Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 19 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19. „Mutter, ein Höherer ist's, der hier schon, eingegriffen." Ta hob der atte Nuchem, am ganzeil Leibe zitternd, beide Hände über das Haupt und sprach feierlich: „Des Kindes Höchster ist der Vater, Baruch, und cs steht geschrieben, daß Dir denl Vater gehorchen sollst." Rahel aber unterbrach .ihn und rief bekümmert aus: „Er dem Vater, der. Mutter gehorchen? Wer von ihnen hört auf seine Eltern? Tie Alten haben keine Macht mehr über die Jungen." Sie brach in Weinen aus. Aber Plötzlich trocknete sie sich die Augen Mit der Schürze, Wut bemächtigte sich ihrer, und funkelnden Auges schrie sie: „Baruch, ich werde ein Mittel finden! Auf die Straße will ich rennen, Lärm schlagen, daß die ganze Stadt zusammenläuft, und rufen, daß sie Dich zurückhalten." Als sie so, ihrem Sohne mit den Fäusten drohend, schrie, da. verfinsterte sich Barüchs gutmütiges Gesicht, die schwarzen Brauen zogen sich zn einem mißfarbenen .Strich zusammen, mrd in seinen bläuen Augen leuchtete es wie Eisnadeln an einenr Hellen, blauen Wintertag. Er stampfte urit dem Fuß und schrie mit schrecklicher Stiinnre: „Schweig!" Tiefer Schrei und seine Haltung bannten die entsetzten Eltern auf den Fleck. Nuchems Hände zitterten, und wieder bebten seine blassen Lippen. Lange, lange schaute Baruch sie an, dann wurde sein Antlitz wieder weich, und die blauen Augen nahmen den alten, guten Ausdruck an. Er hob den ihm vom Halse herunterhängendcn Beutel mit beiden Händen in die Höhe und sagte im' nachdrücklichen Flüstertöne: „Ich liebe Euch, — Ihr selbst wißt cs änt besten,- tute innig und wie tief. — Aber wenn Ihr mir in den Weg tretet, dann, ich schwöre es, lasse ich sofort diesen schrecklichen Gegenstand unter uns fallen, und tvir alle werden getötet," Mit einem ohnmächtigen Weinen sank die Mutter auf einen Sessel, und mit beiden Händen das Gesicht bedeckend, schluchzte sie leise vor sich hin, während der Vater, einige Schritte zurücktveichend, ratlos die Hände hob und senkte. „Und," fügte Baruch, wie im Selbstgespräch, hinzu, „cs ist besser zu sterben, als sö weiter zu leben, und ich häb' ja mich geschworen: Ich oder er . . ." Es trat eine Stille ein. Ter alte Nuchem ließ die Hände sinken und sagte, sein weißes Haupt schüttelnd: „Baruch, Tu wagst eine große Sache," und mit herzbrechender Stimme fügte er hinzu: „Du wirst gehen und nicht mehr wicderkommen." „Ich werde gehen und nicht mehr wiederkommen." Wie ein Echo kamen die Worte aus feinem Munde. Plötzlich hob er den Kopf. Auch Nuchenr schlug die Augen empor, und seine Blicke trafen sich mit denen seines Sohnes. Da wurden Barnchs blaue Augen feucht, und aus den grauen Augen seines alten Vaters rannen die Tränen unaufhaltsam über die welken Wangen auf den abgetragenen Kaftan. Nach einem langen, nur vonr leisen Jammern der Mutter unterbrochenen Schweigen flüsterte der alte Nuchem: „Und wer, wer ist's?" Da ging es ivie ein Wetterleuchten über Baruchs Gesicht. j,Wem'sgilt? Dem Henker, Schinder, jenem wilden Tiere, das so viel unschuldiges Blut vergossen. Wie fragt Ihr? Wißt Ihr