Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 20 (24.5.1912)
- Date
- 1912-05-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dem Namen nach sollte diese Bereinigung interterritorial und antiparteilich sein, denn welcher Jude, der noch den Namen Jude trägt, durste dem Bund Israels nicht zugezählt werden? S o sollte eine Agudath Jisroel beschaffen. sein. Doch die eben ins Leben tretende Bereinigung ist streng parteilich und zwar streng orthodox gedacht; „die organisatorische Zusammenfassung und innere Annäherung der zersprengten Teile der gefetzesreuen Judentheit, insbesondere der östlichen und westlichen Juden", heißt es im Aufrufe der Agudath Jisroel. Weshalb denn der Name Agudath Jisroel? Eine Organisation der gefetzestreuen Juden hätte „Agudath Jereim" oder „Agudath Schaumrei Mizwoh" heißen sollen! Der Name „Agudath Jisroel" hat nur dann Sinn, wenn „G e s e tz e streue" und „Jisroel" identische Begriffe sind und nur die Gesetzestreuen Israeliten genannt werden dürfen. Mit der Geistesrichtung des offiziellen Führers der neuen Organisation, des Herrn Rabbiner Dr. Breuer, wird sich diese.Ausfassung decken; die Frage ist nur, ob die anderen Unterzeichner des Aufrufs, unter denen Männer find, deren tolerante Anschauung bekannt ist, sich der Bedeutung und der Tragweite des Namens „Agudath Jisroel" bewußt sind. Eins ist sicher: Tie russischen Geaunim, auf die man sich beruft, deren Namen aber unter dem Aufruf fehlen, können zu einer Organisation, die einer solchen Auffassung über das Judentum huldigt, ihre Hand ihrer ganzen Anschauungsweise nach nicht bieten. Doch wir wollen uns nicht mit der Frage der Verwirklichungsmöglichkeit und der Lebensfähigkeit der neuen Organisation näher beschäftigen; es ist vielmehr die Ausgabe dieser Zeilen, die Frage ihrer Zweckmäßigkeit ju untersuchen. Wer wollte es bestreiten, daß eine Zusammenschließung der traditionellen Judenheit geboten ist! Sie hätte schon längst, noch vor einem Menschenalter, geschehen fein sollen. Allein die traditionellle Judenheit hätte Einsicht, Aktivität und Organisation als zur Moderne gehörende Dinge verpönt, und statt im Fahrwasser der Pharisäer segelte sie in dem, der Essäer, indem sie ihre Existenz nicht auf sorgfältig überlegten Erwägungen, sondern gewissermaßen auf dem Wunder ausbaute; tat man doch nichts, rein nichts' zur Erhaltung dieser Existenz! Man glaubte in den Fußtapfen der Orthodoxie des Mittelalters zu gehen und bedachte nicht, daß die damalige Judenheit zur Ohnmacht verurteilt war und damals für die Erhaltung der Tradition eine Gefahr von keiner Seite — weder von innen noch von außen — drohte. Das Unterlassen jeglicher Aktion war jetzt geradezu sträflich! Die traditionelle Judenheit hat sast.ihre gesamte Jugend eingebsißt; und wenn sie sich nunmehr anschickt, den Rest, zu sammeln und ihre gelichteten Reihen zu stärken, so kann das nicht genug HegrKßt werden. Eine Organisierung her Orthodoxie kann territorial, den Ländern nach, als L a n d e S organisation, oder interterritorial, als Weltorganisation, vvrgenommen werden; sie kann streng sachlich und u n politisch und sie kann politische sein. Welche Form hat die „Agudath. Jisroel" gewählt? Schon der oben erwähnte Paragraph besagt, daß jbie neue Organisation eine Weltorganisation fein und sich p o l i t i s ch betätigen will. Sollen doch in den Bereich ihrer Tätigkeit sämtliche Angelegenheiten, die die Gesamtjudenheit angehen und der kräftigen Anteilnahme der Gesamtjudenheit bedürfen, gehören! Sowohl auf alle geistig-kulturellen, wie auf alle sozial-wirtschaftlichen Fragen der Judenheit soll sich ja dsese Tätigkeit erstrecken! Und damit noch nicht genug: sie will sogar die Judenheit Politisch nach außen vertreten und „im Namen der jüdischen Gesamtheit" (Kelal Jisroel) öffentlich auftreten und deren Ehre verteidigen! Vergebens sucht man eine Antwort auf die Frage, mit welchem Recht ein scharf begrenzter Teil der Mischen Gesamtheit 'sich als Vertreter dieser ganzen Gesamtheit hinstellen, kann. Wohl pflegen die Alliance Jsraelite Universelle und die Zionistische Organijation in Sachen der Ehre und der Rechte Israels im Namen der Gesamtheit aufzutreten; — aber diese Vereinigungen fassen in sich Mitglieder aller Parteien und Richtung e n. Es kann daher nicht anders sein, als daß man in Kreisen der „Agudath Jisroel" der Ansicht ist, daß die Orthodoxie die jüdische Gesamtheit bedeutet. Doch abgesehen davon. Laß es einfach unmöglich ist, große Kreise des Mischen Volkes, die nicht zur Orthodoxie gehören, als Lust, als nicht existierend zu erklären, darf nicht vergessen werden, daß selbst die Orthodoxie kein einheitliches Gebilde därstellt. Auch in der Orthodoxie gibt es Richtungen, und nicht einmal im' Namen der Orthodoxie als solcher kann daher die neue Organisation auftreten. Selbst bei uns in Frankfurt, dem Sitze der Leitung, vermochte man nicht die Kluft zwischen den Eesctzestreuen unter der geistigen Führung der beiden orthodoxen