Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 14 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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April 1912) Nr. 14 Ans der Wett -er Gedanken.; (Betrachtungen undBesprechungen.) VonBen-Koheleth. XV. Memoiren eines Mssimjlanten.*) Kein gutes Buch und doch sehr wertvoll. Eines jener Bücher, die man bestenfalls überlesen und dann beiseite legen soll, und doch — vorausgesetzt, daß. kein, besseres dieser Art erscheint — von bleibender Bedeutung. Nicht weil es die Lebenserinnerungen Von Sigmund Mayer, sondern weil es die Memoiren eines jAssimilanten enthalt. Sigmund Mayer, der frühere Gemeinderat der Stadt Wien, der Ehrenpräsident der „Oesterreichisch-israelitischen Union", der Präsident des „Hilfsvereins für die notleidende Wische Bevölkerung Galiziens" interessiert uns sehr wenig; Sigmund Mayer, der Assimilant, sehr viel. Ms Individualität bedeutet er zu wenig, um einige wertvolle Stunden der Lektüre und. des Studiums für seine Memoiren beanspruchen zu können; als Typus ist er interessant genug, um eingehend gelesen und betrachtet zu werden. Sigmund Mayers Lebenserinncrungen bilden die erste Autobiographie eines typischen modernen Assimilationsjuden. Und zur Erfassung der Psychologie eines Menschen sind Autobiographien noch immer das beste Material. Sie sind nicht objektiv genug! Wozu auch? In ihrer Subjektivität beruht ihr Wert. Mag sein, daß ihre Verfasser sich selbst zu hoch einschätzen, der Grad ihrer Selbstschätzung ist charakteristisch; mag sein, daß sie dies verhüllen, jenes unterstreichen; an der Art ihrer Subjektivität erkennt man sie. Unsere ganze bisherige Beurteilung, des Assimilationsjuden litt an dem Mangel positiven Materials; unsere Urteile über die Eigenart und'seelischen Wirkungen der Assimilation waren meist a priori aufgestellte Sätze. Allerdings konnten wir uns auf das Alltagsleben als Stütze berufen. Aber wer bürgte uns, daß wir nicht dieses Leben, von den apriorischen theoretischen Sätzen beeinflußt, mit Vorurteilen betrachteten!? Mayer hat uns zum ersten Mal positives, konkretes Material gegeben. Hier spricht ein Assimilant über sich und legt uns fein Leben, seinen Entwicklungsgang dar. Und zwar mit aller Offenheit und Unverhülltheit. SSaS man an Mayer tadeln mag, ehrlich und wahr sind seine Bekenntnisse. Man darf über ihn denken, wie man will, vor seiner Offenheit muß man Respekt haben. Und noch ein zweites koMmt hinzu, das diesen Memoiren erst ihren eigentlicher: Wert, verleiht: Man darf Mayer ruhig als Typus des Assimilationsjuden nehmen. Nicht von einer solchen Originalität, daß . er als alleinstehende, von den anderen verschiedene Individualität für sich gewertet und betrachtet werden könnte, ist er begäbt und eigenartig, genug, um als Typus für alle die gelten zu können, die gleich ihm sich der Assimilation in die Arme geworfen hcchen. ' Nach diesen Bemerkungen darf man erst an das gründliche Studium dieser Memdiren Herangehen^ Was sie an Eigenartigem, Charakteristischem für ihren Verfasser bieten, darf, von Abweichungen abgesehen, als eigenartig, charakteristisch *j Ein jüdischer Kaufmann. Lebenserinnerungen von Sigmund Mayer. Leipzig, Duncker n. Humblott. 1911.6 Mk. drosch. 401 |S. und typisch für den modernen Assimilationsjuden überhaupt gelten. * Wenn man Lebenserinnerungen eines Menschen liest, noch dazu eines, der immerhin über den Durchschnitt hervorragt, dann darf man von vornherein vermuten, in ihnen neben Erinnerungen an äußere Tatsachen materieller Natur auch solche an innere Erlebnisse, an seelische Krisen, an psychologische Konflikte zu finden, darf hoffen, daß der Verfasser nicht nur von seinen Taten, Handlungen und Reden erzählen wird, sondern auch hie und da, der eine mehr, der andere weniger, Einblick gewähren wird in sein inneres Leben; von seinem inneren Verhältnis zur Welt, zu Gott, zu den Menschen, zur Liebe, zur Poesie, zum Lenze und zum Weine berichten wird. Bei Sigmuild Mayer findest du nichts von alledem. Wenn du diese Erinnerungen eines ganzen Lebens, dazu eines reichen, tätigen Lebens, zu Ende gelesen hast, dann hast du schier vergessen, daß es in der Welt so etwas wie religiöse Inbrunst und ethische Weihe, wie Familiensinn und Freundestreue, wie Frauenschönheit und Liebeslust, wie Frühlingspracht und Lerchengesang gibt, und du meinst, das ganze Leben sei' in seinem niederen Teile nur Geschäft und Handel, in seinem höheren Politik und Philanthropie. Vom Beginne dieses Lebens bis' zu seinem Ende wird es ausschließlich und allein von einer Kraft beherrscht: von der praktischen Zweckbedachtheit; es scheint, als ob der Verfasser nur eine Frage kennt: wozu?, als ob sein ganzes Tun und Handeln, Denken und Empfinden sich in den Wörtchen: darum und dazu, deshalb und deswegen, erschöpfe. Ihm ist das ganze Leben eine Kette äußerer Handlungen und Taten; rmd