nicht, wen Euer Sohn am meisten haßt?" Mit jedem Worte, das er sprach, gewann seine Stimme an Kraft, und — obwohl geflüstert — schien sie dem 'Ulten wie ein Donnerrollen, das dem seit langem drohenden Gewitter vorausgeht. — Henker, . Schinder, wildes Tier? — Das Raten war nicht schwer. Nur, einen gab's doch, der so ganz zu der Beschreibung paßte, jene Bestie in Uniform, deren Name schon seit einem halben Jahr, dem Heulen eines Wolfes gleich, has Volk der Stadt in Angst und Schreck versetzte. Wieviel Familien hatte er ins Unglück, wieviel Menschen an den Galgen gebracht! Tausende 'von Opfern hatte er den unsäglichsten Qualen prcisgegeben, sie gefoltert, ja viele eigenhändig gemordet. — Einst knieten zwei Kinder vor ihm nieder und flehten, seine Füße umklammernd, mit emporgeh^benen . Händen, er möge sie wegen eines unschuldigen Kinder- :streiches: doch nicht mit dein Tode strafen. Da zog der Schuft lächellid seinen Säbel, und mit.der Ron- Frankfürter FsraelttMes Fanülienblatk. Seite 5. Vun'm Cyclus „Jomtotvlieder". tine eines Henkers schlug er ihnen die Köpfchen vom Leibe. — Bolksinassen trieb er in Sackgassen und ließ sie dort znsammenschießen. — Zwei Dienstmädchen, die in die Stadt cinkaufcn gingen, ließ er in einen Hof jagen und dort von Soldaten niederstechen. Aber da drängte sich das Volk in Menge um ihn und drohte ihm, ihn auf der Stelle zn lynchen. Schreckensbleich sank er ins Knie und schwur cineu heiligen Eid, den "Dienst zu quittieren und nie mehr gegen das Volk auftretcn zu wollen, und das Volk — weichherz'g und gutmütig — schenkte dem in eine Taube verivandelten Wolfe Glauben — und gab ihn frei. Da verwandelte -sich die Taube in eiucu Luchs, wilder nur und schlauer, und am selben Tage noch mordete er wieder, ärger als zuvor. An alles das erinnerte sich jetzt Nuchem, und er dächte daran, wie er vor Entrüstung gebebt hatte, da er von jenciu Morde au den beiden unschuldigen Kindern erfuhr. Damals hatte sich sein ganzes Menschentum in ihm empört, und die Fäuste ballend, rief er ,dus: „Der Tod über ihn!" In böser Stunde hätte er das schreckliche Wort gerufen, denn das Schicksal hatte cs vernomnien, und fein Sohn war's, der cs auszufiihren kommandiert war. Baruch war auserkoren, der Racher des geschändeten und geknechteten Volkes zu werden, — und er, der Vater, war es selbst, der seinen Sohn zur Tat und damit auch zum sichern Tod verurteilt hatte. Wie ein Fieberschauer durchrüttelte es den alten Alaun. Er glaubte an die Macht des Schicksals, an jene magische Gewalt des gedachten Wunsches. Er glaubte, daß dieser Wünsch gedacht, durch ihn gedacht, sich auch erftällen nrußtc. Er glaubte. Und da bebte er wie ein schwacher Halm, denn nun gewahrte er die unerbittliche Notwendigkeit, die hinter seinem Sohne stand und ihre Hand auf seinen jungen Arm gelegt hatte. Nichts wird ihn nun zurückhalten, es gibt kein Mittel/ er wird, er muß gehen. Ja, wenn er, Nuchem, einen andern Wünsch denken könnte, aber düs bermag er nicht. Jener war ein Schicksals- und — was noch schlimmer ist — ein gerechter Gedanke! — Aber warum nrußte denn gerade er ihn oenken, warum nicht ein anderer Vater? Warunr