Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1912-05-10 · Heft 18 (10.5.1912) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 18 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692768-2692786--06932-2701975
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 3. (yiu io . i' üf(t. aö Qrmufutfec gWWMWvo QBtnptwistt. er aber gerade darum seine Macht nicht mißbrauchen^ sondern Kur weisen Nachgiebigkeit bereit sein, denn nur dann darf er sicher sein, über alle. Harteistandgünkte hinweg der ganzen deutschen Judenheit zu dienen, ein Verdienst, das bisher leider meist auf Seiten der Opposition zu finden war.- Dadurch aber wird der Ausschuß auch verhindern, daß d'er Gemeindetag jene erregten Formen annimmt, die er das letzte Mal -gehM hat und wird - so erreichen, daß der leidige Kampf endlich ein Ende nimmt, jenes schöne, rühmliche Ende, in dem es nicht Sieger noch Besiegte gibt, sondern nur Zufriedene und Befriedigte. Dies aber wird der schönste Sieg sein, den der Ausschuß des D. I, G. B. wird erringen können. S Der Zionismus als Störenfried. Man darf von vornherein davon überzeugt sein, daß naH dem Gemeindetag die offizielle und offiziöse Presse des deutschen Judentums wieder von den Klagen über die bösen zionistischen Störenfriede voll sein wird. Es ist dies ein Vorwurf, der keineswegs neu ist. Als vor einem Jahre der Entwurf des Ausschusses des D. I. G. B. vom Gemeindetag nach einer ungemein stürmischen Sitzung zuM großen Teil dank der energischen Opposition der Zionisten abgelehnt wurde, da erscholl der alte Vorwurf: Die Zionisten sind Merall Störenfriede. Als in der Allianceangelegenheit das Berliner Präsidium der D. K. G. energischen Widerstand gegenüber den Pariser Autokraten leistete und so den Kampf entfachte, und als das Berliner Lokalkomitee, in dem auch einige Zionisten sitzen, dem Präsidium getreu zur Seite stand, erscholl wieder der alte Ruf: Die Zionisten sind Störenfriede! Und Man kann bis zum Entstehungstage des Zionismus in Deutschland zurückgehen. Man wird intmer wieder auf. denselben Vorwurf und dieselbe Klage stoßen. Daraus ersieht man, daß sie nicht nur eine leere Phrase ist, sondern daß ihr tiefere Ursachen zu Grunde liegen müssen, und gerade jetzt anläßlich der Kämpfe in der Alliance und im D. I. G. B., wo die Klage iiNmer wieder und wieder ertönt, durfte es nicht unangebracht erscheinen, ein wenig näher aus sie einzugehen. Die Tatsache, daß eine neu anftretendc Bewegung als Störenfried bezeichnet und angeklagt ivird, ■ ist in der Geschichte nicht neu. Man trifft auf sie fast jedesmal, wenn eine solche neue Bewegung Mftritt. Und damit ist auch schon der Vornehmste Grund dieser Erscheinung gegeben.- Es liegt" im Wesen jeder neuen großen Bewegung, die in den alten Verhältnissen lebende Generation aufzurütteln, sie in ihrer faulen Ruhe, in ihrem! trägen Frieden zu stören. Ja, man kann es fast als Maßstab aufstellen : Je größer, je kühner eine Bewegung ^st, je mehr sie von großen Gesichtspunkten beherrscht wird, je heiliger, je feuriger der Geist ist, der sie beseelt, uni so mehr wird sie ein Störenfried sein müssen. Und so betrachtet, bedeutet die andauernde, fast nie Unterbrochene Klage über den Zionismus als Störenfried einen der deutlichsten Beweise für seine neuschöpferisch'e, umgestaltende Kraft und wird. so statt züm Tadel zu einer hohen Lobesbezeugung. Soweit gilt dies für den Zionismus wie für jede neue Bewegung. Mer für ihn gilt dies noch mehr; in diesem