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Neue jüdische Presse · 1912-04-26 · Heft 16 (26.4.1912) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 16 (26.4.1912)
Date
1912-04-26
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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'wjj^uuu ,hui, Seite 4. 4 nicht bestreiten, das; keine jüdischen Oberlehrer in Hamburg augestellt sind und ferner, daß der Schulrat eine solche Haltung einnimiiit. .Ties unterstrich der Reichstagsabgeordnete Dr. Bi u n ck noch besonders; er sagte, es sei stadtbekannt, daß hier jüdische Oberlehrer grundsätzliche nicht angestellt würden. Tie Debatte machte auf die Mehrheit einen recht peinlichen Eindruck, was sich darin äusterte, daß niemand das Verhalten der Oberschulbehörde zu verteidigen ivagte. Bon liberaler Seite war noch darauf hingewiesen worden, daß die Universität, welche eine derartig antisemitisch gefärbte Oberschulbehörde ins Leben rufen wolle, ein eigenartiges Produkt werden dürfte. Stuttgart. Die Abgeordnetenkammer hat den . Gesetzentwurf über die israelit. Religionsgemeinschaft heraten. Auf konservativen Antrag wurde statt des Wortes „Landeskirche" in dem neue» Gesetze das Wort „Religionsgemeinschaft" gesetzt, da der Begriff »Landeskirche" voraussetze, daß der Landesherr summus episcopus der Kirche fei. . Zu Artikel 2 wurde beschlossen, daß imr die lebenslänglichen Mitglieder des „Engeren Rates" vom König, die anderen aber vom „Weiteren Rate" gewählt werden. Die Strafbefugnis der Borstehämter gegen die Gcmeindemitgliedcr wurde gestrichen; diejenige gegen die Beamten auf höchstens 12 JL festgesetzt. Auf Anfrage des Wg. Elsas gab der Kultusminister die Erllärung ab, daß der § 53 der Kirchenverfassung über die Austrittsmöglichkcit ein wesentlicher Bestandteil der Kirchenvervassung sei und die Regierung nicht beabsichtige, eine Aenderung dieses Paragraphen, die etwa den Austritt aus der Landeskirche verhindern wolle, zuzulasseu. Ter dem Gesetzentwurf Leigegebene Entwurf einer israelit. Kircheiwerfassung wird erst später beraten. Vorerst hat .die israelit. Oberkirchcnbchördc die von der Kammer beschlossenen Aenderungen daran vorzunehmeu. Jedenfalls haben die bisherigen Machthaber der württembergischen Judenheit an der Neugestaltung der Tinge keine Freude. Rußland. Petersburg. Nicht nur aus Kiew, auch aus anderen Städten des Südens Rußlands kommen Meldungen über die überhandnehmeude Pogromagitation. Mit dem Bild Juschtschinskis wird eine Art Götzendienst getrieben, da es auf den Märkten und in den Spelurcken in massenhaften Reproduktionen vertrieben wird und den Mob in die stärkste Aufregung versetzt. In Kiew selbst kehrt die Ruhe nicht ein. Während der Osterfeicrtage war die Panik so groß,, daß der Gouverneur von Kiew sich veranlaßt sah, die lokalen Rabbinenzu sich zu berufen und ihnen zu erklären, daß er alle Maßnahmen zur Verhinderung eines Pogroms getroffen habe. Kaum ist das Osterfest ohne Zwischenfall verlaufen, als auch die Hetze schon von neuem eingesetzt hat. Eigens zu diesem Zweck ist Markow herbeigeeilt, der bekannte Skandalmacher der Duma, um in einem Vortrag über „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" die Pogrompropaganda mit frischen Kräften aufzunehmen. Die Geistlichkeit sekuiwiert den Hetzern. So hat, um ein Beispiel anzuführen, der bekannte Mönch Scrapion seine an verschiedene Institute und Organisationen versandten gedruckten Osterglückwünsche mit den Worten geschlossen: „Möge Gott auferstehen, und mögen seine Feinde, die verfluchten Juden, die mit Revolutionen sich befassen, vernichtet werden. Nuss. Korresp. Kiew. Ob der von der Justiz