Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1912-04-26 · Heft 16 (26.4.1912) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 16 (26.4.1912)
Date
1912-04-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692768-2692784--06902-2701943
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 16 kann nur eine Verbindung, die über alle trennenden Differenzen hinwegsehend, jeden jungen Juden, der den Willen zum Judentum hat, umfassen kann; und dieses Moment ist es, das den Ausschlag .für den B. I. C. gibt. Allerdings — und dies ist die Bedingung — muß dieser allen Richtungen in ihm vollste Bewegungsfreiheit geben; und schön der geringste Versuch, die orthodoxe Richtung etwa irgendwie zu beeinträchtigen oder zu verletzen, würde ihm den Anspruch darauf nehmen, alle jüd. Studenten umfassen zu wollen. Der B. I. C. soll nur den Rahmen abgeben, in dem alle Richtungen und Strömungen zusammengefaßt sind und dadurch die Einheit der jüd. akademischen Jugend garanttieren. Dagegen muß er in geistig jüdischer Beziehung völlig neutral sein und es den einzelnen Richtungen überlassen, ihre Anschauungen zu festigen und auszubilden. So genommen, wäre kein Hindernis dem im Wege, daß die V. I. A. innerhalb des V. I. St. Platz fände; ihre orthodoxen Anschauungen würden keinen Schaden nehmen und ihr Einheitsbewußtsein wäre garantiert. Eine einheitliche, sich als unzertrennlich empfindende, vom Willen zunr positiven, lebendigen Judentum erfüllte akademische Jugend zu erziehen, muß das letzte und höchste Ziel aller jüd. Verbindungen sein. Dies ist am ehesten möglich auf der gemeinsamen Basis einer einzigen, alle umfassenden Verbindung. Diese Verbindung ist bereits vorhanden. Möge es ihr gelingen, ihr Ziel zu realisieren und auf der einigenden Basis auch alle jüd. Studenten zusammenzufassen. Dies ist der Wunsch, den wir ihr zum neuen Universitätsjahre mit auf den Weg geben. 2. Eine Manifestation Mauschels. Ihr kennt doch Mauschel? Wer kennt chn nicht? Seit Herzls unsterblichem Feuilleton über chn ist er ein klassischer Typus geworden, der aus der modernen jüd. Geschichte nicht Mehr wegzudenken ist, .In den letzten Jcchren ist er zwar etwas verstummt. Die überall erwachende nationale Bewegung ist ihm tzu sehr in die Knochen gefahren, Aber ab und zu regt er sich doch wieder, gibt ein Lebenszeichen von sich, läßt eine unbedachte Aeußernng fallen, — und sofort merkt man, Mauschel lebt noch. Eine solche Manifestation Mauschels liegt wieder vor uns. Sie ist zu finden in .der österreichischen Wochenschrift, trägt den Titel: „Jüdische Vornamen" und hat zum Verfasser Oberrabbiner Dr. Güdemann-Wien. Für seine Person hat ja Mauschel die Frage der jüd. Vornamen bereits erledigt. Mit den übrigen jüd. Eigenarten, die er von sich geworfen, hat er auch! seine jüd. Vornamen in germanische vertauscht. Es Wrt ihn aber, daß draußen — in Galizien, Rußland und Rumänien — noch Millionen Juden wohnen, die ohne Scheu jüd. Vornamen tragen, und da laus diesem Gebiete ständig Massen in die westlichen Großstädte abfließen, in unserem Fall von Galizien nach Wien, muß der arme Mauschel auf Schritt und' Tritt solchen jüdisch benamten Glaubensgenossen begegnen. Das stört ihn, denn es durchkreuzt den ersten und wichtigsten Grundsatz seiner Politik, der lautet: Nur nicht auffallen! So richtet denn Oberrabbiner Dr. Güdemann an seine Kollegen in Galizien die Bitte, sie möchten dafür sorgen, daß in die Geburtsmatrikel nur landesübliche, allgemein gebräuchliche und verständliche Vornamen eingetragen werden, d. h., wenn jemand sich Jakob nennen will, darf er es tun, denn diesen Vornamen tragen auch Nichtjuden