Falle ist der Vorwurf, Störenfried zu sein, viel bedeutsamer nochj. Bei normalen Völkern, deren Leben in gesunder Entwicklung verläuft und darum schon an sich in stetem Flor Und Wandel begriffen ist, wirkt eine neue Bewegung nur in begrenztem Maße aufwühlend, ist sie nur in geringem Grade Störenfried, weil das neu Bewegende, das sie bringt, aus' der allgemeinen Bewegung nur wenig hervorsticht. Bei uns Juden ist dies anders, iöei uns herrschte bis heute keine innere Entwicklung. Seit 100 Jahren stehe« wir in Deutschland aus demselben Fleck, und dies macht ja.gerade das Wesen des westsichen Judentums, ja gerade das Wesen des westlichen Judenproblems, der Assimilation, aus: Die westeuropäisch^ Judenheit ist in Apathie, in Schlaf, in Sterilität verfallen. Da mutz eine Bewegung wie der Zionismus ganz besonders als.Störenfried empfunden werden. Ja, als Störenfried zu wirken, die westliche Judenheit auszupeitschen ans ihrer .Apathie, ist seine ureigentliche Mission. In seiner Wir-? lung, als Störenfried besteht ein vornehmer Teil seiner Existenzberechtigung. Und nüch ein anderes, spezifisch westeuropäischxjüdisches Moment kömmt hinzu, ein Moment, das in der Psyche des Modernen Assimilationjuden begründet ist: .Er wurde die Bewegung, die neuen Impulse, die der Zionismus in das jüdische Leben hineinbringt, zur Not ertragen, wenn er nicht wüßte, daß alle Bewegung Gerän schund Lärm verursacht und fürchtete, daß dieser Lärm draußen, bei.den Nichtjuden, vernommen wird. Dies ist ihm das Schlimmste. Er, dessen ganze Judenpolitik in dem Worte bestand und besteht: „Nur leise, nur still, nur nicht sich bemerkbar machen", muß sehen, wie eine neue Bewegung Lärm schlägt und Unruhe erregt und so die Aufmerksamkeit der ganzen nichtjüdischen Welt auf uns Juden wieder hinlenkt. Und dies ist die eigentliche, vornehmste, letzte Ursache seines Aergers und seiner Wut. Der Zionismus, macht ihm einen großen Strich durch die Rechnung. Er macht dem Ducken, sich Verbeugen, dem Nurnicht-Auffallen ein Ende. Was Wunder, daß er ihm zürnt und ihn als Störensiied brandmarkt? Darum gibt es für den Assimilanten keinen größeren Borwurf als den, daß der Zionismus „R i s ch u s," Macht. .Als man von Seiten der D. K. G. einen Prozeß .gegen Beamte, des Pariser Büros anstrengte, geriet das ganze offizielle deutsche Judentum in einen namenlosen Schrecken und geradezu in Wut gegen die zionistischen Hintermänner, die angeblich daran schuld seien. Ja, man strengt über jüd. Tinge bei nichtjüdischen Gerichten einen Prozeß an und erregt dadurch „Rischus"! Nicht das war die Ursache der Entrüstung, daß man in geistigen Kämpfen Machtmittel anwendete, eine Ursache, die auch uns zu Gegnern jener Prozeßniethoden Macht, sondern die Ursache war die Angst vor „Rischus". So entspringt.der Vorwurf gegen den Zionismus, Störenfried zu sein, nur der ganzen Psyche des .Assimilationsjuden, eine Psyche, die radikal ikmzngestalten ja das letzte Ziel des Zionismus ausmacht. Darum kann ihn dieser Vorwurf, so laut und so oft er . auch erhoben wird, nicht im geringsten treffen und kümmern. Er ist vielmehr nur ein lauter Beweis seiner Wirkungskraft und wird so zum hohen Lob. Es tut eben weh, aus einem jahrzehntelangen Schlafe unsanft aufgerüttelt zu werden. Schadet nichts! Aller Fortschritt wird nur durch Schmerzen erreicht. Und der moderne Jude wird noch viel, viel mehr zu leiden haben, bis er sich züm ganzen, einheitlichen Juden gewandelt haben wird. Die Lösung der