Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 17 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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f Y £ i ' Seite 4 \ i Klagen uüigkichst kurz zu beantworten. Aber er billigte es, baß die Tochter gerufm werde^ deren Ankunft die Aufregung des Kranken zwar steigern, aber ihm doch später Beruhigung bringen werde. Eine halbe Stunde mochte vergangen sein, die .Augen des Kranken hasteten unablässig an der Tür, -durch die die Erwartete eintreten mußte. Jeder Schritt, der draußen laut ward, trieb chm! das Blut ins Gesicht. Tie Männer hatten sich in den Hintergrund des Zmnners zurückgezogen, flüsterten leise mit einander und reichten dem Kranken hin und wieder einen kühlenden Trank oder die Arznei, die der Arzt verordnet hatte. Rähel war selbstverständlich sofort bereit, dem Wunsche ihres Vaters zu entsprechen. Sie wäre am liebsten schleunigst zu chm geeilt, aber unterwegs traf sie den Arzt, der chr Verhaltungsmaßregeln gab und sie dadurch onfhielt. Der Blick des Verwundeten haftete noch immer an bet Tür, die sich endlich, endlich! in den Angeln drehte. Schimmes mächtige Gestalt trat in das Zimmer, Rahels zarte, noch immer jugendliche, folgte chm auf dem Fuße. Kalba Sabua stieß einen Schrei aus, als er sie erblickte und streckte ihr beide Arme entgegen. Sie nickte chm liebevoll lächelnd zu, doch ohne Hast nahte sic dem Bette und zog beide Hände ihres Vaters an ihre Lippen. „Mein liebes, gutes Vaterle! — —" In den Augen des Kranken glänzten Tränen. „Hast Du denn Deinen Vater noch gern? — Er ist doch gar nicht gut zu Dir gewesen." „Rede nicht davon, Väterchen, ich weiß. Du wärst gern gut zu mir gewesen, aber Tu konntest nicht, Milka hat es nicht zugegeben." Der Kranke knirschte mü den Zähnen, seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Elendes Weib!" „Rede nicht von -chr, Vaterle," bat Rahel, das zuckende Antlitz chm streichelnd, „danken wir Gott, daß sie fort ist, hoffentlich wird sie nicht wicderkommen." „Macht' sie wiederkommen," murmelte Kalba Sabua mit flmmnenden Augen, „dann möcht' sie gesteinigt werden, die ©je&redjerin!" „Rede nicht von ihr, Vaterle, denke nicht an sie, — twnkc nur daran, daß jetzt wieder alles so sein wird wie vordem, daß ich Dich pflegen werde, bis Du mit Gottes Hilfe wieder gesund' sein wirst." „Mein gutes, braves Kind! — Du wirst immer iü mir bleiben, nicht?" . „Bis Du gesund sein wirst, sicherlich. Aber immer Du weißt,. ich bin verheiratet — —" „Ja, ja, ich weiß, der berühmte Rabbi Akiba, der große Lehrer in Israel, ist Dein Gatte. Sie haben eg mir gesagt, ich dürste stolz auf solch einen Eidam sein. — Ich bin's auch gewesen, — aber ich hab's nicht zeigen dürfen, — Tu verstehst — —" „Ich werde es Akiba sagen, daß Tu chm nicht mehr zürnst, er wird sich freuen." „Meinst Du? — Aber Herkommen würde er nicht, mit . Dir immer bei mir zu bleiben?" „Ich glaube doch." „So gehe, ihn zu stagen, Rahel, — gehe, ich bitte Dich, bringe chn her!" „Heute nicht. — Heute ist es zu spät, der Arzt hat gesagt Tu mußt bald schlafen." „Aber ich möchte bester schlafen, wenn idj. wüßte, Laß der große Rabbi Akiba mir verziehen hat." „Akiba trägt Dir nichts nach. Dü hättest nur scheu sollen, wie er erschrocken ist, als er hörte, daß Dir etwas zugestoßen ist. — Du hast es doch gesehen, Schimme?" „Gewiß," stimmte Schimme bei, „gesagt' hat