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Neue jüdische Presse · 1912-04-19 · Heft 15 (19.4.1912) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 15 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite rr. - ..z"' . ner' Dr. Breuer kam. Und er unternahm cs,' Len. Irrtum von Jahrtausenden wicker gut zu machen. Nun ist es zwar eine sehr gefährliche Sache,, Wahrheiten, die Jahrtausende als selbstverständlich' .geölten haben, als Jrrtümer austveisen zu wollen. Aber hat jman nicht Jahrtausende geglaubt, die Sonne drehe sich um die Erde, und hat nicht Kopernikus das Gegenteil bewiesest? Warum soll das, was Kopernikus nröglich war, nicht auch. Rabbiner Dr. Breuer gelingen können? Und so griff er denn zur Feder, schrick seinen Kommentar und offenbarte den neuen, vor ihm von keinem Sterblichen verstandener, Sinn des „Hohen Liedes". Sehen wir uns die Offenbarung einmal näher an. Den Anstoß dazu hat das sittliche Empfinden des Herrn Rabbiner gegeben. Ihn Verletzt es, in der Bibel ein Buch zu finden, das einige Kapitel glühender Liebeslyrik enthält. Zwar steht er auf dem traditionellen Standpunkt und weiß sehr wohl, daß das Ganze nur eine Allegorie ist. Aber schon der Gedanke, daß, wörtlich aufgefaßt, das Buch die Liebesempfindungen zweier sich Liebenden verherrlichen soll, empört ihn. So nahm er denn das Buch nochmals vor, las es gründlich, durch und fand — fand, daß düsGanzcgar keine Verherrlichung der Liebe sei, sondern eine Verketzerung derselben, daß „Schir haschirim" gar kein Liebesgedicht sei, sondern ein moralisches Lehrgckicht mit abschreckender Tendenz. Salomon — behauptet er — zeigt uns in seinem „Schir haschirim" „in der zusammenhängenden Fotze seiner dramatischen Bilder den erwachenden Gros, wie er gleich einer züngelnden Flamme hervorbricht, um zwei von Natur aus edle Menschen schonungslos zu verzehren". Und der Zweck des Ganzen sei eben eine Warnung vor den Gefahren der Leidenschaft, vor der Gefahr der Liebe. .Würde irgend semand diesen Gedarcken en passant ausgesprochen haben, ich bin überzeugt, ein jcker würde den Gedanken für einen Witz und den» .der ihn. geäußert, für einen bösen Witzbold Hüten; und niemand würde sich überhaupt die Mühe nehmen wollen, ihn zu widerlegen. Nachdem, aber «Rabbiner Dr. Breuer sich die Mühe genommen hat, diesen. Gedanken in einem langen Kommentar nachzuweisen, nachdem sich ein Verleger die Mühe gchwmmen hat, diesen Kommentar abzudrucken, und nachdem sich so und so viele Leser hie Mühe genommen haben, diesen Kommentar zu lesen, muß sich der Rezensent wohl oder Mel die Mjühck nehmen, Heu Gedanken ein wenig näher kritisch zu betrachte,:. Zum Glück ist die Mjühe nicht groß. Wären alle .sölchc Ideen so leicht zu widerlegeir wie diese, so märe es um diese Welt besser bestellt. Bor allem fällt ein logischer Widerspruch auf, der allein genügt, um das ganze Kartenhaus umzustoßen. Der Verfasser steht durchaus auf traditionellem Boden und faßt demgemäß das „Hohe Lied" als Allegorie auf. Nur will er zetzen, daß selbst wörüich genommen das Lied keine Verherrlichung, sondern eine Verketzerung der Liebe darstellt. Wie er diese Auffassung mit der traditionellen vereinen will, ist unbegreiflich Denn 'hat das Lied in der wörllichen Bedeutung eine abschreckende, warnende Tendenz, dann kann sic bodj, in der allegorischen Auffassung keine verherrlichende Tender^ haben. Eine Allegorie kann doch niemals Len wörtlichen Sinn eines Satzes oder eines Werkes ändern oder gar in sein Gegentell umkchren. Das „Hohe Lied" allegorisch auffaffen, kann nur bedeuten, die zwei Lickenden nicht als natürliche, lebende, konkrete Menschen von Fleisch und Blut zu betrachten, sondern sich unter ihrer Verlleidung -Gott und Israel zu denken. Der Sinn aber muß unbedingt derselbe bleiben. Nimmt man aber den Sinn so, wie es Rabbiner Dr. Breuer will, als abschreckend, wärnerrd, mahnend, wie will man dann die Allegorie versahen? Dann gibt es ja nur zwei Möglichkeiten: Entwcker befindet sich die Allegorie.in Parallele zur natürlichen.Auffassung — wie es das allein Richtige ist — und hat dieselbe Tendenz, dann/ muß der Herr Rabbiner zur Schlußfolgerung gelangen, Laß auch das Verhältnis von Gott und Israel ein sündhaftes, verwerfliches ist, und so ortzinell sein, um das zu behaupten, wird wohl' der Herr Rstckttier nicht