Judenfrage wird ihm genug Schmerzen kosten, denn der Weg zu ihr ist mit vielen Dornen besät. In diesen Schmerzen und in diesem Dornenwege bedeutet die Wirksamkeit des Zionismus als Störenfried aber nur den Beginn. Aus alltzr Wett. Deutsches Reich. Berlin. Pfingsten wird hier der 5. jüdische Turntag abgehalten werden. Gelegentlich des .6. Zionistenkongresses (1903) in Basel begründet, umfaßt die „Jüd. Turnerschaft" heute über 4000 Turner in Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Schweiz und Balkanländern. Die diesmalige Tagung soll geordnete landsmannschaftliche Kreise einrichten. Der Ausschuß des Verbandes wird voraussichtlich seinen Sitz in Berlin behalten, obwohl seine bisherigen Mitglieder, die ihm großenteils seit der Gründung angehören, von ihren Aemtern zurücktreten. Turnerische und .sportliche Veranstaltungen werden sich an die Tagung anschließen. Berlin. Das deutsche Büro der Alliance Jsräälite Universelle erläßt folgende Mitteilung: „Nachdem das sogenannte „Landes-Komitee" von der Alliance Jsraelite Universelle nicht anerkannt wird, und dieses Komitee den deutschen Lokal-Komitees der Alliance Jsraelite Universelle und vielen deutschen Mitgliedern s. Z. %vl Unrecht mitgeteitt hat, daß nur noch diejenigen deutschen Alliance Mitglieder auf Zusendung der illustrierten Monatsschrift „Dfti und W e st'« rechnen dürfen, die sich dem neu zu wählenden „Landes- Komitee" anschließen, ist, um das Rechtsverhältnis des Vertrages von ,Ost und West" zu der Miance Jsraelite Universelle in Paris ein .für alle mal festzulegen, ein vorläufig dis zum Jahre 1920 dauernder Vertrag zwischen den beiden Kontrahenten abgeschlossen und am 28. und 29. April seitens des Zentral-Komitees durch den stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Netter und dem Schatzmeister I. Machtels, seitens des Verlages von ,Ost und West" durch den Chefredakteur Leo Winz unterzeichnet worben. Die Zeitschrift wird die Tendenz der bisherigen Richtung von .Ost und West" vertreten und demgemäß nicht das Organ einer bestimmten religiösen und politischen Parteirrchtung sein. Exemplare werden ferner nur noch au diejenigen Mitglieder der Alliance abgegeben, die ihre Beiträge entweder an die von der Alliance anerkannten Lokal-Komitees, bezw. Bezirks-Komitees oder direkt an die Zentrale in Paris abliefern. Der Verlag wird für die Dauer des Vertrages mit keiner der in Deutschland bestehenden noch in Zukunft entstehenden - Organisationen ähnliche Verträge bezw. ,Ost und West' oder einer ähnlichen Zeitschrift, wie mit dem Zentral- Komitee der Alliance Jsraelite .Universelle, äbschließen. Auch wird der Verlag von,Ost und West" keine Exemplare liefern, die bestimmt find, auf direktem oder indirektem Wege an Mitglieder irgend eines Vereins in Deutschland verteilt zu werden. Die Tendenz dieser Verpflichtung ist, daß in Deutschland keiner Organisation und keiner Privatperson die Möglichkeit gegeben wird, durch Lieferung von .Ost und West" für ihre Zwecke neue Mitglieder zn eriverb'en oder den Bestand der alten zn erhalten." -- Berlin. Der soeben erschienene Rechenschaftsbericht deS Esra, der sich die Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina und Syrien zur Aufgabe gemacht hat, verzeichnet als Leistungen des Jahres 1911 folgendes: 900 Frcs. an das Lehrerseminar in Jerusalem für Stipendien an Zöglinge, die später als Lehrer in den Kolonien wirken wollen; 1278 Frcs. an die Kolonisten in BnÄ-Jehuda; 3000 Frcs. zur