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Neue jüdische Presse · 1912-04-26 · Heft 16 (26.4.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 16 (26.4.1912)
Date
1912-04-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Kttk 2. entgegenrusen iraLfie; Er- WersieHt, daß .die' Kinder nicht nur vieler Adelsgeschlechter und' der geistigen Elite getauft oder vermischt sind (ovn den Baronen Cohn, Hirsch, Heine, Friedländer, Fuld bis zu den englischen Rothschilds, von Mendelssohn bis Jellinek), daß selbst die Nachkommen unserer Führer der Moderne, ja, der besten und größten, z. B. Hallgarten und James Simon, sich nicht rein erhielten! Gewiß ist der Gedanke tröstlich, daß wohl nie das gesamte Judentum untergehen wird, daß, grade im Osten und jetzt besonders in Palästina ein neues Geschlecht heranwächst, das den Kern der Entartung nicht kennt. Das kann aber die Tatsache nicht verschleiern, daß die deutsche Judenheit heute nur noch einen so geringen Geburtenüberschuß besitzt, der nicht mehr im Stande ist, die Abbröckelung zu decken. Das kann die traurige Erscheinung nicht verdecken, daß die Juden, wie Breslauer jüngst nachwies, die in der Wissenschaft die hervorragendste Rolle spielen, Aumerst getauft sind, daß die Söhne der jüdischen Aristokratie abgefallen sind und die Töchter unseres Stammes irgendwelchen verarmten ostclbischen Junkergeschlechtern zu erneutem Wohlstand verhelfen. Glücklich das Volk, das trotzdem noch über Intelligenzen verfügt, — aber unglücklich die Gemeinschaft, die sich mit dem Gedanken abfindet, daß es ge-nügt, einen Rest zu besitzen, die einer Zukunftspolitik aus dem Wege geht, weil noch nicht der letzte große Jude der Gemeinschaft entsprungen, weil infolge östlicher Immigration die Zelte Israels nur in allen kleinen Gemeinden verwaisen und die Großstädte sich! erhalten können. Doch genug der Andeutungen. Oder bedarf es iwchme^. um zu zeigen, daß die Zufriedenheit mit hem ^Augenblick sträflich ist, daß wir allen Grund haben, besser und energischer wie bisher zu arbeiten, wenn wir unfern Bestand erhalten und sichern wollen? Brief aus Oesterreich. Unbestreitbar gibt.es bei uns Juden Menschen von einer sittlichen Größe, wie man sic bei anderen Völkern kaum finden wird. Bei welch anderem Volk kann man einen Menschen von dem.Charakter des hier jüngst verstorbenen Josef Spitzberger finden! Schon als siebenjähriger Junge verzichtete er auf seinen Zucker zum Kaffee, um drei Kreuzer wöchentlich in die Sparbüchse werftn zu können, und als er bereits Millionär war, lebte er in einem engen Zimmerchen und sparte sich buchstäblich jeden Bissen am Munde ab'. 87 Jahre hat er auf dieser Welt gelebt, ohne je einen Pfennig ausgegebcn zu haben, der nicht für seine primitivsten Bedürfnisse bestimmt war. Und dieses Leben der Entsagung nicht etwa nach einer stürmisch verlebten Jugend, sondern von frühester Kindheit an; und dieses Leben der Ent- ' sagung nicht etwa aus Freude am Gelde, aus Geiz, sondern um ein LÄen gelckt.zu haben, dessen Segnungen in der Menschheit weiter wirken; jeder Kreuzer, den er zusammensparte, galt dem bewußten Zwecke, damft eine Wohltätigkeitsinstitution zu schaffen. Zweieinhalb Millionen Kronen hinterließ Spitzbeiger der israelitischen Kultusgemeinde, damit diese dafür ein Spital Pr Kinder aller Konfessionen errichte. Je Heller das Licht, desto tiefer der Schatten. Kein zweites Volk hat so leicht einen I. Spitzberger, kein zweites Volk dürste aber so leicht eine Handlungsweise unter einem seiner Glieder aufzuweisen haben, wie solche die Tochter des israel. Kultus- Vorstehers Schramek und Frau des Advokaten Dr. Drucker dokumentierte, indem sie bei einem von den antisemitischen Klerikalen arrangierten Festspiele zu der Vorführung der Bilder „Madonna Sixtina" und „Maria Himmelfahrt" das Marienlied sang. Letzere Handlungsweise ist fteilich bei einer Judenheit verständlich, die als ihren geistigen Führer einen Oberrabiner Dr. Gäbe mann hat. Alles läßt diesen Herrn kalt. Die Taufepidemie in seiner Gemeinde, die Aushungerung der galizischen Juden, Pogrome in Rußland, kurz alle jüdischen Sorgen innerhalb und. außerhalb seines Sprengels; aber gegen die „jüdischen" Vornamen erläßt er, der sonst Nie Worte der Entrüstung findet, .einen geharnischten ArÄel. Wese Vornamen sind häufig das einzige Frankfurter Israelitisches FauÄieublaÜ. Jüdische, das die in den RelWonsschulen Dr. Güdemanns Erzogenen vom.Judentum behalten haben, und da ein Judentum ohne jüdisches Selbstbewußsein und jüd. Stolz jüdische Vornamen als unliebsames Anhängsel empfinden muß, — so kann man es verstehen, daß der Wiener Oberhirte seinen Schäfchen dieses unangenehme Gefühl erspart wissen möchte. Den leitenden Persönlichkeiten der österreichischen Judenheit fehlt fast durchweg die Würde. So ist denn durck) solche Vorbilder der Mangel an jüdischer Würde ein Charakteristikum, das der österreichischen Judenheit eigen ist. Die einzige Hoffnung der österreichischen Judenheit bilden die galizischen und Bukowinaer Juden. In Galizien und in der Bukowina gibt es noch ein großes jüdisches Proletariat, das noch mit der Tradition des Judentums verknüpft ist. Und in dieser Masse gärt es schon lange. Die grauenhafte wirtschaftliche Lage und das erwachende politische Bewußsein, um das sich besonders die Zionisten große Verdienste erwarben, haben das bewirkt. Endlich haben nun auch die geistigen Führer dieser Masse, die Chassidim--Rebbes„ das Kritische der Situation erkannt und sich!zu Huer gemeinsamen Beratung vereinigt. Diese Beratung fand vor einem Monate in Czernowitz statt und zwar hinter verschlossenen Türen. Jetzt aber veröffentlichen die Teilnehmer ihre einstimmig gefaßten Beschlüsse. Vor allen Dingen sollen in jeder Stadt orthodoxe Vereine gergründet werden, deren hauptsächlicher Zweck ist, Schulen zu errichten, in denen neben Talmud-Thora die Landessprache und Rechnen gelehrt werden. Auf diese Weise würde verhindert, daß die Kinder die christlichen Schulen besuchen. Dann sollen für Winzlinge einige große Jeschiwos und mehrere Handwerkerschnlen gegründet werden. Ferner sollen bei der Regierung energische Schritte unternommen werden, die Schädigungen des Sonntagsruhegesetzes zu mildern. Nach Gründung einer genügenden Anzahl Vereine sollen diese Delegierte p einer großen öffentlichen Landes Versammlung der orthodoxen Judenheit wählen. Die Verwirklichung dieser Pläne wäre von Herzen zu wünschen. Doch die Geldfrage! Brief aus Palästina. Nathan Strauß, der Bruder des ftüheren amerikanischen Botschafters in Konstantinopel, hat jetzt mehrere Wochen in unserem Lande geweilt uird besonders die jüdischen Verhältnisse studiert. Der großzügige Philanthrop hat gleich energisch eingegriffen. 150 000 F r s. hinterlegte er bei der Anglo- Palestine Cy, der Bank der zionistischen Organisation, für die Errichtung einer Volksküche in Jerusalem, in der täglich 500 Personen gespeist werden sollen. Zu Kuratoren dieser Stiftung bestimmte er Bankdirektor Dr. Levy von der Anglo Palestipe Cy, Rabb. Dr. I. Horovicz von Deutsch-Holländischen Palästinaverwaltung mtb’ .Dr. M. Wallach vom „Schaarei Zedek"-Hospital. Letzteren; Hospital spendete er 5000 Frcs., der Jerusalemer sephardischen Gemeinde 2000 Frcs. und' der Kunstgewerbeschule „Bezalel" 50,000 Frcs. Schließlich stellte er der unter der Leitung des bekannten Agronomen Aaronsohn stehenden landwirtschaftlichen Versuchsstation „Atlit" die Mittel (80,000 Frcs.) zu einer Gesundheitsabteilung zur Verfügung, um so die epidemischen Krankheiten des Landes planmäßig zu bekämpfen. Dr. Wilhelm Brünn-Chederah ist zum Leiter dieser Mteilung berufen worden. Während der Halbseiertagc des Pesachfestes fanden auch diesmal in Rechoboth Festspiele statt. Die Spiele brachten Turnübungen, Schnelllaufen, Ringkämpfe, Schießübungen, Pferdewettrennen und hatten aus allen Teilen des Landes Teilnehmer und Zuschauer herbeigeführt. All' die Darbietungen zeigten, daß ein kraftvolles, mutiges, körperlich gewandtes jüdisches Geschlecht in unserem heutigen Palästina aufwächst. Der W einabsatz unserer jüdischen Kolonisten nimmt von Jahr zu Jahr erfteulich! zu. Im verflossenen Jahre setzte die jüdische Winzergenossenschaft 41,000 Hektoliter ab, das ist 7.000 Hektoliter mehr als im Vorjahre. Das Hauptabsatzland war Aegypten (14,000 Hektoliter), in Europa die' Schweiz (4300 Hektoliter): :;; ' Nr. .16 Soeben ist in Jaffa das erste Heft der für die Interessen der Landwirtschaft bestimmten Monatsschrift „H achaklar" (Der Landmann) erschienen. Dr. M. Zagorodsky und I. Wilkanski sind die Redakteure. Aus de« Ereignisse« -es Tages. 