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Neue jüdische Presse · 1912-04-19 · Heft 15 (19.4.1912) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
10 (1912)
Issue
Heft 15 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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♦ I ♦ ♦ I ♦ V— " - . Erscheint wöchentlich am Freitag, fbptgsprcis pro Jüerieljnljr: In Frankfurt a. M. Mk.,1.— frei ins Haus. Beider Post abonniert SO. Pfg., frei ins, Haus 4 Pfg. pro Monat mehr.' —- Bei Zusendung durch Streifband sür Deutschland und Oesterreich »Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel-Nummern kosten 10 Pfg. v— - - V Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M. s: Eangcftr. 7. Fernsprecher Amt I. 10507. -HfW-- Kerausgeber: KalZ Geis. Jnstttionspreis für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. I.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinscrote. Heirats-Annoncen. 15 Pfg. die sechsgespaltene Pekitzeile ohne jeden Rabatt. Platz-und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit.. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Franksurt a. M. unter Nr. 4864. IV. Jahrgang. Freitag, oeu 2. I.jiir »672 <19. April 1212, Nr. 1». Ein letztes Wort.*) In wenigen Tagen wird die Entscheidung über die Universitätsfrage fallen, die seit langem die Gemüter der Frankfurter Bürgerschaft, nicht zum wenigsten auch unsere Glaubensgenossen beschäftigt. Franksurt, das bisher neben der Akademie für Sozial --und Handelswissenschaften, mit ihrem abseits der Universitätsanfgaben liegenden Unterrichtsstoff, eine Reihe freier Institute mit besonderer, mehr auf Forschungstätigkeit einerseits und Verbreitung populär wissenschafüicher Kenntnisse andererseits zugeschnittener Organisation hatte, will diese Institute, zusammen mit den städtischen Kranken- und einer Reihe sonstiger städtischer Anstalten, zu einer Universität ausgestalten. Die Grundlage hierzu bilden eine Anzahl alter und neuer Stiftungen. Von den früher gemachten stammt ein sehr großer Teil und von den in den letzten 2 Jahren gemachten ebenfalls ein recht erheblicher Teil von jüdischen Stiftern. Diese Tatsache und der bedeutende Anteil, den die jüdische Bevölkerung unserer Vaterstadt zu den Steuern beiträgt, 30 o/o, lassen es an sich begreiflich erscheinen, daß jüdischerseits die Entwicklung der Universitätsfrage mit besonderem Interesse verfolgt worden' ist, abgesehen davon, daß unsere Glaubensgenossen an dem politischen Leben der Vaterstadt lebhaft Anteil nehmen. Dazu kommt, daß in der Vergangenheit mehr als einnml die hiesigen fteien Institute eine Arbeitsstätte für solche hervorragende' jüdische Gelehrte geboten haben, denen au deutschen Universitäten eine Lehrtätigkeit unmöglich geniacht wurde, weil sie als charaktervolle Männer den .angestammten Glauben nicht verleugnen wollte« Man darf ruhig aussprechen, daß ohne die Tätigkeit eines Weigert uvd eines Ehrlich, der Universitätsgedanke in Frankfurt niemals hätte Kraft gewinnen können. Wie werden sich nach dieser RichtunghindieVerhültnisseanderzn künftigen Frankfurter Universität gestalten? Lange Zeit hatte man — auf die Versicherung der städtischen Behörden und auf die Ausführungen der maßgebenden Preßorgane bauend — geglaubt, die „Frankfurter Stiftungsuniversitat" werde, wie sie dem Unterricht eine neue Richtung geben sollte, so auch in ihrer Organisation von den Einflüssen sreigehalten werden, die an den bestehenden Universitäten die Durchführung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung, unabhängig Von politischen und konfessionellen Rücksichten, verhindern. Die öffentliche Meinung, die sich. Dank einer guten Traditiion, in diesem Falle keineswegs