er noch: Gehe zu chm, mein teures Weib, bringe Deinem Vater Genesung, auch ich werde für, chn beten, denn bis zuletzt ist er mir ein gütiger Herr gewesen." Dem Kranken stürzten die Tränen aus den Ailgen. „Das hat er gesagt? — Geh', Schimme, ich bitte Dich, bringe Du ihn zu mir her." „Gern will ich zu chm gehen und will chm sagen, och' Du nach ihm verlangst, und daß er-morgen bei zeiten Herkommen soll, um mit seiner Frau hier bei Dir zu bleiben. Aber Deine Tochter hat recht, stir heute ist es zu spät." Käkba Sabua mußte sich fügen uuo ward auch sehr bald vom Schlaf übernimmt. Aber es war kein erquickender, kräftigender Schlaf, denn das Wundsidber hatte sich eingestellt, das "Blut' tobte in den Adern des Kranken,, und als, .seinem Wunsche entsprechend, sein Schwiegersohn am folgenden Morgen an sein Bett trat, .erÄmtte er ihn nicht. Er erkannte überhaupt nieman-- Frankfurter Israelitisches FamLienblatk. den; nur. wenn er wimmerild, unzusammenhängende Worte murmelnd, dälag, wenn seine Tochter chm dann die Wangen streichelte oder Koseworte ihm' zuflüsterte, dann glitt es wie ein Schimmer von Bewußtsein durch seine verwitterten Züge. Länger als zwei Wochen dauerte dieser beängstigende Zustand, - dann trat eine Wendung zum Bessern ein;' und. ganz allmählich kam die Genesung. Aöcr Kalba Sabua war ein anderer geworden. Ter einst so robuste, kräftige Mann war wie ein Schalten seiner selbst. Dennoch war er glücklich in vem Glücke seiner Kinder, denn er betrachtete den Gatten seiner Tochter ^vollständig als seinen Sohn, auf den er mit Recht überaus stolz war, war Akiba nach dem Tode des R. Josua doch sogar als Haupt der jüdischen Gesamtheit anerkannt worden. * So hatte sich Rahels Voraussage , kn weitestem Matze verwirklicht, und länger als dreißig Jahre erfreute sie sich an der Seite ihres großen Gatten des reinsten, höchsten Glückes. Tann ward sie abgernfen, auf daß sie den grauenvollen Märtyrertoo, der dem hehren Manne bestimmt war, nicht doppelt und dreifach empfinde. Tas jüdische Reich mar damals unter römischer Oberherrschaft. Mer im Volke gärte es fort und forr. Solange Hadrian in Egypten und Syrien weilte, hielten die Unzufriedenen in Juväa mit dem Aufstande zurück, aber im geheimen trafen sie ihre Vorbereitungen. Tie Waffen, die die jüdischen Waffenschmiede für die Römer auzufertigen gezwungen waren, machten sie absichtlich schwach und unbrauchbar, da sie wüßten, daß dieselben gegen sie gebraucht werden sollten. In den höhlcnrcichcn Kalkgebirgen Juoäas legten die Verschworenen unterirdische Gänge und Schlupstvinket an, welche vor dem Kriege als heimliche Waffenplätze, im Kriege aber als geeignete Hinterhalte, den Feind unversehens überfallen zu können, dienten. Daß Akiba sich persönlich au dem Aufstand beteiligte, läßt sich nicht mit Bestiinmtheit Nachweisen. . Er machte weite Reisen zu den jüdischen Gemeinden der parthischen Länder und Kleinasiens; man vermutet zwar, daß der Ziveck seiner Reise gewesen wäre, die jüdischen Einwohner dieser Länder für den Abfall von Rom und-die Wiederherstellung eines jüdischen Staates zu gewinnen. Aber, wie gesagt, Bestimmtes ist darüber nicht bekannt. Bestimmt wissen wir nur, daß Akiba durch Bar Kochba das messianische Reich schon in nächster Zeit erwartete, denn er wandte auf ihn den Vers des Propheten Chaggai an: „Roch ein Kleines, und ich lasse Himmel und Erde