Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 10 (1912)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Ni. 13. Seite 4 Dr. R- Merzbach: Das Jubiläum der Emanzipation, ist zu warmherzig gefeiert worden; wir haben vor 100 Jahren noch längst keine eigentlichen Staatsbürgerrechte erhalten. Für den beabsichtigten Lehrstuhl ist Frankfurt, der alte Sitz jüdischer Wissenschaft, besser als Berlin geeignet, denn Frankfurt dürfte die Hörer aus dem Auslände mehr anziehen. Wenn die Frankfurter Universität erst Tatsache ist. läßt sich in Frankfurt die Errichtung eines solchen Lehrstuhles wohl auch am ehesten erreichen. Der Errichtung des Lehrstuhles im Rahmen des Berliner Vorschlages muß opponiert werden. Wenn der erste Inhaber des Lehrstuhles auch Jude sein würde, die nächsten würden sicher Christen sein. Genau so wie die Juden Banken und Großindustrien gründen und nachher herausgedrängt werden. Warum muß übrigens der Lehrstuhl der philosophischen Fakultät angegliedert werden? Tr. Wilh. Hanauer: Wir haben an den Universitäten bereits eine Anzahl Juden, die implizite für die Wissenschastbes Judentums tätig sind Wartha-Berlin, Cohen- Marburg, mehrere Dozenten des Breslauer Rabbinerseminars, die gleichzeitig an der Universität dozieren). Auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft wird im letzten Jahrzehnt viel geleistet, und eS ist daher die Begründung für die Notwendigkeit des Lehrstuhles damit, daß die jüdische Wissenschaft nicht mehr auf der Höhe steht, nicht gerahtfertigt. In der Berliner philosophischen Fakultät mit fast 100 Professuren würde übrigens ein Lehrstuhl nicht zur Geltung kommen. Verhandlungen mit der Regierung, daß sie die Besetzung mit einem Juden garantiere, würden aussichtslos sein. Eli Michael: 20000 JL ist bei der gegenwärtigen Finanzlage unserer Gemeinde ein Betrag, der nur bei sorgfältigster Prüfung gewährt werden darf. Hugo Kränkel: Wenn der Lehrstuhl in die Hand . eines christlichen Dozenten kommt, dann kann er gegen die Wissenschaft des Judentums gebraucht werden. Für Juden, die auf jüdisch-wissenschaftlichem Gebiete arbeiten wollen, ist genügend gesorgt; die Bedeutung des Lehrstuhles kann nur darin liegen, daß ein jüdischer Dozent vor nichtchristlichen Hörern über das Judentum liest. Rud. Kahn: Die Denkschrift der Berliner jüdischen Gemeinde enchält alle Momente, die sich die Regierung aä notam nehmen kann, aber die jüdischen Gemeinden gehen diese Momente weniger an. Nachdem Leo Jsaac, der Vorsitzende, gleichfalls sein Einverständnis mit den Ausführungen erklärt hatte, wurden die 20 000 JL aus dem Grunde abgelehnt,, weil bisher keine Gewähr für die Besetzung des Lehrstuhls mit einem Juden gegeben sei. Aus den weiteren Verhandlungen sei folgendes erwähnt: Das Gehalt des Sammelvormunds für die zu bevormundenden jüdische» Kinder wurde unter der Bedingung genehmigt, daß dieser dem Ausschuß eingehenden Bericht Aber seine Tätigkeit erstatte. Für den Krankenhausbau wurden 1050 JL für ein Verbandstoff-Lager nachbewilligt, die anderen Forderungen (zwei Räume für Stoffwechselapparate, ein weiteres Röntgeuzimmer, eine Privatküche), entsprechend der Ablehnung des Vorstandes, abgelehnt. In den Schulrat der Israel. Religionsschule wurde Hugo Frankel delegiert. Der Schulrat ist eine neue Einrichtung, die ans den Verhemdlungen der Gemeinde mit der Religionsschule hervorgegangen ist. In , ihm sitzen drei Mitglieder des Vorstandes der Religio nsschule, je ein Mitglied des Gemeinde-Vorstandes und -Ausschusses, der Rabbiner der Synagoge am Börneplatz und der Direktor der Religionsschule. Zum Schluß wurde noch für den auf seinen Wunsch in den Ruhestand tretenden Herrn Martin. Meyer Herr Ahrens-Brrslau zum Verwalter des im Bau befindlichen neuen Gemeindehospitals gewählt. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die unter Aufsicht stehenden Metzger haben die Floischpreise um drei Pfennig erhöht. Bisher hatten diese Metzger gleichen Preis mit denen der Innung gehalten, trotzdem ihre durch! die Aufficht bedingten Lasten Men Verdienst erheblich! minderten. Jetzt ist aber durch' die Lage des MetzgergeN«rbes und auch durch die allgemeine wirtschaftliche Lage die Situation für die unter Aufficht stehenden Metzger eine derartige geworden, daß sie diesen Aufschlag eintreten lassen mußten, falls sie ihre Existenz nicht gefährden wollten. Wft vertreten den Sümdpunkt, daß die unter Aufsicht swhenden Waren möglichst nicht teuerer sein dürfen als die anderen. Die Beobachtung des Sabbats, legt dem traditionell lebenden Jude» schön solch' erhebliche Last:» auf, daß es im größten Interesse einer jeden jüdischen Gemeinde Legt, dafür zu sorgen, daß diese Lasten nicht noch vermehrt werden. Auch muß mft der Möglichkeit gerechnet werden, daß ein erhöhter Preis manche Leute veranlassen kann, rituell unzuverlässige Waren zu kaufen. 'Es' erscheint daher cüs Pflicht einer jeden Gemeinde, die wahrhaft um die Erhaltung des jüdischen Gesetzes besorgt ist, die durch die Aufsicht entstehenden Lasten nach Möglichkeft auf ihr Gat zu Wernehmen. Es gibt in jeder Großgemeinde andere Posten, auf denen mit Leichtigkeit gespart werden kann.-. Nicht mft den Metzgern, sondern mft den Gemeindeverwaltungen möge man "sich! daher wegen der Fleischverteuerung. ins Einvernehmen setzen. Frankfurter UroeliWAs FauMevbläkk. Zu der Fleischpreiserhöhung ist weiter zu beruhten: Bei den Metzgern der Gemeinde ist die Ghöhung das Resultat der Verhandlungen mft der RitUalkommission, in der Börstmid und Ausschuß der Gemeinde vertreten sind. Wie uns von den Metzgern der Gemeinde versichert wirb) ist die Ghöhung .auch vom Publikum durchweg als gerechtfertigt anerkannt worden. Tie Religionsgesellschaft dagegen hat chren Metzgern gekündigt, weft sie gegen tfjien Vertrag den Preis selbständig erhöhten, ohne die Prüfung ihrer Forderung seitens der Ritualkommission abzuwartmi. Wie wir hören, hatten die Metzger um eine sofortige Sitzung. auf Sonntag vor acht Tagen gebeten, aber auf ihr Ersuchen Sonntag und die darauf folgenden Tage der Woche keinen Bescheid erhalten und deshalb' selbständig den Preis erhöht. Fraukfurt a. M. Die „Freie Vereinigung für die Inte ressendes orthod. Juden tum s" hat unterm 26. Februar an das Kriegsministerium eine Eingabe gerichtet, worin die Termine der jüdischen Feiertage für das Kalenderjahr 1912 mitgeteilt werden und um Beurlaubung der jüd. Soldatejr. an diesen Tagen unter Berücksichtigung der für die Heim- und Rückreise erforderlichen Zeit vor Beginn und nach Schluß der Feiertage gebeten wird. Für die Pesachfeiertage ist in der Eingabe mft Rücksicht auf die besonderen 'Speiseverbote primär UrlaW für die ganze Dauer des Festes beantragt. Außerdem wurde das Kriegsministerium um mögliche Berücksichtigung der Herbstfeiertage bei Festsetzung der Manöver-Rasttage, sowie um Verlegung derjenigen Einstellungstermine für die jüdischen Rekruten gebeten, die mit Sabbaten oder Feiertagen kollidieren... Hierauf hat der Herr Kriegsminister unterm 15. März dem Vorstande mitgeteilt, daß die von letzterem geäußerten Wünsche den Generalkommandos und obersten Wafsenbehörden unter Hinweis auf den diese Angelegenheit allgemein regelnden Erlaß vom Vorjahrs übermittelt worden sind. Der erwähnte ErlW ordnet die Berücksichtigung der dargelegten religiösen Bedürfnisse der jW. Mannschaften an, soweft nicht in dem einen oder .anderen Falle dienstliche Interessen dem entgegenstehen. Wir machen die interessierten jüdischen Soldaten selbst sowie die Rabbiner und Lehrer an Garnisonorten auf den kriegsministeriellen Glaß aufmerksam, mit HUfe dessen es überall leicht möglich sein wird, enffprechende Regimentsbefehle zu erwirken. Berlin. Nachdem die dem