Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 18 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Hrodna 1× ep/1044655
- Tunis 1× ep/1048155
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S'r. 18. Seite 4 fftaritTiittei NraelitMeS FrMkreich. Paris. Die Alliance JsraätiteUniverselle erhielt von . dem Leiter ihrer.Schulen in Fez Berichte über die Vorgänge in Fez. Wir veröffentlichen das folgende Schreiben: : „Fez, 24. April 1912. Mit meinen Kollegen von der Unterstiitzungs- und Tesundheitskommisfion für das Mellah habe ichheute dem israelitischen Viertel einen längeren Besuch abgestattet. Wir hüben. Um uns genau über die Sachlage zu informieren, die Häuser einer eingehenden Besichtigung unterzogen. Tps halbe Viertel ist zerstört, uiedergebrannt und infolgedessen unbewohnbar. Einzelne Mauern stehen noch aufrecht da, aufgerissene Häuser bewahren wie durch' ein Wunder das Gleichgewicht, andere stehen nach dem teilweise» oder vollständigen Bombardement ihrer Nachbarhäuser ohne jede Stütze und sind wegen der drohenden Einsturzgefahr unbewohnbar. Wir haben beschlossen, sofort mit den Abbrucharbeiten zu beginnen, für die wir die Hilfe der Geniesoldaten und Offiziere , «beten haben. Diese Abbrucharbeiten haben heute begonnen. Wir benutzen diese Gelegenheit, um das Mellah zu erweitern und freier anzulegcn, indem wir die Hausbesitzer verpflichten, nach/ dem abgesteckten Plan ihre Häuser wieder aufzilbauen. Wir haben heute noch eine dringende Arbeit vorgeuommen: die Reinigung der Straßen des Mellah, die mstaller Art Trümmer und bereits in Fäulnis nbergegangenen Stoffe bleckt sind. Sechs Abteilungen von uns bezahlter israelitischer W/beiter, von dem Mitglied unserer Kommission Tr. Weißgerber angeführt, haben die Reinigungsarbeitcn besorgt, die heute jedoch noch nicht ganz beendet werden konnten. Nach der Säuberung der Straßen werden wir die der Häuser überwachen müssen, denn wir fürchten den Ausbruch, einer Epidemie, die eine natürliche Folge des tagelangen gedrängten Zusammenlebens zahlreicher durch Entbehrungen physisch geschwäMer Menschen wäre. Zwei andere Aerzte, Dr. Clunet aus Paris und Tr. Farhat aus Tunis, Mitglieder unserer Kommission, haben die Brunnen des Mellah untersucht, um festzustellen, ob sich dort etwa Leichen befänden oder das Wasser beschmutzt sei. Bei diesem Abstieg in die Brunnen hat man Schmuck, Geld und andere kostbare Gegenstände gefunden, die unsere Glaubensgenossen in der Mittwochnacht während der Plünderung ihrer Häuser hineingeworfen hatten. Diese Gegenstände habe ich' in meine Obhut genommen und im Depot der Lebensmittel im Mellah untergübracht. Ich habe in einem unserer Schulgebäude einen Vorrat von Lebensmitteln und Kleidungsstücken gesammelt, die wir gekauft haben, um sie unter unsere Glaubensgenossen zu vertellen. Mir fällt die ungemein schwere Ausgabe der Leitung der Organisation zu, die den Israeliten wirksame Hilfe bringen fall. Die Israeliten sind noch immer in den Höfen des Palastes. Sie Werden elender und verzagter in dem Maße, als die Tage hingehen, als ihre Kleidung sich abnützt und schmutzig wird. Unglücklicherweise ist das Mellah in einem solchen Zustand, daß es „eine unverzeihliche Unllughcit und zudem eine Gefahr bedeuten würde, wollte man seine Bewohner in die Häuser, zurückkehren lassen. Das werden sie erst in einigen'Tagen können. Inzwischen werden sie in den Höfen des Palastes verbleiben, wohin wir ihnen jeden Tag Lebensmittel in genügender Menge bringen. Auch