Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 20 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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■ Seite 2. .. Aber auch nach innen'hin ist — wenn audjLfür Len Außenstehenden schwerer bemerkbar — ein steter Fortschritt zu verzeichnen. Das Streben nach einer Vertiefung' des Zionismus, nad} der Umwandlung des Rachmoneszionismus in einen tiefen, geistigen, kulturellen und psychologischen Zionismus macht sich überall LemerWar, und wenn dieses StrÄer: auch noch nicht immer zu positiven Resuttaten geführt hat, wenn es auch hie und da nur bei.der bloßen Forderung bleibt, der keine Taten folgen, schon allein die Tatsache, daß.die Forderung überall laut erhoben wird, ist ein deutliches Symptom der beginnenden Vertiefung. In diesen Bahnen wird sich der Zionismus auch weiterhin bewegen müssen: einmal wird er suchen müssen, seine Anhängerzahl zu vermehren, seinen Einfluß zu erweitern, damit aber Hand in Hand auch stets suchen nwssen, die innere Ausbildung seiner Anhänger zu vertiefen und zu verinnerlichen. Darum ist anznnehrnen und zu hoffen, daß. der Posener Delegiertentag keine einschneidende, prinzipielle Acndernngen an den bisherigen Arbeitsmethoden vornehmen wird, sondern sich ans einzelne Praktische Verbesserungen beschränken wird. Dieses Gebiet ist keineswegs zu eng, vielmehr läßt sich hier und gerade hier noch sehr vieles tun und bessern. Der Delegiertcntag wird zu erwägen haben, ob nicht die innere Organisation noch straffer ausgestaltet werden kann; ob nicht die Erhöhung des Landcsbeitrages aus 3 Mark doch hie und da zu hoch ist; ob nicht vor allem eine bessere Zusammenfassung der Kräfte, eine Vereinfachung und damit Verbilligung des Organisationsapparates notwendig und Möglich wäre; mit einem Worte, es sind noch viele einzelne Fragen zu besprechen und zu lösen, auf die genauer einzugehen hier nicht der Ort ist, , Durch solche Verbesserungen im einzelnen kann sich der Posener Delegiertentag große Verdienste erwerben. Es ist gar nicht gesagt, daß immer die Kongresse, die die schwierigsten urrd prinzipiellster: Fragen in sLrmischen Debatten erörtern, die nutzbringendsten und fruchtbarsten sirrdi Durch positive Einzelarbeit kann oft viel mehr geleistet werden, als durch grundlegende, umMrz.nde Acnderungen. Der Zionismus in Deutschland' hat in prinzipieller Hinsicht die richtigen Bahnen bereits gesundem An der Richtung dieser Bahnen wird und soll auch der Posener Delegierterrtag nichts ärrdern. Aber diese Bahnen an einzelnen Stellen gangbarer, bequenwr zu machen, einzelne Hemmungen wegzuräumen, die einzelnen Kurven genau festzulegen, das wird seine Aufgabe sein, und wird er diese Aufgabe gründlich und günstig löserr, so wird er seine Bedeutung in der Entwicklung des deutschen Zionismus gewoirncn haben. Daß er diese Aufgaben fruchtbringend lösen Möge, ist der Wunsche den wir dem 13. Tctegiertentag der deutschen Zionisten in herzlicher Begrüßung entgegcnsenden. 2. Zwei Kriedensschlüffe Es scheint, als ob. der besänftigende, herzerweichende Mai seinen Einfluß schon selbst aus die Leiter der großen jüdischen Organisationen ausgeübt hätte; denn von den zwei unter ihnen, die bisher feit langer Zeit die Stötten heftigster Kämpfe gebildet hatten, hat die eine bereits ihren inneren Friiben wiedergcwonnen und scheirrt die anders auf dem besten Wege dazu zu sein. Der vorige Wache in Berlin stattgcsundene Gemeindetag hat den langen Kämpfen innerhalb des D. I. G. B. ein Ende gemacht und eine Vermittlungsresolution einstimmig angenommen; und.was vie andere, durch Kämpfe zerrüttete Organisation, die Alliance, betrisst, so sind die führenden Persönlichkeiten beider streitenden Parteien in Deutschland znsainmengctretcn und haben eine Kommission zur Wiederherstellung des Friedens gewühlt. s Di:se beiden Tatsachen dürfen von vornherein arr sich als erfreulich bezeichnet werde,:; denn wenn auch ein gewisses Maß inneren Streites stets nur von belebender, fruchtbarer Wirkung ist, ein Uebermaß der Kämpfe, wie es in diesen zwei Organisationen Vorgelegen Lat, macht jede positive Arbeit für die Dauer unmöglich. Demroch aber darf diese Freude