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Neue jüdische Presse · 1912-05-10 · Heft 18 (10.5.1912) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 18 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die feindlichsteil Brüder, die sonst das Tischtuch! zwischen sich zerschnitten haben, gehen Arm in Arm gegen den Feind vor. Doch wer ist. der. Feind? Ein. Universitätsprofessor, der in seinem Fache als einer der ersten gilt, der als Gelehrter, Künstler und Redner-eine hervorragende Erscheinung darstellt, — Werner Sombart ist der Feind. Und sein Verbrechen? Hat er etwa die Juden als ein minderwertiges Volk, als eine inferiore Rasse .hingestellt, etwa den Juden als Juden ihre Daseinsberechtigung abgesprochen, sie gar zur Auflösung aufgesordert? Nichts von alledem. Dies haben andere getan. Chamberlain hat die Juden als inferiore Rasse hingestellt; NölÜeke und Köhler haben sie zur Taufe cingeladen. Als das geschah, haben die, die heute so entrüstet gegen Sombart tun, geschwiegen. Herm. Cohen,, der Marb'urger Philosoph, schrieb einen feinen, gar zu feinen . . . einen taktvollen, gar zu taktvollen Artikel, h. Dbch sonstige Knndgebungen, -Proteste oder andere Zeichen der Aufregung? - Keine Spur, davon.! Und Sombart? Sombart stellt die Juden als großes Volk hin, so groß, daß die Völker Europas den etwaigen Abzug der Inden nicht gleichgültig hinnehmen können. Sombart wünscht den Fortbestand der- Juden als geschlossene, selbstbewußte NatiW. Warum also das Zetergeschrei, warum die große Hetze gegen Sombart!? WaruM? Traurig die Antwort. Weil — weil-eben Sombart die Größe des jüd. Volkes verkündet. ... Diese Verkündung „könnte den Neid erwecken, könnte böses Blut machen, es könnte „Rischus" entstehen,. — und vor „Rischus" zittert der Ghettojude. Chamberlain aber macht die Juden klein und bereitet damit den Gegnern der Juden ein Vergnügen, sodaß der Jude ruhig weiter schlafen kann. Sombart. wünscht die I u d e n a l s s e l b st - ständige Nation zu erhalten;!— gerade dies paßt aber den assimilierten Konfessionalisten von links und von rechts, nicht. Nöldeke aber wünscht die Auflösung, die Taufe, und spricht nur das, was tausenden und abertausenden. uns erer Oberschicht, die die Hetze Sombart. so eifervoll betreiben,- auf der Seele liegt - aber es gebricht ihnen an Mut, es offen zu gestehen.! Und die kapitalistischen Tendenzen der jüdischen Religion, die Sombart im Judentum gefunden zu haben glaubt? Die beruhen auf Irrtum, einz ig: und allein an f I r r tu nt. Sombart ist vor allem Gelehrter, und als Gelehrter ist auch er von der Schwäche, die den meisten Gelehrten eigen ist, Systeme, e i n h e i t l i che, l ü ck e nlose Systeme zu schaffen, befallen, und so kommt es, daß die -Originalität auf. Kosten der W a h r he i t zustande gekomtnen ist, Bor Sombart lag die historischgegebene Tatsache, daß die Judenauf dem Gebiete des Kapitalismus ungeheuer Großes geleistet haben. Diese! Erscheinung zu' erklären, konnte am allereinfachsten geschehen, wenn dem jüdischen Volke die Neigung und besondere Veranlagung für das Kapitalistische angeboren ist> und da die jüdische Religion stets im Mittelpunkte des jüdischen Lebens gestanden ist und das jüdische Schaffen stark beeinflußt hat, so darf angenom- Men-werden, daßdie Religion solche Tendenzen ihr eigen, nennt, und kaum ist eine solche Hypothese gefaßt, so sind die Belege hierfür leicht gefunden, sei es in der schriftlichen Lehre, sei es in der mündlichen Lehre, dem Talmud mit seinen 36 umfangreichen Traktaten! Und zieht Man noch dazu in Betracht, daß Sombart das Judentum nicht aus erster Quelle kennt, so ergeben sich die ihm unterlaufenen Jrrtümer von selbst. Um aber Jrrtümer zu korrigieren, dazu bedarf es einer ruhigen, sachgemäßen, von berufener Seite ausgehenden Korrektur.. Leider halten sich unsere wirklichen Gelehrten still, und Politiker haben sich der Sache bemächtigt, Politiker, die nach entgegengesetzter Richtung wie Sombart segeln. Während jene mit allen legalen und u n legalen Mitteln die Assimilation angestrengt betreiben, kommt ein erstklassiger Fach^- gelehrter undnoch ein Christ dazu, der von der engherzigen, kurzsichtigen Politik des Manchestertums, die die Lösung der Judenfrage in Auslösung erblickt, nichts wissen will, sondern, o Unglück! eine Poljtik der Sammlung und Renaissance den Juden ans Herz!, legt! Wie vom Blitze getroffen waren unsere AssnNilanten, man war ratlos, und in ihrer Verzweiflung verfielen sie auf den Antisemitismus! Es gibt nichts leichteres,. als den Ghettojuden an den Antisemitisntus der „Gojim" glauben zu machen! Und besonders in dem vorliegenden Falle. Sombart hat viel, sehr viel geschrieben, und nur die wenigsten unter den Juden haben seine Werke gelesen, selbst die Werke