arrang'erte Ritualmordprozeß noch im Laufe dieses Frühlings stattsindeu wird, wird immer fraglicher. Es scheint, daß die „echtrussischen" Fanatiker Mt selber den Prozeßtcrinin möglichst verschoben sehen möchten, um einerseits das Handwerk der Pogromagitation in der Zwischenzeit um so gründlicher ausüben zu können, andererseits aber uin für den entscheidenden Moment besser gerüstet zu sein. Denn es ist kein Geheimnis, daß die Anllageschrift gegen den angeblichen Ritualmörder Beilis ein klägliches Machwerk ist. Nichts belastet darin den Mann, dem der Knabe Juschtschinski zum Opfer gefallen sein soll, und mit ebensolchem Rechte könnte jeder andere Jude — wie Nichtjude — der Tötung Juschtschinski bebezichtigt werden. Wie nichtig sind doch die Zeugenaussagen, welche Beilis belasten sollen! Ein Spielkamerad des Juschtschinski, der inzwischen verstorbene Eugen Tschebyrjakow, der mit Juschtschinski am Mordtage spazieren gegangen ist, soll einem gewissen Schachowskoi gesagt haben, daß sic anr betreffenden Morgen innerhalb des Gehöftes der Sajtzeffschen Ziegelei, in der Mendel Beilis angcstellt ist, nicht fern vom Ziegeleioseu von einem Mann mit einem schwarzen Bart aufgcschreckt worden seien. Schachowskoi selbst fügte zu dieser seiner Erzählung die Behauptung hinzu, daß der Mann mit dem schwarzen Barte kein anderer als Bellis gewesen sein könne; nach seiner Ansicht habe dieser an der Ermordung des Juschtschinski teilgeiwmmen, während der Knabe Tschebyrjakow den ermordeten Spiellameraden im Gehöft der Sajtzeffschen Ziegelei verlockt hätte. Bei seiner späteren Bekundung schränkte Schachowskoi feine eigenen Angaben selbst ein: Der Knabe Tschebyrjakow hätte ihm nur gesagt, daß er und sein Spielkamerad von irgend jemand aufgeschreckt worden seien. Den Mann mü dem schwarzen Bart habe er sich selbst hinzugedacht und daraufhin die Vermutung ausgesprochen, daß cs nur Beilis gewesen fein könne. Frankfurter Israelitisches Familienblaü. Nc. 16.- So .ist die ganze' AussESSchWowskois schließlich belanghis geworden. - klnd ebenso erging es - seiner Frau, die offenbar auch ihrerscfts aus irgend welchen Gründen den Beilis hatte belasten wollen. Laut ihrer ersten Bekundung'hätte ihr eine gewisse Sacharowa mft dem Spitznamen Wolkiwna erzählt, daß, als Juschtschinski nebst Tschebyrjakow und einem dritten Jungen am Mordtage iin Gehöft der Sajtzeffschen Ziegelei gespielt hätten, der dort wohnhafte Mann mit deni schwarzen Bart erschienen sei und vor ihren Augen den Juschtschinski ergriffen und .in den Ziegeleiofen hincingeschleppt hätte. Dieselbe Wolkiwna, alias Sacharowa hätte ihr später direkt gesagt, daß cs Beilis gewesen fei. Das klang sehr belastend. Allein die Kronzeugin Sacharowa leugnete gbsolut, daß sie jemals auch nur etwas Aehnliches der Schachowskaja gesagt hätte, sie leugnete überhaupt, daß sie ein solches Gespräch mit der Sachowskaja geführt hätte, und diese at nahm später den wesentlichsten Teil ihrer Beung zurück. Kiew. Die öffentliche Verhandlung des Prozesses I u st s ch i n s k y ist auf den Herbst angesetzt worden. Warschau. Zu einem Merarilchen und gesellschaftlichen Ereignisse ersten Ranges gestaltete sich die Jubiläumsfeier der „Hazefirah" im großeir Saale der Philharmonie. Der Andrang war ungeheuer und die Zahl der auswärtigen Deputationen sehr groß. Reden hielten L. Kaplan („Entwicklungsgeschichte der Hazesirah"), Rabbiner Tr. I. L. K a n t o r - Riga („Entwicklungsgang der hebräischen Presse, Charakteristik Sloniinskis, des ersten und Sokolows, des jetzigen Chefredakteurs der Hazcfirah"), Dr. Samuel Posn a n s k i - Warschau, Rabbiner Dr. Moses M o h i l c - wer-Bialystok, Hillel