Deutschen Landeskomitee angeschlossenen Lokallomitees die Wahlen znm Präsidium vollzogen hatten, ist in der am 24. März in Berlin abgehaltenen Sitzung das Deutsche Landeskomitee der Alliance Fsraölitc Universelle konstituiert worden. Zum Vorsitzenden wurde einstimmig Justizrat Fuchs-Berlin, zu Stellverftetern Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Landau-Berlin und Rabbiner Dr. Werner-München, zu Beisitzern Rabbiner Dr. Kopfstein-Beuthen, Rechtsanwalt Dr. Apfel-Cöln, Hermann Wittner-Leipzig und Justizrat Wolff-Lissa gewählt. Die Versammlung nahm von den seitens des Zentralkomitees in Paris verbreiteten Rundschreiben Kenntnis und stellte einstimniig fest, daß die von Paris aufgestellten Behauptungen in dem Zftkular vom 12. März unrichtig und statutenwidrig sind. Die Satzungen des Deuffchen Landeskomitees verstoßen keineswegs gegen die allgemeinen MlianceSahunge», und das Zentralkomitee in Paris hat keinerlei Recht, den Lokallomitees oder Mitgliedern, die sich dem Landeskomitee anschließen, den Ausschluß anzudrohen. Ein Ausschluß aus der Alliance kann nach den Statuten nur diejenigen treffen, die sich nicht mehr würdig zeigen, Alliance-Mitglieder zu sein; daß aber Lokallomitees und Müglieder sich darum unwürdig erweisen, weil sie sich auf satzungsgemäßer Grundlage zu einer Landesorganisation (Comitö regional) zusammenschließen, wird wohl niemand behaupten wollen. Die Versammlung beschloß ferner, in eine intensive Propaganda einzutreten, um den Mitgliederbestand in Deuffchland weiter zu stärken. Der Vorstand wirb mit den erforderlichen Maßnahmen beauftragt. Das Büro des Deuffchen Ländeskomitees wird nunmehr unter Leitung des Redakteurs Lazarus als Geschäftsführer in Berlin errichtet werden. Zuschriften sind vorläufig an die Adresse des Vorsitzenden, Justizrat Fuchs, Berlin, Potsbamerstraße 13 zu senden, Geldsendungen ausschließlich an das Bankhaus A. H. Hey mann u. Co., Berlin NW. 7., Unter den Linden 59, auf Konto des Schatzmeisters G ideon Heymann zu richten. Dem Deutschen Landeskomitee haben sich bisher 121 Lokalkomitees und Ortsgruppen mit über 7000 Mitgliedern angeschlossen. Weitere Beitrittserllärungen nimmt das Büro oder der Vorsitzende entgegen. Oesterreich-Ungar«. Me«. Abg. Dr. Straucher bat an den Ministerpräsidenten und an den Minister des Innern die folgende Interpellation gerichtet: „Seit Jahr und Tag häufen sich die Fälle, daß in Ungarn österreichische 'Staatsbürger nur deswegen, weil sie galizische Juden sindvon den dortigen Behörden, insbesondere von dev Grenzpolizei, in rücksichtsloser, unmenschlicher Welle aus dem Lande verjagt und.um ihre wirtschaftliche Existenz gebracht werben. Es sind darunter österreichische Staatsbürger,- welcheseit, Jahrzehnten ftr Ungarn wohnen, es durch ihren Fleiß und dUrch ihre Rechtschaffenheit zu Vermögen und Ansehen gebracht haben, somit nach jeder Richtung rechtschaffene und einwandfteie Bürger sind, und dennoch werden diese Leute durch einen Ukas der Komitats«Paschas aus ihrem Heim gerissen und brutal fortgejagt. So geschah es beispielsweise mit Mailasse Freilich, einem 60 jährigen Manne, der vor 58 Jahren aus Oesterreich nach. Ungarn kam, der seit 35 Jahren mit einer geborenen Ungarin verheiratet und im Felsöszinower (Marmaroser) Komitat steuerzahlender .Bürger, Besitzer von Liegenschaften und eines offenen Ladens ist. Dieser arme Mann wurde ohne jeden Grund vom Okörmezöer Oberstuhlrichter Emil Zombory plötzlich ausgewiesen und mußte binnen 24 Stunden seine Frau und 10 Kinder verlassen. Madl Leib in Sztrobko, seit 15 Jahren in Ungarn, seit 9 Jahren mit der Tochter des dortigen Rabbiners verheiratet, der 140, Kr. jährlich Steuer zahlt, wurde vom Hauptmann der Barffelder Grenzpolizei, Josef Baus, plötzlich ausgewiesen, mit der Aufforderung, das Land binnen 15 Tagen zu verlassen. Die Zahl der galizischen