bloß auf jüdische Kreise beschränkt, war deshalb schon nicht wenig erregt, als Vor einem.Jahre die Vorlage des Magistrats bekannt wurde. Und wenn dann am 28. Juni 1911 die Stadtverordnetenversammlung ihre prinzipielle Zustimmung an bestimmte Bedingungen knüpfte, so war das nicht zunr wenigsten dem Druck der öffentlichen Meinung zuzuschreiben. Die für uns in Betracht kommende und von dem Oberbürgermeister Lldickes. damals ausdrücklich als durchsetzbar erklärte Bedingung ging dahin, daß bei der Berufung der Professoren der bisher an der Akademie sür Sozial- und .Handelswissenschaften eingeführte Modus auch an der Universität beibehalten werden sollte. Es sollten also die Berufungsvorschläge der Fakultäten einem Kuratorium unterbreitet und von *) Nachstehende' Ausführungen gingen uns von sehr 1 geschützter, mit den einschlägigen Verhältnissen aufs innigste vertranter Seite zu. Red. diesem ein einziger Name, nach Einigung mit den Fakultäten, dem Kultusminister unterbreitet werden. Der Gedanke war nicht übel und konnte in der Tat als ein praktischer Weg, Verletzungen der Parität, zu begegnen, angesehen werden. Denn einerseits erschwerte das Erfordernis der Einigung zwischen Fakultäten und Kuratorium der Fakultäten den systematischen Ausschluß jüdischer Dozenten aus den Vorschlägen, andererseits konnte der Kultusminister einen Einervorschlag, wenn er zufällig einen jüdischen Namen umfaßte, nur schwer Mehnen, Ehrend er die Ablehnung eines jüdischer: Dozenten, der zusammen mit 2 nichtjüdischen vorgeschsagen war, formell stets als nicht gegen die Parität verstoßend bezeichnen konnte.' In jüdischen Kreisen und in den Zreisen der gesamten Bürgerschaft trat daraufhin eine gewisse Beruhigung ein, der es' auch zuzuschreiben ist, daß seit jenem Beschluß Spenden jüdischer Geldgeber in reicherem Maße flössen. Um so größer ist gegenüber dem jetzt vorliegenden Vorschlag die Enttäuschung, ja Erbitterung aller derer, die entsprechend der Tatsache, daß die Universität aus den Spenden hochherziger Bürger und aus dem städtischen Steuersäckel gegründet und unterhalten werden soll, eine gewisse Selbständigkeit in der Organisation erwartet haben und insbesondere des jüdischen Bevölkerungsteils, der nicht ohne Grund die Zeit entschwinden zu sehen glaubt, in der der hochherzige Sinn der Frankfurter Kommunalverwaltung und der Frankfurter Stiftungen einem Weigert eine Zufluchtsstätte bieten konnte. Denn, es muß ausgesprochen werden, allem Anschein nach will die Mehrheit der Stadtverordnetenversammlung von der oben genannten grundlegenden Bedingung abseheN; weil der preußische Kultusminister und die hinter ihm stehenden konservativen Reaktionäre die gestellte Bedingung, wie überhaupt jede Abzweigung in Bezug auf die Artder Berufung, ablehnen, will ganz einfach, die .Mehrheit — leider unter Führung bestimmter jüdischer Stadtverordneten — die Bedingung des Kultusministers annehmen. Darüber können alle Täuschungsversuche der Oeffentlichkeit gegenüber nicht hinweghelfen: Der Kultusminister hat in: Landtag ausdrücklich erklärt, daß das Kuratorium nur finanzielle und Berwaltungsbefugnisse, aber kein Recht anderweitiger Mitwirkung bei der Berufung von Professoren besitzt. Im § 11 des Entwurfes heißt es, daß das Kuratorium etwaige Bedenken, die von „seinem Standpunkt" zu erheben sind, in dem Begleitbericht zum Dreiervorschlag der Fakultät zur Geltung zu bringen hat. Sein Standpunkt ist aber im 8 10 umschrieben, und in dieseni ß,sind die Befugnisse des Kuratoriums auf Vermögens- und Verwaltungsangelegenheiten unzweideutig beschränkt. Man darf gespannt sein, ob die Stadtverordnetenmehrheit es über sich, verurag, die vor % Jahren gestellte Bedingung zu