versuche ich mit Hilfe des Herrn Dr. Raulet Lapointe aus Paris, der sich hier auf der Durchreise befindet, für Disziplin und Hygiene zu sorgen. Unsere Verwundeten befinden sich wohlgepflegt im Hospital; ich besuche sie alle Tage. Die öffentliche Wohltätigkeit zugunsten unserer Glaubensgenossen äußert sich in der Form der Zuschickung von Brot und Nahrungsmitteln. Außer den Lebensmitteln, die wir täglich in die Höfe des Palastes bringen, erhalten sie solche auch von Muselmanen und Europäern. —-Um die Mildtätigkeit des englischen Konsuls Macleed zu kennzeichnen, möchte ich ^erwähnen, daß dieser Herr mit einer grenzenlosen Hingäbe Lebensmittel für die Israeliten beschaffte, die er ihnen selbst hinbrachte und in seinem eigenen Hause einige Verwundete pflegt. Tie französische Gesandschast hört gleichfalls nicht auf, für hm geflüchteten Israeliten zu sorgen. Ein rührendes Beispiel von Opferwilligkeit gibt die lleine Gemeinde Sesrou, die in loenigen Tagen 9550 Pesetas gesammelt und uns geschickt hat. Wir hoffen, daß alle marokkanischen Gemeinden sich gleich freigebig erweisen werden." PMS. Bericht über die am SO. April stattgehabte außerordentl. Sitzung dies Zentral-Komitee s dcrAllianceJsraölite Universelle. Außer den meisten Pariser Mitgliedern sind erschienen: Rabbiner Dr. Frank-Cöln; Gumpertz- Hambnrg; P h i l i p P s o h n - Brüssel. Den Vorsitz führt Professor Dr. Netter. „ 1. Der Sekretär verliest den Bericht über die Tätigkeit der Alliance in dem Jahre.1911. Auf Vorschlag des Herrn Gumpertz wird beschlossen, daß der Bericht, der der jährlichen anßerorbenllichen Sitzung des Zentral-Komitces vorzulegen ist in Zukunft sämtlichen-Mitgliedern des Zentral-Kvmitecs etwa 10 Tage vor der betreffenden Sitzung zugestellt werden wirb. 2. Es foiro zur Wahl zum Ersatz für das aussch!eidende ©rittel und zur Designatiön von neue«/Mitgliedern geschritten. ErgÄnis: Carvallo, Qberrabb. Drehsus, G. Leven, Gaston Mayer, Ford. Meyer, Raonl Montefiore, Eugen Säe, sämtlich in Paris, Dr. Baerwald, Dr. Dr. Blau, Dr. Nobel, sämtlich in Frankfurt a. M.. Oberrabbiner Dr. LöW-Szegedin, Cl. Montesiore- London, Robb. Dr. Moscs-Newyork, Rabbiner Dr/ Salven d i-Karlsruhe, M. de Sola- Curacao und Wbbiner Dr. Kvg elfte in-Königsberg. 3. Wahld es Bö r st a n des. Herr 'S äe weist darauf hin, daß; wenn: es'- Herr Rcinach seinerzeitfür zweckmäßig gehalten hat, infolge der heftigen und ungerechtfertigten Angriffe, die gegen ihn gerichtet worden sind, das Mandat als stellvertretender Vorsitzender niederzulegen, cs nunmehr die Pflicht -des Zentral-Komitces sei, diese Ungerechtigkeit gegen einen um die Alliance so hochverdienten Mann wieder gutzumachen. Infolgedessen schlägt er vor, daß Herr Reinachj zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt.werde. Herr Re in ach erklärt ausdrücklich, daß er auf alle Fälle auf die Ehre verzichten wird, das Amt eines Vizepräsidenten zu bekleiden, da seine Ernennung für die Alliance keinen Vorteil haben kann, da er auch als einfaches Mitglied des Zentralkomitees wie stets zuvor sich in den Dienst der Alliance .stell«! tvird. Im Gegenteil könnte seine Ernennung der Sache der Alliance nur schaden, da diejenigen, die rhu bekämpft haben, diese neue ihnen gebotene Gelegenheit benützen werden, um gegen die Alliance einzutreten. - Auf Antrag des Herrn Säe wird beschlossen, daß das einzige Bedauern der anwesenden Mitglieder über den unwiderruflichen Entschluß des Herrn Reinach protokolliert werden wird. Der Vorstand wird nunmehr wie folgt gewählt: Narcissc Leven (Präsident), Dr. Netter, E. Säe und I. Mach iels. 4. Es wird bekannt gegeben, daß gerade an diesem Tag ein Vertrag zwischen dem Zentral-Komitee und dem Verlag von ,O stund W e st" definitiv abgeschlossen worden ist Die Hauptvestimmungen dieses Vertrags werden zur Verlesung gebracht. 