nicht so sein, daß sic eine genauere Prüfung unmöglich machte. Ermlffwct« JfparlitWeS FarMerchlaü. Was nun den ersten, den endlich, wiederhbrgestelllen Frieden im D. I.' Gi B. betrifft, so gibt es gewiß kein Moment, das die aufrichtige Freude an ihm trüben könnte, sieht man Von der Haltung der Leitung zu Beginn der Tagung ab. Wir haben berefts in der Vorbesprechung des Gemeindetages ein Konrpromis von beiden Seiten als das beste und schönste Resultat bezeichnet und dieses ist nun auch, noch schöner, als wir erwartet haben, eingetreten. Noch schöner, weil einmal der Vermittlüngsantrag einstimmig akzeptiert worden ist, und ferner, , weil dieser Antrag Mer die ursprüngliche Kompromisresolution Apfel noch hinausgeht. Die genaue, einzelne Würdigung des Gemeindetages wird' ja noch erfolgen ntüssen; Mer für jetzt darf ruhig konstatiert werden, daß sein Resultat von allen Seiten begrüßt werden darf. Mit nicht ganz denselben Gefühlen muß die Nachricht von dem angebahnten Frieden in der Alliance ausgenommen werden. Denn hier liegen die Verhältnisse wesentlich anders. Während die Leitung des D. I. G. B. der Opposition wesentliche. Zugeständnisse gemacht hat und von ihr bestimmt zu hoffen ist, daß sie in Zukunft in rücksichtsvoller, konzilianter Weise arbeiten wird, ist dies beim Zentralkomitee der Alliance nicht der Fall. Unsere Leser wissen ja, daß in den letzten Wochen der Kampf innerhalb der Alliance unschöne Formen angenommen hat, wobei das Verschulden daran sowohl auf die Haltung des Zentralkomitees und seiner Anhänger in Deutschlands wie auch auf das allzu rigorose und unpolitische Vorgehen der Berliner Herren zurückzuführen ist. Wir haben auch deshalb, nachdem der Kampf von den großen, sachlichen Prinzipien abgelenkt war und in kleine, meist.persönliche Plänkeleien ausgeartet war, weiter keine Stellung zu ihm gerwmmen; desgleichen nicht zu der letzten Sitzung des Zentralkomitees in Paris, das durch sein Bertrauensvoturn für Salomon R e i n a ch lehrte, daß es in all den Kämpfen nichts gelernt und nicht vergessen hat. Wir haben — offen gesagt — unseren Glauben an eine Besserung der Alliance verloren; mag auch in Zunrnft hie- und da eine kleine Besserung eintreten; auf eine Aenderung im System, die allein imstande wäre, die ftanzösische Alliance zu einer jüdischen umzugestalten, ist nicht zu hoffen. Die Pariser Herren haben eben das Geld und die Macht zu sehr in den Händen. Dies ist auch das Moment, das dem angebahnten Frieden innerhalb der Alliance in Deutschland nur skeptischgegenübertretcn läßt. Da es feststcht, daß das Pariser Komitee keine wesentlichen Konzessionen machen wird, kann der Friede nur in einem Rückzug der Berliner Herren bestehen, unb der Friedensschluß wäre somit nur die Besiegelung der Niederlage der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft. Es ist klar, daß ein solcher Friede keine reine Freude erwecken kann; er braucht auch nicht sonderlich schmerzlich zu stimmen, weil — wie gesagt — uns und alle, die auf denk Wodcu des neuaufstrebenden, positiven, nationalen Judentums stehen, die Ereignisse innerhalb der Alliance überhaupt nicht mehr sehr nahe berühren können. An einer Sache, die man aufgegeben hat, nimmt man nicht mehr das aktive Interesse des unrnittel-. baren Teilnehmers, sondern nur noch das .betrachtende Interesse des stoischen Chronisten. Darum: Wie auch die einzelnen Bestimmungen des Friedensschlusses ausfallen mögen, die günstig: Bedeutung des Friedens im D. I. G. B. kann und wird er nicht haben. Ein einzelnes, genaueres Urteil kann man natürlich jetzt noch nicht fällen. Dazu muß .erst das Rcsu tat der Kommissionsverhandirmgen abgewartet werden. Wohl möglich, daß diese doch eiir besseres Resultat zeitigen, als wir auf Grund der bisherigen Erfahrungen erwarten. Möglich auch, daß sie unseren Skeptizismus als unberechtigt erweisen werden. Wir würden dann die ersten sein, die sich darüber freuen werden. Vorerst jedoch haben wir noch das Recht, an diesem Skeptizismus festzuhälten 1 und dem ungebahnten Frieden gegenüber den Standpunkt einzunehmen, der allein berechtigt ist: Warten wir M! 3. Eine Lehre für die jüdischen Führer. Das preußische