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Neue jüdische Presse · 1912-04-26 · Heft 16 (26.4.1912) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 16 (26.4.1912)
Date
1912-04-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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♦ I* * + 1 ♦ Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M. rr Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt I. 10507. r x «. Heransgever: KalZ ch-is. 19. Jahrgang. Freitag, den 9. Ijar 5672 (26. April 1912) Nr.16 Insertionsprris für die fünfgespaltene Petitzeile 25 P'g.. für die Reklamezeile Mk.1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Slellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserote. Heirats-Annoncen 15Pfg. die sech»gespattene Petitzeile ohne - jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr. 4864. >— — ■ Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Kirrtetjahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.—. frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch . Streifband für Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubelfür alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. Eine Nachdenkliche Statistik. Bon Felix A. Theilhaber. Nicht eine „jüdische" Statistik, sondern eine Statistik „der Juden"! Erstcre wäre in ihrem Wesen eine spezifisch jüdische, 'sie könnte z. B. auch Dinge, die die Juden nicht zum Vorwurf haben, berühren. Wie es aber keine jüdische Physik oder keine jüdisch: Logik gibt, so sollte es keine jüdische Statistik ge-, b'en. Die Statistik ist in gewissem Sinne nur sine rein technische Sache, ein einwandfreies System, womit wir die Rasseerscheimmgen bei den Juden buchen und erfassen. Allerdings gibt es neuerdings auch jüdische Statistiker, die eine jüdische Statistik machen, d. h. sie versuchen die Statistik insoweit zu becillfllissen,' als sic uns zum Guten spricht. Wenn >wir das Gesetz.der großen Zahl ergründen, so müssen wir beachten, daß gerade bei uns Juden nicht immer die Quantität den Ansschlag gab. So haben die 40000 Männlein, die unter Esra und Nehemia den Strömen Babyloniens den Rücken kehrten und die Hunderttausendc verließen, die dort klagend und betend des, Messias harrten oder sich au den Fleischtöpfen des Landes erfreuten, die Größe Israels gerettet. Denn, sie bildeten den Grundstock nicht nur für ein Volk, das eine wunderbare Glanzzeit in unserer Geschichte zeitigte, sondern auch fiir alle die Juden, die wir heute antreffen. Aber damit kann nicht gesagt sein, daß das spurlose^ Untergehen von großen jüdischen Bolkesteilen Israels.angenehm empfunden worden lväre. Immer überkam die Zeitgenossen und die Nachwelt große Trauer, wenn sich Teile auf die eine oder andere Weise ablösten. Denken wir nur an. das Verschwinden der zehn Stämme, die man noch heute unter den Bötokuden, Indianern und Japanern zu identifizieren sucht. Und selbst wenn wir sie irgendwo in Siidafrika, Aethiopien oder Amerika endecken sollten, — als Juden sind sie uns verlustig gegangen. Und her Ausspruch des bekannten Pariser Alliance-Vertreters inbezug auf die Falaschahs : „Lassen Sie uns in Ruhe mit weiteren Juden, wir haben schon genug an den übrigen elf Millionen", konnte glücklicherweise nur in dem Hirn eines Assimilationsjuden entstehen. Daß der Verlust jüdischer Teile nie angenehm empfunden wurde, brauche ich nicht an Beispielen ans der Geschichte Spaniens, der Frankisten und. der Anhänger Sabbatai Zwi's rc. zu belegen. Es heißt hier nur das Gedächtnis derer aufzufrischen, die der Existenz der wenigen Auserlesenen djas Wort.sprechen. Ihnen möchte ich auch die folgenden Ziffern ins Albuin schreiben. Denn nicht die Geschichte des Vergangenen gibt uns Stoff zu akademischen. Betrachtungen, der graue Alltag redet eine deutliche Sprache ftir die, die noch lernen können. Folgen wir den Geburtsziffern der preußischen Juden, so finden wir, daß die preußischen Juden Geborene (ohne Totgeborene) aufwiesen: bei einem Bevölkerung?