Zlatopolski-Kiew, Rabbiner Dr. I. Thon- Krakau und .N a h u m S o k o l o w. Chorgesängc und lebende Bilder bildeten die Umrahmung der glänzenden Reden. Am Festmahl nahmen über 500 Personen teil. Tie Warschauer hebräischen Vertagsgesellschaften „A ch i a s s a f", „T u s ch i j a h" und „S a f r u t h" haben beschlossen, aus Anlaß des Jubiläums der „Hazefirah" eine Anthologie der hebräischeu Zcitschristenlitcratur herauszugeben, die in chronologischer Reihenfolge charakteristische Proben aus den verschiedenen hebräischen Zeitschriften und Tageszeitungen — von dem Berliner „Meassef" des Mendelssohnschen Kreises augefangcn bis auf den heutigen Tag — enthalten soll. Bulgarien. Sofia. Zudem im Oktober stattfindenden 25jährigen Regierungsjubiläum Ferdinand I. plant die bulgarische Judenheit die Herausgabe einer G e s ch i ch t c^ d e r Juden in Bulgaren. Das Werk ist als Sammelschtist gedacht. Großrabb. Dr. Ehrenpreis, Räbb. Dr. Rosen Wasser, Dr. med. Navon, der Historiker Salomon Rosanis (Rustschuk), der Nationalökonom Peter _©abbc (Baltschik), Prof. E. Kohen (Phllippopel) usw. 'haben ihre Mitarbeit zugesagt. Palästina. Jerusalem. Ein Kom'tee (Evbraim Cobn, David Uellin, Marcus Kahan, Dr. A. Masie und Dr. Jsaac Levh) erläßt folgenden ' Aufruf: „In diesem Sommer werden es 30 Jahre, seitdem Herr A. M. L u u c z seine fruchtbare Arbeit auf dem Gebiete der Palästtnaliteratur begonnen hat. Herr' Luncz gehört zu den wenigen unter unseren Glaubensgenossen, welche sich 'mit der Erforschung Palästinas, seiner Geschichte und Literatur erfolgreich befassen. Seinem unvergleichlichen Fleiß und seinen umfangreichen Kenntnissen verdanken wir 10 Bände des Jahrbuches „Jeruschalaün", 17 Hefte des „Palästina-Almenachs" und die Neuausgabe von 4 Bänden der „Alten Paläskina-Litcratur." Ihre Krone sollte diese reiche literarische Arbeit erhalten durch eine Neuausgabe des „Talmud Jeruschalmi" auf Grund von Handschriften in London und Nom und allen Drucken mit Ailinerkungen und Kommentaren. Drei Bände dieser für die talmudische Wissenschaft so wertvollen Ausgabe sind bereits erschienen und haben den Beifall aller Fachgelehrten gefunden. Leider aber mußte das Erscheinen der weiteren Bände eine Unterbrechung erfahren, weil dem Verfasser die nötigen Geldmittel fehlen. I n W ü r d i g n. n g der 30 j ä h r i g e n literarischen Arbeit des verdienten Gelehrten möchte das unterfertige Komitee an alle Freunde der Palästinaliteratur die Bitte richten, durch die Schaffung eines Fonds die weitere Herausgabe des „Talmud I e r u s ch a l m i" zu ermöglichen. Indem die Unterzeichneten die Verwaltung eines solchen Fonds nnd die Uebcrwachuug der Drucklegung übernehmen, sprechen sie die Hofsnung aus, daß insbesondere durch reichliche Subskriptionen dem würdigen Verfasser die Möglichkeit gegeben wird, das begonnene Werk zu vollenden.*) Amerika. Philadelphia. Das infolge testamentarischer Verfügung Moses Aron Dropsics errichtete Drop sic College ist von Oberrichter Meyer Sulzbcrger feierlichst eröffnet worden. Nach ihm sprachen Dr. Cyrus Adler, der Rektor der Anstalt, Prof. S. Sch echter *) Adresse: Dr. I. Levy, Dir. der Anglo-Palästinc Co. Ltd.,: Jerusalem. vom Newyorkc'r Rabbiuerseminär und Prof. George F. M o o r e, der Rektor der berühmten Harvard-Universität. . Das Dropsic College, das eine Hochschule für hebräische und semitische Sprachen und Wissenschaften ist, verfügt über ein Vermögen von 1 Million Dollar. . Interessant ist der Lebenslauf seines Stifters Dropsic. Er wurde in Philadelphia als Sohn eines holländischen Juden und einer holländischen Christin geboren. Nach einer Uebereinkunft der Eltern sollten