1. Die jüdischen Studentenverbindungen. Alljährlichwenn sich nach Ostern die Tore der Universitäten öffnen, wird die Frage der jüdischen Studentenverbindungen akut. Enthält doch diese hinausziehende Studentenschaft die besten Kräfte unserer Jugend und jst sie doch bestimmt, später hier die leitenden Stellungen im jüd. Leben einzunehmen; welch ein Wunder also, daß ihr Schicksal und ihre Entwicklung allen, die um die Zukunft des Judentums sorgen, ganz besonders am Herzen liegen muß. Daran kann kein Zweifel bestehen: daß her Anschluß an eine jüdische Verbindung eine Notwendigkeit ist. Gegenüber den von allen Seiten anstürmenden Angriffen auf das Judentum, gegenüber der vom ganzen nichtjüdischen Milieu ausgehenden Stoßkraft, die zur Assimilation treibt, kann es dem einzelnen nur schwer gelingen, standzuhalten und sich seinen jüd. Standpunkt zu bewahren. Da kann ihm nur die geschlossene Kraft der Verbindung Rückgrat verleihen und ihn seinem Judentume erhalten. Die Frage für den hinausziehenden jüd'. Studenten kann darum nicht die sein: Soll ich einer jüd. Verbindung beitreten, als vielmehr die andere: Welcher soll ich beitreten? An der Spitze der jüd. Studentenverbindungen stehen zwei große: der K.-C. (Kartell-Convent) und der B. I. C. (Bund jüd. Corporationen), denen zwei kleinere zur Seite treten: der B. I. A. (Verband jüdischer Akademiker) und' der K. Z. B. (Kartell zionistischer Verbindungen). Von denen scheidet für den, der auf dem Standpunkt des positiven, lebendigen, schöpferischen Judentums steht, für den das Judentum mehr als Pietät ist, für den es ein Gut ist, das nicht nur bewahrt, sondern täglich gemehrt sein will, der K. C. aus. Denn das, was zu dessen Gründung geführt hat, was ihn allein erhält, ist ein rein negatives Moment. Weil die anderen, nichtjüdischen Verbindungen keine Juden aufnehmen, ist der K. C. entstanden. Mit dem Momente, da dieser Anschluß aufhören würde, hätte der K. C. seine Existenzberechtigung verloren. Es ist llar, daß eine Verbindung, die nur darum besteht, weil ihre Mitglieder nirgendwo Unterkunft finden, nichts weiter sein kann als ein Asyl für Obdachlose. Eine solche Verbindung kann unmöglich zum positiven und schöpferischen Judentum erziehen und kann unmöglich vor der Assimilation bewahren. Einer besonderen Prüfung bedarf auch nicht der K. Z. V., eine rein zionistische Verbindung, die nur für Zionisten in Betracht kommen kann. So bleiben als die beiden sich gegenüberstehenden, konkurrierendenB:rb ndungen der B.J.U oder V. I. St. und der B. I. A. übrig. Die eine, B. I. St., steht auf allgemein jüdischem Boden, die andere, V. I. A., auf rein orthodoxem Standpunkt. Diese zwei Verbindungen bildeten ftüher eine einzige, bis sich die V. I. A. als besondere Vereinigung trennte. Nun können die Ziele und Zwecke der V. I. A., die traditionelle Ueberzeugung ihrer Mitglieder zu stärken, gewiß nur unser volles Einverständnis besitzen. Aber fragen wir, ist zu diesem Zwecke eine besondere Verbindung nötig? Wäre dies nicht innerhalb der großen V. I. St. zu erreichen? Dieselben prinzipiellen Gründe, die uns zu Gegnern aller Trennungsorthodoxie machen, lassen uns auch der V. I. A. unser volles Einverständnis versagen. Wir haben schon des öfteren in unseren Spalten betont und können es nur immer wieder betonen; Es gibt heutzutage für unsere jüd. Jugend keine brennendere, dringerende Notwendigkeit als die, ihr Einheitsgesühl zu bewahren und zu stärkenin sich das Bewußtsein großznziehen, daß ganz Israel nur eine unzertrennliche Einheit bildet; denn nur, wenn unsere innere Einheit garantiert ist, ist unser Schicksal gesichert. Eine orthodoxe Sonderverbindung kann aber bei all den Vorteilen und günstigen .Erfolgen, die sie sonst haben kann uitb wird, diese wichtigste, dringendste Aufgabe unmöglich erfüllen: das Ern- Heitsbewußtsein -ihrer Mitgliederzu stärken.- Dies

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