- aus rein jüd. unehelichen Milchstand Eben ehen 1880 363,790 10,389 —? 424 1890 372,059 8,318 227 580 1900 ' 392,372 7,057 250 672 1910 415,267 5,864 284 1049 Für Interessenten aller Fragen bemerke ich, daß ausführliche Zahlen bis 1909 in meinein' bekannten Buch „Ter Untergang der deutschen Juden" sich' finden, und daß Wer nur die allerneueste Entwicklung des verflossenen Jahres 1910 berücksichtigt wurde, deren Publükoction erst jeK erfolgte. 68 InmTooaofsEUrt£"QUf auf 1000 Christen 1880 29,5 1880/1900 38,0 1890 23,75 1901/1904 35,44 1900 . 19,48 1907/1908 32,9 1910 15,4 Zu bemerken ist dabei u. a. folgendes: Die nicht zitierteil Jahre zeigen die in unseren Zahlen angedeutete Entwicklung. Es handelt sich, wie ein jeder in der zitierten Schrift») Nachlese,: kann, bei den von mir angeführten Jahren, absolut um keine besonders aus der Reihe fallende Zahlen. Die Zahlen 1880, 1890, 1900, 1910 sind die typischen Vertreter in der jeweiligen Phase. Wir haben also, wenn wir die Summe der aus jüdischen Ehen, von jüdischen Unehelichen und die aus Mischehen stammenden Kinder — soweit sie dem Judentum zufallen-) — zuscnnmenaddieren im Jahre 1910 einen Zuwachs der preußischen Juden von «4«« Seele». Wie verhielt es sich nun um den Verlust? Es starben in derselben Zeit 5909 Jude». Außerdem traten viele Hunderte aus der Gemeinschaft aus. Wieviele läßt sich leider nicht genau sagen. Die Taufe der kleinen Kinder wird nirgends statistisch erfaßt. Einen Einblick aber gewinnen wir, wenn wir erfahren, daß in den letzten Jahren in Berlin allein ca. 200 Erwachsene pro Jahr die angestammte Gemeinschaft verließen?) . Es gehört nun kein großes rechnerisches Talent dazu, um daraus den Schluß zu ziehen, daß sich die einheimische Bevölkerung nicht .mehr vermehrte. Man könnte nun einwenden: Nachdem die genaue Ziffer der getauften Kinder und der selbständigen Renegaten fehlt, ist diese Behauptung wissenschaftlich nicht genügend belegt. Gewiß, ein verkümmerter Schreiber kann darauf warten, ob es einmal äine genaue Erfassung der Renegaten gibt. Wir aber, die wir die Augen offen halten, sehen genug. Wir wissen, daß auch außerhalb Berlins Inden zur Kirche übertreten, wir wissen von Dr. Arthur Kahn, daß all ein 12 o/o der jüdischen Schulkinder in nichtjüdische Bekenntnisse inskribiert werben. Und wir ziehen daraus derr einzig folgerichtigen Schluß: Die Juden Preußens haben sich (wir sehen natürlich von der Einwanderung hier ab) im Fahre 1910 nicht nur nicht vermehrt, sie haben sich wahrscheinlich,.um ein Ordentliches vermindert. Und die Tendenz der Zerstörung ioird nicht mit diesem Jahre anhalten. Warum denn auch. u Soweit wird nur der geschätzte Leser wohl gern gefolgt sein. Ich muß mich nun aber gegen die wissenschaftliche Art und Weise wenden, wie der offizielle jüdische Statistiker Dr. Segall „jüdische" Statistik handhabt. Bevor meine Arbeit erschien, konnte sich Dr. Segall darauf berufen, daß er bei seiner Unkenntnis der Dinge in gutem Glauben fehlte. Heute muß man jedoch auch an diesem irre werden. Wenn ivir ilämlich die von Juden Geboreneil den als Juden Gestorbenen