Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 14 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Seite 2. errichtet, um sie durch eine einzige Generation einstürzen zu sehen. Wieviel Ahnen haben nicht gelebt und an dieser reichen Welt mitgewirkt, um als Enkel — Sigmund Mayer zu erzeugen. Aller Reichtum, alle Tiefe und Größe Hat nichts gefruchtet, weil sie einseitig war. Was nicht zur religiös-nationalen Sphäre gehörte, wurde übersehen;'gebildet wurde stets nur der Jude im Juden und der Mensch vernachlässigt. Ziel das Jüdische im Juden, so stürzte auch das Menschliche in ihm zusammen. Der moderne Assimilationsjude ist nicht nur ein jämmerlicher Jude, sondern auch ein jämmerlicher Mensch. Will man darum den Juden im modernen Juden neu beleben, so muß man auch das Menschliche in ihm neu schaffen. Die nationale Bewegung schafft nicht nur wertvolle Juden, sondern vor allem wertvolle Menschen. Die Affimllation bedeutet nicht nur einen Bankerott des spezifisch Jüdischen, sondern auch des Allgemein-Menschlichen. Dies ist die große Lehre, die uns Mayers Memoiren predigen, und für die wir ihnen dankbar sein müssen. A«s de« Ereignissen des Tages. 1. Der Wahlkampf -er Warschauer Judenheit Innerhalb der Judenheit Warschaus, der grüßen jüdischen Gemeinde Europas, wird gegenwärtig ein ebenso folgenreicher wie interessanter Kampf ausgesochten. Auf der Tagesordnung stehen die Gemeinderatswahlen. Die kämpfenden Parteien sind, wie fast bei allen inneren jüdischen Kämpfen der letzten Jahre, die Nationaljuden einerseits, die Assimilanten andererseits. Als dritte Partei, das Zünglein an der Wage bildend, stehen die Orthodoxen und Chasfidim da. Dieser Kampf ist nicht imr wichtige weil er das Geschick einer so großen jüdischen Gemeinde wie Warschau betrifft, sondern auch, weil er typische und von größter Wichtigkeit ist für die jüdischen Verhältnisse iw Polen überhaupt. In der Warschauer Gemeinderatsstube herrscht seit Jahren fast unumschränkt die Assimilation. Um die Bedeutung dieser Tatsache zu verstehen, muß man das polnische Assimilationsjudentum kennen. Es Hingt unwahrscheinlich, aber es ist so: Nirgends tritt das Assimllationsjudentum zynischer und widerwärtiger zutage als in Polen. Auch in den leitenden Kreisen her deutschen Judenheit herrscht die Affimllation. Aber bei aller Entftemdung vom Judentum findet man hier doch noch immer eine gewisse Pietät vor dem Historischen und eine gewisse Anhänglichkeit an alles Jüdische. Schließlich hat doch die deutsche Judenhell uns die ganze große Wissenschaft des Judentums geschaffen, hat eine stattliche Anzahl bedeutender Geehrter auf dem Gebiete der Erforschung des Judentums hervorgebracht, hat Herz und Sinn für allgemein jüdische Fragen. Nichts von alledem findet man im polnischen Assimllationsjudentum. Mit krasser, seiger Assimllationssucht paart sich eine zynische Pietätlosigkeit allen jüdischen Traditionen gegenüber, und in Schmeicheleien und Verbeugungen vor allem Polnischen kann es sich nicht genug tun. Den bei den unterdrückten Polen immerhin begreiflichen Chauvinismus und nationalen Dünkel suchen sie nachzumachen.und womöglich zu übertrumpfen. Was polnisch ist, ist gut, imb was nicht polnisch ist, ein - Verderben. Die Abneigung und die hochmütige Verachtung, die der „edle Pole" allen anderen Nationälüäten entgegenbringt, sucht der polnische Affimllationsjude ihm nachzuäffen, und — um seine Loyalität zu dokumentieren — wendet er sie in erster Linie auf sein Verhalten den anderen Juden gegenüber an. So ist jene widerwärttge Erscheinung zu verstehen, daß der polnische Assimllationsjude den in Polen wohnenden lllauischen Juden mit Verachtung, ja mll Haß betrachtet und das Wort „Lüwak" in verächtlichem, degradierenden Sinne geraucht. Nicht mü Unrecht hat man gesagt: An dem Antisemitismus, der in Polen herrscht, tragen die jüdischen Affimllanten viel mehr Schuld als die Polen. Das ist, in kurzen Zügen gezeichnet, das Bild des polnischen Mssimüationsjudentums. Unb; nun wird man von selbst verstehen, welche Folgen es haben muß, wenn solche Juden die Leitung der Warschauer Wischen Gemeinde in Händen haben. Urankfurter Israelitisches MauMenblätk. So geht schon seit Jahren das