nmßte denn er, Nuchem, das große Opfer bringen? Hüben doch auch andere gerufen: „Der Tod über ihn, den Mörder, den Answurf der Menschheit!" Warum zwingt aber dann das Schicksal ungcrechtcrweise ihn gerade, den Sohn zu opfern, warum muß er und nicht ein anderer Vater, diese schreckliche Stunde erleben, waruni dnrchtobte ihn und keinen andern diese furchtbare, erstickende Angst? Und er stöhnte: „Baruch, gehst Du allein?" „Ich gehe mit vier Genossen." Nuchem atinete auf. Er empfand eine unaussprechliche Erleichterung, und cs toac ihin, als breitete sich Schwingen über dem Haupte seines Sohnes ans, die ihn Yor der ärgsten Gefahr, der größten Bedrängnis schützen würden. Die Hoffnung,- die goldene Verführerin, hielt wieder Einzug in dem Herzen des alten Vaters. Beide Hände streckte Nuchem seinem Sohüe entgegen, und mit vor Rührung zitternder Stimme sprach er:' „Baruch, . mein Herz sagt mir. Du wirst nicht unglücklich Dein Ziel erreichen. Du wirst wieder kommen, zu uns zurückkehren." Die Mutter schluchzte laut auf, und über Barnchs Gesicht huschte ein Lächeln wie die Strahlen der untergehenden Sonne. Er wies mit der Hand nach dem Fenster. Des Vaters Blicke folgten der angedeuteten Richtung. An der Straßenkreuzung stand eine hohe Gestalt in Uniform, und an Len Ecken standen Soldaten mit schußbereiten Gewehren, die die Passanten aufmerksam beobachteten. Neben jener hohen Gestalt einige Polizisten und der Rcvieraufseher. So steht er, von einem lebenden Panzer umgeben, herausfordernd da, unerreichbar inmitten des Volkes, das er verhöhnt und deinütigt,- das er während des stärksten Verkehrs willkürlich halten, die Männer einer brutalen und die Frauen einer noch brutaleren Leibesvisitation auf offener Straße' miterziehen läßt. Er ist auf .der langen Stufenleiter der Polizeihierarchie nur ein Subalternbeaniter, und doch hat er das Renonrmce Zeines Ministers, und die ganze Hauptstadt fühlt seine Machte (Schluß folgt.) flDTIK J.W. i8rt. i. P. Meiey, Ez £ J Ecke Neue Mahuerstr. I». Welssfrauenstr. 11. Elektr. Klainbtleuchtung, Taschenlampen. Wos is die Stüb asoi wochendig schwer? Wos dreht sich die Mainme ahin und aher, Un kenn als kein Ort nit gefinnen? — Wo sennen die Laichter, dos Tischtech, dos Salz? 'Sis Jonitow! — nor's fehlt noch emitz in Stüb, Wer's soll dem Jomtow beginnen . . . Es sitzen die Kinder verträumt im verkracht Uit klicken jum Fenster «raus in die Nacht, — Uit kucken, un kucken, un schweigen ... Tie Mamille, sie geht dann zum Kleinsten un glatt: „Ich hob eich schoin itzter gebetten dos Bett, Geht Kinderlech leigen!" ... Salamon Tembitzer. Kaiser Friedrich Quelle ■ Offenbaeh a. S. - > - Segen Sicht and SheomatismBS bewShrt» Alleiniger General -Vertreter: Friedrich Stahl» Frankfnrt a. M., Stallhnrgstr» S. Tel. 259 n. 714» Wochen-Kalender. (Zeitangaben nach dem Iwaed.) Sanlstag, den 13. Mai l—31. Ijar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 llhr 40 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 3 Uhr 05 Mi». in Berlin 8 Uhr 50 Min. Wochenabschnitt: Bamidbor. — Musterung der Kinder Israel. Tie Staimnesfürsten leisteten Hilse bei dein Zählgeschäft. Jeder Stamm