über die Juden wurden von einer ganz kleinen Zahl gelesen, — was. gibt es da leichteres, als .das Herausgreisen von ein paar unglücklich gewählten, zusammenhanglosen Sätzen, um sie dem unkundigen Hörer als Antisemitismus zu präsentieren! . So entstand die Hetze Sombart! So wurde der objektive Forscher über Nacht zum Antisemiten gestempelt, obwohl das Absurde der Sache handgreiflich ist; — geht doch der Antisemitismus davon - ans, daß Jjic Juden das Verderben der Menschheit bedeuten und diese sich ihrer zu entledigen sucht, während Sombart in den Juden Las Heil der Menschheit erblickt und sie als unentbehrliches Element betrachtet. Und was noch mehr verwunderlich ist, ist her Umstand, daß auch die orthodoxen Politiker sich an dieser Hetze beteiligen. Man fand es sogar für angebracht, einen Mann, der das Malheur hat,, ein -Enkel eines wahrhaft, großen Mannes zu sein nnd daher geradezu von einer . pathologischen Ueberhebung und. zynischen Menschenverachtung befallen, ist, horznschicken! Schon die Tatsache, daß dieser Mann -für die ernstesten; Angelegenheiten seines Volkes nur ein spöttisches! Lächeln übrig hat, hätte, genügest sollen, ihn nicht! als Vorspann zu gebrauchen. Die Svmbart-Hetze ist ein vergebenes .Unterfangen! Sombart lebt und seine Werke sind zu haben. Sombart lebt und : steht allen! Hetzern zur Verfügung! Wie wir hören, spticht' er am kommenden «r. 18. Montag öffentlich, und es steht jedem frei, seine Angriffe dem Gelehrten ins Gesicht zu. schlendern. Versuche, wer's kann! Die neue israel. Kirchenverfaffnnn in Württemberg. Bon Rabbiner Tr. Schweizer -Weikersheim. Dienstag, den 23. April ds. Js., ist in der 2. Kammer das Gesetz über die israelitische Reli-r gionsgemeinschast und deren Kirchenverfassung angenommen worden, das vom 1. Oktober ds. Js. an allgemeine Giltigkeit erlangen wird. Damit wird das Jsraelitengesetz vom 25. April 1828, das bis jetzt teilweise noch zu Recht bestand, aufgehoben werden. Das Charakteristische für die israelitische Kirchenverfassung Württembergs, die straffe Organisation mit einer Zentralbehörde an der Spitze, wird in etwas gemilderter Form, Von demokratischem Geist, angehaucht, weiter bestehen. Von einer Abschaffung dieser Zentralbehörde, die sämtliche Ge-. meinden Württembergs umfaßt und ihren Kultus beaufsichtigt und finanziell unterstützt, wollten die beteiligten Kreise nichts wissen. Darin waren sich alle Parteien, orthodox wie liberal, einig. Nur sollte eine größere Bewegungsfreiheit, eine gewisse Selbständigkeit innerhalb der Gemeinden stattfinden können. Und dieser Wunsch ist jetzt tatsächlich erfüllt worden. Schon die äußere Form dieses Kirchengesetzesj verleiht dieser größeren Freiheit sichtbaren Aus-? druck dadurch, daß das eigentliche Kirchengesetz nur aus 8 Artikeln besteht, welche im wesentlichen sich darauf beschränken, der israelitischen Religionsgemeinschaft die fortdauernde Anerkennung in ihrer Eigenschaft als ö f f e n t l i ch e Korporation zu sichern und eine Mitwirkung staatlicher Organe zn gewährleisten.; Dagegen wird jetzt die eigentlich.Kirchenverfassung, das heißt die Ordnung und Verwaltung der kirchlichen Angelegenheiten, durch die Israelitische Oberkirchenbehörde selbst bestimmt und auf dem Wege der Kgl. Verordnung in Kraft gesetzt. Allerdings lag diese Kirchenverfassung, die von der Oberkirchenbehörde festgelegt werden soll, auch dem Landtag zur Beratung vor. Jedoch konnte der Landtag hiezu nach staatsrechtlichen Grundsätzen keine Beschlüsse fassen, sondern nur Wünsche aussprechen, die dann die Oberkirchenbehörde ihrer-? seits wieder vor der endgültigen Festsetzung dieser Verfassung zu berücksichtigen haben wird. Freilich wird auch demnächst die 1. Kammer noch mit diesem Kirchengesetz der Israeliten und 8er sich daran anschließenden Kirchenverfassung sich zu beschäftigen haben. Jedoch darf man sicher annehmen, daß omch die 1. Kammer sich den diesbezüglichen Beschlüssen und Wünschen der 2. Kämmer anschließen wird. Die größere Bewegungsfreiheit, die durch die neue Kirchenverfassung geschaffen wird, besteht zunächst in der Austritts Möglichkeit. Man kann nun Jude sein, ohne der wurttembergischen israelitischen Landeskirche angehören zu Müssen. Wer in früheren Jahren aus der jüdischen Gemeinde austreten wollte, mußte sich konfessionslos erklären und durfte sich nicht mehr als Jude bezeichnen.. Jetzt kann er ruhig Jude bleiben und austreten. Natürlich hat der Ausgetretene dann kein Anrecht, mehr, die Kulteinrichtungen der württernbergischen jüdischen Gemeinden zn benützen. Die Aus-? trittsmöglichkeit ist allerdings schon seit dem Inkrafttreten des allgemeinen Dissidentengesetzes von 1872 geschaffen. Jedoch für die israelitische Majes-

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