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Neue jüdische Presse · 1912-05-10 · Heft 18 (10.5.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 18 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 18. €etfe2. fioit ist: eine solche erst durch das letzt' in Kraft tretende Kirchengesetz ausdrücklich auWesprochpn. Ob' eine solch ausdrückliche Betonung der AdlstMsochglichkett für die Israeliten WürttenMrgs von Segen sein wird, das must die Zukunft erst lehren. Einen wesentlichen Fortschritt weist? aber die Kirchenverfassung darin auf, daß - die bisherige Obetkirchenbehvrde als Zentralbehörde Lein starrer, sich selbst wieder ergänzender Körper mehr, sondern so beschaffen sein wird, daß stets eine Fühlungnahme mit dem Volke, seinen Anschauungen und Bedürfnissen hexgestellt wird. Die Oberkirchenbehorde wird nun in einen engeren Rat und einen weiteren Rat zerfallen. Dje drei besoldeten Mitglieder des engeren Rats: der Präsident (gewöhnlich ein Nichtisraelit, ein Ministerialrat), das theologische Mitglied (gewöhnlich der Städt-Rabbiner von Stuttgart) und das juristische Mitglied (gewöhnlich ein jüdischer Rechtsanwalt von Muttgart), werden vom König auf Lebenszeit ernannt werden. Dazu kommen noch vier Israelitische Oberkirchenvorsteher. Letztere sollen vom weiteren Rat der Oberkirchenbehorde gewählt werden, so Hat die 2. Kammer des Landtags beschlossen gegen die Ausführungen des Kultusministers, der u. a. darauf h-inwies, daß dann der weitere Rat ja auch einen Lehrer oder Vorsänger in den erberen Rat Hineinzuwählen die Möglichkeyt Haben würde, und so ein Lehrer oder Vorsänger eine gewisse Disziplinargewalt Mer den ihm Vorgesetzten, der OberkirchenbeMrde ofier unterstellten Räbbiner ausüben könnte. Es' bleibt hier abzuwarten, ob die 1. Kammer diesem Beschluß beitreten wirdl Der weitere Rat endlich ist das Wirklich erfreuliche Moment, das in die Organisation der württembergischen Gemeinden hineinkommt, Ha jetzt' zuM erstenmal seit 8V Fahren auch die einzelnen Gemeindemitglieder das Recht haben, sich solche Abgeordnete in diesen weiteren Rat der Overkirchenbtztzörde zu wählen, die ihnen belieben. Bei 8er bisher ganz im neologen Fahrwasser sich bewegenden Oberkirchenbehörde (seit der Amtsführung des Kirchenrats Dr. Kroner ist ein etwasmehr konservativer Geist allerdings schon zü bemerken), ist nun die Möglichkeit vorhanden, daß auch die gesetzestreuen Kreise in der O^rkirchenbehörde ihre Abgeordneten sitzen haben werden, und durch .das Entrücken eines zweiten Rabbiners bekommt das bisher einzige theologische Mitglied eine kräftige! Süche in der Person eines wirklich Sachverständigen. Der wettere Rat der Oberkirchenbehörde wird nämlich bestehen: aus den Mitgliedern des engeren Rats, .aus einem von den Rabbinern des Landes' gewählten Rabbiner und aus sieden Von den Genrernden gewählten Abgeordneten. Wenn der Wunsch der 2. Kammer des Landtags Berücksichtigung finden sollte, so werden auch die Lehrer und Vorsänger einen Vertreter aus ihrem Kreise in hem weiteren Rat der Oberkirchenbehorde erhalten. Auf jeden Fall ist nun dafür gesorgt, daß peM LaieneleMent in der Obeikirchenbehörde ein nicht zu unterschätzendes G^engewicht von Sachverständigen in xrwoto Religion entgegengestelltwird. Eine in die finanziellen Verhältnisse der Gemeinden. tief, einschneidende Aenderung wird die neue Kirchenverfassung in Betreff des Besteuerung s Wesens bringen. Bisher gab es. eine Fanriliensteuer (Rosche bajis), eine Eintrittsstener von neu vermählten Gemeindemitgliü»ern (HMama) und eine Vermögenssteuer (Erach). Dieses? dreifache Steuersystem soll Wgeschafft.und' dafür nur ein Steuersystem eistgeführt werden: die Kirchensteuern / nach einem gewissen Prozentsatz der direkten Staatssteuern zu berechnen. Die sonstigen Aenderungen in der Kirchenvevfaffung sind unwesentlicher Natur Alles in allem genommen muß . Man einen gewiffen Fortschritt konstatieren, insbesondere ist nun auch dem gesetzestreuen Juden ein Leben nach seiner Fa.yon in Württemberg gewährleistet, indem die Gemeinden nun auch die Wünsche einer dissertierenden Minderheit innerhalb ihrS WuÄmgskreises Von Rechts wegen zu berücksichtigen haben werden. Ja, die Gesetzestteuen sind nun auch gewissermaßen „salonfähig"" geworden, indem sie zu jeder Zeit (alle sechs Jahre ist Wahlzett) ihre Vertreter in den wetteren Rat der OberkirchenWörde wählen können. Wer WMW Miß sein. Die konservativen Kreise müssen, mehr Fühlung zusammen Haben, wenn sie einen wirklichen Erfolg erzielen wollen. In staatsrechtlicher Hinsicht ist die neue Kirchenverfassung durchaus zu begrübest; denn sie ist in allen Hauptpunkten den evangelischen und' katholischen Kirchenverfassungen des Landes angelehnt. und die israelitische Religionsgemeinschaft mtt ihren Rabbinern und Oberbehördcn den christlichen Religionsgemeinschaften mit ihren Geistlichen uttb' Oberkirchenbehörden vollkommen gleichgestellt. Von. den einzelnen Gemeinden und GemeindemUgliedern Hangt es nun ab, mit regem Eifer und rühriger Teilnahme aM religiösen Leben erfüllt zu sein; dann kann die neu entstandene Kirchenverfassung, die endlich nach einer schweren .Geburt ins Leben treten wird, ein Segen für die mürttembergische Judenheit Werden. Ans de» Ereignisse» des Tages. 1. 8«« kommenden «emelndetag. Am 16. Mai findet in Berlin der außerordentliche Gemeindetag statt, der diesmal von Liner, ganz hervorragenden, Man kann sägen, entscheidenden Bedeutung sein wird. Noch keinem' Gemeindetag sind solche erbitterte Kämpfe vvrangegangen wie diesem!; denn sowbhl der .Ausschuß wie auch die Oppositton Wissen, daß .der Kampf, der schon seit Jahren tobt, der schön zwei Gemeindetage erregt und beschäftigt hat, ohne daß emle Entscheidung fiel, diesmal zur Entscheidung kommen Umß. Und' so sind denn auf beiden Seiten die Kräfte außerordentlichangespannt' worden, und zumal von Seiten der Oppositton ist mit ungewöhnlicher Energie und.Aufopferung gearbeitet worden. Die Situation hat sich Mittlerweile geändert. Der Ausschuß Kat seinen ursprünglichen Entwurf fallen gelassen und sich den Antrag Apfel angeeignet, der einen Vermittlungsantrag darstellt. Dieses Zurückweichen seitens, des Ausschusses istgewiß anzuerkennen, wäre aber noch MGr anzUerkennen, wenn es bereits früher geschehen wäre. Daß der .Ausschuß, erst jetzt zur NaMiehigkeit sich bereü erklärt hat, ist wohl mehr aus dem Gefühl zu erklären, sonst auch diesmal mit' leeren Händen Heimzukommen. Dies aber bedeutet schon ein Verdienst der Opposition. Selbst wenn sie diesmal ihre Absichten nicht durchsetzen kann 'und unterliegen sollte, hätte sie dvch — von der allgemeinen Bedeutung ihrer Aufklärungs- und Belebüngsarbeit ganz abgesehen — dies Verdienst, daß. der ursprüngliche Entwurf nun wesentlichabgeändert .und gemildert worden ist Wenn trotz dieser teilw'eisen Nachgiebigkeit' des Ausschusses von Seiten der Oppositton mit derselben Energie und Hartnäckigkeit wie bisher der Kampf wetteigefMt wird) so Mß dies tiefere Gründe haben. Es wäre lächerlich, wollte man — wie es von Verteidigern des Ausschusses geschieht — Liest Hartnäckigkeit auf puren Eigensinn und starren separatistischen Fanatismus zürückführen. Vor Pllem Alt dies für den zionistischen Teil der Opposttion gewiß .nicht, und auch der orthodoxe Teil ist in diesem Fall in seiner Gesamtheit vvn sep'aratWschen Tendenzen frei. GlaiL't man denn wirklich, daß es nur so eine Spielerei sei, einen solchen . McchlkUmpf durchzuführen! Wer die Verhältnisse kennt, wird wissen, welch kolossale Aufopferung an Zeit und! Kraft — Von den Materiellen Opfern ganz Abgesehen— es erfordert, einen solchen Kampf Wer alle Gemeinden Deutschlands hin .zu führen, und wenn die Oppositton diese Mühe und Aufwendungen nicht scheut, so. kann der Kamps nicht .in einetst Unvernünftigen Eigensinn Einzelner seinen Grund haben, sondern Muh tiefer liegenden, gewichtigeren Ursachen entspringen. Und für jeden, tzer nar und unbefangen sicht, ist dies auch nar. . Diese tieferen UrsqHen beruhen Vor alleM darin, daß .die Opposition das Vertrauen zur Leitung des D. I. G. B. verloren hat. Es wäre ein Leichtes, sich über einen KoMp'romisanttag zu einigen, wenn von Seiten der Opposition das Vertrauen zum Ausschuß vorhanden wäre. Daß aber, fehlt. Kann man daraus, der Oppositton. einen Vorwurf Machen? Kat der -Ausschuß nicht zwei Ge-, meindetage hindurch seinen Entwurf: hartnäckig vertreten und' keine KonMst.nen wallen, tzisten Entwurf, der —, LarWer ist jetzt, nachpe'm er in