und er ist daher durch die Goim approbiert; aber spezifisch jüdische Namen, davor behüte Gott. Wir sind davon überzeugt, daß. Oberrabb. Dr. G. den Artikel in bester Absicht geschrieben hat. Aus seiner Erfahrung weiß er, daß die jüd. Vornamen ihren Trägern oft in der Karriere schaden, und aus wohlmeinender Absicht rät er ihnen, dieses Hemmnis aus der Welt zu schaffen. An seinen guten Absichten ist also nicht zu. zweifeln. Mer dies ist ja eben das Unglück. Oberrabb. Dr. G. empfindet gar nicht, welche Selbstentwürdigung, welche Schande für 'den jüd. Nnmen in seinein Artikel steckt, einpsindet nicht, daß es Dinge gibt, wobei alle praktischen Rücksichten hinter dem Moment der Ehre und Würde verschwinden müssen. Das ist ja das Charakteristische an Mauschel: Nicht nur, daß er nicht immer nach seinem inneren Wrgefühl handelt, -rer hat Frankfurter Israelitisches Famllienblatk. dieses meist eingebüßt, und so wird sein ganzes Tun nur von Praktischen, materiellen Rücksichten beherrscht. Aber noch eine andere Eigenart der Mauschelpsyche trägt dieser Vorschlag: er ist unvernünftig und engherzig. Die ganze moderne Judenpolitik Mauschels ist lächerlich und kleinlich. Hier ein Pflästerchen und dort eins; darin besteht seine Methode. Und vergißt über die kleinen Wunden .die innere Krankheit, deren Folgen sie nur sind. Glaubt denn Oberrabbiner Dr. Güdemann wirklich, daß man einen Juden nicht erkennt, selbst wenn er germanische Vornamen trägt? Die Maske nützt nichts. Wie sagt doch Beda? „Aus gut wird schlecht; aus schlecht wird gut: .doch Blut bleibt Blut, und Jud' bleibt Jud'." — Und die 100 Jahre Emanzipation dürften dies Mauschel schon gelehrt haben. Aber es hilft nichts. Mauschel bleibt Mauschel. Mauschel ist nicht zu bessern und zu belehren. Er ist wie die Generation, die aus Aegypten zog. Erst mußte sie aussterben, bevor die Erlösung kommen konnte. Mag darum Mauschel weiterhin seine Pftästerchenpolitik treiben, mag er weiterhin seinen Kopf nach Straußenart in den Sand vergraben, — die Zeit wird kommen, wo er nicht mehr da sein und an seine Stelle eine neue, stärke, mutige Generation treten wird. Diese Zeit aber wirft ihre Strahlen schon voraus. So muß denn diese neueste Manifestation Mauschels ebenso gewertet werden wie alle übrigen: als die Aeußerungen einer absterbend e n G a t t u n g, als die Symptome eines unterg e h e n d e n G e s ch l e ch t s. Der Bereiustag der Freie» Bereinigung für die Interesse» des orthod. Judentums. Am 16. April fand in Frankfurt a. M. unter starker Beteiligung ber Bereiustag der „Freien Vereinigung" statt. Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden, Rabbiner Tr. Breuer, erstattete Jacob Rosen heim den Geschäftsbericht über die zwei Jahre umfassende G e s ch ä f t s p e r i o d e. Der Bericht erwähnt zunächst die innere Organisation und die Propagandatätigkeit der Bereinigung und äußert sich ausführlich über die Erfolge der vor einem Jahre ins Leben gerufenen Ostdeutschen Abteil n h g. Sehr befriedigend tvar ferner die Entwicklung der Berliner Franengruppe, die eine vielseitige Tätigkeit entfaltet hat, und deren Vorbild zur Konstituierung von Fraucngrupven in anderen Großstädten Veranlassung geben soll. Weiten Raum in dein Berichte nimmt.die Tätigkeit der Vereinigung auf dem Gebiete der Gesetzgebung und Verwaltung ein. Ueber den dem Bundesrate zurzeit vorliegenden Entwurf d e s S o n n t a g s r u h egesetzes, der den Interessen des gesetzestreuen Judentums Rechnung trägt, sagt der Bericht: „Wenn auch keine Rede davon sein kann, daß durch die Zulassung einer fünfstündigen Arbeitszeit hinter verschlossenen Türen auch nur ein