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Neue jüdische Presse · 1912-05-03 · Heft 17 (3.5.1912) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 17 (3.5.1912)
Date
1912-05-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17 Frankfurter Israelitisches FamAienblatk. Ente 3 ein .k» nservMt.ive.L .Mitglied hat, - gewährleistet wird. ' - , - Sämtliche nun folgenden Diskussionsredner, stellten sich auf denselben Boden, den auch der Ausschuß des Verbandes der Synngogen-Gemeinden des Regierungs- Bezirkes Posen . bereits' früher als den peinigen durch Annahme einer dahin gehenden Resolution deklariert hatte. Rur der Führer der Posener Neologke, Rechtsanwalt Kaempser, machte eine Ausnahme. Nicht ein einziger Vorsteher oder Rabbiner aus der gesamten Provinz ergriff zu Gunsten des Ausschusses das Wort, und die von Landgerichtsrat Loewe aus Berlin mitgebrachte Resolution wurde zurückgezogen. Nachdem noch Rechtsanwalt Dr. K o l len scher - Posen in sehr klarer Weise die Gründe, die die Op- . Position bewege», gegen die Beschränkung des passiven Wahlrechtes und gegen eine übermäßige Vermehrung der Stimmen , der Groß-Gemeinden einzutreten, klargelegt hatte, trat Landgerichtsrat Loewe selbst dafür ein, daß die Sicherung der Vertretung der konservativen Interessen im Ausschuss« des D.-J. G.-B. statutenmäßig festgelegt werde. Wie das aber ohne Einsührung des Proportionalwahl-Systems und unter Beschränkung des passiven Wahlrechtes — (in diesen Leiden Punkten, behauptete er, nicht nachgebcn zu können) — geschehen könne, blieb sein Geheimnis. Oesterreich-Uugar». Wien. Sigmund Malers — Autor des Buches „Ein jüdischer Kaufmann" und Vater getaufter Söhne — Israelit. Union hielt an, 17. April ihre Genera lvcrsa m m lang ab. Diese Organisation erfüllt ungefähr denselben Zweck wie in Deutschland der Centralverein deutscher Staatsbürger israelit. Glaubens. 'Die Union hat in ihrem texten Berichtsjahre sich ein „Verdienst" dadurch erworben, das; sie die jüdische Wahlkurie in der Bukowina Hintertrieb. L u c i a n Brunne r brandmarkte in der Debatte der Generalversammlung diese Handlung in gebührender Weise. Scharf ging auch das Mitglied Beer mit der Tätigkeit der Union ins Gericht. Ein großer, kostspieliger 'Apparat für nichts und wieder nichts, denn die allmonatlich erscheinenden „Mitteilungen",-seien nur ein Abklatsch'der jüdischen Wochenblätter, und wenn es bei-Verletzung der Gleichberechtigung jüdischer Bürger sich um-eine energische Vertretung der Interessen handle, dann versage das Büro der Union. Wie«. Im ReichSrat brachten Abg. Reizes u. Gen. eine Interpellation bezüglich der . . . Landtagswahlreforni' in Galizien ein. Dr. Bobrzynski, der Statthalter Galiziens, hat nämlich im Wahlrcformausschuß des galizischen Landtags erklärt, daß die Regier n n g die Schaffung von Wahlkreisen mit jüdischer Majorität ver. hindern werde. Die Interpellation fragt den Ministerpräsidenten und den Minister des Innern daher ä», was sie zu tun gedenken, um die berechtigten Interessen der jüd. Bevölkerung .bezüglich der Landtagswahlresorm in Galizien zu wahren,'und ob sie geneigt wären, durch eine Erklärung die Erregung unter den Juden Galiziens zu dämpfen. Wie«. Eine imposante Kundgebung veranstaltete der Jüd. Handlungsgehilfen verband gegen den Boykott jüdischer Angestellter. Karl Blume beleuchtete die beim 1. Wiener Konsumverein herrschenden Zustände, der trotz seiner 23 000 jüdischen Mitglieder und seines zum Teil aus Juden bestehenden Verwaltungsratcs, prinzipiell