erschüttern, stürze um den Thron der Reiche und vertilge die Macht der Heiden". Rabbi Jochanan aber sagte: „Eher wird Gras aus Deinen Kinnbacken wachsen, Akiba, che der Messias erscheinen wird." Schließlich hatte Rom doch' gesiegt, der Aufstand ivar niedergeschlagen. , In grauenvoller Weise ließ der Sieger den Besiegten seine Uebermacht empfinden. Ueber zwei Punkte verhängte Hadrian die schwerste Strafe, auf Lehrversammlungcn und ans die weihende Ordination von Jüngern. Ueber diejenigen Gesetzeslohrer, die trotzdem Lehrversammlungen hielten, wurde daher eine verschärfte Todesstrafe verhängt und ebenso über solche, welche die Funktion der Jüngerweihe ausübten. -Viele ließen sich dadurch zurückhalten, das Gesetz zu lehren, die meisten ließen sich jedoch nicht beirren. Man erzählt von zehn Märtyrern, die für das'Gottesgesetz chr Leben gelassen haben. Den bciven ersten hielt Akiba einen Nachruf, in dem. er hervorhob, daß beide, die sündcnfreien, lediglich als Vorbilder durch die Hand des Henkers gefallen seien, und schloß mit den Worten: „Bereitet euch vor zum Tode, denn schreckliche Tage werden über uns herenrbrechen." Sehr bald bewahrheitete sich seine Voraussage. Am fünften Tischri wurde Akiba in den Kerker geworfen, weil er Lehrvorträge gehalten Hatte. Wiederholt hatte Papus b. Juda ihn gewarnt, die Lchrversammlungen zu unterlassen, aber Akiba hatte ihm erwidert: „Ein Fuchs sah einst Fische in oer Nähe des Ufers ängstlich umherschwimmey, weil man ihnen mit Netzen nachstelltc; er riet ihnen, sich aufs Land zu begeben und bei ihm in Sicherheit zu wohnen. Die Fische aber erwiderten: Wenn wir in unserem Element nicht sicher sind, um ^wieviel weniger werden wir es sein, wenn wir uns aus demselben entfernen! — Unser Element aber ist die Gotteslehre, verlassen wir sie, so haben wir sicher noch mehr zu fürchten." Der Zufall brachte Akiba' im Kerker mit Papus zusammen, der es bitter beklagte, daß er wegen efteln, nichtigen Tuns verurteilt worden - und nicht wie Akiba Nr. 17. das tröstende Bewußtsein habe, wegen einer großen Süche zu sterben, — Ter Statlfjattct Rufus behandelte Akiba mit großer Strenge, lange ließ et ihn km Kerker schmachten. — Tie andern Gesetzeslehrer, die seine Erläuterungen nicht missen wollten, bemühten sich trotz allem, in zweifelhaften Fällen seine Belehrung zu erhalten. Einst gaben sie einem Boten 30ll Tenarc, damit er mit Gefahr seines Lebens zu Akiba dringe, um dessen Entscheidung einzuholcn. Ein anderes Mal gelang es einem seiner Jünger, R. Jochanan aus Alexandrien, durch List mit ihm zu verkehren und ihn wegen eines zweifelhaften Falles zu befragen. Als wäre er Hausierer, bot er in oer Nähe des Kerkers mit lauter Sttmme seine Ware feil: „Wer kaust Nadeln, wer Gabeln, wie ist es mit dem Akt von der Entbindung der Schwagerehe?" Akiba, die Frage verstehend, antwortete: „Hast Tu Spindeln zu verkaufen, hast Du „giltig". Auch wegen Berechnung des Schaltjahres berieten die Tanaiten mit dem gefangenen Gesetzcslchrer vermutlich in ähnlicher Weise. Endlich erfolgte die.Hinrichtung. Rufus ließ die Todesqualen ins Unermeßliche steigern. Doch während der Folter sprach der h?hre Märtyrer mit glücklicheni Lächeln das Sch'ma. Alles staunte. Rufus ftagte ihn, ob er ein Zauberer wäre, daß er die Schmerzen so leicht verwinde. Akiba erlviderte: „Ich bin kein Zauberer; aber bisher habe ich meinen Gott nur mit