eifrige und rastlose Streben der Warschauer Nationaljuden darauf hinaus, der Herrschaft der Mssimllation in der Gemeindestube ein Ende zu machen. Doch ist bisher dies Bemühen gescheitert aus zwei Gründen: Erstens besitzt hier nicht die Assimilation die Eigenschaft, die sie sonst hat: nämlich den Charakter träger Untätigkeü und blinder Indifferenz. Und so schläft sie auch nicht ruhig im Wahlkampf. Vielmehr entfaltet sie eine energische Gegenarbeit und zwar eine Agitaüon, die vor den skrupellosesten Mitteln, vor Drohungen und Repressalien, Sttmmenkauf und Boykott, nicht zurückschreckt. Wer all dies hätte nichts genutzt, wenn nicht — und "dies ist das Traurigste an der ganzen Affäre — ihr ein mächttger Bundesgenosse entstanden wäre in — der Orchodoxie. Jawohl, in der Orthodoxie.- Die Warschauer Assimilation wäre schon längst aus der Gemeindestube verdrängt, wenn die Orthodoxie . sie nicht gehalten hätte. Sowohl die Orthodoxie der „Misnagdim" wie in noch höherem Grade die Chasfidim ziehen es vor, lieber der Assimilatton zum Siege zu verhelfen als den in religiöser Beziehung von ihnen abweichenden Nattonaljuden. Und der Grund? Sie behaupten, unter der Herrschaft der nichtstuenden Affimllation besser ihre Stellung bewahren zn können als unter einer solchen der Nationaljuden. Und von diesem vollkommen unberechtigten — denn keinem Nationaljuden in Warschau wird es je einfallen, irgendwie die Orthodoxen zu vergewaltigen — engherzigen Standpunkt aus scheut die Orthodoxie nicht davor zurück, die größte jüdische Gemeinde Europas den Händen der schlimmsten Affimllation auszuliefern und damit einen Verrat am ganzen Volke zu begehen. Wahrlich, das Verhalten der Warschauer Orthodoxie wird kein Ruhmesblatt in der Geschichte der modernen jüdischen Orthodoxie bilden, und Orthodoxe, die zu solchem fähig sind, dürfen nicht beanspruchen, als die Vertreter des wahren Judentums und des jüdischen Volkes genommen zu werden. Auch hierin ist man bei uns schon weiter. Hier in Deutschland. ist bei allen inneren jüdischen Kämpfen stets die Kampfstellung so: Zionisten und Orthodoxe geeint gegen den gemeinsamen Feind, gegen die Assimilatton. Bis .aber die Warschauer Orthodoxie zu derselben Einsicht, gelangt sein wird, mag noch eine geraume Zeit vergehen. Und darum ist auch der Ausgang des geg'enwärttgen Wahlkampfes ungewiß. Trotz aller unermüdlichen und bewundernswerten Agitation der nationalen Partei, trotz, aller Begeisterung, ihrer Anhänger wird der Sieg schwerlich! zu gewinnen sein, wenn die Orthodoxie — wie es den Anschein hat — wieder für die Affimllation stimmen wird. Damit wird aber der schließlich« Sieg des Nationalismus nicht ausgeschlossen, sondern nur verschoben. Früher oder später muß und wird die nationale Partei siegen. Und wird es nicht mit der Orthodoxie gehen, so wird es eben ohne' und gegen sie gelingen müssen. Wollen wir aber diese traurige Eventualität nicht ins Auge fassen. Hoffen wir vielmehr, daß über kurz oder lang auch die Warschauer Orthodoxie von ihrer Blindheit geheilt werden und erkennen wird, daß es heute für alle die, die das Judentum erhalten wollen/ nur einen gemeinsamen Feind gibt : die'Assimillttion. Und gegenüber dem Kampfe gegen diesen Feind müssen alle anderen Differenzen zurücktreten. 2. Eine symPtomatifchelAbMmmnug. Im Kampfe zwischen dem ChachaM Baschi der Türkei, Haim Nahum, und der leitenden Behörde der türkischen Judenheit, dem Medschliß dschismani, ist immer Noch kein definitiver Abschluß erfolgt, aber ein wenig sind die Verhältnisse doch gellärt worden. Inzwischen hat die Volksvertretung der türkischen Judenheit, der Medschliß Umumi, getagt. Allerdings hat dieser die letzte Entscheidung, die er treffen kann, noch nicht getroffen: seine Tagung hat mll Tumult und ohne Ergebnis geendet. Aber die eine WstimMung, die jdorgenommen wurde, und in der 33 Stimmen sich für den Medschliß dschismani und gegen den Chächam Baschi ausgesprochen haben und' 30 auf seiner Seite waren, zeigt doch, von welchem Geist die Majorität der Volksvertretung, beherrscht wird/ Nun wird zwar die Wstimmung von der Minorität angefochten, weil angeblich die Mitglieder .der-Dschismani! ~1 mll -abgestimntt haben, obwohl .sie nicht das