keinen Juden anstelkt. M. K l i n g c u b e r g c r wies nach, welchen Umfang die Boykottierung der jüdischen Angestellten bereits angcnominen hat. Budapest. Vorige Woche fand in der Landeskanzlei der orthodoxen Jndenschaft eine Konferenz in Angelegenheit des geplanten orthodoxen Weltverbandes „Agudas Jisroel" statt. An der Konferenz nahmen die Rabbiner Dr. S. Breuer-Frankfurt a. M., Reich-Budapest. Silberstein-Waitzen und her Präsident der Landeskanzlei, Adolf Frankl, teil. Dr. Breuer teilte mit, daß das Komitee der „Agudas Jisroel" die Einberufung einer Gründungs- Versammlung nach Kattowitz (Oberschlesien) beschlossen habe und bat die . rabbinischen Führer der orthodoxen Judenschaft UngariP um deren Anschluß an die Bewegung und um die Beschickung der Kattowitzer Versammlung. . Ngch längerer Beratung erklärten sich. die ungarischen Konferenzteilnehmer mit dem Programm des Verbandes einverstanden und versprächen, die Angelegenheit der demnächst einzuberusenden Zontralkommission der orthodoxen Gemeinden befürwortend zu unterbreiten. Wenn sich die Zentralkommission für den Anschluß aussprechen wird, so werden einige Delegierte aus Ungarn an der Gründungs- Versammlung in Kattowitz teilnehmen. Frankreich. Parts. Die Blätter bringen grauenvolle Einzelheiten über die Plünderung des Jndenviertels in Fez. Hubert Jacques, der Berichterstatter des „Matin," schreibt seinem Blatte u. a.: ' Die Plünderung der Mellah Hdes Judenviertels) mit seinen 12 000' Einwohnern war derartig gründlich, daß nicht der ' kleinste Berkaufsgegenstand in den Läden, nicht das .geringste ganze Einrichtungsstück in den Häusern blieb. Was-wegen seines Gewichts oder Umfangs nicht weggefchleppt werden konnte, wurde an Ort und Stelle * kurz.und klein geschlagen: ' Zweitausend Soldaten, unterstützt von Bewohnern von Fez, deren Zähl nie bekannt werden wird, haben volle drei Tage än die Plünderung gewendet. Bisher wurden fünfzig Judenleichen aufgefunden. Mehr als doppelt so viel liegen noch unter vier Meter hohem Schutt. In ganzen Straßen reichen' die Trümmer bis zur Höhe des ersten Stockwerks. Tie Häuser, deren Bordersette völlig eingestürzt ist, lassen die Hinterwände der Wohnungen sehen. Das heftigste Erdbeben hätte kein erschreckenderes Bild schassen können. Am ersten Tage wurde nur geplündert. Ms die Räuber jedoch das Viertel'verließen, sagten sie: „Morgen kommen wir wieder, um euch abzuschlachten." Sic hielten auch Wort, doch konnten in der Nacht die Bewohner durch eine neue Pforte, die vor kurzem iri der Stadtmauer duvchgebrocheu wurde und die sich unmittelbar aus die nach dem französischen Lager von Dar Debibagh führende Landstraße öffnet, mw dem todgeweihten Stadtviertel fliehen. Ter Sultan nahm in den Hof seines Palastes auf, was sich dahin flüchtete. Er ließ an die Flüchtlinge alle Konserven verteilen, die in Kisten verpackt waren und als Mundvorräte für den geplanten Zug nach Rabat dienen sollten. Das genügte aber nur für eine kärgliche Mahlzeit, und die Unglücklichen wären Hungers gestorben, wenn die französische Militärverwaltung und das englische Konsulat sie nicht - am folgenden Tage ernährt' hätten. Tie Frage der Lebensmittelbeschasfung ist stbrigens eine äußerst dringliche, da Fez nicht genügend Vorräte enthält, um eine derartige Menschenmenge ans öffentliche Kosten zu unterhalten. Tie Flüchtlinge füllen jeden Fuß breit Erde, den sie in dem weitläufigen Sultansgärten, in den Gebäuden, Gängen Stallungen und Schuppen finden können. 