nennenswerter Teil der schweren wirtschaftlichen Opfer unmittelbar wettgemacht werden kann, die dem religionstrcuen Juden der Triumph seines Sabbatgedankens im Staatsleben auferlegt, so würde die Annahme der hier vorgeschlagenen Bestimmung durch den Reichstag im Kreise der konservativen Judeuheit doch mit tiefer Befriedigung begrüßt werden. Wäre dadurch dem religiös gesinnten Kaufmann doch wenigstens die Möglichkeit geboten, seine und seiner Angestellten Arbeitskräfte durch das Aufarbeiten der Rückstände am Sonntag für die werbende Wochenarbeit freizumachen, um dann durch verdoppelten Fleiß während der fünf 'Arbeitstage den Wettbewerb mit der durch keine religiöse Bindung eingeengten Konkurrenz zu bestehen. ..." Großes Interesse fand der Bericht über die im Berichtsjahre erzielte A u f h e b n n g des sächsischen S ch ä ch t v e r b o t s. Weitere Gebiete der Gesetzgebung, auf denen die Vereinigung tätig war, sind die religiösen Verhältnisse der jüdischen Soldaten sowie die fakultative Einführung der Feuerbe st a t t u n g in Preußen. Ter Bericht stellt in letzterer Äinsicht den Gemeinden, denen prozessuale Schwierigkeiten mit Bezug auf die Unterbringung von Aschenurnen erwachsen, religionsgesetzlichen und juristischen Rat zur Verfügung. Der dritte Abschnitt des Berichtes ist der ländlichen Wohlfahrtspflege gewidmet, die sich! sowohl aus die finanzielle Subventionierung der kleinen Geineinden als auf ihre geistigreligiöse'Förderung, endlich auf die wirtschaftliche Hebung der ländlichen Verhältnisse erstreckt. Besonderer Erfolg ist bei den Eisenbahnbehörden hinsichtlich der Gestattung der Biehverladung nach Sabbatausgang erzielt worden. Tie .Kommission für ländliche Wohlfahrtspflege" hat sich ferner mit der Einführung von Heimarbeit für jüdische Frauen und Mädchen auf dein Lande beschäftigt und damit einen kleinen Anfang 'gemacht. Die .Kommission für Literatur und Presse" war mit' dem Ausbau des „Jüdischen Volks¬ Seite 3 schriftenverlags" beschäftigt, der sich in erfreulicher Ent- | Wicklung befindet. Vielseitige Einzelheiten bringt weiter das Kapitel über die Angelegenheiten des religiösen Pflichtlebens. Tahin gehören: die Herstellung einwandfreier „Tefillin und Messussoth," die rituelle Verköstigung jüdischer Soldaten, Speisung jüdischer Gefangenen,? Vorarbeiten zur Errichtung einer „Schochtimschule" sowie " eine Reihe von Veröffentlichungen, welche Aufklärung Mer j verschiedene religiöse Pflichten verbreiten. Ter S tipendienfonds, aus dem Beihilfen zur 'Ausbildung als Lehrer, Schauchet oder Säufer gewählt werden, ist fast vollkommen aufgebrancht, sodaß bei der Bewilligung weiterer Stipendien, wenn nicht neue . Zuwendungen erfolgen, Zurückhaltung geübt werden muß. Ten Schluß des Berichts bilden ausführliche Mtteitungen über die Tätigkeit der „Palästina-Komin i s s i o n." Das Schulwcrk der Bereinigung, das in kaum mehr als ztvei Jahren eine durchgreifende Wirkung auf den religiösen Geist in den palästinensischen Kolonien ausgeübt hat, mnfaßt insgesamt 9 Anstalten mit einigen 30 Lehrkräften und über 600 Zöglingen. Die ' Unterrichtssprache ist durchgängig das Hebräische. Seit kurzer Zeit wird auch der Talmudunterricht in einigem - Schulen ausschließlich in hebräischer Sprache unterrichtet. In Pethach - Tikwah besteht neben der Schulanstalt selbst ein Fortbildungskursus für schulentlassene Zöglinge, Abendkurse für Erwachsene sowie eine Ausbildungsstätte für Lehrer mit einem zweijährigen Seminarkursus. Aui dem Gebiete der palästinensischen Mädchenerziehung hat die Kommission bahnbrechend dadurch gewirkt, daß sie die Bildung eines .Komitees zur Errichtung von