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Neue jüdische Presse · 1912-05-03 · Heft 17 (3.5.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 17 (3.5.1912)
Date
1912-05-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 17. Seite 2. S. ErfremUche Ltzwptome. . Während weitim Westen, im wirrenreichen MaroKo der kranke Stamm des Judenschicksaks eine neue giftige Blüte gezeitigt hat, zeigt sich im-Osten Europas, im leidenreichen Galizien, ein neues Symptom der besseren Zukunft. . Ein Volksteil, der bisher am meisten jener /Apathie und Energielosigkeit, die zum Nichtstun und zum ,Hände in den Schoß legen" führt, gehuldigt hat, beginnt sich auf einmal aufzurassen und seine Haltung zu ändern. Vor zwei Wochen sind die.angcsechLndsten Chassidimrabbis Galiziens zu einer Konferenz zusammengetreten, und als Resultat derselben versenden sie einen Aufrnf, der in demjenigen, der ihre bisherigen Anschauungen kennt, Helles Erstaunen und freudige Verwunderung Hervorrufen muß. Es sind ganz neue .Laute, die aus diesen rwch im alten Mclizahstile abgefaßten Worten der Rabbis entgegentönen. Laute, die Energie, Tatkraft und den Willen, selbst mit Hand anzulegen ahnen. Sie sehen ein —, erklären sie im Aufrufe —, daß es so nicht mehr weiter gehen kann, daß die jüd. Lage in Galizien sowohl in äußerer, materieller wie in innerer, geistiger Hinsicht unhaltbar geworden ist. And so erklären sie denn die Notwendigkeit, seitens der Orthodoxie an die Besserung dieser Lage heranzugehen durch Gründung von orthodoxen Organisationen, von.Talmud-Thoras, Handwcrkerschnlen u. a. m. Wir wollen hier ganz davon äbsehen, ob die Mittel, die diese Chassidimrabbis Vorschlägen, alle geeignet und durchführbar sind;''— das worauf es vor allem ankommt, ist die Tatsache, daß hier zum ersten Male von chassidischer Seite der Wille zur positiv-», Arbeit proklamiert wird. Und diese Tatsache ist fast von historischer Bedeutung. Denn damit beginnt ein sehr zahlreicher und historischer Teil unseres Volkes in Aktion zu treten, der bisher allem schöpferischen jüd. Leben fern stand. Und wre wichtig dies ist, kann gar nicht genug eingeschätzt werden. Denn von diesen Volksteilen, von den Massen des jüd. Volkes hängt schließlich das Resultat aller Zukunstsarbeit ab. .Die jüd. Intelligenz kann nur die Impulse geben, die Bahnen weisen und die Anregungen verleihen. Die Arbeit selbst , muß von den Massen geleistet werden; und die ganze Schwäche unserer bisherigen Zukunstsarbeit lag eben darin, daß sie fast ausschließlich von der Intelligenz geleistsst wurde, während die Massen zum großen Teile abseits standen. Darum ist ein solches Ereignis von so großer Bedeutung. Es zeigt, daß die Massen beginnen, in die Arena der nationalen Arbeit zu treten. Wer noch ist das meiste nicht geschehen. Und gerade, während die Chassidimrabbis in Galizien ihren Ausruf versandten, verhalfen in Warschau eben die Chassidim in einem ewig schmach- Vvllen und häßlichen Bündnis, das sie mit den Assimilanten schlossen, diesen bei den Gemeindewahlen zum Siege. Daran mag man erkennen, was noch in dieser Hinsicht zu leisten übrig bleibt. Wer die Tatsache, daß in den Führern der Chassidim der Wille zur Arbeit sich zu regen beginnt, mag uns freudig stimmen und hoffen lassen, daß er sich rasch innerhalb der chassisischen Massen verbreiten und so Ereignisse wie die in Warschau unmöglich machen wird. Agudath Jisroel. Die Bestrebungen, die orthodoxe Judenheit