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Neue jüdische Presse · 1912-05-17 · Heft 19 (17.5.1912) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 19 (17.5.1912)
Date
1912-05-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Leite 4 Armckfurter AraelttWS FtmKieviblaÜ. Nr. 19. lisch« Protestkundgebnng nicht unterschr iebc n hat. Dies ist bezeichnend für die eigentümlichen Beziehungen, die dieses Blatt zu den amtlichen russischen Kreisen unterhält. London. Seitdem vor sechs Jahren der Streik der jüdischen Schneider mit einer Niederlage endete, weil die christlichen Schneider sich nicht den Juden anschließen wollten, haben die jüdischen Schneider, deren Zahl heute auf 45 000 geschätzt wird, nicht wieder gestreikt. Jetzt sind nun die christlichen Schneider, etwa 7000, in den Streik getreten, haben aber gesehen, daß sie ohne die Juden den Streik nicht durchführen können. Die Stimmung der jüdischen Schneider war zuerst gegen den Streik, da sie — im Gegensatz zu ihren christlichen Kollegen — nicht organisiert sind, doch nunmehr haben sie sich plötzlich dem Streik angeschlosscn. Rußland. Mitau. Im Stäbchen Griwe sind 20 jüdische Familien aus gewiesen worden, die dort, schon seit Jahren wohnen. Bulgarien. Sofia. Hier tagte eine Konferenz der Delegierten der israelit. Kultus gemeinden, bei der ^sämtliche 24 Kultusgemeinden Bulgariens vertreten waren. Gegenstand der Verhandlungen waren die vorhandenen Meinungsverschiedenheiten über die Einberufung eines Gemeinde-Kongresses und die gegen die Person des Großrabbiners Dr. Ehrenpreis gerichteten Angriffe. Das Ergebnis der zwcitätigen Beratungen der Konferenz war, daß 19 Gemeinden sich über die Art ^der Einberufung des Kongresses einten und ein einmütiges Vertrauensvotum für den Großrabbiner und ■ das Konsistorium gaben. Gestern begaben sich sämtliche Mitglieder der Konferenz in die Wohnung des Großrabbiners, um ihm die Vertrauenskundgebung der Konferenz zu überreichen. Heute wurden die Mitglieder der Konferenz vom Ministerpräsidenten Geschow in Audienz empfangen. ' Wenn auch die Notablen der Gemeinden dem Herrn Großrabbiner, der ihnen stets zu Willen ist, ihr Vertrauen ausgesprochen haben, — das Vertrauen der Gemeinden hat er doch solange nicht, als er sich mit deren Notabeln gegen die Interessen des Volkes verbunden hat. Amerika. New-Aork Der Senat nahm in einer seiner jüngsten Sitzungen den Gesetzentwurf des Senators Lodge an, wonach ein . Bildnngsexamen für die Einwanderer eingeführt werden soll. Danach soll kein Einwanderer zugelassen werden, der nicht inirgendeinerSprache .lesen und schreiben kann. Einige Senatoren hatten ein Amendement «»gebracht, wonach die Einwandernngserlaubnis an die Bttnngung des Lesens mid Schreibens in irgendeiner Landessprache geknüpft wird, doch ging der.Entwurf in der ursprünglichen Fassung durch. Deninach gellen auch Hebräisch und „Iiddish" im Sinne der bisherigen gesetzlichen Bestimmungen als anerkannte Sprachen. Die Btldungsprüfung soll in der Weise vorgenommen werden, daß einem jeden Einwanderer - 20 bis 25 Wörter der amerikanischen Konstitution in der von ihm gewünschten Sprache gedruckt vorgelegt werden und fr diesen Text dem Prüfungsinspektor vorzulesen und sodann niederzuschreiben hat. Von diesem Bildungscxamen sollen nur die Ehefrauen der zugelasscnen Einwanderer, deren Kinder unter 8 Jahren und deren Eltern und Großeltern über 55 Jahre befrell bleiben. Ferner ist auf Antrag des Senators Simons bestimmt worden, daß die Bildungsprüfung auch solchen Personen erlassen werden kann, die ihre Heimat wegen religiöser Verfolgungen verlassen mußten. . Eine