Rabbiner zu überbrücken. Selbst in Frankfurt hat man sich noch nicht einmal zu der durchaus billigen und berechtigten Auffassung aufzuschwingen vermocht, die Schechito unter der Aufsicht Rabbiners Nobel genau für ebenso zuverlässig. wie die unter Aufsicht Rabbiners Dr. Breuer zu erklären. Man wende nicht ein, die w i r t fch a f tlichen Interessen der Kehilloh erheischten, daß die eigene Gemeinde den Vorzug bekommt; diesen an und für sich ganz berechtigten Grund hätte man offen eingestehen und nicht suchen sollen, ihn unter dem Vorwand der Frömmigkeit, der zuverlässigeren Aufsicht einer „strengen Orthodoxie" zu verklausulieren. . . . Wäre es nicht "angebrachter, anstatt die Begründung einer Weltorganisation, die auf ungeheure Schwierigkeiten stoßen mutz, zu betreiben, zunächst an das Nächstliegende heranzugehen, an die Beseitigung der Gegensätze innerhalb der Gesetzestreuen Deutschlands? Erst wenn dies erreicht wäre, könnte man vorerst an d'ie Schaffung einer gefetzestreuen Landesorganisation Hera»treten, und nachdem die örtliche Einigung und Geschlossenheit der Orthodoxie fertig gebracht, nachdem die Landesorganisation fest basiert wäre und sich, bewährt hätte, erst dann könnte man an die Bildung einer Weltorganisation denken. Wir sagen „Lenken", — denn sogar angenommen, diese Landesorganisation oder Landesorganisationen bewährten sich gut, — auch dann hätte man sich zehfach überlegen sollen, ob die Gründung einer Weltorganisation opportun sei. Vor allem darf man nicht vergessen, daß esnieundnimmer gelingen wird, die Gefetzestreuen aus den anderen Organisationen hinauszuführen. Gibt es doch viele orthodoxe Persönlichkeiten, die es vorziehen, ihren Wirkungskreis unter Andersgesinnten zu suchen, um diese km eigenen Sinne zu beeinflussen. Dadurch wird die Sonderorganisation der Orthodcren, um ihre Besonderheit zu dokumentieren notwendig ins Extrem gehen und einseitig fverden müssen. Wir wollen an der Hand eines Beispiels unsere Ansicht demonstrieren. Wie bekannt, gibt es in der zionistischen . Organisation eine Misrachifraktion; diese Fraktion wird voraussichtlich fiir lange Zeit dem Zionismus erhalten bleiben, da der Zionismus, der doch im letzten Ende eine R ü ck k e h r z u m I u d e ntum bedeutet, immer mehr jüdischer, immer mehr religiöser werden wird. Der Versuch, den Misrachi dem Zionismus zu entreißen, ist in einer schwierigen Stunde des Zionismus sestenS der Orthodoxie bereits unternommen worden, ist aber trotz allem mißlungen, vollständig iniß? lungen. Dadurch, daß sich eine interterritoriale orthodoxe Förderation innerhalb einer nationalen Weltorganisation befindet, wird die orthodoxe Weltorganisation a n t i n a t i o n a l werden und sich zu einer Organisation rein konfesseoneller, streng orthodoxer Organisation gestalten; und es wird nicht nur die Judenheit in zwei Judenheiten gespalten, sondern auch das Judentum gezwerteilt werden; und statt ein einziges Judentum, das gleichzeitig religiös und national ist, werden zwei Judentümer, ein religiöses und ein nationales, entstehen. Ungarn beweist dies zur Genüge. Resümieren wir unseren Standpunkt: Halten wir auch einen interterritorialen Zusammenschluß der Orthodoxie schon aus praktischen Gründen für inopportun, so würden wir Loch eine solche Organisation wegen all der großen Vorteile, die sie bietet, freudig begrüßen, wenn sie sich in ihrem Wirkungskreise nur auf Angelegenheiten der Orthodoxie beschränken wollte. Mit einem Weltverband der Orthodoxie jedoch, der sich auch mit allgemein jüdischer Politik beschäftigen und hierbei im Namen des gesamten Mischen Volkes sprechen will, können wir uns nicht einverstanden erklären. Das Zustandekommen einer solchen Organisation würde nur eine Verschiebung der Grundlagen, einer Verwirrung der Geister und Reibungen und Kämpfe mit dem Zionismus zur Folge haben müssen, Folgen, die auf der eineu Seite eine fruchtbare Tätigkeit von vornherein unmöglich machen, und auf der anderen Seite dem jüdischen Volke schaden müssen. Das Interesse des Mischen Volkes aber muß stets der höchste Gesichtspunkt fein und bleiben. A«s de« Ereigrriffe» des Tages. I. Der Xlü. Delegiertentag der deutschen Zionisten. Am 26. Mai tritt der 13. Delegiertentag der deutschen Zionisten zusammen. Tie Prognose, unter welcher er sich versammelt, ist eine durchaus günstige: Der Delegiertentag wird aus die zwei Jahre, die seit dem letzten Frankfurter Telegiertentag vergangen sind, mit Zufriedenheit zurückblicken können: Der Zionismus bricht sich Bahn in Deutschland; diese Tatsache haben diese zwei Jahre wieder deutlich bestätigt. Nach außen hin fällt ja dieser Fortschritt am meisten in die Augen: Tie Anhängerzahl ist gewachsen, und — was nicht minder bedeutsam ist — der Einfluß des Zionismus im inneren Mischen Leben Deutschlands ist ein ganz hervorragender geworoen. Davon haben ja die Kämpfein der Alliance wie im D. I. G. B., bei denen ja die Zionisten an leitender Stelle waren, deutliches Zeugnis abgelegt.