche Prot c st e z u r ü ck g c z o g e n werden, aber Ko lle n sch er -Posen verstand sich nur zu der Erklärung, daß er seinem Protest gegen das Präsidium keine Folgen geben werde, aber den Protest zurnckzuziehcn, weigerte er sich entschieden. Hierdurch entspann sich eine ganz erregte Debatte, die Zionisten Dr. Zwirn und Dr. Witkowski, die Erklärungen abgeben wollten, wurden von der Majorität einfach niedergeschrieen, ohne daß der Präsident, San.-Rat Stern- Berlin, die geringste Miene machte einzuschreiten; er erklärte vielmehr: „Wenn die Versammlung die Herren nicht hören will, so kann ich nichts dagegen machen!" Das nahmen sich die Zionisten wieder ad notam und schrieen einen ihnen nicht genehmen Redner, Justizrat Blau-Frankfurt, nieder. Es hätte nicht viel gefehlt, daß, die ganze 'Einigung wieder zum Teufel gegangen wäre. Schließlich renkte Landtagsabgeordneter Wolff- Lissa alles wieder ein und die en bloc - Abstimmung ging vor sich, ohne daß Kollenscher-Posen seinen Protest zurückgezogen hatte. — Zn erwähnen ist noch die Annahme der Resol ution, daß im Ausschüsse tunlichst alle R i ch t u n g c n im Judentum vertreten sein sollen. Zum Schluß sei nach bemerkt, daß die Aufregung auf beiden Seiten etwas deplaziert erscheint. In Wirklichkeit wünscht doch die Opposition nur Einfluß auf den Gemeindetag wegen des Organisationsentwurfs zu haben, und über diesen braucht sie. sich doch keine grauen Haare wachsen zu lassen, denn ein Organisationsentwurf, gegen den Hins große Minderheit ist, wird niemals bei der Regierung auf Annahme rechnen können. Aus dem gleichen Grunde ist auch das entschieden« Sträuben des Ausschusses gegen das Proportionalwahlrecht nicht zu verstehen, da er eben. nur einen Entwurf, der genieinsam niit der Opposition ausgearbeitet ist, durchsetzen kann. H. G. ' Berlin. Anläßlich des V. Jüdischest Turntages veranstaltet die jüdische Tnrnerschaft am Montag, den 27. Mai, nachmittags 4 Uhr, ein großes jüdisches Sportfest auf dem Sportplatz des Bar Kochba in Schulzendorf (bei Tegel). Das Fest ist das erste in seiner Art und stellt die besten jüdischen Sportmannschaften der ganzen Welt int' .friedlichen Wettkampf gegenüber. Im.Mittelpunkt des Interesses steht ein Fußballmatch zwischen Berliner, Hamburger und Budapester jüdischen Turnern. Der V. Jüdische Turntag Ivird am Sonntag, den 26. Mai, vormittags 11 Vs Uhr, eröffnet. Er findet statt im Marinehaus, Brandenbürgerstr. 1, und ist öffentlich. Oesterreich-Ungar«. Budapest. Die orthodoxe Zentralkommission hielt hier am 14. Mai eine Sitzung ab, in der sie beschloß, daß die ungarische Orthodoxie sich an der Kattowitzer Konferenz offiziell nicht beteiligt. Ihr Beschluß hat folgenden Wortlaut: Die orth. Zentralkommission begrüßt mit Freude den Plan der Gründung des orth. Weliverbandes „Agudath Jisroel" und einige Mitglieder der Konimission werden sich an der Kattowitzer Konferenz beteiligen, jedoch nicht in ihrer amtlichen Eigenschaft. Eine offizielle Beteiligung an der „Agadath Jisroel"-Bewegung wird einem späteren Zeitpunkte Vorbehalten; insofern das von der Kattowitzer Versammlung festzustellende Aktionsprogramm mit den'Zielen der ungarischen Orthodoxie übereinstimmen wird, wird die Zentralkommissiou sich dann in dem zu bildenden Zentralkomitee der „Agadath Jisroel" vertreten lassen. Petersburg., Wieder einmal ein Beweis, daß der Jude iu Rußland vogelfrei ist: Der gemeine Mörder Polizeimeister Liwkin, der zwei angesehene jüdische Kaufleute deshalb' niedergeschossen hatte, weil sie die Unverschämtheit hatten, ' sich gegen seine Erpressungen zu beschweren, war für diese Vernichtung zweier Menschenleben zu nur drei Jahren Arrest verurteilt worden; jetzt hat nun seine Majestät die Gnade gehabt, die Strafe auf ein halbes Jahr Festung herabzusetzen. Odessa. Im „Odeßky Listot" veschäftigt sich Abraham R a u m e n k o mit der wirtschaftlichen Lage der Odessaer Inden. Bei einer Bevölkerung von 150000 bis 200000 Seelen hatten letzten Pesach 90000 Menschen je 4Ve Pfund Mazzos von der Gmeinde erhalten. Diese einfach^ Zahl zeigt die nackte Wahrheit": Die .Hälfte der Odessaer Jndenheit ist heute trostloses Proletariat geworden, hungert, bettelt und stirbt. Das ist die