Recht hierzu gehabt hatten. Wer das formale Recht auf seiner Seite hat, läßt sich ,hier nicht sagen. Zwar spricht der gesunde Menschenverstand und alle Logik dafür, daß die Mitglieder der Dschismani sehr wohl, ja mehr als andere das Recht zur Wsttmmung besitzen sollten. Wer bekanntlich sinh die Normen des formalen Rechtes nicht immer identtsch mit jenen der Logik. Wer wie dem auch sei, die eigentliche Bedeutung, die diese Wstimmung hat, verliert sie auch dann nicht, wenn selbst die Mitglieder der Dschismani zu Unrecht abgestturmt hätten. Und diese Bedeutung ruht darin, daß die Wstimmung zeigt, daß ein neuer, bewußt jüdischer, nattonaler Geist sich! innerhalb der türkischen Judenheit anzubahnen beginnt. Denn darüber ist sich niemand im Zweifel: Der Kampf zwischen dem Chächam Baschi und dem Dschismani greift weit über sein eigentliches Objekt, den Vertrag mit der aschkenasischen Gemeinde, hinaus. Dieser Vertrag bildet, nur den äußeren Anlaß, aber nicht die innere Ursache des Kampfes; die innere Ursache bildet vielmehr eben dieser neue Geist; der sich Bahn brechen will. Haim Nahum war der Vertrag nur Anlaß, um die Macht und Herrschaft des Dschismani, der ihm zu national war, zu brechen. Denn hinter Haim Nahum steht, — dies ist kein Geheimnis Mehr dieStntzerin aller assimilatorischen Bestrebungen in der ganzen Welt, die Alliance israelite, und der Gegner, den man eigentlich treffen will, ist weder der Dschismani, noch die Aschkenasim-Gemeinde, sondern der Z i o n i s nt u s. Dies mutz man wissen, um die Bedeutung dieses Kampfes, um! die Bedeutung dieser Abstimmung zu verstehen. Diese 33 Repräsentanten der türkischen Judenheit, die sich da gegen Haim Nahum ausgesprochen haben, haben sich damit bewußt oder unbewußt auf die Seite des Nationalismus gestellt. Und dies ist ein großer Erfolg, ein Erfolg, der angesichts der ganzen Arbeit, die bisher im nationalen Sinne innerhalb der türkischen Judenheit geleistet worden ift, und angesichts des überragenden Einflusses, den die Alliance sich erworben hat und noch besitzt, zu lauter Freude berechttgen darf. Darum! Mag der Kämpf wie auch immer äusgehen; mag durch Jntriguenspiel und politische Kniffe eine Majorität für den Chacham Baschi gebildet werden, die große günstige Bedeutung, die dem Kämpfe zukommt, kann chm nicht mehr genommen werden.- Er ist und bleibt ein deutliches, wahrnehmbares Symptom, daß es sich auch in der türkischen Judenheit zu regen beginnt, und daß der Tag nicht mehr fern ist, da diese dem unheilvollen Einflüsse ihrer verderblichen Erzieherin, der Alliance, entronnen und der nattonalen Idee sich angeschlossen haben wird. Aus aller Well. Deutsches Reich. Berlin. Die diesjährige Generalversammlung des Hilfsvercins der Deutschen Inden, mit der das zehnte Iahr der Tätigkeit des Hilfsvereins zum Abschlüsse kommt, findet'Sonntag, den 14. April im Logenhans der Logen U. O. B. B., Kleiststraße 10 (nicht, wie früher gemeldet, im Saal der Gesellschaft der Freunde, Potsdamerstraße 9) statt. Dr. James Simon und Dr. Nathan werden den Bericht für das Jahr 1911 erstatten und zugleich eine Übersicht über die zehnjährige Wirksamkeit des Vereins geben. — Ueber diese zehnjährige Tätigkeit sprachen beide Herren bereits am 30. März in einer großen Versammlung der Kölner Ortsgruppe. Stuttgart. Das israel. Kirchenamt beschloß, zur Erinnerung an d.as Synagogenjubiläum eine „Jnbilänmsstiftnng für Kinderfürsorge" zu errichten. Die Stiftung bezweckt die Fürsorge für geistig und körperlich schwache, zurückgebliebene oder der Verwahrlosung ausgcsetzte Kinder durch Unterstützungsbeiträgc und andere zweckinäßig erscheinende Maßregeln. Kattowitz. Hier tagte eine Vertretervorsanlmlang, der kleineren und mittleren oberschlesischen Gemeinden zwecks S t e l l u n g n a h m e zu der vom D.--J.-G.-B. in Aussicht genommene Statutenänderung. Vertreten waren die Gemeinden: Kattowitz, Königshütte, Laurahütte, Myslowitz, Birkental, Sohrau, Nikolai, Rybnik, Tarnowitz, Lublinitz, Groß-Strehlitz und Ratibor. Nachdem Stadtrat Wiener-Kattowitz zum Verhändlungsleiter gewählt war, hielt Rechtsanwalt K ol keuscher-Posen das Referat. Er empfahl den - kleinen Gemeinden, die im übrigen für den D.-J.-Ä.-B. - incht