der ganzen Welt zu einer Organisation zusammenzufassen, werden von den Initiatoren dieses Gedankens mft Beharrlichkeit fortgesetzt. Soeben ist ein Rundschreiben zur Versendung, gelangt, das auf den 27. Mai zu einer größeren vertraulichen Konferenz, nach Kattowitz einlädt. Das . Schreiben trägt folgende Unterschriften: Rabb. Dr. Breuer-Frankfurt, Oberabb. Dr. Feilchcn- - seid-Posen, Jsac H al evy-Hamburg, Rek.or Dr. Ho f fm an n-Berlin und die Namen des provisorischen Komitees mft dessen Vorsitzenden Kommerzienrat Louis Feist an der Spitze. Dem Rundschreiben entnehmen wir folgendes: „Seit Jahren ist die Sehnsucht unserer weitblickendsten Führer in allen Teilen der Welt wie der breiten Schichten der jüdischen Bolksmassen im Osten, daß endlich «mnal eine umfassende Organisation erstehen möge, die MWeurtityes MMMenvuM. auf dem geschichtlichen Boden der Tanroh ruhend, von dem Vertrauen der Millionen treugebliebener Söhne und Töchter des jüdischen Volkes getragen, sich der Lösung der vielgestaltrg'en praktischen und religiösen Aufgaben der jüdischen Gesamtheit widmen und die zum Zwecke solcher GcmeinschastsarbeitOst nndWest einander nähern können. Festere Formen begann dieses überaus natürliche Sehnen, das immer wieder in Anregungen und Vorschlägen• verschiedener Fassung zur Aeußerung drängte, mit erner seitens der „Freien Vereinigung jür die Interessen des orthodoxen Judentums" nach Homburg v. d. H. einberufenen vertraulichen Konferenz anznnehmen, an der die anerkannten geistigen Führer unserer russisch e n Brüder, und somit der ungeheuren Mehrheit der gesetzestreuen jüdischen Gesamtheit neben angesehenen Persönlichkeiten aus Ungarn und Deutschland teilnahmen. Schon diese gründliche Aussprache zu Homburgs die einige Wochen dauerte, ergab mit Evidenz, daß über die prinzipiellen Grundlagen der gemeinsamen Arbeit Uebcrelnstünniung vorhanden sei, - und es wurden unter allseitiger -Zustimmung die Grundzügc eines vorläufigen Statuts vereinbart." Der Zweck der zu bildenden Organisation ist nach jenen Hamburger Beschlüssen in präziser Fassung, wie folgt wiederzugeben: „Die „Agudath Jisroel" erstrebt: a) Die organisatorische Zusammenfassung und innere Annäherung der zersprengten Teile der gesetzestreuen Judenheit, insbesondere der östlichen und westlichen Juden. b) Die großzügige Förderung des Thora st ndi ums und der jüdischen Erziehung überhaupt in den dieser Förderung, bedürftigen Ländern. c) Die Besserung der wirtschaftlichen Lebens-Bedingungen für die jüdischen Massen in den Ländern der Not und in Palästina. ck) Die Organisierung und mitwirkendc Förderung von Hilfsaktionen im Falle des Bedürfnisses (Emigration) rc. c) Die Förderung einer von echtem jüdischem Geiste erfüllten Presse und Literatur, t) Die Vertretung der thoratreuen jüdischen Gesamtheit nach außen und die Abwehr der gegen die Thora und ihre Bekenner als solche gerichteten Angriffe." Seit der Hamburger Konferenz hat die vvrbereitcndc Arbeit trotz mancher äußerer Hindernisse nicht geruht, und es fand u. a. alsdann Ende vorigen Jahres in Frankfurt a. M. eine weitere vertrauliche Aussprache westeuropäischer Vertrauensmänner zu dem Zwecke statt, analog der prinzipiellen Prüfung des Planes durch die Geaunei Israel in Hoiüburg, nun auchnach der praktischen Seite durch Männer des kaufmännischen und industriellen Lebens die Grundlagen des Projektes zu diskutieren. Die Frankfurter Versammlung nahm nach gründlicher Beratung