seiner Ursprünglichen Form fallen gelassen worden ist, kein Zwüfü^AtWchlW Me'HGeKurU istr Kleingemeinden zur Folge gehabt hätte? "Und . auch die Methoden, die der Ausschüß jetzt Lm Wahlkampf vor dew: Gemeindetag anzuwenden für gut erachtet hat, waren nicht sonderlich geeignet.. ihm das Vertrauen der Oppositton zu verschaffen. Mevor er noch Werhappt den Termin des Gem'eind'etages der Oeffentlichkeit bekannt gemacht hatte, war er bereits durch Vertrauliche Zirkulare usw. sn ist.n Wahlkampf emgetreten; sodann hatte er als wirksamste Waffe an alle Miittel- und Kleingemeinden ein Schreiben Versendet, das trotz aller nachträglichen Rechtfertigungsversuche nicht anders-denn als Drohung aufgefaßt werden kann, diesen Gemeinden, falls sie durch ihren Anschluß an die Oppositton den Entwurf wieder unterliegen lassen sollten, .ihre Subvention zu entziehen. Und dann vor allem noch ein letzter, vielleicht der Vornehmste Grund zu diesem Mißtrauen dem Ausschüß gegenüber: Hat' er nicht bis KnM heutigen Tage kategorisch jeden Vorschlag, den richtigsten und gerechtesten Modus, das' Proportionalprinzip sin Anwendung zu bringen, abgelehnt? Diese kategorische Ablehnung über wäre Unmöglich, wenn es deM.Ausschuß ernst darum wäre, den Kleingemeinden und der Oppositton ihr Recht und die ihnen gebührende Vertretung zukommen zu lassen. Gerade dieses unnachgiebige Festhalten aM bisherigen Systemdas! die ungeheuerliche Ungerechtigkeit zur Folge hat, Laß in dem ganzen großen Ausschuß nur ein einziger Orthodoxer sitzt, Muß .die Opposition daran hindern, dem Ausschüß ihr Vertrauen entgegenzübringen. Sie fitrchtet üben noch immer, und' mit Recht, daß. die ganze Satzungsänderung dem Ausschuß gur Mittel ist, Mittel zur Erreichung eines letzten Zweckes, der Schaffung einer staatlichen Zwangsorganisation der preußischen Juöenhett. Daß dies aber die Opposition unter allen Umstanden verhindern will und daruw mit' solchem Eifer und . solcher Hartnäckigkeit Len Kamps führt, ist nicht nur ihr gutes Recht, sondern ihre.Pflicht, durch deren Erfüllung sie sich ein bleibendes Verdienst UM die deutsche Judenheit erringt. . Doch wir Wollen hoffen, daß dieses letzte Ziel Leist Ausschuß, .noch nicht ganz sicher sein dürste. .Abgesehen von allen ethischen und südischen Erwägungen Würde schon die politische Klugheit den Ausschuß Mcchnen, dieses Ziel aufzUgeben. Me starke Opposition, d-ie er mjt seinem Mtwurs aus Ko'ei Gemeindetagen gesunden hat, Re starke Oppositton, der er auch sicher diesmal begegnen wird, dürfte ihm doch zur Genüge gezeigt haben, daß er niemals ein einntütiges Unverständnis der gesamten preußischen Judenheit erzielen wird; uM Laß ghne dieses Wngeständnis die preußisch^ Re- . gierung . zu einer Zwangsorganisativn ihre ZUstimmung geben Wird, darf so gut als ausgeschlossen gelten. . Darum sollte 8er Ausschuß dieses ihlü vMleicht noch Vorschwebende letzte Ziel enLgiltig fallen lassen. Denn durch das Hinstreb'en zu ihm? und die dadurch bedingte Wsicht, Len GroßgeMeinden Len bestimmenden iEinfluß sim D. I. G. B. zU verschaffen, erreW der Ausschüß gerade ein entgegengesetztes: er kommt .indirekt den separatistischen Tendenzen innerhalb des deutschen Judentums zu Hilfe. Je mehr der -Ausschüß die GroßgLMeinden aus Kosten der Neineren begünstigt, umso mehr gibt er diesen Veranlassung, de!M'D>. I. G. B. den Rücken zu kehren Und bei der getrennten Orthodoxie! ihr Heil zu suchen, die ja auch imstande seist wird, Wen die bisherigen Subventionen züko'Mmen zu lassen. Der Kampf, der schon feit Jahren iM -D. I. G. B. geführt wird, ist deshalb nicht nur unerfreulich, sondern für die Zukunft des D. I. G. B. geradezu tzesährlich. Und Las Schicksal der Alttance in Deutschland sollte doch der Leitung des D. I. G. B. zeigen, wohin Unnach!giebigkeit und Autokratie führen kann und umß. Darum ist unser Rat': Der Ausschuß 'möge noch aus dsm .Gemeindetag eine Verständigung suchen, und bei deM nöttgen ^Entgegenkommen wird er sie auch gewiß erzielen. Wie uns scheint, werden die MajorttätsverWtniffe des Gemeindetages deüi .Ausschuß günstiger sein, als bisher; und vielleicht wird er auch Wer die M AnncHme dS Entwurfs. nötige Majorität verfügen können. Möge

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