5. Von Herrn Rechtsanwalt Dr. Baerwald, Vorsitzenden des Lokal - Komitees Frankfurt, Würben nachstehende Anträge gestellt: a) Die Einladung zu jeder Sitzung des Zentral- Komftees soll sämtlichen auswärtigen Mitgliedern des Zentral-Komitces etwa 8 Tage vor jeder Sitzung zur Versendung gelangen. d) Die jetzige Anzahl der in Deutschland wohnhaften Mitglieder des Zentral-Komitces wird nicht vermindert werden. e) Jede Moptation von Mitgliedern des Zentral- Kömitecs wird der darauf folgenden Generalversammlung der Alliancemitglieder unterbreitet werden. Da diese Anträge, weil nüht rechtzeitig eingegangen, den auswärtigen Mitgliedern des Zentral-Komitces zur Begutachtung nicht hatten zugeschickt werden können, hält es das Zentral-Komitee aus Rücksicht für diese Herren Kollegen für geböten, von einer Abstimmung über die betreffenden Vorschläge.Abstand zu nehmen. Äon den anwesenden Mitgliedern wird jedoch das Bureau beauftragt, Herrn Dr. Baerwald niitzuteilcn, daß, da über die beiden ersten Punkte keine Meinungsdifferenz bestehen kann, sich das Zentral-Komitee mit chm über diese beiden Konzessionen einverstanden erklärt. Nach' einer Beratung über den dritten Vorschlag hält es das Zentral-Komitee nicht für. möglichder Anregung des Herrn jDr. Baerwald zu entsprechen, da ein derartiger Vorschlag den Statuten widerspreche. 6. Dem V'erein für Arbeitsnachweis in Berlin wird eine Bewilligung von 500 JL votiert. 7. Der .Herr Vorsitzende berichtet über «neu am vorigen Tag von einer Delegation des Zentral-Komitces bei dem französischen Ministerpräsidenten wegen der Geschehnisse in Fez erstatteten Besuch. Großbritannien. London. Zweihundert dier und dreißig der bekanntesten Männer Englands — darunter die hervorragendsten geistlichen Würdenträger, zahlreiche Staatsmänner und Militärs von europäischem Ruf, viele Theologen und sonstige Gelehrte, eine ganze Schar - von Schriftstellern, Redakteure» und Herausgebern bedeutender englisch« Zeitungen/ — haben einen Protest gegen den in Rußland überhandnchmenden Ritnalmordwahn und die daran sich knüpfende Pogrom Propaganda erlassen. Rußland. Grodno. Auf telegraphische Weisung aus Petersburg ist die Ausweisung der 1100 jüdischen Pächterusw. Familien aus den Dörfern des hiesigen Gouvernements verschoben worben. Ob es aber den Bemühungen der angesehene» Petersburger Juden auch gelingen wird, die Ausweisung aufzuheben, erscheint sehr fraglich. Die magischen Stabe. Eine Legende. (Nus dem Englischen übersetzt von S. Bay.) Mar-Ubka, der Phllosoph, war über die Schriften in tiefe Gedanken versunken und grübelte in den Mysterien der heiligen Worte: „Sieh', dies ist der Ozean) — tief und ohne Grund —j das Behältnis aller Geheimnisse. Ueber den Wassern schwebt der Geist Gottesin seiner allmächtigen Erhabenheft, alles menschliche Streben vereitelnd. Aber in den Tiefen glänzt eine tvahre Perle, schönlächelnd gleich Lex- Weintraube in den Tälern von Engedi." Und wie ein Vogel, vom Sturm geschaukelt, steigt des Rabbi' Seele über den Wögen ihrer sich..schnell drängenden Gedanken. Sie sieht die echte Perle in den Tiefen, aber die Kraft versagt ihr, sie^-heraufzubringen. Sie