folgende Resolution an: „Die heute auZ allen Teilen Deutschlands,, ans Frankreich, Holland, Belgien und der Schweiz Versammelten erklären — .nach Anhörung und eingehender Diskussion der Referate über die bisher geleisteten Vorarbeiten — die Gründung einer auf dem Boden der Tauroh stehenden Weltorganisation zur Lösung der gemeinsamen idealen und sozialen Aufgaben der jüdischen Gesamtheit für die dringendste Fordern» g' ber 3;eit. Die Versammlung hält die praktische Ausführbarkeit des Unternehmens für gegeben, ernennt daher ein größeres Komitee mit dem Rechte der Kooptation und beauftragt dasselbe: Programm und Statut der Organisation ans Grund der Hamburger Beschlüsse auszuarbeiten und nach Vereinbarung mit den Rabbinen und nach Sicherung der finanziellen Grundlagen binnen zweier Monate eine Versammlung einzuberufen, welche die Konstituierung proklamiert." In der nunmehr nach .Kattowitz emberufenen geschlossenen Konferenz sollen die Grundzüge der Organisation, die auf breitester volkstümlicher Basis ruhen soll, vereinbart und nach erfolgter Konstituierung die vorbereitenden Maßnahmen zu umfassender Propaganda getroffen werden. Für den Herbst ist alsdann der erste größere Delegiertentag.der „Agudath Jisroel" in Aussicht genommen. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. In der letzten Sitzung der Repräsentanten der israelit. Gemeinde wurde der Rechnungsabschluß vorgelegt. Danach erreicht der Mat fast die Höhe von 4V- Millionen Mark. Ter Ertrag der Gemeindesteuern beträgt 2*/» Will., wovon fast ein Drittel für Wohlfahrtszwecke verwandt worden .sind. Die Zahl der Steuerzahler ist -gegenüber dem Vorjahre um 497 znrückgegangen und beträgt 38160. Die Gesamtschulden belaufen sich auf 10 788 640 M, die Verzinsung erforderte etwas über 490 000 amortisiert wurden 101300 JL Im Verwaltungsgebiete der Gemeinde sind rund 1000 Personen tätig, ca. 600 Angestellte und 400 im Ehrenamte. München. Die Synagogengemeinde hat ihren . Mitgliedern zum ersten Male einen Berwaltnngsbericht übersandt. Wir entnehmen diesem Berichte folgendes: Die Gemeinde zählt 2604 Steuerzahler, die 1911 131000 JL Steuern zahlten. Die Gemeinde verwaltet 112 Stiftungen und Fonds mit einem Gesamtvermögen von 2lU Millionen Mark. Die Zahl ihrer Beamten ist 17. München. Anläßlich der Reichslagswahlen wurde in der jüd. Presse vielfach die Frage behandelt, ob die Juden „links" oder „rechts" wählen -sollten. An diese Auseinandersetzungen wurde ich wieder erinnert, als ich in Nr. 100 des führenden bayer. Zentrumsblattes „B a y r. Kurier" eine Abhandlung Dr. Ludwig Wassermanns über: „Positives Judentum und Zentrum s p a r t e i" zu Gesicht bekam. Bekanntlich befindet sich seit einigen Monaten an der Spitze der bayerischen Regierung ein früherer Führer des Zentrums, Freiherr von Hcrtling. In längeren Redeschlachten ist im Landtag das Programm des neuen Ministerpräsidenten pro und kontra beleuchtet worden, ohne das; man sich bisher aus dessen „Taten" ein richtiges Urteil bilden konnte. Freilich, wenn er all das erfüllt, was er in seinen verschiedenen Reden versprochen hat, dann können auch wir Juden znsrieden sein; die verfassungsmäßigen Rechte fänden in ihm einen treuen Hüter. Diese Bemerkungen vorausschickend, komme ich nun zu den Ausführungen Dr. Wassermanns, die sich dahin zusamniensassen lassen, daß er „den positiven Juden den Anschluß an das Zentrum empfiehlt." Lohnt es sich, auf diesen eigenartigeir Vorschlag