die Kinder erst im erwachsenen Aller ihre zukünftige Religion selber bestinunen. Unser Held erklärte sich für die Mische Religion. Früh erwachte in ihm die Lust, viel zu lernen nnd besonders die jüdische Wissenschaft unter seinen Glaubensbrüdcrn zu verbreiten. Mit 13 Jahren wurde er von seinem Vater, der ein reicher Kaufmann wax, zu einein Uhrmacher in die Lehre gegeben. Der kleine Moses Aron hielt cs jedoch nicht lange in der Werkstätte aus, er warf sich aufs Studium der hebräischen Sprache, und so blieb er ein enthusiasttscher Freund dieser Wissenschaft bis jjh sein Lebensende, das er mit dieser großartigen Stiftung gekrönt hat. FMeim. Akiba. Historische Erzählung von Friedrich Rott. tFortsetzung). „Ich habe bereits überreichen Lohn empfangen," erwiderte sie, indem sic sich gegen ihn lehnte und mit unendlicher Liebe zu ihm emporschaute. „Ich bin so glücklich, überglücklich, daß nieine Voraussage sich zum großen Teil bereits verwirklicht hat. Aber das ist mir noch nicht genug. Du mußt zu den Größte» in Israel gezählt werden." „Tu hast mit dem Manne Deiner Freundin gesprochen — —" „Oder er mit mir, das ist gleichviel, — und ich habe mich ihur gegenüber gerühmt, daß es mir gelingen wird. Dich seinem Rate geneigt zu machen." Akiba atmete schwer auf und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. , „Daß ich seinem Plane geneigt wäre, habe ich selbst ihm schon gesagt, aber die Ausführung ist allzuschwer." „Das sehe ich nicht ein." „Aber ich. Du arbeitest hier zwar auch angestrengt, aber lveiß ich, ob Du anderloärts nicht noch schwerere Arbeit verrichte:! niüßtest?" „Das wäre allerdings nicht unwahrscheinlich, und darum möchte ich hier bleiben, ivährend Du-" „Tu schickst mich fort!" schrie er auf, „das könntest Du?" „Nicht für immer und hoffentlich nicht für lange. Bist!Du erst als großer Gesetzeslehrer anerkannt, dann irird es unseren Freunden gelingen, meinen Bater mit uns zu versöhnen, ich werde zu Dir kommen und wir werden wieder glücklich zusammen leben." So sprach sic noch lange, und da Mbas Freunde chr zustimmten, so ließ er sich schließlich überreden, das zu tun, was er selbst im Grunde seines Herzens längst als das Richtige erkannt hatte. Aber die Trennung von einander schmerzte beide unsäglich, nur in der Heiligkeit ihres Strebens fanden sie Tröste..l; * Jahre waren verstrichen, still und einförmig, floß Rahels Leben dahin in den: ärnüichen Häuschen ihrer alten Verwandten, und dennoch fühlte sic sich nicht unglücklich, dennoch erklärte sie oft ihrer Freundin Milka, daß sie nicht mit den Größten der Erde, daß sic nicht mit einer Königin tauschen würde. Dabei war sie rastlos tätig von früh bis spät, pflegte nicht nur ihre kränkliche Muhme, sondern ernährte sie auch. Und dabei wußte die junge Frau noch so viel zu ersparen, daß sie auch dem fernen Gatten von Zeit zu Zeit ein Säckchen mit 'Silbermünzen schicke» koinllc, obgleich er sie wiederholt dringend gebeten hatte, das nicht zu tun. Aber >vas sich Rahe! eimnal vorgenommen hatte, davon ließ sic sich nicht abbringeu, und ihrer Frcuiidin Milka gegenüber rühmte sie sich oft der Gnade Gottes, die chr alles glücken lasse, denn jetzt hatte sich ihre Voraussage bereits vollständig bewährt, chr Gatte gehörte bereits zu den größten Gcsetzeslehrern aller Zeiten. Eine Schar von Schülern saß zu scinen Füßen, lauschte Tag für Tag seinen Lehren. Trotzdem war es seinen Freunden nicht gelungen, seinen Schwiegervater mit ihm zu versöhnen, — uno so konnten die Gatten an eine Wiedervereinigung noch immer nicht' denken, obgleich Akibas Ruhm von Jahr zu Jahr gestiegen war.. .

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