verleugnen, wie man zur Begründung erzählt, um sich nicht zu blamieren, nachdem, so viele Millionen gesammelt Worden sind. — Daß der finanzieüe Teil des Problems, trotz, der gesammelten Gelder, noch nicht.gelöst 'und eine Von Jahr zu Jahr steigende Besteuerung der Bürger zu Gunsten der Universität ernstlich zu befürchten ist, soll. hier imerörtert bleiben. Wir unsererseits würden ein viel größere Blamage für die Stadtverordnetenmehrheit darin erblicken, daß sie ganz einfach die Bringungen der Reaktion schluckt, weil die Reaktion die. Frankfurter Bedingungen rundweg abgelehnt hat.. Unsere Glaubensgenossen, denen man den Sin« für die Interessen der Allgemeinheit nicht wohl wird abzusprechen wagen, sollten die wenigen Tage, die uns von der Entscheidung trennen, nützen, um bei den von ihnen gewählten Stadtverordneten den Sinn für die Verpflichtung, die ein Manneswort auferlegt, zu wecken Ein Blick auf den Hohn, den die konservativ-antisemftische Presse wegen des Zurückweichens der Frankfurter StadtverwalturiG über diese und über die Frankfurter Juden ergießt, müßte unsere Mitbürger, Vor allem aber unsere Glaubensgenossen aufrütteln, gewissen Stadtverordneten aber, die die Führer in dem kläglichen Spickt sind, die Schamröte ins Gesicht treiben. Aus btt Wett der Gedanke«. (Betrachtungen undBesprechunge».) BonBen-Koheleth. XVI. Eine moralische Ehrenrettung - des „Hohen Liedes." Saul ging aus, 'Esel zu suchen und fand eine Krone. ^Leider bildet Daul nur eine vereinzelte Ausnahme. Meist ergeht es umgekehrt. Man geht aus, eine Krone zu suchen und findet einen Esel. Mmr. will hyperorigincll sein und wird — banal. Nach dein Erscheinen seines Kommentars zunr „Hohen Lied" darf sich Herr Rabbiner Dr. Raphael Breuer zu der großen Zahl derer zählen, denen es umgekehrt ergangen ist wie König Saul. Rabbiner Dr. Breuer wollte einen funkelnagelneuen Sinn im „Hohen Lied" entdecken und degradierte cs zu einem trivialen Moralischen Lehrgedicht. Sein Kommentar wollte eine Offenbarung sein und ward eine — Geschmacklosigkeit. Dies Urteil klingt für den hart, der de« Kommentar nicht gelesen hat. Dem, der ihn kennt, wird es eher zu müde erscheinen. Seitdem es Juden und Menschen gibt, die das „Hohe Lied" lesen, hat es nur zwei Arten für seine Auffassung gegeben. Dem gewöhnlichen Lesir erschien es als Liebeslied, dem gläubM« Juden als A l l e g o r i e Kr das BerhältnP zwischen Gott und Israel. Und beiden war es „Kmidesch Kodoschim". Dem einen galt es als. wunderbare Liebeslyrik, die zu dem Schönsten zählte das die Poesie aller Zeiten hervorgebracht hat und war so geweiht durch die Heiligkeit der Göttin Poesie; dem anderen war es eine poetssche, sinnreiche, religiöse Megorie, die an Schönheit und Tiefe, Poesie und innerem Reichtum nur wenige ihres gleichen hatte und war so geheiligt durch die Weihe der Religion. Und so konnte jeder, der an der traditionellen Auffassung fefihaltende fromme Jude und der freidenkendc, modernste Bibelkritiker, dem Satze unserer Weisen zustimmen, daß die ganze Thora heilig, sei, daß ^,Hohe Lied" aber doppelt heilig. „Kaudesch kodoschim" sei. Dies ist die Art und Weise, wie man seit Jahrtausenden das „Hohe Lied" aufzufassen pflegt. Und der Sinn,. der Inhalt, der Wortlaut des Werkes schien jedem recht zu geben. Der früunne Jude gäb zu, daß wörtlich und natürlich aufgeg faßt das „Hohe Sieb" nur ein Liebeslied sein könne, und der ungläubige Bibelkritiker gestand, daß, allckgorisch verstanden, das Werk das BerhAtnis von ’k Gott und Israel behandelnkönne. Und niemand» | zweifelte daran, daß nur die eine oder andere . * dieser beiden Auffassungen möglich sek. Bis Rabbi- J

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