Herrenhaus hat in der vergangenen Woche einen Beschluß gefaßt, der so¬ Nr. 20 wohl in seiner unmittelbaren Folge wie auch irr seiner allgemeinen prinzipiellen Seite für das jüd. Leben Deutschlands von Bedeutung ist. Es handelte sich um die vom Vorstand der Berliner jüd. Gemeinde beantragte Aenderung ihrer Statuten-, die in einer Erhöhung ihrer Vorstandsmitglieder und. der Besoldung einer Anzahl von ihnen besteht. Bekanntlich ist Kiefer Antrag gegen den Willen der Opposition, also der Orthodoxie und des neuen Gemeindevereins, gestellt worden, die demzufolge Petitionen eingereicht hatten mit denk Ersuchen, den Antrag, abzulehnen und dafür eine Einteilung der Gemeinde in Bezirke Md der Umgestaltung des Vorstandes nach Bezirkswahlen einzuführen. Die zuerst vom Herrenhaus zur Beratung der Angelegenheit eingesetzte K o m miss i o n hat den Antrag der Berliner Gemeinde befKrwortet; im Plenum wandten sich jedoch der Vertreter der Konservativen wie auch der katholische Graf Oppersdorfs dagegen, und es' ward dann die Sache an die Kommission zur'ückgewiesen. Es fand eine neue Beratung statt; doch diesmal war das Resultat ein umgekehrtes: DieAblehnungdes An träges wurde von der Kommission befürwortet und' von dem Plenum auch vor genommen. Auf den ersten Blick scheint es, als ob dieser Erfolg von der Opposition und der Orthodoxie mit ungetrübter Freude ausgenommen zu werden verdiente. Dem ist jedoch nicht so. Die ganze Angelegenheit läßt sich mit recht zweideutigen Gefühlen aufnehmen. Denn man mag noch.so sehr gegen die Aenderung eintreten, die Tatsache, daß über rein interne jüd. Fragen das preußische He rrenhausdieEntscheidung bringt, ist nicht gerade die erfreutiäffte. Uns berührt cs immer unangenehm, wenn wir wahrnehmen rmissen, ioie völlig außenstehende, mir den inneren Verhältnissen unvertrautc Instanzen Mer die wichtigsten inneren jüdische,: Angelegenheiten entscheiden, Instanzen, .die naurgemäß die jüdischen Fragen nach der Methode anderer Konfessionen behandeln und für die völlig anders geartete Struktur des Judentums gar kein Verständnis haben. Drum ist cs gar kein Zweifel: Jede neue jüdische Frage, über die eine staatliche Instanz die Entscheidung bringt, bedeutet einen Schritt weiter zur Konfessionalisierung und damit zur Assimilierung des deutschen Judentumsi Das Herrenhaus hat in diesen: Falle in einem unserer Anschauung nach günstigen Sinr:e entschieden; doch dies ist nicht etwa aus inneren Gerechtigkeitsgründen heraus erfolgt, sondern ist lediglich eine Folge seiner Parteiverhältnisse. Daß die Opposition durchdrang, hat sie lediglich dem reaktionär-klerikalen Charakter des Herrenhauses zu verdanken; die Tatsache, daß diejenigen, die der Opposition zum Siege verholfen haben, der Vertreter der Konservativen auf der einen Seite, der ultraklerikale. Graf von Oppersdorfs auf der anderen Seite waren, beweist .dies zur Genüge. Daher bedeutet auch das Votum des Herrenhauses keineswegs, daß der Berliner Gemeindevorstand in: Unrecht und die Opposition im Rechte ist. Dieses ergibt sich aus völlig anderen, aus rein jüdischen Gründen. Das Votum des Herrenhauses hat nur praktische, niemals aber moralisch-geistige Bedeutung. Der Berliner Gemcindevorstand, der ja nun endgültig unterlegen ist, sollte Mer daraus eine gewichtige Lehre ziehen, niemals an die Regierung mit Vorschlägen heranzutreten, bevor er nicht sicher ist, daß die ganze Gemeinde hinter ihm steht, und nicht gegen den Willen der Minorität durch Zuhilfcnahme der Regierung diese vergewaltigen und zwingen zu wollen. Zum Glück ist ja heute die politische Lage in Deutschland, besorrders in Preußen, so, daß die Regierung nichts gegen die orthodoxe Minorität unternimmt. Aber auch, von diesem reii: praktischen Moment abgesehen, aus jüdischen Gründerl dürfte dies nie geschehen. Jeder ungeschlichtete Streitfall, den wir einer nichtjüdischen Instanz zur Entscheidung übergeben, hat etwas von einem Chillul haschem in sich. Hoffentlich^ wird diese Niederlage des liberalen Gemeindevorstandes bei einer nichtjüdischen Behörde die letzte sein, hoffentlich 'werden in Zukunft alle Fragen innerhalb der Gemeinde erledigt und entschieden rverden, sodaß