gegenüberstellen, so bekommen wir natürlich leicht eilien Geburtenüberschuß. ») Erschienen bei E. Reinhard. München 1911. *) Nur 20—24% K«nder aus Mischehen wurden als Juden erzogen. Ebenda S. 52. *) Im Jahre 1911 waren es 227 Juden, die nachweislich in Berlin auS dem Judentum ausschieden. Die vielen, die als Christen sterben, aber als Juden geboren sind, werden nämlich unterschlagen. Wir haben also immer einen Geburtenüberschuß auch bei geringer Geburtenzahl! Ich habe auf diesen Fehler in mehrstündigem Vortrag in dem Seminar des Altmeisters der Statistik Prof. v.. Mayr hingewiesen (im Jahre 1909). Ich habe von. ihm und vielen anderen Nationalökonomen bestätigt bekommen, wessen es gar nicht weiter bedurft hätte, daß die von Dr. Segall benutzte Methode grundfalsch ist. Dr. Segall beharrt aber dabei, um die Ruhe der deutschen Juden, denen der Gedanke des Niedergangs ihrer Gemeinschaft z. T. doch nicht sympatisch ist, nicht zu stören. Z. B. berechnet er im . Januarheft 1912 der Zeitschrift für Statistik der Juden einen erheblichen Geburtenüberschuß der bayrischen Juden. . Besehen wir aber die Verhältnisse in Bayern pro 1909! Darnach gab' es einen Ueberschuß der von jüdischen Eltern Geborenen über die als Juden Gestorbenen von 32 Seelen! Allein in München sind aber in diesem Jahre 28 Juden ausgetreten. Fünf weitere Juden sind sicher noch im weiteren Bayern ausgetreten. Es ist also ganz sicher, daß das Jahr 1909 für die bayrischen Juden einen Verlust bedeutet, weil, die Geborenen die Zahl der Gestorbenen und Austretenden nicht deckte. Dr. Jakob Segall sucht den Verlust durch die Abwanderung bayrischer Juden nach nichtbayrischen. Territorien zu erklären. Solange solche Behauptungen nicht statistisch belegt sind, sind sie natürlich ftagwürdig. Nun besteht aber gerade in Bayern keine große Tendenz zur Abwanderung, sondern grade das Gegenteil. Nicht nur nach Süd-, und Mittelbayern, auch nach der Pfalz ziehen viele Juden zu: Studenten, wenn auch nur vorübergehend, aber immer mehr, Hunderte von Handlungsgehilfen und Kaufleute, besonders aus Ost- und Norddeutschland. Und unter den 11000 Juden Nürnbergs, sind jetzt 3000 erst frisch eingewandertc Reichsausländ e r. Biele Russen und Galizier wohnen in Nürnberg, Fürth, WürKurg ic. Der Beschwichtigungs-Statistiker Dr. Segall mag die klare Erklärung des Rückgangs der bayrischen Juden im Mond oder in den Sternen suchen, nur uin die Kreise der Assinrilanten nicht zu stören, tzuista non movere. Es müßten ja sonst vielleicht doch die Gemeinden nationale Politik treiben und sich mit allerhanh Dingen beschäftigen, die man nicht an den hohen Feiertagen zwischen 8 Uhr und Mittag abmachen kann. Wir aber, liebe Freunde, wissen, daß die Herrschaft der Assimilanten unsere Gemeinschaft dahin gebracht hat, wo wir halten. Wir stehen vor der Auflösung. Oder ist es gar der Zionismus gewesen^ der die Taufe in Blüte gebracht hat? Hat der Zionismus alle volkstümliche Wirtschaftspolitik hintertrieben, wonach die „Bet"-Gemeinden absolut kein Verständnis daftlr haben, daß die Massen wirtschaftlich so schwer bedrängt sind, daß die Spätehe und die Kinderlosigkeit ihre Folgen sind, daß grade die Allerreichsten sich der Fortpflanzung Am meisten und dem Judentum am intensivsten entziehen? Soinitätsrat Tr. Stern hat auf dem Berbanvstag der deutschen Juden ausgeführt, daß, wenn er die Versammlung übersehe, er dem Schreiber des Buches von der Zersetzung der deutschen Judenheit ein dreimäiges Lästiges „Du

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