meinen Kräften und mit meinem Vermögen lieben können, darum freue ich mich jetzt, daß mir Gelegenheit geboten ist, Ihn auch mit meinem Leben zu lieben." Akiba hauchte seine Seele aus mit dem letzten Worte unseres Glaubensbekenntnisses, mit dem Worte: „Echod!" (Gott ist) „einzig". OPTIK J. W. liiert, loh. P. Mrcy. Ecke Neue Malnzerstr. u. Welsslrauenstr. II. Elektr. KlaiiibaleucMung. Taschenlampen. Bunte Chronik. Michael Flürscheim. Der bekannte Boden- und Wohnungsrcformcr Michael Flürscheim ist — 69 Jahre alt — in Berlin verschieden. In der „Franks. Ztg." erzählt ein Mitarbeiter Theodor Herzls von seiner Bekanntschaft mit Flürschein in Herzls Arbeitszimmer. „Er erzählte uns viel von Neuseeland, seiner neuen Heimat, wo er mit Frau und Kindern lebte und sich lebhaft an der Polittk beteiligte. Hasste er doch dort seine Theorien noch praktisch erproben zu können. Interessant war, wie Herzl und er sich gegenseitig zu bekehren suchten. Neugierde hatte Flürscheim hergeführt. Er wollte mit eigenen Augen den Menschen sehen, der an die Gründung eines Judenstaats dachte, und wollte sich vergewissern, ob das auch ernst gemeint sei. Als er sich davon überzeugt hatte, schüttelte er den Kopf: „Wir Inden sind Sauerteig. Ohne uns werden die Völker schläftig und stationär. Aber aus lauter Sauerteig Brot backen ist unmöglich." Herzl berief sich darauf, daß doch auch die Juden tausendjährige Staaten gehabt hätten und gar kein Grund vorhanden sei, ihnen, wenn 'sie nur erst Land hätten, die staatenbildende Kraft für die Gegenwart abzusprechen. Flürscheim erwiderte: „Heute sind die Juden kein Volk mehr, höchstens noch eine Klasse. Es fehlt ihnen die landwirtschaftliche Unterschicht. Sie gehören alle zum Mittelstand, selbst wenn sie proletarisiert sind." Dagegen wand -Herzl wieder ein, daß die Kolonien in Palästina und Argentinien sehr gediehen, und so ging es eine Weile mit mehr oder minder geläufigen Argumenten um das zionistische Problem herum, wobei sich schließlich beide Utopisten und Phantasten hießen, aber in aller Höflichkeit des Salons. Ich kam mir zwischen den Propheten vor wie das Weltkind in der Mitten. Kaiser Friedrich Quelle —— Offenbach a. Si — Gegen Gicht and Bhenmatismns bewährt. Alleiniger General -Vertreter: Friedrich Stahl» Frankfurt a. M., Stallbnrgstr. 9, Tel. 259 n. 714. , Wochev-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem I>o»eh.) SamStag, dm 4. April (—17. Ijar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 15 Min. Sabbat-AuSgang in Frankfutt a. M. 8 Uhr 40 Min. in Berlin 8 Uhr 25 Min. Wochenabschnitt: Emaur. — Priester-Gesetze. Der gewöhnliche Priester darf sich an sieben der nächsten Verwandten „verunreinigen", d. h. sie als Leichen berühren. Der Hohepriester darf dies selbst an den nahen - Verwandten nicht; nur ein jungfräuliches Mädchen darf er ehelichen, nicht eine Witwe. Keinerlei Körperverletzung wegen eines Toten machen. Lehre daraus: Israels Priester stehen nicht unter dem Bann eines „Totenkultus", sie gehören voll und ganz dem Leben an! — Leibesfehler, (am Auge, Fuß, an der Hand usw.) werden aufgezählt, welche den Priester zum Dienste untauglich machen. /Auch „Tumo" oder „Unreinheit" schließt vom Genuß. heiliger Opfergaben ans. Kein Nicht-Priester genieße heilige Hebe» und Gäben, ausgenommen des Priesters Frau, Minder und Knechte; jedoch auch diese unter gewissm Umständen