Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 17 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zweierlei ist Lei uns Menschen die Art des geistigen Könnens: rein abstrakte Auffassung und Denken. Elftere, ein geistiges Schauen in der Fläche, sieht nur das Aeußere der Dinge; letzeres, ein geistiges Schauen im Raume, dringt in deren Wesen ein. Auch in der rein abstrakten Auffassung gibt es Höhenziele für die Intelligenz — z. B. Errungenschaften eines Sprachtalents —geistige Werte schafft jedoch erst das Denken, das' Produzieren des gestaltenden Geistes. Dort toter Schematismus; Hier schaffendes, lebendiges Leben. Mn geistiges Schauen in der Fläche ist.das Verhältnis der Meisten Juden der Gegenwart zu ihrem Judentum geworden. Der Assimilierungsprozeß, der immer uiehr die jüdische Innerlichkeit schwinden Machte, Hat das verursacht, — und dieser Assimilierungsprozeß hat seine Tätigkeit selbst in der orthodoxen Judenheit vollbracht, die doch den festen Willen zum. Judentum hat. Dieses ist nicht nur in den literarischen Erzeugnissen der meisten ihrer geistigen Vertreter zu konstatieren — deren Leistungen fast ausschließlich Arbeiten schematischer Natur sind und den Fleiß des Berufsgelehrten, aber nicht die Gestaltungskraft und das intuitive Schauen, des Jdealgelehrten zeigen —; sogar hinsichtlich der sozialen und ökonomischen Interessen der Orthodoxie muß dieses festgestellt werden. Auch hier, wo es sich um die notwendigsten Lebensbedingungen, UM die nacktesten Alltagsinteressen handelt, sieht Man kein Hinauskommen über den Schematismus, kein lebendiges Erfassen all' der für die Mhaltung des Judentums wertvollen Momente. * Da ist der Sabbat. Seine Beobachtung ist infolge der veränderten wirtschaftlichen- Verhältnisse und insbesondere durch die Sonntagsruhegesetzgebung sehr erschwert würden. Tausende, die chm untreu geworden sind, wären ihm treu geblieben, wenn heute noch die Bedingungen beständen, wie sie vor etwa fünfzig Jahren waren. Nun ist es klar, daß die Orthodoxie, deren Existenz auf der Sabbätb'eobachtung beruht, ständig ihre gesamte ideelle und materielle Kraft anspannen müßte, um hier voll und ganz ihre Pflicht getan zn haben. Doch wie steht es mit dieser dringendsten Aufgabe? Betrachten wir die deutsche Orthodoxie, die in Westeuropa die bewußteste und darum die regste ist! Was hat sie geleistet.? In einem Verband der Sabbatfteunde und in einem diesem eng angegliederten Stellenvermittlungs- und Versicherungsvere ine findet die Summe dieser Leistungen ihren zusammengefaßten, sichtbaren Ausdruck, und alljährlich Mit dem Verbandstage des Verbandes der Sabbatfteunde stellt sich der Oeffentlichkeit eine Bühne dar, auf der die Vertreter der Orthodoxie von ihren Taten und ihren Wünschen sprechen: Sie müssen sehr mit sich zufrieden sein, wie die Reden, mit denen sie, ihre Beratungen einleiten, und die Toaste beim Festessen beweisen. Mn gehobener, festlicher Geist .schwebt über den Verbandstagen. Ob aber diese Zufriedenheit, diese' Freude wirklich ihre Berechtigung hat oder aber, ob sie wie bei verarmten Adelsgeschlechtern nur ein Hinwegtäuschen über die wirkliche Lage bedeutet, das soll hier einmal ernst geprüft werden, geprüft an Hand des vor kurzem erschienenen Jahresberichtes des Israel. Stellenver- Mittlungs- und Bersicherungsdereins. 155 Kommisstellen hat hjeser Verein in seinem Berichtsjahre besetzt, und mit Stolz konstatiert er, daß durch ihn 45 o/o der Bewerber Stellung fanden, während bei den großen kaufmännischen Vereinen durchschnittlich nur 38 °/o der Bewerber untergebracht werden. Was er. aber schweigend übergeht, ist die recht bedenklich stimmende Tatsache, daß von diesen 155 Stellen 96 ein Jahreseinkommen von 1000 Mark und darunter und nur 3 ein Einkommen von 2000 Mark und darüber erbringen. Wahrlich, .diese Tatsache ist so trostlos, daß es unbegreiflich erscheint, woher man den Mut nimmt, den alljährlichen Berbandstagen einen solch' festlichen Aufputz zu geben, und vor einem Rätsel steht, wenn Man sieht, daß die Tagungen diesen wunden Punkt, der den Brennpunkt ihrer Debatten bilden sollte, nicht einmal berühren. Doch die Tatsache besteht, und nicht nur das: sie gewährt einen grellen Schein in das innere Gefüge der Orthodoxie, wie sie sich heute präsentiert. Heber 60% der untergebrachteu Kommis behelfen sich mit einem monatlichen Mnkommen von 60 bis 80 Mark, einem .Einkommen, das bei den meisten einen elterlichen Zuschuß erfordert. Muß ein solches Mnkommen nicht bei zahlreichen jungen Leuten ein ständiger Mahner sein, dem Sabbat untreu zu werden? Und müßten nicht.diese schlecht zahlenden Prinzipale, wenn ihr Judentum ihnen wirklich Herzenssache wäre, lieber an sich sparen, als daß sie in die Gefahr kommen, durch ihre Schuld einen jungen Mann zur Sabbatentweihung zu veranlassen? Sind solche Gehaltsoerhältnisse nicht als betrübender Beweis daftir