sollest, '!V / Dann aber blecht ihm nur eins übrig: Das Gckicht muß in der aützorischen Auffassung eine ganz, entgegengesetzte Tendenz Achen als in der wörllichen; genauer gesagt: Ein Satz, der wörtlich aufgefaßt, eine abschreckende, mahnende, negative jTendenz Hai, besitzt, allegorisch genommen, eine verherrlichende, preisende, positive Tendenz. Daß dies aber logischer Unsinn ist, wird wohl auch der Herr Rabbiner einsehen. Danach erübrigt cs sich eigentlich, auf weitere, spezielle Argumente einzugehen. Zwei willkürlich heraüsgegriffcne Beispiele mögen noch zeigen, zu welchen Entstellungen und Vergewaltigungen des Wortsinnes der Einfall des Herrn Rabbiner ihn geführt hat. Der berühmte, cinigemale wiederkehrende Refiain des Liedes: „Ich beschwöre euch, o Töchter Jerusalems, bei. den Gazellen oder Hündinnen des Feldes, daß ihr die Licke nicht weckt noch aufreget, bis es ihr gefällt", faßt der Herr Rabbiner als ein „zündendes. Mahnwort" auf, worin Sulamith in der Gestalt einer reuigen Sünderin als Dolmetsch salomonischer Lckensweisheit die Verwerflichkeit des außerehelichen .Geschlechtsverkehrs kündet, und demgemäß enthalt es tue Zentralidec der ganzen Dichtung. Wie man in diesen Vers diesen Sinn hineinlegen kann, erscheint wickcr unverständlich!. „Wecket und' reget die Licke nicht auf, bis es ihr gefällt!" Wie aber, wenn es ihr gefällt? Wenn sie von selbst erwacht? Wo ist nur eine Andeutung vorhanden, baß sie dann verwerflich ist? Enthält nicht im Gegenteil der ganze Vers einen entgegengesetzten Sinn? Und war es bei der Sulamith anders? Stellt sie doch nur das Weib dar, bei dem die Licke aufgeweckt ist? Wie kann man da von einer „reuigen Sünderin", von Warnungen und Mahnungen sprecheil? Girr anderes. Beispiel: Man kennt die wunderbare Szene, wie nachts der Lickende an das Fenster klopft und sie, die keusche, reine Jungfrau die wunbaren naiven Worte spricht: „Ich habe mein Gewand ausgezogen, wie soll ich es anziehen? Ich habe Imeine Füße gebadet, wie soll ich sie besudeln?" Was macht der Herr Rabbiner daraus! Man höre: „Die schlafende Jungfrau" — bemerkt er im Kommentar -— „mit dem wachen Herzen spielt die Rolle der Naiven, Spröden nicht übel." Ein solcher Satz genügt, den Kommentar bei Seite zu legen. Er zeugt von einer solchen Verständnislosigkeit für jeden poetischen Gehalt, daß diese allein schon das Recht nimmt, sich überhaupt an ein Buch wie das „Hohe Lick" heranzuwagen. Um eine Dichtung von dem.wunderbaren poetischen Gehalt des „Schir haschirim" zu verstehen, muß man selbst hohen poetischen Sinn habenwem dieser aber abgeht, der soll es doch nicht wagen, das Lied durch seinen Kommentar nicht nur zu entstellen sondern zu degradieren. Denn — ich weiß nicht, ob es andere auch enrpfunden haben — mir ist es so ergangen: Mich hat der Kommentar einpört. Nicht so sehr durch den Inhalt, der ist eher geeignet, zum Lachen zu reizen; soirdern durch den Ton. Solche Dinge lassen sich nicht definieren und beweisen. Dazu gehört Takt und Feinsinn. Zu einem Buche von der Weihe des „Hohen Lickes" schreibt kein feincmpfindender Mensch einen Kommentar, der gehalten ist im Tone moderner, prickelnder, geistreich sein wollender Feuilletons. Der Herr Rabbiner schrieb den Kommentar, um die Sittlichkeit des Liedes zu retten. Nun, ich finde, selbst wörüich als Lickeslick genommen, hat jcker Vers des „Schir haschirim" mehr ethische. Weihe in sich als der ganze Kommentar. Dies ist es cken. Dem Herrn Rabbiner ist cs umgekehrt ergangen, wie König Saul. Er wollte ortzinell sein und wurde geschmacklos. Er wollte die Moralität des „Hohen Lickes" retten und vergriff sich an seiner cMschen Weihe. Und darum enthält der Kommentar eine Warnung: Von der Bibel soll marr die Hände lassen. Ein Buch wie sie bedarf keiner sittlichen Ehrenrettung. Dr. Breuer wie alle anderen moralischen Ehrenretter der Bibel sollen sich damtt genug sein lassen, sie zu bewundern und wahrhaft zu verstehen. Und sie dürfen froh und stolz sein, wenn ihnen dies gelingt! Aus -eu Ereignisse» des Tages. v 10 Jahre Hilföverein. Die diesjährige Generalversammlung des Hilfsvereins der Äeutschetn Juden hat eine gchrz, besondere Bckeutung: sie ist zugleich die Feier des 10jährigen Bestandes desHrlf.s-! Vereins. Dieser Tag darf dem Judentum der ganzen Welt ein Festtag sein, dem deutschen Judentum