weitere Erschwerung der Einwanderung wird durch die Bestimmung herbeigeführt werden, daß die Kopfsteuer von 4 auf 5 Dollar erhöht wird. Der Entwurf muß, ehe er Gesetzeskraft erlangt, noch vom Kongreß genehmigt und vom Präsidenten sanktioniert wÄden. Personalien u. Meine Mitteilungen. Berlin. Liste der aus dem Judentum ausgetretenen Individuen: Arzt Dr. Hugo Schönfeld, Paul Bock, Helene Cziszar geb. Reich, Dr. Eugen Moritz, Betty Wassermann, Gertrud Lindemann, Schüler Hans Georg Joseph, Charlotte Brandt, Katharina Magarete Asch gen. Aschinger, Ingenieur Jegor Israel Broim, . . Gertrud Höpfl geb. Ehrlich, Dr. Waller Löwinthal, Frieda > Basch, Auguste Steuer geb. Rascwerk, cand. med. Ernst Horwitz, Bücherrevisor Ludwig Sachs und sind. Phil. Erich Rosenberg. Berlin. Der bekannte Laryngologe Prof. Dr.Albert Rosenbcrg erhielt den Titel Geheimer Sanitätsrat. . München. Hier verschied — 62 Jahre alt — der Forschungsreise«!»- Eugen Wolfs. Wolfs, ans- Kirchheimbolanden gebürtig, studierte Medizin, machte den Krieg 1870/71. mit und unternahm dann Studienreisen in der ganz«! Welt. 1889 wurde er Beirat von Wißmann. '1892 leitete - er die Behandlungen mit den Buren, die er zur ll^b'ersstdlung nach D'eutsch-Südwestafrika gewinnen wollte. Wolfs. hatte neben ethnographischen Interessen die Förderung der kolonialen Ausbreitung Deutschlands im Auge. Zahlreiche gelehrte Gesellschaften ernannten ihn zmn Ehrenmllglied. Seine Reiseberichte erschienen in den angesehensten deutschen Tageszeitungen. In Buchform veröffentlichte er: „Im Innern Chinas," „Deutsch-Südwestafrika" und v,35mu Fürsten Bismarck und seinem Haus." Nürnberg.?!. Am 10. Mai wurde hier der bisherige 1. Direktor des Grandbazar zum Strauß (einer Ziveiguiedcrlassuug der belgischen Socißte Anonyme des Grand- Bazars Lüttich-Brüssel-Frankfurt ä. M. nsw.) Martin Sachs beerdigt. . Der Verstorben« hat nur ein Alter von 35 Jahren erreicht und ist einem vor etwa 3 Jahren aufgetretenen! tückischen Leiden erlegen. Vor 7 Jahren übernahm Herr Sachs die Nürnberger Filiale, die damals erst im Entstehen war und brachte durch seine Tatkraft und sein gradezu geniales Organisationstalent das Geschäft zu großer Blüte. Wie sehr sein Wirken und seine Tüchtigkeit von der Lütticher Gesellschaft anerkannt wurde, geht daraus hervor, daß man ihn in den letzten Jahr«! während seines schweren Leidens stets durch mouatelaugc Urlaube in jeder Hinsicht entgegenkam; ein Fall, der in den Annalen der Geschäftswelt nicht allzu oft vorkommt. An seinen! Grabe sprachen neben dem Rabbiner Dr. Frcudenthal noch ein Abgeordneter des Aufsichtsrats der Lütticher Gesellschaft in warme» Worten, ebenso sein bisheriger Kollege und Nachfolger, Direktor Ed. Kahl, sowie Direktor Mandello voin Frankfurter Haus und .andere. Herr Sachs stamnrte aus Kattowitz in Schlesien und' wird" von seiner Mutter und Geschwistern tief betrauert. Lauterbach. Der älteste Einwohner unserer Stadt, Rentner Isaak Schloß, vollendete heute in außergewöhnlicher Rüstigkeit und Geistessrische seinen 94. Geburtstag. Der hochbetagte Greis ist noch täglich in Haus und . Garten tätig, macht seinen Spaziergang und hat für alles, insbesondere alles Jüdische, Interesse. Siegrlsbach (Baden». Das Hirsch Ävfel'sche Ehepaar war anläßlich seiner goldenen Hochzeit der Gegenstand zahlreicher Ehrungen. Wien, 14. Mai. Der Großindustrielle David Ritter von G u t m a n n, Vorstandsmitglied der israel. Kultusgemeinde, ist heute im 78. Lebensjahre plötzliche verschieden. Wien. Arthur Schnitzler feierte am 15. Mai seinen 50. Geburtstag. ' Als Sohn einer längst in der Assimilieruug befindlichen