möchte gern die schwierige' ^Wgabe lösen; iwch ihre Flügel schneiden nur die Wellm, wie der Pflug die weißen Blumen auf der Flur schneidet, in Verzweiflung schreit sie auf und fällt mit gebrochenen Fittigen ins Wasser. Weißer Schaum wird ihr zum Kissen, — der rasende Sturm singt ein beruhigendes Wiegenlied. Und Gott, der über den Wassern regiert, spinnt aus den herrlichen Strahlen der Sonne einen wunderbaren Traum und spricht zum Rabbi: „Mein Wort wird sich auch bei Dir bewähren. Und cs wird geschehen, wie geschrieben fleht; ich werde Tein Volk vermehren wie die Menge der Sterne, — aber Tein erstgeborener Sohn soll für mich dev siebente sein." ~~ . Mit diesen Worten verschwand die Erscheinung. * Als Mar-Ubka. aus seinem Schlafe erwacht war, ging er zum Hohenpriester, diesen um die Auslegung des' Traumes zu beftagen. Ter Hohepriester sagte: „So Du Gott sechs Söhne gibst, wird er-Dir einen geben." Mar-Ubkas Seele wurde traurig, als er die dunkle Deutung des Traumes hörte. Gott selbst holte die echte Perle aus den Tiefen des Ozeans hervor, vergönnte aber dein menschlichen Sinne nicht, ihren Glanz wahrznnehmen. * Und der Rabbi sprach zu Jesta, seiner geliebten Frau: „Tn mußt vor Gottes Altar treten und beten, daß Licht in meine Seele komme." Jefta tat, wie ihr befohlen, und ihr Gebet war wirksam. Eines Tages, als Mar-Ubka wieder in den Geheimnissen der Schrift grübelte, kam aus der Kammer seiner Frau eine Sklavin und meldete: „Herr, eine Knospe ist am Rosenbusch geöffnet. Dies ist die Botschaft Jestas." Mar-Ubka warf sich zur Erde und lobte Gotk, daß er ihm einen Sohn gegeben. Mer kaum hatte er das Gebet der Danksagung beendet, als eine andere Sklavin kam und verkündete: „Tein Nachbar hat auch Frucht geerntet, aber sein Baum welkt; — Jefta sendet mich mit dieser Botschaft zu Dir." Sechs. Male kam die Sklavin, und sechs Male brachte sic dieselbe Verkündigung, denn der Todescngel ging durch die Stadt, eine furchtbare dritte unter den Wöchnerinnen einbringend'. Und Mar-Ubkas frohe Nachricht ward zur Trauer. Aber plötzlich ward ihm Licht, — und er befahl, , daß alle Kinder, als Waisen geboren, zu ihm gebracht werden; denn Gott hatte ja versprochen, ihm einen Sohn zu geben, nachdem er von ihm ' sechs bekommen. * Sechs Waisen wurden ins Zimmer der Frau des Ubka gebracht; und als Jefta ant andern Morgen erwachte, da hatte der Rosenbusch sieben Knospen. Gleich einer verwundeten Antilope bebte sie, als sie es bemerkte. Sie fragte nach' ihrein Kinoe, und eines der sieben wurde ihr gegeben. „Nicht dieses," wehklagte sie, „gebt mir mein eigenes!" Und die Sklavinnen überreichten ihr das zwefte;. als ,sie aber auch dieses nicht annehmen wollte, da legten sie ihr ein drittes in den Schoß, — aber sie verweigerte alle. Und sie neigte sich über ein jedes wie ein liebender Baum über entfallene Blüten, der gern wissen möchte, welche wohl von allen, die der Wind dahergefegt, die seinigen seien. Dann wählte sie eines heraus. „Dieses ist mein eigenes," fühlte sie in ihrem Herzen, und sie nahm das Kleine in ihre Arme und begoß es mft heißen, liebenden Küssen. Sie schrie vor wilder, schrankenloser Freude, — bis plötzlich ein bren- ' nender Schmerz ihr Herz bewältigte, — der schrsck-; liche Schmerz des Zweifels. Das zwefte muß es sein, mit diesem lieben, kleinen Cherubsgesicht, das sie so anlächelt! Und sie liebkost dieses wie das erste. Aber einer der sieben fing an zu weinen, und Jesttch Se/ele weinte mft, — vielleicht ist es yiesev