Ausstzütung eines Krankenhauses in Chedereh; 2202 Frcs. für die Einwanderung von jüdischen Arbeitern aus deinen. " Der Kolonisationsfonds des Esra hat sich unt Mark 12 700 erhöht; er beträgt jetzt 90000 Jk. Ter Esra erbittet besonders Spenden für seinen neuen Landarbeiter-Heimstättenfonds. Jeder angesiedelte Arbeiter soll Haus, geräumigen Gemüsegarten und 10 Morgen Land für Baumpflanznngen erhalten. (Gesamtkosten jeder solchen Heimstätte 2000 Frcs.). Da dem Arbeiter überdies von den betreffenden Kolonien dauernde Beschäftigung zn auskömmlichen Löhnen garantiert wird, kann er es durch allmähliche Bepflanzung seiner Parzelle zn einem bescheidenen Wohlstände bringen. Berlin. Das „Komitee zur Wahrung der Rechte der kleinen und mittlere» Gemeinden" ladet die aus seinem Standpunkte steheiwen Delegierten zn einer Vorbespwech'nng ein, die am IS. Mai, abends 9 Uhr im Burg Hotel (Bnrgstr. 20) stattfindet. Papenburg. Lag b'Omer feierten wir unter überaus großer Beteiligung aus benachbarten Gemeinden das 25jährige Bestehen unserer Synagoge. Aus diesem Anlaß spendeten Synagogenvorsteh« Aron Hes und Isaak Hes eine neue, prachtvolle Sefer- Tauroh, Israel Mindus eine wertvolle silberne Keser-Tauroh, Synägogenvorsteher S. Nordheimer ein filb. Ewige Lampe, der Franenperein ein weiß-seidenes Porauches und der Verein „Geinilas- Chasodim" ein herrliches Mäntelchen. Die synagogale Feier, in deren Mittelpunkt eine nach Form und Inhalt gleich meisterhafte Festpredigt. LandrabbinerS Dr. Lewinsky-Hildesheim stand, nahm einen der - Bedeutung des Tages entsprechenden würdigen Verkauf. Das festlich geschmückte Gotteshaus ivar nicht nur bis auf den letzten Platz gefüllt, selbst im Borhof und vor der Synagoge mußten viele Personen Platz nehmen. Die Liturgie lag in den Händen Lehrers H. S traust, der auch die wohlgelungenen Chorgesänge leitete. Am Abend fand im Hotel Hilling die weltliche Feier» bestehend aus Vorträgen, Theater und Ball, statt. Oesterreich-Ungar». ' Wien. Der Vorstand der Kultusgemeinde nahm eine Aendernng der Wahlordnung dahin vor, daß Steuerzahler, die im laufenden Jahre im Rückstände sind, trotzdem ihr Wahlrecht ans üben dürfen. Durch diese Aendernng erhöht sich die Zahl der Wähler ganz beträchtlich Zn einer Herabsetzung des niedrigsten Steuerzenfus von.20 ans 10 Kronen mag sich jedoch der allgewalttge Präsident Dr. Stern noch immer nicht verstehen. Der Rechnungsabschluß der Knltnsgemeinde für 1911 balanziert mit ca. 3»/i Millionen Krongn und schließt mit 25 000 Kr. Ueberschnß ab. Die Schechitagebühren sind um 12000 Kr. znrnckgegangen, einBeweis für den erheblichen Rückgang des Koscherfleisch-Konsnms. Wie». Durch die Deutfchnattonalen ist das Debarke der Christlich-sozialen bei den Gemeinderatswahlen verhindert worden, und sie haben nur acht Mandate eingebüßt. Tie^ Opposition im neuen Gemeinderate besteht nun äus 10 Sozialdemokraten und 20 Liberalen (darunter 9 Juden). Budapest. Mit einem Mehrerfordernis von ca. 200.000K. gegen das Vorjahr ist der Boranschlagderisr. Knltnsge meindd fibr 1912° erschienen. Bedarf: 2,542,669 Kr., Deckung: 2,543,521 Kr. Letzteres soll natürlich in erster Reihe durch die Steuereinnahmen geschehen, was umso leichter scheint, als die Zichl der Steuerzahler von 23,321 aus 30.735» also um mehr als 7000, gestiegen ist. Die Recherchiernng. nach neuen Mitgliedern in der 200,000 Juden zählenden Großstadt soll planmäßig fortgesetzt werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.