'Aus Fez wird weiter gemeldet: Die Juden hungern Zu ihrer Ernährung wäre ein tägliches Ouantum von l0 000 Ko. Brot erforderlich, — und es gibt keine Möglichkeit, ein solches Quantum hcrznstellen. Ungeheure Hilfsmittel sind erforderlich) um die Massen wieder in Wohnstätten unterzubringen. In den Krankenhäusern liegen 34 Schwer-verwundete. Rutzlaud. Kiew. Der vom Justizminister Schtscheglowitow nach hier entsendete Prokurator der Petersburger Gerichtskammer, W i p p e r t, der die Anklage gegen Beilis vertreten sollte, hat nunmehr dem Jnstizniinistcr einen Bericht unterbreitet, in welchem er um seine Enthebung vom 'Amte des 'Anklägers bittet, da seiner Ansicht nach die Anklage gegen Beilis völlig unhaltbar ist. Trotz alledem läßt die Regierung den Prozeß noch nicht fallen, denn er nützt noch für die Zwecke der Reaktion. Sie hat ihn vorläufig auf den Herbst verschoben Das Opfer dieser Machenschaften, der Jude Beilis, muß so auch weiterhin trotz seines erschütterten Gesundheitszustandes hinter den Gcfängnismauern schmachten. Grodno. Im hiesigen Gouvernement find sämtliche jüdischen Familien, die in Dörfern wohnen — und zwar schon seit Jahrzehnten —, plötzlich ausgewiesen worden. Es handelt sich rrm 1100 Familien, meist Pächter von Gutshöfen und Mühlen. Alle Bemühungen in Petersburg, die Ausweisungen rückgängig zu'machen, waren bisher erfolglos. An mehreren Orten ist bereits mit der Austreibung der Inden begonnen worden. In Bjalostok sind schon solche um ihre Existenz gebrachten Familien angekommen. Moskau. Eine.Anzahl hiesiger jüdischer Juristen hat einen scharfen Protest 'gegen die Tauf b e we g n n g nn t er b e » hiesigen jüdischen i Advokaten erlassen; bei aller Berücksichtigung der traurigen Lage der jüdischen Advokaten sei es doch heiligste Pflicht eines jeden, treu zum Judentum und zum jüdischen Volk zn halten. Palästina. Jerusalem. Seit mehreren Jahren besteht hier unter dem Namen „Kehillath Jakob" eine Bereinigung jüdischer junger Leute) die den Zweck hat, für ihre Mtg lieber ein ländliches Grundstück in der Nähe von Jerusalem zu erwerben, um dort eine neue jüdische Kolonie zn schaffen, die hauptsächlich Gemüsebau und Milchwirtschaft treiben soll. Der- Kauf eines geeigneten Terrains in unmittelbarer Nähe Jerusalems ist nun dieser Tage abgeschlossen worden. Der bekannte amerikanisch-jüdische Philanthrop Nathan Strauß hat 'bei seiner jüngsten Anwesenheit in Jerusalem ein größeres 'Grundstück nächst dem Grabmal Ratzels erworben, um darauf späterhin eine Hochschule für die Wissenschaft des Judentums' zn errichten. Amerika. Boston. Hier tagt seit Sonntag früh unter Anwesenheit von etwa 60 Rabbinern die 23. Jahresversammlung der Zentralkonserenz amerikanischer Rabbiner, der Organisation der neologen Rabbiner. Der Sonntag war der Berichterstattung und der Montag derchristlichen Wissenschaft gewidmet; hinsichtlich letzterer wurde einstimmig folgende Resolution gefaßt: „Da die christliche Wissenschaft nicht nur ein friedliches Werk ist, sondern hauptsächlich und vor allen Dingen-ein religiöses System zur Erreichung der Menschen Seligmachung, /da sie . sich auf der christlichen Religion gemäß den Lehren Jesus Christus' aufbaüt. da diese Lehren den Lehren - des Judentums widersprechen und diese Umstürzen, -; so erklärt die Konferenz amerikanischer Rabbiner., daß eines Jude» 'Anlehnung an die christliche Wissenschaft, seine Entsagung rom Judentum in sich schließt, und des ferner», daß, wenn ein Jude sich einer Vereinigung für christliche Wissenschaft anschließt und für deren Zwecke Geld gibt, und damit die Lehren dieser christlichen Wissenschaft akzeptiert, er airshört, ein Jude im Glauben zu sein." Akiba. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Schluß). Tie Dienerin schüttelte den Kopf und trat etwas näher zu den Männern. „Sein Weib ist nicht bei ihm," sprach sie im Flüsterton, „sie ist fort-" „Fort? — Wohin'?" „Sst' st! er Lars nicht hören, daß von ihr geredet wird." „Aber wo ist sic'?" „Tas weis: ich nicht, das weiß kein Mensch, — Kalba Sabua auch nicht, wie mir scheint, — aber der Arzt hat gesagt, man darf ihn nichts fragen." „Wer ist renn jetzt bei ihm'? Wer pflegt ihn'?" „Ter Arzt hat ihn verbunden, daß er nicht mehr blutet und hat gesagt, er wird in einiger Zeit wieder nach ihm sehen. Inzwischen gehen wir wechselweise zu ihm, ich uno die Mirel und die Zirel — —" Tie Männer sahen einander kopfschüttelnd an, und nachdem sie flüsternd einige Worte mit einander gewechselt hatten, begaben sie sich ohne weiteres in dcS Zimmer des Verwundeten, dem armen reichen Marme wenigstens zn zeigen, daß seine Freunde an ihn dachten. Sie hatten wohlgetan, denn so sehr sic sich auch bemüht hatte>i, geräuschlos aufzutreten, er hatte ihr Kommen doch beinerkt und schlug mit sichtlicher An-- strcngung die schweren Augenlider auf. Sein Blick traf den ihm zunächst Stehenden, mit dessen Sohn er vormals seine Tochter hatte vermählen wollen, und der sich seither schon wiederholt bemüht hatte, Kalba Sabua mtt seinen Kindern auszusöhnen.. „Schimmel" flüsterte der Kranke. Ter Angeredete neigte sich zu ihm. „Was möchtest Tu, lieber Freund?" „Sie ist fort." „Tasür solltest Du Gott danken und lobeck," „Wenn ich nur ivüßtc, daß sie nichts mitgenomnren hat — —" „Tu darfst es Dich auch >vas kosten lassen, daß das elende Geschöpf nicht mehr bei Dir ist." „Wenn ich nur wüßte; — möchtest Tn schauen, ob das Spind da hinter mir zn ist." „Zur Hälfte ist es geschlossen, aber die andere Seite ist offen." „Gott! Geschwind, sag' au, welche Seite ist geschlossen?" „Tic rechte Seite ist geschlossen, nur die linke steht offen." „Gelobt sei Gott; — so bin ich doch wenigstens noch kein armer Mann!" — Aber das Sprechen schien ihn anzustrengen, ihm Schmerzen zu verursachen, in seinem faltigen Angesicht zuckte es. „Schimme, lieber Freund, — wenn ich' Dir gefolgt wäre, ivärc mein Kind bei mir, meine brave Rahel. — Undiväre ich ihr gefolgt, wäre es nie s» weit gekommen. Aber leider, leider! jetzt ist es zu spät! — —" „Wer sagt das? Warum sollte es zn spät sein? Ich bin sicher, wenn Rahel nur wüßte, daß Dir nicht ganz gut ist, so rvärc sie längst hier, — wenn sie nämlich wüßte, daß Tu sie nicht zurückweisest — „Ich sollte sie zurückweisen? Mein braves Kind, mein einziges Kind sollte ich zurückweisen?" Tränen entstürzten seinen Augen, und seine Freunde fürchteten ernstlich, daß seine mächtige Erregung sein Befinden schädigend becinsluffcn könnte. Gern hätten sie daher die Zustimmung des Arztes abgewartet, bevor sie die Tochter von dem Nglück ihres' Vaters benachrichtigten, aber der Verwundete verlangte so dringend nach ihr, yaß sic durch Verzögerung seine Erregung nur zu steigern besorgten. Schimme machte sich daher sofort auf den Weg, während die andern bei dem Kranken verweilen wollten, bis die Tochter' zurückgdkehrt sein würde ins Vaterhaus. Jnztvischen kam der Arzt wieder. Er fand den Kranken sehr aufgeregt und empfahl! den Freunden, keine Unterhaltung mit ihm zn beginnen und seme

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