cinzngehcn? Ich glaube, der Zeitpunkt, dieser Frage überhaupt nur näherzutreten, könnte erst dann gekommen sein, wenn das regierende Zentrum zeigt, daß es in der Praxis — bei der Anstellung und Beförderung jüdischer Beamten — die Gleichberechtigung der Juden verwirklicht. Es muß hier aber in anderer Beziehung auf den Wassermannschen Artikel eingegangen werden. Er spricht viel vom Zionismus, bezw. von der „Stellung des Zionismus zum Staatsbürgertum". Gegen dieses Hi nein - ziehen des Zionismus muß energisch protestiert werden. Der Zionismus hat mit der deutschen und bayerischen Politik absolut nichts zu tun: der. Zionismus als solcher muß es entschieden ablehnen, mit irgendeiner politischen Partei identifiziert zu werden. . Offeubach a. M. Unsere Gemeinde hat: einen sehr schön gelegenen Bmiplatz — Ecke Kaiser- und Goethcstraße — für einen . Synagogenbau erworben. Zu dem für den Neubau ausgeschriebenen Wettbewerb waren 94 Entwürfe eingelanfen. Das Preisgericht, bei dem u. a. auch Prof. .Dr. Hülsen-Frankfurt a, M. als Preisrichter fungierte, hat^am 24. April getagt und den ersten Preis dem Architekten Fritz Schwarz, hier, den zweiten dem Hauptlchrer H. Stumpf in Darmstadt und den dritten dem Prof. Meißner in Darmstadt zuerkannt. Außerdem sind die Entwürfe der Architekten Hch. Beck aus Brenien und Karl Wagner hier durch die Gemeinde erworben worden. Zu dem Wettbewerb waren nur. hessische und in Hessen geborene Architekten zugelassen. Mit dem Bau wird nun in allernächster Zeit begonnen werden. Oldenburg. In der diesjährigen, am 21. April stattgehabten Sitzung des Jüd. Landgeme inderats wurde der Beschluß gefaßt, daß die Gemeindekassen den Vereinen für jüd. Geschichte n. Literatur — falls erforderlich — Zuschüsse zur Abhaltung von Vorträgen gewähren. Siuttgart. Aus den Bei handln-gen des Gesetzentwurf über die israelit. Religions geselkschaft in der Abgeordnetenkammer sei hier noch folgendes wiedergegeben: § 16 bestimmte, daß der Vorsitzende des Kirche n-Vor sicher am ts der Rabbiner bezw. der Vorsänger ist, wenn er die zweite Dienstprüfung bestanden und das 27. Lebensjahr zurückgelegt hat. Der Ausschuß hatte die Voraussetzung des zurückgelegten 27. Lebensjahres gestrichen und ferner beschlossen, daß auch ein Vorsänger ohne die zweite Prüfung durch ein verstärktes Kirchenvorsteheramt auf zwei Jahre zum Vorsitzenden gewählt werden kann. Die Kammer nahm die Aenderungen des Ausschuß an. Zu § 58 beantragten Löchner (Vpt.) und Häffncr (D. P.), in den Weiteren Rat auch einen ans den Vorsängern des Landes gewählten inlänbischen Vorsänger aufznnehmcn. Auch dieser Antrag wurde angenommen. Posen. Einige dem Aüslchusse des Deutsch- Israelitischen Gemeindcbundes nahestehenden Poscner Herren hatten auf Monntag eine Versammlung mit Landgerichtsrat L ö e w e - Berlin als Referenten einberufen. Nach ihm ergriff Bankier L o e w y - Rawitsch das Wort und widerlegte die Behauptungen. des Referenten der Reihe nach unter dem Beifalle der Versammlung. Seine Ausführungen belegte er durch verschiedene Beispiele aus der Provinz Posen. .Als conditio sine qua non für weitere Verhandlungen gab er die Einführung des Proportional-Systems für die Wahlen zum Ausschüsse des D.-J. G.-B. an, wodurch allein dauernd die Sicherheit für eine ausreichende Vertretung der gesetzestreuen Richtung im Ausschüsse des D^-J. G.-B., der jetzt unter 36 Mitgliedern nur

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