Familie — der Urgroßvater war baronisierter Bankier, Großvater und Vater Aerzte —. ist Schnitzlers bewußtes Judentum gleich null. Nur intuitiv ist er mit dem Judentum verbünden. Ein Satz in sein«» „Weg ins Freie" hat da seine jüdischen Beziehungen charakterisierende Bedeutung; der Satz nämlich : „Glauben Sie, daß cs einen Christen auf Erden gibt, und wäre es der edelste und geachteste und treueste, einen einzigen, der nicht in irgend einem Augenblick des Grolls, des Unmuts, des Zorns selbst gegen seinen besten Freund, geg«! seine Geliebte, gegen seine Frau, wenn sie Juden oder jüdischer Abkunft waren, deren Judentum, innerlich wenigstens, ansgespielt hülle? Schnitzler fühlt also die Unmöglichkeit einer vollständigen Assimilation. Prag. Dr. Felix Fischel, der Sekretär der Kultusgcmeinde, ist im Alter von 50 Jahren verschieden. Er hat verschiedentlich belletristische Arbeiten und Gedichte veröffentlicht. — Das jüdische Museum hat seine neuen Lokalitäten im Gebäude der israelit. Beerdigungsbrüderschaft bezogen. Ans der zionisttschen Bewegung. Hamburg-Altona. Zion. Ortsgruppe.. In der am '9. Mai ftattgchabtcn Mitgliederversammlung setzte Leopold Land au, der Vorsitzende, die Bedeutung des 13. Delegicrtentages sowie dessen wichtigsten Prograimnpunkte auseinander. Dem Referate schloß sich eine sehr lebhafte Debatte an, in der Dr. Kalmus, Notar Dr. Victor, Dr. Chwolles, Dr. Hildesheimer, Dr. Huldschiner, Ref. Gottschalck und andere sprachen. Zum Schluß der Debatte, wurden folgende vom Geschäftsführenden.Ausschuß der Zion. Vereinigung für Deutschland vorgeschlagenen Anträge für den Delegiertentag angenommen: 1. Die systematische körperliche Ausbildung der Juden ist für die Erhaltung des Judentums und für die Stärkung des jüdischen Vollsbewußtseins von hoher Bedeutung. Die natioualjüdischen Turn- und Sportvereine, deren Programm peben der Pflege von Turnen und Sport auch! die Beranstaltung von Vorttagsabenden, Geschichts- und hebräischen Sprachkursen bildet, sind wesentliche Bestandteile der nationaljüdischen Bewegung. Allen jungen Zionisten wird die akttve Anteilnahme an der nationaljüdischen Turnbewegung, allen Älteren Zionisten ihre ideelle und materielle Förderung zur Pflicht gemacht. Z. Für die Verbreitung der zionisttschen Idee unter der jüdischen Jugend und -für die Schulung und Vorbereitung der zionistischen Jugend zur Arbeit innerhalb der Organiscckion ist der Zusammenschluß der jungen Zionisten in zionistischen I irgend - gruppen erforderlich. Die Mitarbeit in zionisttschen Jügendgruppen berührt in keiner Weise die Mitgliedschaft in den neutralen Jugendorganisationen. Auf Antrag Dr. Kalmus tvurde beschlossen, der 13. Delegiertentag bringe den Koiigreßbeschluß in Erinnerung, daß tunlichst alle Zionist«: sich! die Erlernnüg der .hebräischen Sprachezur Anfgabtz machen, ebenso aus Antrag des Notars Dr. Victor- Wandsbek, der Delegiertentag möge das Zentralkomitee ersuchen, die auf dem Breslauer Delegiertentage bcgonneiie Arbeit zur Festlegung eines zionistischen Gemeind «pro gram ms zum Abschluß zu bringen. Die zum Schluß vorgenommene Wahl der Delegierten zum 13. Delegiertentag ergab folgendes Resultat: Als Delegierte wurden gewählt Leopold Landau, Notar Dr. Victor, Dr. S. Wöller" und die Damen: Frau Helene Landau u. Frl. Selma Weilchen selb, als Ersahdelegierte Dr. Jeremias- Posen, Dr. E l i a s b e r g - Berlin und Dr. W. Weigert- Hamburg. Prag. Das führende tschechische Organ „Union" bringt einen sehr sympathischen Artikel über die jiidischuationalcn Bestrebungen. In dies«» Artikel heißt es n. a.: „Die Böhmen haben am eigenen Leibe erfahren