Wirtschaftsschulen für Mädchen in Palästina" angeregt hat. Das Komitee übernahm die kurz vorher in Pethach- . Tikwah von der Bereinigung gegründete Mädchenschule, deren Programm das Hauptgewicht auf die wirtschaftliche Ertüchtigung der Heranwachsenden Töchter legt.. Mit der „Allgemeinen jüdischen Kolonisations-Organisation" steht die Vereinigung in einem Bertragsverhältnis, das in der Berichtsperiode fortgesetzt ward. An die Verlesung des beifällig aufgenommeneu Geschäftsberichts knüpfte sich eine rege Diskussion, in deren Verlauf Lehrer Ein stä dt er-Frankfurt, Professor Wehl-Frankfurt, LouisKahn -Frankfurt. Provinzial- . rabbiner Tr. Cahn-Fulda und Rabbiner Dr. Munk- ' Berlin Anregungen gaben. Der hierauf erstattete Kassenbericht balanziert — unter Hinznrechimng der selbständig verwalteten Palästina-Schulkasse — mit 69 000 Jl Für Zwecke der ländlichen Wohlfahrtspflege wurden pro 1911 13 000 Jfc, hiervon 10000 JL an baren Subventionen, pro 1910 9000 JL aufgewandt. Ter sich anschließende Wahlakt ergab die Wahl - der Herren Dr. Abraham Hirsch-Halberstadt und . A. M. Loe b - Dieburg in den Vorstand und Oberrabbiner Dr. Spitzer-Hamburg in den Ausschuß. Aus aller Mett. DeMsches Reich. Berlin. Das mit einem Koltenaufwandr von l1/^ Milk. Mark an der Kleiststraße errichtete Heim der Berliner Logen der U. O. B. B. wurde vorige Woche eingeweiht. Unter den Ehrengästen befand sich Polizeipräsident von I a g o w. Das Innere des Gebäudes ist in seiner Pracht eine Sehenswürdigkeit. Ein ganz besonderes Interesse beanspruchen der vou Bilhauer Jakob P l e ß n e r als Abschluß des Wintergartens entworfene und hergestellte Brunnen und zwei Gemälde („Rebecka und Elieser", ,/David * und Jonathan") von Lesser Ury. Berlin. Der Hilfsverein der deutschen Juden bittet in einem erneuten Appell um weitere / Beiträge, damit insbesondere auch für die - Opfer Der Massacres i u Fez Hilfe gebracht werden kann. Nach zuverlässigen Nachrichten, die dem Hilfsverein zugegangen sind, find in Fez zahlreiche Juden ermordet und verwundet worden: das ganze Judenviertel ist ausgeplündert und niedergebrannt, und tausende von Juden befinden sich in einer völlig ver- : zweifelten Lage. Homburg v. d. H. In echt jüdischer Weise wurde am letzten Sonntag das Einlernen des einzig in seiner Art dastehenden, neuerrichketen Taunus-Sanatoriums von Dr. Goldschmidt j in engerem Freundes- und Familienkreise begangen. Alle j Teilnehmer waren überrascht und begeistert von der , | schönen Lage, dem prächtigen Ban. der geschmackvollen j Einrichtung und den reichen medizinischen Hilfsmitteln! der neuen Anstalt, die nirgends an ein Mankenhaus. Z erinnert, vielmehr überall den Eindruck eines vornehmen j Privathauses macht. Bon verschiedenen Festrednern rpurde l hervorgehoben, welche Verdienste sich der Erbauer und j leitende 'Arzt mit der Gründung dieses erstklassigen, . j streng rituellen Sanatoriums für die jüdische Allgc- ■ meinheit erworben hat. Hamburg. Bon libe aler Seite wurde in der Bürgerschaft die Tatsache zur Sprache gebracht, daß es an Hamburger höheren Schulen keine Oberlehrer jüdischen Glaubens' : gibt. Dabei wurde betont, daß ein Schulrat einem Bewerber ausdrücklich erklärt habe, das geschehe aus . - prinzipiellen Gründen, weil die jüdischen Oberlehrer keine« Disziplin zu halten wüßten. Der Vertreter der O b er s ch nlb e h ö r de er-; klärte demgegenüber, die Behörde habe sich erst vor j kurzem mit dieser Angelegenheit befaßt und beschlossen, - daß die Religion kein Hindernis für die Anstellungim höheren Schuldienst bilde: er konnte aber die Tatsache T-.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.