Juden, die nach echt russischem Muster von ungarischen Behörden behandelt, d. h. rücksichtslos wirtschaftlich niedergestampft werden, läßt sich. gar nicht genau feststellen. Die ungarischen Behörden, speziell an der ungarischgalizischen Grenze, behandeln die galizischen Juden, die doch österreichische Staatsbürger sind, als vogelftei und rechtlos. Die Endesgefertigten erlauben sich die Aufmerksamkeit Eurer Exzellenzen auf die Mißstände zu lenken und die Anftage zu richten: Was gedenken Eure Exzellenzen zu veranlassen, um die in Ungarn ansässigen, aus Galizien stammenden österreichischen Staatsbürger gegen die Brutalität und Willkür ungarischer Behörden zu schützen?" LouÜo«. Der jüngst verswrbene Lord Wandsworth (Sir Stern), hinterließ sein Vermögen im Werte von ■ iyä Millionen Pfund zum größten Teil für Wohltätigkeitszwecke und zwar eine Million Pfund zur Errichtung eines interkonfessionellen Waisenhauses und lleinere Beträge verschiedenen Jnstituftonen (darunter 5000 Pfund dem Heim für alte Juden). In dem Waisenhause sollen die Kinder Religionsunterricht gemäß ihrem angestammten Glauben erhalten. Um die jüdischen Waisenkinder hat sich der Erblasser keine Sorgen gemacht, sonst hätte er wissen müssen, daß unter den von ihm ausgestellten Bedingungen, jüdischen Kindern das Waisenhaus stets verschlossen bleiben muß. R«tzla«d. Petersburg. Der unglaubliche § 395 des Militärgesetzes ist erhalten geblieben; 106 Abgeordnete haben dafür Und 101 dagegen gestimmt — 3 Stimmenthaltung —, daß die Familien.solcher jüdischer Militärpftichftger, die sich dem Dienste entziehen, 300 Rubel Strafe zahlen. Kiew, Endlich hat der Gerichtshof den Verteidigern im Beilis-Prozeß (Affäre Jusffchinsky) auf ihre Eingabe bezüglich der Vernehmung verschiedener Zeugen und Sachverständigen Bescheid zukommen lassen. Obwohl die ganze Anklageschrift sich auf dem Wahnwitz des „Ritualmordes" aufb'aut, — bildet ja .ein tendenziöses Gutachten des judenfresserischen Psychiaters Sykorski eine der wichtigsten Grundlagen der Anklage, — ist den Verteidigern des Bellis die Vorladung von theologischen und psychiatrischen Sachverständigen versagt Wörden. Nur. vier Sachverständige auf, den Gebieten der gerichtlichen Medizin und der Chirurgie sind genehmigt'worden. Desgleichen sollen von 'den 150 Zeugen, welche die Verteidigung stellt, nur 72 vorgeladen loerd'en. Gerade diejenigen Zeugen, die die Verwandten des ermordeten Knaben belasten, sind ausgeschaltet Worden. Warschau. In Domvrowo, dem Zentrum.der polnischen Bergwerke, werden die Juden von einer schweren Katastrophe betroffen. Siebenhundert'jüdischeFamiliensindplötzli'ch ausgewiesen worden, weil Dombrowo zu den Dörfansiedlungen zugezählt ist. Diese Maßnahme ist für die Bedrängten besonders hart, weil die Juden in .Russisch-Polen bis vor Kurzem die Bedrückungen, wie sie in den die Juden aus den Dörfern ausschließenden Maigesetzen enthalten sind, kaum gekannt haben. Schweiz. Luzern. Vergangene Woche feierte die jüdische Gemeinde d ie Einweihung ihrer neuen Synagoge. Das neue Gotteshmis, eine Zierde der Stahl, imponiert durch die Schlichtheit des äußern Schmuckes und durch das Edle seiner Linien. Fm Innern geben der kostbare Aufwand, der viele Marmor, die stilvolle Malerei, das Gold, die Bronze dem' Betraum einen überaus freundlichen Anblick. Der prächtige Bau ist das Werk des bekannten Frankfurter Architekten' Max Seckbach,, der hier ein beredtes Zeugnis seiner Kunst abgelegt hat. Die Gemeinde, die im Gründungsjahr 1867 9 Mitglieder zählle, ist — so entnehmen wir der Ansprache des Gemeindevorstehers Braun — heute auf 64 gestiegen. Sie feiert heute gleichzeitig das 25jährige JWMum der Chewra-Kadischa und has 40jährige DienstjnbiläUm ihres LÄvührten Kantors M. Moos. Dör 'Bau der Synagoge ist in erster Linie dem h,ihherzigen Vermächtnis des verstorbenen Fvsef Kroner