Ivas es heißt, unterjocht, vergewaltigt, mißachtet, verspottet und - verdächtigt zu werden. Und weil sie heute, nach der Erneuerung des letzten Jahrhunderts, g«ran wissen, daß kein noch so starker Widerstand die inr Grunde eines Volkes schlummernden Energien zermürben kann, fällt cs ihnen nicht ein, die gerade, zu heroischen Anstrengungen mißachten zu wollen, die ein Teil der Juden, der sich um das zionistische Lager schart, im Interesse der Erneuerung des Judentums - unternimmt." „Die Deutschen, die den Juden gegenüber nicht nur eine undankbare, sondern —i was viel mehr ist — auch eine dumme Politik führen, haben sich den Zionismen gegenüber bisher nicht besser benommen als gegen alle Nichtdeutschen. Allerdings trägt den Hauptteil der Schuld und des Unverstandes, den die Deutschen in dieser Beziehung auf sich geladen haben, die Information von Seite getaufter Juden oder solcher, die ihr Süppchen gern an ftcmden Kesseln kochen. Ist cs doch charakteristisch, daß die böhmischen Hochschulen die jüdische Nationalität anerkannt haben, während die Prager Universität unter dem Einflüsse des sattsam bekannten Professors Ranchberg, der zur Zeit sogar ihr Rektor ist, bei jeder Gelegenheit eine den Zionisten feindliche Haltung einnimmt. Die Zionisten haben daher nur einer Notwendigkeit nachzugeben, wenn sie ihre ganze Mast darauf konzenttieren, ihre Anhänger und die breiten Massen der Judenschaft —t auch der deutschsprechenden — politisch selbständig zu machen." „ . . . sie erkennen die Existenz der jüdischen Nationalität an und fordern ihre Anerkennung auch' von den anderen Völkern. Ans Grundlage dieses Bekenntnisses kann aber das Zusammenleben zwischen Böhmen und Juden nur im günstigen Sinne beeinflußt werden: Ehrlichkeit und Offenheit ist' im uationalen und sozialen Leben immer von Nützen und befördert die auf Erreichung gemeinsamer wirtschaftlicher und kulttrreller Ziele gerichtete Arbeit." Baruch, der Bombeuwerfer. Eine Skizze aus den Tagen der russischen Revolution von Andrzej Niemojewski. Übersetzt von S. Horowitz. Montag vier Uhr nachmittags finit Baruch feiertäglich gekleidet mit einer neuen, bis zum Halse zugcknöpften Pelerine und einem frisch gebügelten Filzhute aus seinem Sttibchen und blieb unvermutet vor seinen Eltern stehen. Der alte Nuchem betrachtete ihn argwöhnischdabei mit seiner Frau Rahel einen kurzen Blick Wechselnd. „Barnch," begann er, „heute ist ein Werktag, und wir alle sind bei der Arbeit; — warum trägst Du das Fciertagsgewand?" „Das Feiertagsgewand, Baker, das trage ich der feiertäglich, heiligen Arbeit zu Ehren, dev - ich jetzt entgegengehe." Die Augen des Alten öffneten sich weit, und Rahel, sein Weib, trat dicht an Baruch! heran, faßte ihn an der Pelerine, und schier unmenschlich klang ihre Sttmme, als sie ihn schreiend fragte: „Baruch, Baruch, was versteckst Du da?" Her trat zurück, n»ld die Hand wie zur Abwehr vorgestreckt, flüsterte er in gedämpftem, aber entschlossenem Tone: „Mutter, ko min nicht näher! Aber »vas ich hier verberge, sollst Du sehen." Er schob die Pelerine zurück: An zwei schwarzen Bändern hing ein schwarzglänzender Beutel herab. Der alte Nuchem griff mit beiden Händen nach seinen! Kopfe, ungeheure Angst sprach aus seinen weit aufgcrisscneil Augen, und die blaß gewordenen Lippen bewegt«! sich, ohne daß er der Sprache mächtig gewesen Iväre. Rahel aber — ihre Erstarrung bezwingend —, schrie mit drohender Bewegung: „Baruch, ich werde Dich nichj fortlaffen! Ich, Deine Mutter, der Du zu gehorchen hast, verbiete Dir zu gehen!" Traurig erlvidertc Baruch:

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