jüdische Gemeinde Odessa, die vor der Revolutionszeit eine der größten und wohltätigsten im Zarenreich war! Nanmenko 'konstatiert ferner, daß vieles geschehen könnte, wenn die vermögenden Juden Odessas den ernsten Willen zur Älbhilfc besäßen. Leute, die Zehntausende jährlich verdienen, kaufen sich z. B. bei der Mazzokommission mit einer Spende von 10 bis 20. Rubel los. Schweiz. Genf. Unter dem Vorsitze Universitätsrektors Montet fand Samstag eine Protestversammlung gegen die Kiewer R i t u a l m or d b e s ch u l d i g n n g statt. Es sprachen außer Montet u. a. der Dekan der theologischen Fakultät Prof. Füllig net und der Nationalökonom Prof. M i l h a n d, und es wurde zum Schlüsse einstimmig eine Protestresolution angenommen. Amerika. New-Aork. Oskar S Straus, der früherer Botschafter, hielt eine glänzende Rede auf einem Masse nmccting gegen die Dillingham Bill, die die Einwanderung erheblich erschwert. Es sprachen außerdem Kongreßmitglied Henry M. Goldsolgle, Reverend^ Dr. .Percy Stickney Grant, William Iah Schieffelin. George Gordon.Battke. Magistratsmitglied John I. Freschi, Kongreßmitglied S n l z e r und Rabbiner S. W i s e. Außerdem wurden verschiedene Briefe verlesen, u. a. ein Brief von Jacob H. Schiss. —. Benjamin Guggenheim, der auf der „Titanic" ein solch' heldenmütiges Ende fand, hinterließ 115000 Dollar für gemeinnützige Institutionen, davon einen großen Teil für jüdische Institutionen. Personalien u. Kleine Mitteilungen. Berk«. Die Hinterlassenschaft des Geh. Kommerzienrats EmilJakob wird laut Testament wie folgt vertellt: je 100 000 Jk, seinen 14 Neffen und Nichten, 300000 Jk seiner Schwester und 100000 Mark für Legate. —• Dr. Felix Teilhaber, der bekannte Verfasser des Buches „Der Untergang der deutschen Inden," hatte als Assistenzarzt an der Frauenklinik in Jena seinen Kollegen Dr. August von der Heide wegen unkollegialen Verhaltens geohrseigt. c .r also Behandelte wollte Teilhaber fordern, doch das mllitärische Ehrengericht lehnte die Forderung ab' und erklärte von der .Heide seiner Charge als Sanitätsoffizier verlustig, weil er keine standesgemäße Satisfaktion erhalten habe. Nunmehr strengte v. d. Heide gegen Teilhaber eine Privatklage wegen tätlicher Beledeignng an. Der Termin fand dieser Tage statt, und Teilhaber wurde zu zwei Wochen Haft verurteilt, während der widerbellagte von der Heide wohl für schuldig, aber für straffrei befunden wurde. Gegen das Urteil hat Teilhaber Berufung eingelegt. Berlin. Die jüdische Lesehalle nnd Bibliothek (Orauienburgerstr. 58) hatte in den ersten drei Monaten dieses Jahres eine Besucherzahl, von 9838 Personen. Charlottenburg. Fabrikbesitzer Gustav Wertherm erhielt den Roten Adlerordon 4. Klasse. (01 Posen. In Deutsch-Krone feierte da» David Cohn'sche Ehepaar die goldene Hochzeit. — Das Holländer'sch« Ehepaar in ©amtet spendete anläßlich der Barmizwoh seines Sohnes der Synagoge eine prachtvoll ansgestattete Thorarolle. Stratzburg. Regierungsbausührer Dipl-Jng. L. Cromback aus Zabern wurde zum Regierungsbänmeister ernannt. - Wien. Ueber den dieser Tage verstorbenen D av-rd Ritter .von Gntmann schreibt die „Nene National-Ztg.": „In der jüdischen Gesellschaft hat der Verstorbene eine der ersten Stellungen eingenommen, indem er durch lange Jahre als Präsident an der Spitze der ,Aaron Hirsch'schen Schulstrftnng" und der Israelit. Allianz!' stand. Man setzte ihn ans diese Ehrenstellen nicht wegen irgendwelcher Verdienste um das Judentum oder wegen seiner besonderen Wohltätigkeit oder wegen seiner ' hervorragenden geistigen Begabung^ denn all dies ging ihm ab; man wählte ihn, well er in der Klasse der jüdischen Millionäre einer der wenigen war, . die für jüdische Angelegenheiten wenigstens platonisches Interesse hatten. Sein Verdienst in diesen Stellungen bestärk darin, wie uns einmal einer seiner Beamten versichertedaß er jährlich Mehrere tausend Stücke unterschrieb, und das sei ja auch eine Ar^it. .... Erst in den letzten Wochen vor seinem Tode Hab der Verstorbene durch eine wahrhaft großartige Stiftung für ein Kinderspital - (3 Millionen Kronen) der jüdischen Gemeinde Wien einen unvergeßlichen Dienst erwiesen.

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