ist er es ganz^ besonders. Denn dem späteren jüdischen Historiker wird die Gründung und die Tätigkeit des Hilfsvereins als eine der größten Ruhmestaten der deutschen Judenhell erscheinen. Durch ihn hat die deutsche Judenhell nicht nur viel beigetragen zur Linderung der Not ihrer osteuropäischen Brüder, nicht nur den orientalischen Juden Licht und Erkenntnis gebracht; was sicher wichtiger ist als all dieses: durch den Hilfsverein hat das deutsche Judentum eine j ü d. M u st e r o r g a n i s a t i ö n geschaffen. Das Problem der großen jüdischen philantropischen Organisattonen ist ja in unserem jüd. Leben ein brennendes. Die Unzulänglichkeit der Methoden, mit denen sie arbeiten, die Apathie, die sie beherrscht, der bürokrattsche Geist, der sic leitet, macht sich ja von Tag zu Tag fühlbarer. Der Hilfsverein der deutschen Juden bildet eine einzige Ausnahme. Wären alle jüd. Organisationen von dem Geist beseelt, der ihn beherrscht, die Lösung der ökonomischen Judenfrage wäre um ein beträchtliches näher, als sie es heute ist. Dieser Geist ist es, der den Hilfsverein groß gemacht hat. An Geldmitteln ärmer als manche andereil jüd. Organisattonen, hat er — man darf es ruhig sagen — an Leistungen und Erfolgen sie alle weit überflügelt. Die Mängel der anderen besitzt er cken nicht; und dieser Mängel sind es' in erster Linie zwei: die anderen jüd. Organisationen sind zu wenig jüdisch und zu wenig d e m o k r a t i s ch. Der unjüdische Geist auf der einen Seite,, der auto'kratischc aus der anderen tragen schuld daran, daß bei den großen Mitteln so wenig geleistet wird. Genau betrachtet ist das eine Uebel nur Folge des anderen. Weil diese Organisationen so wenig demokratisch sind, sind sie unjüdisch. In diesen Fehler ist der HllfsVerein nie verfallen. Er war von Beginn an demokratisch, d. h. er nahm Rücksicht auf die Anschauungen und Empfindungen des ganzen jüd. Volkes. Er verstand, daß man einem Volke nur Helsen kann, wenn man seine Wünsche und Gefühle respektiert; daß mit autokra- ■ tischen, Befehlen und Diktieren von oben herab nichts erreicht wird. So kam es, daß der Hilfsverein beliebter ward als jede andere jüd. Organisatton. Weil er das Volk respektierte und achtete, brachte ihm dieses sein Vertrauen entgegen. Und dieses gegenseitige, auf Vertrauen und Achtung beruhende Verhältnis, dies ist letzten -Endes die Bedingung seiner großen Erfolge gewesen. Und all dies ist in erster Linie einen, einzigen Manne zu verdanken : den, unermüdlichen Geschäftsführer des Hilfsvcreins Tr. Paul Nathan. Es ist auf die stille, bescheidene Natur dieses Mannes zurückzuführen, wenn seine Verdienste noch nicht überall so gewürdigt werden, wie es ihnen zukommt. Man muß all die Schwierigkeiten kennen, die der Hilfsverein bei seiner Tättgkeit überwinden mußte, muß sich die Erfolge der anderen jüd. philantropischen Organisationen mit ihren weitaus reicheren Mitteln neben denen des Hilfvereins vor Augen halten, um zu erkennen, was dieser Mann in den Jahren seiner Tätigkeit geleistet hat. Und wenn jetzt der HllfsVerein auf 10 Jahre erfolgreicher, ruhmvoller Tätigkeit ^znrückblickt, wem, er die vielen, vorzüglich geleiteten Schulen überschaut, die er gegründet, an das Elend denkt, das er gelindert, bann darf Paul Nathan in all dem den Erfolg seiner Arbeit erblicken und sich sagen, daß er seine Zeit und Kraft nicht einer vergeblichen Sache gewidmet hat. Es ist ein seltsamer Zufall, daß die Feier des lO jährtzen Bestandes des Hllfsvereins in eine Zeit fällt, da die andere größere Schwesterorganisation, die Alliance israelite, äus ihren inneren Kämpfen noch nicht herausgekommen ist, die zeigen, daß sie-ihren Höhepunkt bereits überschritten hat und sich in offensichtlichem Verfall befindet. Auf der einen Seite uneingeschränktes Lob' und allgemeine Anerkennung, auf 'der anderen Tadel und Innerer Zwist; die eine Organisatton in auffteigender Tendenz sich bewegend, die ändere rasch ihrem Verfalle entgegenschreitend. Und all dies warum? Weil die eine jüdisch ist/ hie andere <äkt nicht, die eine demokratisch ist und die andere nichtt An dent SchicksA /der Alliance darf der HllfsVerein die Richtigkeit seiner Arbeitsmethoden erkennen, und daraus die Lehre ziehen. Sauckfurter Jsraäitffchcs Fpmllienblätt, Nr. 15

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