innere Entwicklungen und Krisen, nicht nur, daß er chnen aus dem Wege geht, er kennt sie garnicht. Und das ist typisch. So arm wie Sigmund Mayer an inneren Werten ist, ist es der moderne Assimilationsjude überhaupt. Und das sagt uns sehr viel: es sagt uns, daß die Assimilation einen Verlust ohne allen Gewinn bedeutet. Denn diesen hervorstechenden Zug, diese praktische Zweckbedachtheit, diesen Mangel eines inneren Verhältnisses zur Schönheit, zur Lust, zur Welt besitzt auch der Ghettojude. Auch er fragt ewig: wozu, auch er handelt stets und ausschließlich nach Zwecken. Nur hat er noch seine eigenartige, einseitige, aber dafür um so . intensivere innere Welt des Religiösen und Nationalen. Diese hat eben der Assimilant eingebüßt. Nehmt dem Ghettojuden seine religiös-nationale innere Welt, seinen Gottesglauben und seine Messiassehnsucht, seine Liebe zu Gott und zu Zion, und ihr habt den Assimilationsjuden. Was Sigmund Mayers frommen Mater, 'den typischen Ghettojuden, vom aufgeklärten Sohne, dem typischen Assimilationsjuden, unterscheidet, ist. nur dies: der eine besitzt diese Welt, und der andere hat sie verloren. Die Züge des Sohnes hat auch der Vater; nur hat der Vater noch etwas mehr. Dje Assimilation ist nur ein Manko, ein Mangel, ein Verlust; praktisch, im Stile Sigmund Mayers gesprochen: ein schlechtes Geseift. Nur wenn man dies weiß, versteht man erst die sonst rätselhafte Frage, wieso eine Generation nach der Emanzipation so völlig assimiliert sein konnte. Die Assimilation besteht eben nur in einem Verlust, und man verliert leichter einen Schätz, . den Jahrhunderte gehäuft, als daß man einen z Grvschen neu erwirbt. . Und nun versteht man auch den anderen hervorstechenden Zug dieser Memoiren: Sigmund Mayer bedeutet die Assimilation gar kein inneres Erlebnis, sondern ist ihm eine Selbstverständlichkeit. Nichts hat mich in diesen Memoiren so sehr enttäuscht, wie dies. Als ich an ihre Lektüre heranging, hoffte ich, nun endlich aus authentischer Quelle die innere Entwicklung kennen zu lernen, die aus einem Ghettojuden einen Assimilanten macht. Nichts von alledem. Nirgends ein Wort von einer solchen Wandlung. Mit gewinnender Offenherzigkeit erzählt Mayer, daß er sich eine Zeitläng habe tauftn lassen wollen, davon aber durch die Drohung seines Vaters, ihn zu enterben, abgehalten worden sei. Daraufhin ist er Jude geblieben. Was uns Anlaß zu mühsamem Denken und Sinnen, zu innerem Ringen und Kämpfen gibt, existiert für ihn nicht. Wir sinnen und trachten, um das Wesen der Judenftage erschöpfend zu erkennen, und ihm — ihm besteht die Judenftage aus zwei Teilen: den ersten Teil bildet der Antisemitistztus, den zweiten die Not der galizischen Juden. Nun, der Antisemitismus ist für Mayer nur eine Episode, die bald schwindet; und die Not der galizischen Juden läßt sich durch Industrialisierung des Landes allmählich aus der Welt schaffen. Und damit wäre die Judenftage gelöst. Sein Verhältnis zur Judenftage ist eben dasselbe. wie zur Welt überhaupt: es ist keins, es existiert nicht. Das allgemeine Leben erschöpft sich in Geschäft und allgemeiner Politik, das jüdische in jüdischer Politik und Philanthropie. Zionismus, Regeneration, innere Wiederbelebung! Dummheit!. Phantasterei! Man gründet eine „Oestreichischisraelitische Union", einen „Hilfsverein für die notleidende Wische Bevölkerung Galiziens", — und man hat getan, was Man zur Lösung der Judenfrage tun kann. So denkt Sigmund Mayer, so denkt der moderne jAssimilationsjude. Und dies ist sehr wichtig; wichtig zur Kenntnis seiner Psyche, noch wichtiger für unser Verhältnis zu ihm. In meiner Stellung zu ihm hat das Buch eine Wandlung vollzogen. Vor der Lektüre hielt ich den Assimilationsjuden für einen Menschen mit einem eigenen Standpunkt; nach der Lektüre für einen banalen Alltagsphilister ohne Standvunft. Einen Mann mit eigenem Standpunkt bekämpft man; einen banalen Philister verachtet man. Für uns bewußte Juden dürfte es fortan nur einen einzigen Standpunkt zur Assimilation geben: den der Verachtung. Dies ist die Lehre, die Mayers Memoiren geben: darin ruht ihr Wert. Wenn wir das AssimilationsWentum bisher aus Mangel an Material falsch beurteilt haben, so haben wir es gewiß nur zu hoch eingeschätzt. Es ist nicht einmal das, wofür wir es hielten: ein falscher Standpunkt. Alle Begründung ist nur nachträglich Der Jude assimiliert sich nicht aus inneren Anschauungen, sondern aus Mangel an inneren Werten.. Was zur Affimilation führt, ist nichts Positives, sondern etwas rein Negatives: seine innerste Ursache ist eine innere Leerheit, ein seelisches Manko: * Dies ist die Tragik des GhettoWentums: Jahrhunderte hindurch hat es gehäuft und gehäuft, geschafft und geschafft, gewirkt und gewirkt, um alles Ängehäuste, Geschaffene an einem einzigen Tage zn verlieren. Generationen haben eine' „■ große, reiche, tiefe Welt innerer Werte und Schätzt