wurde besonders gezählt, d. h. imr die männlichen Personen vom 2V. Lebensjahre au. Ter Levitenffamm wurde eigens gemustert, da ihm die Pflicht des „Tragens und Bedienens" der Stiftshütte oblag. Es sind im Wochenabschnitt die drei Gruppen aufgezählt, in welche sich der Stamm Levi gliederte. Jeder Gruppe wurden genau die zu tragenden Teile der stiftshütte benannt und zugewiesen. Die Leviten lagerten rings um die Goüeswohnung. Sie waren die Wächter, Pförtner und Träger. Die andern Stämme lagerten entfernt von der Stiftshütte nach deren vier Seiten geordnet, eine Fahne bei jeder Hiillmeksrichtuilg, je drei Stämme bei einer FahnL Fahiiellführende Stämme waren: Juda, Rüben, Eftaim, Dan. Nach der Lagerordnung rötete sich beim Ablfbruch des Lagers auch die Zugsordnnug. Da der Stamm Levi sich nicht durch die Sünde des goldnen Kalbes verunreinigt hatte, Nmrde er anstatt der Erstgeborenen mit der Würde des Heiligtumsdienstes betraut. , Schewuans. Beginn: Dienstag abend 8 Uhr (Frankfurter Zeit). „Schewuaus"-Wochenfest wegen der vorangegangenen Zählung von sieben Wochen. Auch „Chag-Hakozir" oder Erntefest, weil die Ernte in vollem Schwünge war. Wegen der 'vom neuen Weizenmehl bereiteten zwei Brote, die man als Speiseopfer darbrachte, auch „Jaum Habi^ knrim" (Tag der Erstlingsfrüchte). Im Gebet „Seman Mattan Tauroseinu" (Zeit unserer Gesetzgebung) genannt. Wochengottesdienste in Frankfurt. Morgens: 6 Uhr (Hauptsynagoge 7 Uhr, Synagoge Königsteinerstraße 7 Uhr 30 Min.). Mends: 7 Uhr (Hauptsynagoge 4 Uhr, Synagoge Königstcinerstraße 7 Uhr). Offeabaeher Druckluft - Anlage Telefon 123. Qtfanbach a. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste TlPIltehfdniOVlig. Bunte Chronik. Antonio Jose da Silva. Bor der Kathedrale in Lissabon ist ein Denkmal des großen Dichters errichtet worden. Das Denkmal stellt einen brennenden Scheiterhaufen dar, dem der Duhter im Büßergewande zuschreitet. Silva wurde am 8. Mai 1705 in Rio de Janeiro als Sohn eines berühmten Advokaten g^oren. Beide Eltern waren mit Gewalt der Taufe zugesührt worden. 1713 befahl ein Edikt Johann V., daß sämtliche Marranen Brasiliens nach Lissabon gebracht werden. So kam er nach Portugal. Schon als 20jähriger brachte ihn seine Poesie init der heiligen Inquisition in Konflikt. Er wurde verhaftet und am 18. September 1726 znm ersten Male der Tortur unterzogen. Nur der FürspraM einer hochstehenden Persönlichkeit hatte er seine Befreiung zu verdanken. Er heiratete dann die Marannin Leonara Maria Carvallo, Tochter der Märtyrerin Hanna Henriques, und widmete sich nun ganz der Poesie. Frei wie in seinem Denken war er auch in seinen Schriften. Und das sollte sein Verderben sein. Er wurde mit seiner Frau und seiner greisen Mutter in den Kerker geworfen, seine Gedichte, Lustspiele und Dramen lvnrden aus berr Index gesetzt und öffentlich verbrannt, und am 10. Oktober 1730 mußte er selber den Scheiterhaufen bc» steigen. ' Spende«. Bei der Geschäftsstelle des Frankfurter Israelitischen: Familienblattes gingeil für den Ratiönalsonds ein: Rechtsanwalt Dr. Siegfried Schwarzschild und Frau, auf den Namen ihrer Neffen Erich Offenbacher 1 Oelbäiuir 6,—