aufzufassen, daß das Denken weiterer Kreise unserer Orthodoxie nicht mehr mit dem traditionellen Judentum verwachsen ist, daß vielmehr nur noch äußere Fäden beide verbinden? Das sind Fragen, die des ernstesten Nachdenkens wert sind, und die zu beantworten besonders Pflicht der Leiter der Vereinigungen zur Erhaltung des Sabbats wäre. Die Antwort kann nur eine bejahende sein. Doch damit ergibt sich schon der Weg zur Besserung: Jüdisches Denken muß wieder in, unserem Bewußsein Raum ergreifen! Die Verinnerlichung desJudentnms in ihren eigenen Reihen ist die wichtigste Aufgabe der Orthodoxie. Nur hieraus kann die Kraft zum. Wachsen und Gedeihen erstehen. Ob sich aber diese Vertiefung des Judentums bei den Zeit- und Milieuverhältnissen der Gegenwart in den Ländern des Golus in genügendem Umfange überhaupt erreichen läßt, — auch das bedarf ernstesten Nachdenkens all derer, denen das! Wohl und Wehe des Judentums in Wahrheit auch das Wohl und Wehe ihrer eigenen Person ist. Aus den Ereignissen des Tages. 1. Zum Judeumaffatre i« Fez. Alte, wvhlv'ertraute Klänge gelangen an unser Ohr; oft gehörte Laute erschallen, und schon oft vernommene Kunde erreicht uns wieder: Juden werden niederoemetzelt. Wo? Der Ort ist sicher gleichgiltig. Heute da und' morgen dort. Gestern in Rußland und heute in Marokko'. Wieso? Wer wird noch diese Frage stellen: Wieso? Warum? 2000 Jahre lang wiederholt sich dasselbe Trauerspiel. Ob es in Rußland ist oder in Rumänien, in England oder Marokko, der Judenhaß ist überall derselbe. Da Nr. 17. äußert er sich roher, brutaler, unverhüllter, und da tritt er feiner, geschmückter, leiser auf. Wir müssen gestehen: Uns kann die Nachricht von einem Judenmassakre nicht mehr jenes Entsetzen einflößen, das sie eigentlich Hervorrufen müßte. Wir weinen über die unglücklichen Opfer, klagen über das furchtbare Schicksal des Volkes —, aber es sind immer wieder die alten,' nie versiegenden, gleichbleibcnden Klagelaüte und Schmerzensschreie. Wer ein trauriges Meignis als notwendig, alsvon allgemeinen Ursachen bedingt erkannt hat, tritt ihm ruhiger, sicherer, gefaßter gegenüber als derjenige, der in ihm nur die Folge eines bösen Zufalls, einer grausamen Schicksalslaune sieht. Wer die Judenftage tit_ ihrer ganzen Tragik ergriffen hat, wer weiß, daß, solange wir imser krankhaftanormales Schattendasein ftisten, Massakres und Pogrome, Verfolgungen und Zurücksetzungen unumgänglich sind, den trifft die Kunde von einem neuen. Judenpogrom nicht mit jener elementaren Wucht, die ihr eigentlich zükommt. Ihm bedeutet sie nur einen bittren Tropfen mehr in dem Riesenkelche des nationalen Leidens, und vor der ganzen, unermeßlichen Tragik unseres nationalen Seins verschwindet fast die besondere Tragik des einzelnen Ereignisses. Uns kann die Kunde von einem Judenmassakre nichts Neues Mehr sagen. Wohl aber den anderen, den vielen, die noch nicht den Mut und die Kraft, die Fähigkeit und Einsicht besessen haben, die Judenftagc in ihrem tragischen Kern zu erfassen, —ihnen muß und soll jedes solche Meigniis eine Lehre-, eine Mahnung, sein. Mehr als alle kalte Logik, mehr als alle Worte des Temperamentes kann ein solch unmittelbares, durch seine Furchtbarkeit so eindrucksvolles Ereignis zum richtigen Verständnis der Judenftage führen. Darum: Mit Geldspenden allein ists nicht getan. Wer sich damit begnügt, mit eineM lumpigen Taler das Unglück lindern zu wollen und glaubt, ..damit seine Pflicht erfüllt zn haben, an. dem ist auch das Meignis spurlos, wirkungslos Vorübergegangen. Mft Philanthropie kommt man dem Judenproblem nicht bei; sie kann ein Pflästerchen, aber kein Heilmittel sein. Erst wenn ein solcher Vorfall die Augen öffnet, wenn er vom einzelnen Fall zu den allgemeinen Berhältniffen und Lehren führt, erst wer dieses Judenmasakre nicht als' zufälligen Einzelfall, sondern als notwendige Folge unserer ganzen Lage, als einzelnen Ring in der großen Kette unserer nationalen Tragödie erfaßt hat, erst der hat diesen Schlag innerlich überwunden, indem er ihn begrifflich erkannt hat. Der aber wird auch nicht mehr in Entsetzen und Schrecken geraten, wird nicht mehr Zeter und Mordio schreien, wird nicht mehr feige winseln und auf Sklavenart an die Humanität der Kulturvoller appellieren, sondern er wird sich mit erneuten Kräften an die Arbeit machen, wird, nachdem er sein Schcrflein zur unmittelbaren Linderung der Not beigetragen hat, seinen Blick von der grausigen Gegenwart weg in die schönere Zukunft wenden, von der ihM die belebenden, kräftespendenden Strahlen einer ausgehenden Sonne entgegenleuchten. Diese Strahlen, werden ihm aber Mut und Kraft verleihen, und so wird das neue Unglück ihn nicht brechen und entzmutigen, sondern nur neu stärken und festigen. Dann aber kann er voy sich sagen, was nur der wahre Held von sich behaupten darf: Das Schicksal hat nicht mich, sondern ich höbe das Schicksal überwunden.